1917

Sozialdemokratie und Militärwesen

354

SOZIALDEMOKRATIE UND MILITÄRWESEN

1917

Am 9./10. Juni 1917 fand in Bern ein außerordentlicher Parteitag der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz statt, an dem Barth als Delegierter teilnahm.1 Der wichtigste Tagesordnungspunkt war die Frage nach der Haltung der Sozialdemokratie zum Militärwesen. Barth nahm den bevorstehenden Parteitag zum Anlass, dessen Thematik im Safenwiler Arbeiterverein zwischen Ende Februar und Anfang April 1917 in einer fünfteiligen Referatserie zu behandeln, die er im Juli mit einem Bericht über den Parteitag als sechstem Stück abschloss. Die Stichwortkonzepte der Referate IV und V sind beide auf den 3. April datiert. Ob das auf einem Versehen beruht, läßt sich nicht feststellen, da sich in Barths Taschenkalender von 1917 nur für Referat I­-III und dann wieder für Referat VI entsprechende Einträge finden. Den Referaten I­-V dürfte eine zur Vorbereitung des Parteitags veröffentlichte Broschüre mit dem Titel «Anträge, Beschlüsse und Gutachten zur Militärfrage» zugrundeliegen.2

Von den Abenden im Arbeiterverein berichtete Barth am 25.3.1917 seiner Mutter3:

Aber auch bei den Revoluzzern im Arbeiterverein gehe ich immer noch aus und ein, dort befreunden wir uns alle Dienstage mit Grimm, Naine und Graber und rennen in der sozialistischen Dialektik, so gut wir sie verstehen, auf und ab zu unsrer Stärkung und Belehrung. Es könnte sein, daß ich im Sommer als Delegierter an den Parteitag in Bern komme, aber es ist noch nichts Sicheres u. ihr dürftet euch dann meiner nicht schämen.

Am gleichen Tag schrieb er an Thurneysen4:

Im Arbeiterverein pflügen wir Woche für Woche die Gutachten und Resolutionen über die Militärfrage durch, die jetzt die Partei be|355schäftigt. Die Dialektik, in der sich die Genossen […] ergehen, ergibt sich in immer neuen Beleuchtungen, sodaß die Ausblicke auf «Allertiefstes» sich immer wieder von selbst einstellen, allerdings in anderer Weise als bei Ragaz.

Und er fügte an:

Die Hiesigen wollen mich als Delegierten an den Schweiz. Parteitag in Bern schicken, der in der Sache einen großen Hornstoß tun soll!! Oh!

Sozialdemokratie u. Militärwesen

A[rbeiter-]V[erein] 27. II 17
I Bis zum Kriege

A. Internationales5

  Stuttgart 1907  Klassenkampf6 Ursache d. Krieges7

  Ende: Ende des Kapitalismus oder Opfer u. Empörung treiben die Völker zur Beseitigung d. Systems.8

  Mittel:      Verweigerung d. Militärkredite9

356 Demokratisierung d. Wehrwesens10

Aber nicht uniforme Aktion11

  Kriegsausbruch droht Alles aufbieten, die wirksamsten Mittel12

  Kriegsausbruch erfolgt rasche Beendigung, Aufrüttelung d. Volkes13

  Kopenhagen 1910 Arbeiter haben K[rieg] n[icht] nötig, sind die Schwerstbetroffenen. «Bürge für Frieden»14

  Mittel[:] Schiedsgerichte, Abrüstung, geheime Dipl[omatie], Selbstbest[immungsrecht.]15 Droht d. Krieg ... Falls ... (Wie oben!)16

  357 Basel 1912 idem17 Programm für einzelne!18 Verbrechen19 Träger d. Zukunft20, mit voller Wucht!21

B. Schweiz  Schluß d. Prinzipienerklär[un]g22

358Arbeitsprogramm 423

  Olten 190324  Notwendigkeit d. Organisation d. Wehrkraft25

  Zürich 1904  Streiks 26

  Lausanne 1905  ein für allemal27

359   Olten 190628

  Zug 1907  Militärorganisation 29

  Neuenburg 1912  Generalstreik 30

  Fragen:  Wie steht die Partei jetzt da?

Wie bei Kriegsausbruch?

Ist die Situation B von Stuttgart 1907 da31?

Sind die Basel 1912 geschilderten Kräfte vorhanden?32

360

Sozialdemokratie u. Militärwesen

A[rbeiter-]V[erein] 6. III 17

II Die 2 Anträge33

1. Mehrheit34 Militarismus als Folge des Kapitalismus35, verschleiert36, gefährliche Selbstschädigung d. Prol[etariats]37, Waffe für d. Gegner38 – auch gegen Kapitalismus!39

361 Aufgabe:  Aufklär[un]g, Bekämpf[un]g, Ablehn[un]g, Widerstand.40

Kritik:  Gut, weil ehrlich antimilitaristisch, gesagt[,] was man will.

Aber die Logik stimmt nicht. Militarismus ist als Folge u. Mittel erkannt, was sollen dann diese Aufgaben?

Papierene Phrasen; entweder ist das ernstgemeint, dann müßte es deutlicher gesagt sein – oder es soll nur tönen, damit blamieren wir uns

Wenn radikale Absicht im Ernst dahinter[,] ist die Zeit reif zur offenen Empör[un]g – ist die Kraft dazu da?

2. Minderheit41 Emanzipation, Hand in Hand damit Antimilitarismus. Vorläufige Vorbedingungen. Kreditverweigerung? Keine grundsätzl. Ablehnung42

362 Aufgabe: Landesverteidigung, nicht Arbeitskonflikt, Schiedsgerichte, event. Kreditverweigerung43

Kritik:  Gut, weil sachlicher, politischer gedacht.

Leider stimmt Logik nicht: Die Bejahung der Landesverteidigung läßt keine Klausel zu[.] 4.!44

Nicht recht ehrlich. Gegenwartsfrage, es wird verschleiert, daß die Frage spruchreif ist und nun bietet der Antrag Elemente zu Ja (E 6 A 1) und Nein[(] E 5 u. A 2-4)45

Die Frage[,] ob Zeit u. Kraft da ist, bleibt auch hier offen.

  Problem:  Verhältnis von Endziel u. vorläufigen Lösungen?

Letztere sind möglich, wenn nicht die Mittel untauglich

So sind sie nötig u. aussichtsvoll[:] muß eine sorgfältige politische Überlegung zeigen, nicht Gefühle!

Verbind[un]g der antimilitarist. Ehrlichkeit der Mehrheit mit der polit. Klugheit der Minderheit, auf Grund gründlicher Prüfung der Zeit u. der eigenen Kraft.

363

Sozialdemokratie u. Militärwesen

A[rbeiter-]V[erein] 20. III 17

III Die Thesen Grimm u. Müller46

1. Grimm47 Aus der imperialist. Entwicklung des Kapitalismus48 folgt einerseits die Charakterisierung des Kriegs als kapitalist. Raubkrieg49[,] andrerseits die Aufhebung der nat[ionalen] Selbständigkeit der kleinen Staaten.50

Nur militärisch ist die Landesverteidigung unmöglich51 u. liefert uns den Nachbarn aus52. Milizcharakter u. Demokratie bedeuten nichts53.

364 Schutz der kleinen Länder: internat. Verständigung der Arbeiter im revolut. Massenkampf54

  Aufgaben:   Internationale!55

Ablehnung aller Kredite56

Dienstverweigerung – wenn!57

2. Müller58 Kapitalismus Ursache des Weltkriegs, darum er zu bekämpfen59, national verschiedene Taktik60[,] aber immer Demokratie, dazu Friede nötig[.]61 Zur Abwehr äußerer Gewalt Verteidigungs|365krieg[.]62 Nicht äußere Demokratisier[un]g d. Heers, aber Milizsystem[.]63 Nicht Ablehnung der Kredite64

Prüfung des Kräfteverhältnisses.65 Wenn keine selbständige Existenz möglich: Anschluß oder Scheinexistenz u. deren Konsequenzen!66

Grimm u. Müller sind einig darin, daß Kapitalismus Ursache u. Aktion des internationalen Proletariats Rettung. Ersterer denkt über diese Aktion optimistisch, letzterer pessimistisch

Ist letzteres nicht Unglaube?

Ist ersteres begründet?

366

Sozialdemokratie u. Militärwesen

A[rbeiter-]V[erein] 3. IV 17

IV Die Thesen Naine u. Pflüger
Schenkel u. Scherrer67

Naine68: Katastrophe des Sozialismus durch die Annahme des Verteidigungskrieges.69 Einen solchen giebt es gar nicht.70 Darum Verzicht auf den Krieg od. auf die Internationale.71 Verantwortlichkeit muß übernommen werden, besser die der Revolution als die des Kriegs.72 Verwerfung d. Budgets. Illegale Mittel73

367 Pflüger.74 Friede Kulturziel.75 Überwind[un]g d. Kapitalismus.76 Militarist[ische] Symptome abzuwehren!77 Abrüstung macht die kleinen Staaten wehrlos! Schweiz Kriegsschauplatz!78 Landesverteidi|368gung vorzubereiten. Miliz.79 Nicht Dienstverweigerung! Entwickl[un]g über den Staat.80

Schenkel.81  1.   Militärkredite ablehnen! Minderheit ...82

2.   Landesverteidig[un]g.83 Armee ist Gefahr. Das Nötigste84

3693.   Nicht Entwaffnung85

4.   Nicht Dienstverweigerung86

Scherrer87 Armee und internationales Recht[.]88 Staaten sind Organismen, gehen ungeschützt unter[.] Kampf ums Dasein = Klassenkampf.89 Friedl. Entwicklung in der Natur der Dinge.90 Nicht ­Revolution.91 Waffenhandwerk!92 Reformen!93 Demokratie heißt |370 Friede.94 Volksheere[.]95 Tolstoj ein gescheiter Mann.96 Verhältnisse = Pflicht.97 Nichts Menschliches vollkommen.98

371

Sozialdemokratie u. Militärwesen

A[rbeiter-]V[erein] 3[.] IV 17

V Ergebnisse

A. Erwägungen 1.  Der Krieg ist Folge des Kapitalismus und des kapitalist. Geistes der heut[igen] Gesellschaft, daher von uns zu bekämpfen.

2.  Die Bekämpfung mißlang 1914[,] weil dieser Kampf weder innerlich noch äußerlich weit genug gediehen war.

3.  Wir sind überzeugt, daß die Völker heute die Reife erlangt haben, mit dem Kap[italismus] auch den Krieg auszuschalten.

4.  Wir nehmen daher die Bekämpfung des Krieges ausdrücklich in unser Aktionsprogramm auf und übernehmen dafür die volle historische Verantwortung

Beschlüsse   1.  Ablehnung d. Militärkredite

2.  Aufforderung zur Entwaffnung

3.  Unterstützung d. Dienstverweigerung 

4.  Aufruf zur passiven Revolution an das ganze unorg[anisierte] Proletariat

5.  Aber Ablehnung aller Gewaltakte.

B Erwägungen 1.   wie oben

2.   wie oben

3.   wir sind dazu noch nicht reif

4.   wir streichen die Bekämpfung d. Militarismus als solche vom Aktionsprogramm und unterstützen unsre Demokratie u. die Landesverteidigung

Beschlüsse  Fortsetz[un]g der polit.[,] gewerksch[aftlichen], genossensch[aftlichen] Organisationsarbeit

372

Sozialdemokratie u. Militärwesen

A[rbeiter-]V[erein] 11. VII 1799
VI Der Berner Parteitag100

Wir kamen im Winter zum Ergebnis, daß vom grundsätzlichen sozialist. Standpunkt zwei Stellungnahmen zur Militärfrage möglich sind: die radikale, die die sozialist. Theorie sofort in Praxis umsetzen will[,] u. die «opportunistische», die mit der Praktizierung noch warten will.

Die Entscheidung liegt in der Frage, ob das Proletariat sich den Willen u. die Kraft zutraut, Ernst zu machen mit der Ablehnung der Landesverteidigung oder nicht.

________

1. Tag.101 Die Beurteilung der «Sozialpatrioten»102

Beschickung der 3 Stockholmer Konferenzen: Russische, Zimmerwalder, I[nternationales] S[ozialistisches] B[ureau]103

373 Parteivorstand: Ja  Zürcher Antrag: I. S. B. nur in Übereinstimmung mit Zimmerwald104 (Schneider105, Klöti106)

374 Nobs:  erst wieder internat[ionales] Vertrauen schaffen107

Greulich  Kein Sektengeist u. Ketzergericht. Grimm!108

375 Schmid  Nicht Lehrmeister der Internationale sein. Wollen wir etwas tun? Antrag wegen Munitionsfab[rik]109

Graber  Möglichkeit von Meinungsänderungen. Gegen Antrag Schmid110

376 Platten  Arbeiter geg. Sozialpatrioten. Nicht Lavieren, neuer Betrug! Desavouierung Adlers. Blutige Hände!111

377 Huber  Zimmerwald darf sich nicht spalten. Auf alle Fälle für den Frieden wirken112

Rosa Bloch!   Liebknecht 113

Graber  Hören! unter Teilnahme d. Minderheit.114

378 Antrag Schmid mit 113:86 verworfen

Antrag Zürich mit 151:89115

2. Tag116 Die Landesverteidigung117

Thurnherr-Luzern  Ab Traktanden. Praktische Frage: Einwirken!

Nicht spruchreif.118

(Aussprache beschlossen.)119

Platten120     ┐
├     Nur einfach: Ja oder Nein!
Naine 121      ┘
379 ┐         Hüni124 Nobs128
Müller122      ├     Graber125 Greulich129
Brüstlein 123 │     R. Grimm 126           Schmid 130
┘     Ilg127

380 Meine Abstimmung131
Resultat132

381 Keine Landesvert[eidigung] – im Ernst?

Sachfußnoten

1
Vgl. Bw.Th.I, S. 207 📖; Busch, S. 116 📖. Barths Notizen vom Parteitag: KBA 12163.↩
2
Anträge, Beschlüsse und Gutachten zur Militärfrage, hrsg. von der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz, Bern 1917 📖 (im folgenden zitiert: Anträge).↩
3
KBA 9217.9.↩
4
Bw.Th.I, S. 186 📖.↩
5
Vgl. «Die Resolutionen der internationalen Kongresse in Stuttgart, Kopenhagen und Basel betr. den Krieg und die Internationale», in: Anträge, S. 61–77 📖.↩
6
Anträge, S. 61 📖: «Der Kongreß [...] stellt aufs neue fest, daß der Kampf gegen den Militarismus nicht getrennt werden kann von dem sozialistischen Klassenkampf im ganzen.»↩
7
Als Ursachen des Krieges benannte die 2. Internationale auf dem Stuttgarter Kongress 1907: Konkurrenzkampf auf dem Weltmarkt, d.h. Kampf um Absatzgebiete, Länderraub, Wettrüsten (Anträge, S. 61 📖), ferner die durch die herrschenden Klassen systematisch genährten nationalen Vorurteile, durch die das Proletariat von Klassenkampf und internationaler Klassensolidarität abgehalten werden solle (Anträge, S. 62).↩
8
Anträge, S. 62 📖: «Kriege liegen also im Wesen des Kapitalismus; sie werden erst aufhören, wenn die kapitalistische Wirtschaftsordnung beseitigt ist oder wenn die Größe der durch die militärische Entwicklung erforderlichen Opfer an Menschen und Geld und die durch die Rüstungen hervorgerufene Empörung die Völker zur Beseitigung dieses Systems treibt.»↩
9
Es ist die Aufgabe, «mit allen Kräften die Rüstungen zu Wasser und zu Lande zu bekämpfen und die Mittel hierfür zu verweigern» (Anträge, S. 62f. 📖).↩
10
Anträge, S. 63 📖: «Der Kongreß sieht in der demokratischen Organisation des Wehrwesens, der Volkswehr an Stelle der stehenden Heere eine wesentliche Garantie dafür, daß Angriffskriege unmöglich werden».↩
11
Ebd. 📖: «Die Internationale ist außerstande, die in den verschiedenen Ländern naturgemäß verschiedene, der Zeit und dem Ort entsprechende Aktion der Arbeiterklasse gegen den Militarismus in starre Formen zu bannen.» ↩
12
Anträge, S. 65 📖: «Droht der Ausbruch eines Krieges, so sind die arbeitenden Klassen und deren parlamentarische Vertreter in den beteiligten Ländern verpflichtet, unterstützt durch die zusammenfassende Tätigkeit des Internationalen Sozialistischen Bureaus alles aufzubieten, um durch die Anwendung der ihnen am wirksamsten erscheinenden Mittel den Ausbruch des Krieges zu verhindern, die sich je nach der Verschärfung des Klassenkampfes und der allgemeinen politischen Situation naturgemäß ändern.»↩
13
Ebd. 📖: «Falls der Krieg dennoch ausbrechen sollte, sind sie verpflichtet, für dessen rasche Beendigung einzutreten, und mit allen Kräften dahin zu streben, die durch den Krieg herbeigeführte wirtschaftliche und politische Krise zur Aufrüttelung des Volkes auszunutzen und dadurch die Beseitigung der kapitalistischen Klassenherrschaft zu beschleunigen.»↩
14
Im «Lagebericht zur Aufrüstung», der auf dem Kopenhagener Kongress der Internationale 1910 abgegeben wurde, hieß es: «Die Arbeiter aller Länder haben keine Zwistigkeiten oder Mißhelligkeiten unter einander, die zu einem Kriege führen könnten. Kriege sind heute die Folge des Kapitalismus [...]. Die Arbeiterklasse, welche die Hauptlast der Kriege trägt und von deren Folgen am schwersten betroffen wird, hat das größte Interesse an der Beseitigung des Krieges. Das organisierte sozialistische Proletariat aller Länder ist darum der einzige zuverlässige Bürge für den Frieden der Welt.» (Anträge, S. 66 📖).↩
15
Von den parlamentarischen Vertretern wird erwartet «a) die beständige Wiederholung der Forderung, daß internationale Schiedsgerichte obligatorisch in allen zwischenstaatlichen Streitfällen entscheiden; – b) immer erneuerte Anträge, die auf die allgemeine Abrüstung hinzielen [...]; – c) das Verlangen auf Abschaffung der geheimen Diplomatie und die Veröffentlichung aller bestehenden und künftigen Verträge und Abmachungen zwischen den Regierungen; – d) das Eintreten für das Selbstbestimmungsrecht aller Völker und deren Verteidigung gegen kriegerischen Angriff und gewaltsame Unterdrückung.» (Anträge, S. 67 📖).↩
16
Der internationale Kongress von Kopenhagen 1910 bestätigte und wiederholte die in Anm. 12 und 13 genannten Forderungen des Stuttgarter Kongresses 1907 im Blick auf den drohenden Ausbruch eines Krieges oder die Zeit nach seinem Ausbruch (Anträge, S. 65–69 📖).↩
17
Auf dem Friedenskongress der Internationale in Basel wurden 1912 die Beschlüsse der vorangegangenen Kongresse noch einmal bekräftigt (Anträge, S. 69–77 📖).↩
18
Bezieht sich wohl auf die am Basler Kongress abgegebenen Berichte über den Kampf für Frieden und Völkerverständigung in den einzelnen Ländern, besonders mit Blick auf die Balkankriege, auf die Spannungen zwischen Italien und Österreich wegen der Albanienfrage, zwischen Russland und Polen und die Beziehung zwischen Deutschland, Frankreich und England (Anträge, S. 70–76 📖).↩
19
Anträge, S. 76 📖: «Die Proletarier empfinden es als ein Verbrechen, aufeinander zu schießen, zum Vorteile des Profits der Kapitalisten, des Ehrgeizes der Dynastien oder zu höherer Ehre diplomatischer Geheimverträge.»↩
20
Anträge, S. 77 📖: «Das Proletariat ist sich bewußt, in diesem Augenblicke der Träger der ganzen Zukunft der Menschheit zu sein.»↩
21
Ebd. 📖: «Verkündet euren Willen in allen Formen und in allen Orten, erhebt euren Protest mit voller Wucht in den Parlamenten, vereinigt euch in Massen zu großen Kundgebungen, nützt alle Mittel aus, die euch die Organisation und die Stärke des Proletariats in die Hand geben!»↩
22
Das Programm der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz von 1904 bestand aus einer «Prinzipienerklärung» und einem «Arbeitsprogramm». Der durch Sperrdruck hervorgehobene Schluss der Prinzipienerklärung war Barth besonders wichtig (vgl. oben S. 161, Anm. 2). Er lautet: «Die sozialdemokratische Partei tritt also aus dem Rahmen einer reinpolitischen Partei weit heraus. Sie ist die Fahnenträgerin eines großen Kulturkampfes der arbeitenden Klasse für Erringung der vollen Menschenrechte und für die Anteilnahme an den Errungenschaften der menschlichen Kultur. – Indem die schweizerische Sozialdemokratie in Gemeinschaft mit den sozialistischen Parteien aller Kulturländer durch das Mittel des Klassenkampfes für die Aufhebung der Klassen und der Klassengegensätze kämpft, um an deren Stelle die Solidarität aller Volksgenossen zu setzen, wird sie mit ihrem Siege auch die nationalen Gegensätze beseitigen und die Solidarität aller Völker herstellen. – Damit erlöst die internationale Sozialdemokratie die Nationen vom Fluche des Militarismus und des Krieges und bringt ihnen mit der Erlösung aus Elend und Sorge auch den Frieden und die Verbrüderung zu gemeinsamer Bebauung und Kultivierung des ganzen Erdballs» (Protokoll über die Verhandlungen des Parteitages der Schweizerischen sozialdemokratischen Partei, abgehalten in der Tonhalle in Zürich am 20. und 21. November 1904, Zürich 1905, S. 84 📖).↩
23
Der vierte Satz im «Arbeitsprogramm der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz» von 1904 lautet (a.a.O., S. 85f.) 📖: «4. Demokratisierung des Wehrwesens. Vereinfachung der Bekleidung und Ausrüstung. Wahl der Offiziere durch die Mannschaft. Bekleidung und Ausrüstung der Offiziere durch den Staat. Gleiche Verpflegung für Offiziere und Mannschaft. Abschaffung des Militärstrafrechtes und der Militärgerichtsbarkeit in Friedenszeiten. – Unterstützung der Familie während des Dienstes des Ernährers. Schutz des Wehrmannes gegen die ökonomischen Folgen der Entlassung wegen des Militärdienstes. Abschaffung des Schuldverhaftes wegen Nichtbezahlung des Militärpflichtersatzes.»↩
24
Es handelt sich hier und im folgenden um Orte, an denen jeweils Parteitage der SPS stattgefunden haben.↩
25
Anträge, S. 7 📖: «Solange diese Grundsätze [internationaler Friede, internationale Schiedsgerichte, allgemeine Abrüstung] nicht verwirklicht sind, und unter dem Zwange der gegenwärtigen Zustände anerkennt die sozialdemokratische Partei die Notwendigkeit der Organisation der Wehrkraft des Landes.»↩
26
Anträge, S. 8f. 📖: «Der Parteitag spricht die bestimmte Erwartung aus, daß, wenn je wieder ein Militäraufgebot aus Anlaß eines Streiks erfolgt, sowohl das Bundeskomitee des Gewerkschaftsbundes als auch das Parteikomitee an Ort und Stelle die Verhältnisse genau untersuchen und feststellen, und alle Anordnungen zum sofortigen Proteste und zur Aufklärung des Schweizervolkes, wie auch zur Wahrung der Rechte und Interessen der streikenden Arbeiterschaft treffen. – Die sozialdemokratische Partei fordert die Soldaten auf, bei Militäraufgeboten anläßlich von Streiks sich ihrer Solidarität mit den streikenden Arbeitern bewußt zu sein und sich nicht zu Handlungen verwenden zu lassen, durch welche das Streik- und Versammlungsrecht ihrer Klassengenossen verkümmert würde. – Sollte wieder ein Aufgebot bei Anlaß von Streik erfolgen, so sind sofort in der ganzen Schweiz Protestversammlungen einzuberufen, um dem Volk die Parteinahme der Regierungen zugunsten der Unternehmer klar zu machen und eine lebhafte Propaganda gegen den Militarismus zu entfalten; ebenso sind die Arbeiter dann aufzufordern, sich vom freiwilligen Schießwesen (Schießvereine, Unteroffiziersvereine, Vorunterricht) fernzuhalten.»↩
27
Anträge, S. 9 📖: «Der Parteitag beschließt, eine besondere Tagung der Untersuchung der Beziehungen zwischen Sozialismus, Militarismus und Armee zu widmen, um ein für allemal die Sache zu präzisieren.»↩
28
Barth setzt zu der Bezugnahme auf Olten 1906 ein Zeichen, das an ein Integralzeichen erinnert – vielleicht um anzudeuten, dass der außerordentliche Parteitag in Olten 1906 noch einmal alle schon bisher gefassten Beschlüsse zur Einrichtung von Schiedsgerichten, zur Anerkennung eines Volksheeres für den Verteidigungsfall und zum Protest gegen den Einsatz von Militär gegen Streikende zusammenfasste. Vgl. Anträge, S. 9–11 📖.↩
29
Ein Ende 1907 tagender außerordentlicher Parteitag in Zug verwarf ein neu eingebrachtes schweizerisches Militärgesetz wegen des Planes einer vollständigen Zentralisation des Heerwesens, wegen tiefgreifender Erweiterungen und Veränderungen der Heeresorganisation, wegen der geplanten Unterstellung von Angestellten und Arbeitern staatlicher und öffentlicher Betriebe unter die militärische Gewalt, wodurch man das Vereins- und Streikrecht der Arbeiter in Gefahr sah, wegen einer Begünstigung der Kluft zwischen Offizieren und Soldaten durch die neue Organisation, wegen der voraussehbaren Belastung des Militärbudgets, durch die jede wirksame Sozialpolitik verhindert werde, und wegen der geplanten Verlängerung der Dienstzeit mit ihren einschneidenden ökonomischen Folgen für die Arbeiter. Vgl. Anträge, S. 11f. 📖↩
30
Auf dem Parteitag in Neuenburg 1912 wurde die Frage des Generalstreiks im Kriegsfall diskutiert und beschlossen, darüber auf dem nächsten Parteitag weiter zu beraten. Vgl. Anträge, S. 12 📖.↩
31
In den Schlussabsätzen der Resolution von Stuttgart heißt es (s. oben Anm. 12 und 13):   «Droht der Ausbruch eines Krieges, so sind die arbeitenden Klassen und deren parlamentarische Vertreter in den beteiligten Ländern verpflichtet, […] alles aufzubieten, um […] den Ausbruch des Krieges zu verhindern […].   Falls der Krieg dennoch ausbrechen sollte, sind sie verpflichtet, für dessen rasche Beendigung einzutreten [...].»↩
32
Wahrscheinlich spielt Barth auf folgende Sätze in der Resolution von Basel an (Anträge, S. 76 📖): «Die Regierungen müssen nicht vergessen, daß sie bei dem gegenwärtigen Zustand Europas und der Stimmung der Arbeiterklasse nicht ohne Gefahr für sie selbst den Krieg entfesseln können, sie mögen sich daran erinnern, daß der deutsch-französische Krieg den revolutionären Ausbruch der Kommune im Gefolge hatte, daß der russisch-japanische Krieg die revolutionären Kräfte der Völker des russischen Reiches in Bewegung gesetzt hat […].»↩
33
Zur Vorbereitung des nach Bern zu berufenden außerordentlichen Parteitags war am 27.11.1916 vom Parteivorstand in Olten eine Militärkommission gegründet worden. Bereits diese vorbereitende Kommission schied sich in zwei nach ihren Überzeugungen divergierende Gruppen. Jede stellte eine Anzahl Thesen auf, die zu zwei Vorlagen an den Parteitag ausgearbeitet wurden. Vgl. Jahrbuch der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz, pro 1916 (s. oben S. 115, Anm. 34), S. 18f. 📖↩
34
«Anträge der Militärkommission zuhanden des Parteitages. Antrag der Mehrheit» (Anträge, S. 1–3 📖).↩
35
Anträge, S. 1 📖: «Die heutige Epoche des Kapitalismus hat zum Imperialismus geführt und erzeugt mit Notwendigkeit imperialistische Kriege.»↩
36
«Zur Betörung des Volkes gibt die herrschende Klasse jeden Krieg als einen Krieg zur Verteidigung des Vaterlandes aus. Unter dieser Phrase verbirgt sich aber stets die mit den Mitteln der Gewalt betriebene imperialistische Politik» (ebd. 📖).↩
37
Anträge, S. 1f. 📖: «Die Beteiligung des Proletariats an einem imperialistischen Kriege bedeutet die freiwillige Unterordnung des Proletariats unter die Interessen und Ziele seiner Ausbeuter und damit Aufhebung des Klassenkampfes, Anerkennung des Burgfriedens und verhängnisvolles Zerreißen seiner internationalen Beziehungen.»↩
38
Anträge, S. 2 📖: «Der Militarismus ist aber auch die stärkste Waffe der besitzenden Klasse zur Erhaltung einer ungerechten Wirtschafts- und Rechtsordnung. Seine Volksfeindlichkeit offenbart sich in der Anwendung gegenüber der um die Verbesserung ihres Loses kämpfenden arbeitenden Klasse. Jede aktive Unterstützung der militaristischen Bestrebungen [...] bedeutet daher eine Befestigung der Machtstellung des Gegners.»↩
39
«Der Kampf des Proletariats gegen Krieg und Militarismus ist deshalb in erster Linie ein Kampf gegen die kapitalistische Gesellschaftsordnung, deren Beseitigung angestrebt wird durch die soziale Revolution» (ebd. 📖).↩
40
Anträge, S. 3 📖: «1. Planmäßige Aufklärung der Arbeiterschaft über Wesen und Zweck des Militarismus. – 2. Bekämpfung der militärischen Institutionen und Ablehnung aller militärischen Pflichten des bürgerlichen Klassenstaates durch die Partei. [...] – 3. Verpflichtung der Parteivertreter im Parlament, unter grundsätzlicher Motivierung alle Militärforderungen und -kredite abzulehnen. – 4. Organisierung entschlossenen, äußersten Widerstandes der Arbeiterschaft gegen die Beteiligung unseres Landes an jedem Krieg (Versammlungen, Demonstrationen, Streiks usw.).»↩
41
«Antrag der Minderheit» (Anträge, S. 4–6 📖).↩
42
Anträge, S. 4f. 📖: Erwägungen: «1. Die volle Emanzipation der Arbeiterklasse kann nur mit der Überwindung des Kapitalismus erreicht werden; wirtschaftlich durch die Sozialisierung, politisch durch die Demokratisierung der Gesellschaft. – 2. Der Kampf muß auf der historisch gegebenen Grundlage der einzelnen Nationen und Staaten geführt, aber international organisiert und orientiert werden. – 3. Der Militarismus als Hauptmittel der herrschenden Gewalten kann erst mit Aufhebung der Klassengegensätze verschwinden. Die Methoden des Kampfes gegen diesen größten Kulturfeind der Menschheit richten sich nach dem Stande der ökonomischen Entwicklung, können diese weder ignorieren noch aufheben. – 4. Die Entwicklung der Demokratie und die gleichzeitige Schwächung der Offensivkraft der Heere auf nationalem Boden und die Stärkung des Rechtsgedankens auf internationalem Boden sind gegenwärtig die einzig möglichen Vorbedingungen zur Herbeiführung des dauernden Friedens. – 5. In den Staaten, deren Regierungen oder Parlamente die obligatorische Verpflichtung zur Anrufung der internationalen Schiedsgerichte in allen internationalen Streitigkeiten verweigern und die nicht vom stehenden Heere zum Milizsystem übergehen, oder welche die mißbräuchliche Verwendung der Wehrkraft im Innern bei Arbeitskonflikten zulassen, wird die Verweigerung der Militärkredite für das Proletariat zum politischen Kampfmittel von einigender und zwingender Kraft. – 6. Eine grundsätzliche Verneinung der Landesverteidigung und unterschiedslose Ablehnung aller Militärkredite widerspricht der materialistischen Auffassung des Entwicklungsgedankens, schädigt politisch die Partei und hemmt damit die demokratische Entwicklung.»↩
43
Anträge, S. 5f. 📖: Beschlussantrag: «1. Die sozialdemokratische Partei anerkennt den Grenzschutz unseres neutralen Landes durch unsere Milizarmee und bejaht grundsätzlich die Frage der Landesverteidigung im Falle eines äußeren Angriffs. – 2. Sie bekämpft aber die Verwendung des Heeres bei Arbeitskonflikten und macht es den ihr angehörenden Wehrmännern zur Pflicht, gegen streikende Arbeiter in keinem Fall von der Waffe Gebrauch zu machen. – 3. Die Nationalratsfraktion wird beauftragt, dahin zu wirken, daß sich die Schweiz bereit erklärt, mit allen Staaten Verträge zur obligatorischen Schlichtung aller internationalen Streitigkeiten durch Schiedsgerichte abzuschließen. – 4. Eine Verweigerung der obligatorischen Verpflichtung zur Anrufung internationaler Schiedsgerichte oder eine Verwendung des Heeres gegen Streikende wird von der Partei mit der Ablehnung der Militärkredite beantwortet.»↩
44
Die Ziffer «4» dürfte auf den 4. Satz des im Minderheitsvotum formulierten Beschlussantrags zu beziehen sein.↩
45
Die Buchstaben sind zu deuten als: E = Erwägungen (s. oben Anm. 42), A = Antrag (s. oben Anm. 43); die Zahlen bezeichnen den entsprechenden Punkt in den «Erwägungen» und dem «Antrag» des Minderheitsvotums. Barth kritisiert an dem Minderheitsvotum, dass es sowohl Elemente der Bejahung als auch der Verneinung des Militärwesens enthält.↩
46
Diese Thesen eröffnen den dritten Teil der «Anträge, Beschlüsse und Gutachten zur Militärfrage» (Anträge, S. 17–31 📖).↩
47
Robert Grimm (1881–1958), dem linken Flügel der schweizerischen Sozialdemokratie zuzurechnender Politiker und von 1909 bis 1918 Chefredaktor der in Bern erscheinenden sozialistischen Zeitung «Tagwacht». Nationalrat 1911-1955, 1918/19 Präsident der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz. ↩
48
Anträge, S. 17 📖: «Der Kapitalismus hat mit der imperialistischen Form seiner Entwicklung die Nationalstaaten über ihren bisherigen Rahmen hinausgetrieben», ökonomisch durch die Abhängigkeit vom Weltmarkt, politisch durch Versuche, den Einfluss auf dem Weltmarkt durch Bündnisse und Allianzen zu sichern.↩
49
«Unter dem Einfluß dieser Entwicklung hat sich der Charakter des sogenannten Verteidigungskrieges geändert. Von kapitalistischen Staaten geführt, ist der Krieg nur eine besondere Form der kapitalistischen Raubpolitik» (ebd. 📖).↩
50
Die kleinen Staaten sind «zu keiner selbständigen imperialistischen Politik fähig». Im Kriegsfall können sie eine Neutralitätspolitik nur soweit betreiben, wie sie nicht in Widerspruch zu dem Interesse der einen oder anderen Mächtegruppe gerät. «Damit hört aber die nationale Selbständigkeit der kleinen Länder auf» (Anträge, S. 18 📖).↩
51
«Im Lichte der neuzeitlichen Entwicklung und der Erfahrungen des Weltkrieges erweist sich die Landesverteidigung der kleinen Staaten auch rein militärisch als unmöglich.» (ebd. 📖).↩
52
Anträge, S. 19 📖: «Auch wenn die nationale Selbständigkeit der kleinen Staaten mehr als eine bloße Fiktion wäre, vermöchten ihre Heere sie nicht aus eigener Kraft zu schützen. Im Falle eines gegen ihr Land gerichteten Angriffes wären sie gezwungen, sich an die eine oder die andere Großmacht oder an Koalitionen von imperialistischen Staaten anzulehnen und deren Hilfe in Anspruch zu nehmen.»↩
53
«An diesen Tatsachen ändern auch der besondere Milizcharakter der Armee und die demokratische Staatsform des betreffenden Landes nichts.» (ebd. 📖).↩
54
Anträge, S. 20f. 📖: «Das einzige Mittel, um die kleinen Nationen vor diesen Gefahren zu schützen, liegt in einer dauernden internationalen Verständigung der Völker. [...] Nur eine auf der sozialistischen Überzeugung beruhende [...] Arbeiterinternationale vermag die Grundlagen dauernder und friedlicher Verständigung zwischen den Völkern herzustellen. [...] Soll indes die sozialistische Internationale ihre geschichtliche Aufgabe erfüllen, so muß das Proletariat, im Frieden wie im Kriege, die internationale Solidarität der Arbeiter über die nationale Solidarität mit ihren Ausbeutern stellen und im revolutionären Massenkampf für die Verwirklichung des Sozialismus alle Kräfte zusammenführen».↩
55
Anträge, S. 21 📖: «Aufgaben: a) International: Förderung aller Bestrebungen, die der Schaffung einer lebenskräftigen, aktionsfähigen proletarischen Internationale dienen.»↩
56
Anträge, S. 22 📖: «b) National: [...] Grundsätzliche Ablehnung aller militärischen Forderungen und Kreditbegehren im Frieden wie im Kriege.»↩
57
«Sollte dieser Kampf, als ein Teil des allgemeinen proletarischen Klassenkampfes, nicht ausreichen, um die Gefahr der kriegerischen Verwicklung der Schweiz zu bannen, so ist die sozialdemokratische Partei [...] entschlossen, eine umfassende Aktion gegen die Mobilisation und für eine allgemeine Dienstverweigerung einzuleiten, unterstützt durch einen Massenstreik der Militär- und Kriegswerkstättenarbeiter und des Verkehrspersonals.» (ebd. 📖).↩
58
Guido Müller (1875–1963), Dr.rer.pol., späterer sozialdemokratischer Nationalrat (1925–1943) und Stadtpräsident von Biel.↩
59
Anträge, S. 23 📖: «Die kapitalistische Politik aller Großstaaten ist imperialistisch geworden und hat zu der Katastrophe des jetzigen Weltkrieges geführt. [...] Wer deshalb den Krieg bekämpfen will, muß den Kapitalismus bekämpfen.»↩
60
Dieser Kampf ist entsprechend der «Internationalität des Kapitals» grundsätzlich international zu organisieren. «Der Kampf um die Entwicklung in diesem Rahmen muß sich auf nationalem Boden vollziehen», denn «der kulturelle, wirtschaftliche und politische Stand der einzelnen Nationen und Staaten» verlangt «verschiedene taktische Mittel» (Anträge, S. 24 📖).↩
61
«Der Weg hiezu muß politisch überall ohne Ausnahme durch die Demokratie führen [...]. Dieser Werdegang bedarf zu seiner ungestörten Entwicklung des dauernden Friedens» (ebd. 📖).↩
62
Anträge, S. 24f. 📖: «Wird der innerstaatliche Entwicklungsprozeß von außen durch das Mittel kriegerischer Gewalt bedroht, so folgt aus dem Selbstbestimmungsrecht des Volkes nicht nur das Recht, sondern im Interesse seiner eigenen, freien, politischen Entwicklung auch die Pflicht zur Abwehr. In diesem Falle ist der Verteidigungskrieg keine bloße Angelegenheit der kapitalistischen Klasse mehr, sondern eine solche der ganzen Volksgemeinschaft und als solche gerechtfertigt.»↩
63
Anträge, S. 26 📖: «Ausschlaggebend für die Milizorganisation sind deshalb nicht Vorstellungen über eine Demokratisierung des Heerwesens, die nach dem Stande der allgemeinen politischen Entwicklung nur Illusionen sein können, sondern die Erwägung, daß ein Milizheer, das in der Verteidigung außerordentlich stark sein kann, sich für offensiv geplante und geführte Kriege weder politisch noch militärisch mehr eignet.»↩
64
Solange es keine internationale Rechtssicherheit gibt, «ist die Forderung der grundsätzlichen Ablehnung aller Militärkredite grundsätzlich falsch» (Anträge, S. 27 📖).↩
65
Zu prüfen ist jede Wehrorganisation hinsichtlich ihrer wirtschaftlichen und finanziellen Natur wie hinsichtlich ihres Kräfteverhältnisses im internationalen Maßstab (ebd. 📖).↩
66
Anträge, S. 28 📖: «Ergibt die Prüfung die wirtschaftliche und finanzielle Unmöglichkeit einer der Kraft des Landes entsprechenden Verteidigung und führt dieses Resultat zum Verzicht auf die dazu nötigen Maßnahmen, so liegt in einem solchen Verzicht die Selbsterkenntnis, daß die Voraussetzungen zur selbständigen Existenzberechtigung wirtschaftlich und politisch nicht mehr vorhanden sind. Eine solche Erkenntnis kann logischerweise entweder nur zum wirtschaftlichen Anschluß, mit späterer politischer Angliederung, an einen größern Nachbarstaat oder an eine Mächtegruppe mit allen daraus folgenden Konsequenzen, oder zur bloßen Fristung einer Scheinexistenz führen, die bei der nächsten kriegerischen Entwicklung rettungslos zusammenbrechen wird.»↩
67
Das Folgende entspricht den Ausführungen in Anträge, S. 31–61 📖.↩
68
Charles Naine (vgl. oben S. 94, Anm. 18) unterwarf sich 1914 in der Frage der Mobilisierungskredite der Parteidisziplin, bekämpfte diese Entscheidung jedoch schon im August 1914 in der sozialistischen Zeitung «Sentinelle».↩
69
Die fast ausnahmslose Zustimmung der sozialistischen Parteien Europas zu den von den Regierungen verlangten Kriegskrediten ist «seltsames Ergebnis eines halbjahrhundertlangen Bestrebens, die Einigung des Weltproletariats herbeizuführen! Der Hauptirrtum, dem wir dieses Ergebnis verdanken, besteht in der Annahme der Führer, die sozialistische Partei könne und dürfe die Freiheit der Völker durch die Unterstützung einer kapitalistischen und militaristischen Regierung verteidigen, ebenso wie in der Annahme, daß sogar im Falle eines Verteidigungskrieges eine kapitalistische Regierung sich in der Lage eines unschuldig Angegriffenen befinden könne» (Anträge, S. 31f. 📖).↩
70
Anträge, S. 32 📖: «Alle kapitalistischen Regierungen, ohne jede Ausnahme, waren und sind Plünderer oder werden bei der ersten besten Gelegenheit zu solchen; dementsprechend kann von keiner von ihnen, wenn sie von einer anderen angegriffen wird, behauptet werden, sie sei unschuldig; im Gegenteil, stets ist eine angegriffene Regierung an einem Angriffe mitschuldig, sei es durch die Raubpolitik, die sie in der Vergangenheit oder Gegenwart getrieben, sei es durch die Absichten, die sie für die Zukunft hegt.»↩
71
«Eine Wahl muß getroffen werden: entweder verzichtet man auf den Krieg oder aber man verzichtet auf die Internationale und auf den Sozialismus. Es ist unmöglich, zwei Tätigkeiten zu entfalten, die einander absolut ausschließen.» (Anträge, S. 33 📖).↩
72
Bejaht man die Landesverteidigung, dann mit allen Konsequenzen, z.B. mit Bewilligung des Militärbudgets, Beteiligung am «Rüstungswahnsinn» und schließlich auch mit Übernahme der Verantwortung für die Katastrophe des Krieges. Umgekehrt enthält das Nein zur Landesverteidigung ebenfalls eine Verantwortlichkeit, denn auch die Abrüstung kann «Opfer und Zerstörung kosten». «Seit wann aber haben die Parteien des Fortschritts und der Revolution ihr Programm ausführen können, ohne sich Gefahren auszusetzen?» Wenn «es sich darum handelt, die Art der Gefahr und Opfer zu wählen, dürfen wir keinen Augenblick in unserer Wahl zögern. Wenn einem Teil des Proletariats beschieden ist, sich aufzuopfern, so muß und soll es sich nur für sein Ideal, für die Befreiung der Arbeiterklasse, für den Frieden, für das Proletariat aufopfern.» (vgl. Anträge, S. 35f. 📖).↩
73
Anträge, S. 37 📖: Es ist «notwendig», «uns vor allem der uns zur Verfügung stehenden legalen Mittel zu bedienen, zum Beispiel Verwerfung des Militärbudgets im Parlament, ebenso wie aller anderer ähnlicher Kreditvorlagen. [...] Was die illegalen Mittel betrifft, so glaube ich, daß man sie nicht verwerfen soll, aber angesichts der Stellung, die unsere Partei in der Schweiz und die sozialistischen Parteien der anderen Länder in der Frage einnehmen, ist es momentan sehr schwer, die Anwendung einzelner illegaler Mittel, die auf Erfolg rechnen könnten, anzuraten.»↩
74
Paul Pflüger (1864–1947), religiös-sozialer Pfarrer, seit 1898 in Zürich-Aussersihl, gründete 1900 dort die «Jungburschen», eine proletarische Jugendorganisation. 1906 begründete er die «Zentralstelle für soziale Literatur der Schweiz» in Zürich, in deren Leseraum Lenin während seines Zürcher Aufenthaltes arbeitete. 1910 gab Pflüger sein Pfarramt auf, als er zum Nationalrat gewählt wurde; dieses Mandat hatte er von 1911 bis 1918 inne. Als Präsident des Grütlivereins zählte er zum reformistischen Flügel der Sozialdemokratie. 1917 wurde er Mitglied und Vizepräsident der Geschäftsleitung der SPS. 1914 votierte er für die Landesverteidigung, aber gegen das Militärbudget. Er blieb auch dann bei der Position eines nur politischen Nein zum Militärbudget, als es die Partei 1917 obligatorisch machte.↩
75
Anträge, S. 38 📖: «Die Erlösung vom Kriege muß [...] eines der höchsten Kulturziele der Menschheit bilden.»↩
76
«Trägt, worüber ziemliche Übereinstimmung der Ansichten herrscht, die Hauptschuld am Krieg der [...] Kapitalismus, so kann – materialistischer Geschichtsauffassung zufolge – der Krieg nicht aus der Welt geschafft werden, so lange das kapitalistische Wirtschaftssystem nicht beseitigt ist» (ebd. 📖).↩
77
Anträge, S. 38f. 📖: Während «der fortschreitenden Sozialisierung des Wirtschaftslebens» sind «auch die Symptome des Kapitalismus, wie Krieg, Rüstungsfieber, Chauvinismus usw., abzuwehren».↩
78
Anträge, S. 39 📖: «Die einseitige Abrüstung bezw. Entwaffnung eines Staates, ohne entsprechende Abrüstung der andern, brächte demselben unter den heutigen Verhältnissen das größte Risiko. Die sozial fortgeschrittenen Staaten würden bei gänzlicher Wehrlosigkeit eine Beute der sozial und kulturell rückständigen Staaten [...]. Dadurch, daß die Schweiz bei einem Kriege von Nachbarstaaten ihre Grenzen militärisch besetzt, kann sie verhüten, daß das Schweizerland zum Kriegsschauplatz fremder Völker gemacht werde, wie dies auch schon dagewesen ist.»↩
79
Anträge, S. 40 📖: «Kann man dem bewaffneten Grenzschutz einen Wert nicht völlig absprechen, so erwächst dem schweizerischen Gemeinwesen die Aufgabe, die Landesverteidigung beizeiten vorzubereiten, also das Wehrwesen zu pflegen. [...] Die sozialdemokratische Partei der Schweiz [...] anerkennt die Volkswehr (Miliz)».↩
80
Anträge, S. 41 📖: «Die Verweigerung des Militärdienstes, selbst wenn sie zu gleicher Zeit in allen Staaten von den Sozialisten durchgeführt werden könnte, würde weder die Heere noch die Kriegsmöglichkeiten beseitigen [...]. Die Entwicklung zum Sozialismus geht nicht gegen den Staat, sondern über den Staat».↩
81
Hans Schenkel (1869–1926), Professor für Mathematik und Physik am Technikum in Winterthur, sozialdemokratischer Nationalrat 1913-1917 und 1919-1926.↩
82
Anträge, S. 42f. 📖: «Die Militärkredite sind von unserer Partei durchweg abzulehnen.» «Der Einwand, daß wir durch Ablehnung der Militärkredite unser Land wehrlos machen, ist nicht stichhaltig. Das wäre erst dann der Fall, wenn unsere Partei die Mehrheit hätte. [...] Lehnen wir als Minderheitspartei die Militärkredite ab, so ist das nichts anderes als ein fortwährender scharfer Protest gegen mißbräuchliche Verwendung der Truppen.»↩
83
Anträge, S. 42 📖: «Wir haben das größte Interesse daran, den Krieg von unserem Lande fernzuhalten. Wir billigen daher die militärischen Maßregeln, soweit sie zum Schutze der Grenzen unbedingt notwendig sind».↩
84
Anträge, S. 45 📖: «Eine aufs äußerste ausgebildete und ausgerüstete Armee bildet für unser Land im allgemeinen und für das Proletariat im speziellen [...] eine große Gefahr. [...] Unsere militärischen Rüstungen und die Mobilisierung der Truppen sollten daher in den Grenzen gehalten werden, die sich ergeben, wenn man einerseits das für strikte Aufrechterhaltung der Neutralität Nötige vorkehrt, anderseits auf die beschränkte Finanzkraft des Landes Rücksicht nimmt.»↩
85
Anträge, S. 46 📖: «Das Verlangen nach vollständiger Entwaffnung kann unter den gegebenen Verhältnissen meines Erachtens nicht gestellt werden.»↩
86
Anträge, S. 46f. 📖: Ein Einzelner mag, «durch seine Überzeugung [...] gezwungen», den Militärdienst verweigern. Die Partei aber hat die Pflicht, «ihre Mitglieder nicht zur Dienstverweigerung aufzufordern».↩
87
Heinrich Scherrer (1847–1919), 1882 Zentralpräsident des Grütlivereins, 1902 Nationalrat und St. Galler Regierungsrat, seit 1911 Ständerat.↩
88
Anträge, S. 47f. 📖: «Ich beziehe sofort Stellung und erkläre: Die Schweiz muß für die Zwecke ihrer Verteidigung, so wie die Verhältnisse heute sind, eine Armee unterhalten. Sie muß aber auch alle Kraft einsetzen für die Entwicklung des internationalen Rechtes, um die Möglichkeiten und Notwendigkeiten der Gewaltanwendung und so die allgemeinen Rüstungskosten sukzessive zu vermindern.»↩
89
Anträge, S. 49f. 📖: «Der Staat ist mit der Gesellschaft ein natürlicher, lebendiger Organismus [...]. Sicher ist, daß im Kampf ums Dasein in der Natur diejenigen Lebewesen untergehen, die zu schwach, die nicht bewehrt sind. Die Geschichte der Pflanzen- und Tierwelt erzählt uns das. Aber auch die Geschichte der Völker. Der Klassenkampf erfordert Waffen und Rüstung.» – Vorher (S. 49) hatte Scherrer die «fortschreitende wissenschaftliche Geschichtserkenntnis» als «die Naturlehre der Menschheit» bezeichnet.↩
90
Anträge, S. 50f. 📖: «Der Kampf ums Dasein nimmt freilich in seinem Aufstiege sukzessive andere Formen an. Aus dem materiellen wird langsam ein geistiger Kampf. [...] Wir Sozialisten müssen nun diese fortschreitende Entwicklung in der Richtung des Friedens und der Kultur unterstützen und fördern.»↩
91
Anträge, S. 51 📖: «Aber wir dürfen nicht ungeduldig werden: Wir dürfen nicht meinen, daß wir diese bessere Zukunft sofort, mechanisch, ex abrupto, durch irgend eine Art der Revolution herbeiführen und zum Beispiel durch Abschaffung der Armeen auf einen Wurf den Krieg ausschalten könnten. Damit ist es nichts; das ist ja gut gemeint, aber in Wirklichkeit komisches Zeug.»↩
92
Anträge, S. 52 📖: «Das Waffenhandwerk ist dem Schweizer durch seine Geschichte so anerzogen, wie den meisten mit der Natur hart kämpfenden Gebirgsvölkern».↩
93
Scherrer schlägt als Reformen vor: Kampf um eine völkerrechtliche Friedensentwicklung, gegen Wirtschaftsallianzen unter Ausschluss der Kriegsgegner, für weiteren Ausbau des Internationalen Haager Gerichtshofs (Anträge, S. 52f. 📖).↩
94
Anträge, S. 55 📖: «Arbeiten wir darum mit aller Macht für die Ausbreitung des demokratischen Gedankens; denn Demokratie heißt Friede, Monarchie heißt Krieg.»↩
95
Anträge, S. 57 📖: «Die großen Volksheere der Gegenwart werden im Gegensatz zu den Erfahrungen, die wir noch in diesem Kriege machen, in Zukunft immer mehr eine Gefahr für den Kapitalismus und seine Dienstmänner werden.»↩
96
Anträge, S. 59 📖: «Gewiß war der Antimilitarist Tolstoi ein gescheidter Mann, aber er war Individualist, Anarchist. Wir stehen als Sozialisten im Gegensatze zu ihm wie zum gesamten Liberalismus wirtschaftlicher und politischer Art; wir wollen das Individuum der Gesamtheit und ihren Interessen ein- und unterordnen.»↩
97
Anträge, S. 60 📖: «So, wie heute die Verhältnisse noch sind, kann die Schweiz eines Volksheeres für die Verteidigung des Landes nicht entbehren. Es ist die Pflicht jedes Schweizers, das Land [...] zu schützen.»↩
98
Anträge, S. 61 📖: «Daß nichts Menschliches je vollkommen war oder sein wird, und daß auch ein sozialistischer Staat seine Mängel haben wird, daß auch er veränderlich und entwicklungsfähig sein muß, dessen wollen wir stets eingedenk bleiben.»↩
99
Versehen in der Datierung. Wie aus Barths Taschenkalender von 1917 hervorgeht, fand die Versammlung des Arbeitervereins am 10. Juli, einem Dienstag, statt.↩
100
Über die internationalen Hintergründe dieses am 9. und 10. Juni 1917 im Berner Volkshaus abgehaltenen außerordentlichen Parteitages der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz berichtet ausführlich: H. Egger, Die Entstehung der Kommunistischen Partei und des kommunistischen Jugendverbandes der Schweiz, Zürich 1972, S. 46–109 📖. – Über die nationalen Hintergründe vgl. Mattmüller II, S. 164–199 📖.↩
101
Samstag, 9. Juni 1917.↩
102
Der Vorwurf des «Sozialpatriotismus» wurde gegen diejenigen Sozialisten erhoben, die in ihren Ländern für die Landesverteidigung eintraten (vgl. Lenin und Trotzky. Krieg und Revolution. Schriften und Aufsätze aus der Kriegszeit, hrsg. von E. Lewin-Dorsch, Zürich 1918, S. 107 📖). Die Diskussion über dieses Thema war auf dem Parteitag in Bern unter dem Tagesordnungspunkt «Stellungnahme zu den Beschlüssen von Kienthal» gefordert. Vom 24. bis 30.4.1916 hatte unter offizieller Beteiligung der SPS eine zweite sog. Zimmerwalder Konferenz internationaler Sozialisten in Kienthal getagt, die nicht nur mit einem Manifest gegen den Krieg, sondern auch mit einer Resolution für revolutionäre Aktionen und gegen die Haltung des «Sozialpatriotismus» geendet hatte (vgl. J. Humbert-Droz, Der Krieg und die Internationale. Die Konferenzen von Zimmerwald und Kienthal, Wien/Köln/Stuttgart/Zürich 1964, S. 204–209 📖). Starke Kräfte drängten die schweizerische Sozialdemokratie, sich die Kienthaler Forderungen zu eigen zu machen. Darüber hatte der Berner Parteitag zu befinden (vgl. Egger, a.a.O., S. 96–100 📖).↩
103
Vgl. Protokoll über die Verhandlungen des ausserordentlichen Parteitages der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz vom 9. und 10. Juni 1917, im Volkshaus in Bern, Bern 1917, S. 80f. 📖 Danach erklärte der Vizepräsident der SPS, Paul Pflüger: «Was die Frage der Beschickung der Stockholmer Konferenz anlangt, so ist zu bemerken, dass in Stockholm im Laufe dieses Monats drei Konferenzen stattfinden sollen: Einmal die der Zimmerwalder Gesinnungsgenossen unter dem Präsidium von Grimm, der gegenwärtig in Stockholm weilt. [...] Zu einer weitern Konferenz ladet auf Anregung der holländischen und schwedischen Genossen das Internationale Sozialistische Bureau ein, und eine dritte Konferenz, auch in Stockholm, wird einberufen vom russischen Arbeiter- und Soldatenrat. Es herrscht nun darüber unter uns wohl keine Meinungsverschiedenheit, ob wir einen oder mehrere Delegierte abordnen wollen an die Konferenz der Zimmerwalder Genossen. Die Frage ist nur, ob wir auch die andern Konferenzen beschicken wollen, beziehungsweise ob unsere Abgeordneten auch daran teilnehmen dürfen.»↩
104
Vgl. a.a.O., S. 72–82 📖. Die Auseinandersetzung ging vor allem um die Frage der Beschickung der vom Internationalen Sozialistischen Bureau, dem Leitungsorgan der 2. Internationale, nach Stockholm einberufenen Konferenz. Der Parteivorstand schlug die Teilnahme im Sinne der Beschlüsse der zweiten Zimmerwalder Konferenz in Kienthal vor. Dort war schärfste Kritik an der «nationalistischen und imperialistischen Einflüssen» unterliegenden Politik des Internationalen Sozialistischen Bureaus seit 1914 geübt worden verbunden mit der Empfehlung, für den Fall einer Plenarsitzung des I. S. B. Delegierte zu entsenden mit der Aufgabe, «die Prinzipien der Zimmerwalder Internationalisten zu vertreten und womöglich zum Durchbruch zu bringen» (a.a.O., S. 76f.). Dieser Antrag des Parteivorstandes wurde von dem Delegierten Schneider aus Basel eingebracht (a.a.O., S. 72–77; vgl. unten Anm. 105). – Der Antrag der radikalen Zürcher Gruppe berief sich weniger formal auf den Teilnahmebeschluss, dafür stärker auf die Aufgabenstellung, die in Kienthal für den Fall einer Tagung der 2. Internationale beschlossen wurde: «Um eine sozialistische Arbeiterinternationale wiederherzustellen, muss mit der Politik der Duldung gegenüber denen, die den Boden des Klassenkampfes und damit die Beschlüsse der zweiten Internationalen aufgegeben haben, gebrochen und die Politik der Sozialimperialisten und Sozialpatrioten entschieden verurteilt werden, unter energischer Proklamierung der Prinzipien des Klassenkampfes. Die zukünftige Internationale muss sich auf der Gemeinschaft dieser Prinzipien und auf dem Willen zur gemeinsamen Aktion aufbauen. - Der Parteitag beschliesst in Konsequenz dieser Erklärung, einer Einladung des Internationalen sozialistischen Bureaus zur Friedenskonferenz nur Folge zu geben, wenn die III. Zimmerwalder Konferenz die Teilnahme an ihr beschliesst» (a.a.O., S. 78). Der Präsident der Partei, E. Klöti (vgl. unten Anm. 106), schlug daraufhin vor, dem Parteivorstand die Entscheidung zu überlassen für den Zeitpunkt, an dem die Einladung der 2. Internationale ergehen werde (a.a.O., S. 81f.).↩
105
Friedrich Schneider (1886–1966), 1917-1920 Redaktor des «Basler Vorwärts», seit 1920 Regierungsrat in Basel und Nationalrat, war 1918 Mitglied des «Aktionsausschusses der Oltener Konferenz», des Führungsgremiums im schweizerischen Landesstreik und Verfasser der «Instruktion zur Durchführung des allgemeinen Landesstreiks vom 5. August 1918». Vgl. W. Gautschi, Der Landesstreik 1918, Zürich 19883, S. 140f. 📖 (im folgenden zitiert: Gautschi).↩
106
Emil Klöti (1877–1963), war seit 1907 sozialdemokratischer Stadtrat in Zürich. Von 1919 bis 1930 Mitglied des Nationalrates, war er 1922 für ein Jahr dessen erster sozialdemokratischer Präsident. Nach dem Landesstreik 1918, gegen den er als Präsident der SPS gearbeitet hatte, gehörte er, u. a. mit K. Barth, dem «Schweizerischen Bund für Reformen der Übergangszeit» an, der sich die Versöhnung der Volksklassen zum Ziel gesetzt hatte; vgl. Gautschi, S. 372f. 📖↩
107
Ernst Nobs (1886–1957), seit 1915 Redaktor der sozialistischen Zeitung «Volksrecht», war 1916 bis 1919 sozialdemokratischer Stadtrat in Zürich und ab 1919 Nationalrat, 1943 erster sozialdemokratischer Bundesrat. 1917 stand Nobs der «Zimmerwalder Linken» nahe und war später auch vorübergehend Verfechter der 3. Internationale. Auf dem Berner Kongress votierte er gegen jede Beteiligung am Stockholmer Treffen der 2. Internationale. Den Satz des Zürcher Antrags, der ein Ende der «Politik der Duldung» der «Sozialpatrioten» forderte, interpretierte er: «Wir halten es [...] für notwendig zu betonen, dass die politische Richtlinie, die in diesem Satze ausgedrückt ist, die Voraussetzung für ein gedeihliches Wirken und für die Schaffung eines neuen Vertrauens zwischen den Arbeiterklassen der verschiedenen Länder ist» (a.a.O., S. 84 📖).↩
108
Zu Greulich s. oben S. 158, Anm. 33. – «Da ist in der Resolution der ­Zürcher Versammlung nun schon die Rede von Abtrünnigen, von Ketzern. Wir sind also schon so weit, dass wir sagen: Mit Ketzern dürfen wir gar nicht mehr reden, keinen Verkehr mehr haben; wir müssen ihnen Wasser und Obdach versagen. Dahinter steckt die ganze Kleinmütigkeit einer Sekte, die für ihren teuren Glauben fürchtet, wenn sie mit einem Andersgläubigen auch nur redet. [...] Was verlieren wir denn, wenn wir Delegierte nach Stockholm senden, etwa die Genossen Grimm und Graber und Naine? Glauben Sie denn, sie werden uns etwa gestohlen mit unserm guten Glauben?» (Protokoll, a.a.O., S. 88 📖).↩
109
Jacques Schmid (1882–1960) aus Olten war Redaktor des in Solothurn erscheinenden sozialistischen Blattes «Neue Freie Zeitung»; 1917 wurde er für die Sozialdemokraten in den Nationalrat gewählt. Schmid erklärte: «Jetzt, wo wir daran sind, Delegationen nach Stockholm zu bestimmen, möchte ich Sie einmal fragen: Geht es an und kann die schweizerische Partei es mit ihrem Gewissen vereinbaren, dass sie sich immer nur zur Lehrmeisterin der Internationalen aufschwingen will und den andern gute Lehren gibt, was sie zu tun hätten, dass sie revolutionäre Phrasen schwingt bis zum äussersten, ohne auch nur einmal sich zu einer eigenen Tat aufzuraffen? Ich möchte Sie daran erinnern, dass die schweizerische Arbeiterschaft zu Zehntausenden gegenwärtig freiwillige Kriegsdienste leistet bei der Herstellung von Munition, von Kriegsmaschinen, Werkzeugen, Chemikalien usw. [...] Da möchte ich nun einmal, um den Ruf der schweizerischen Genossen in der ganzen Welt etwas zu heben und den andern zu zeigen, dass wir nicht nur dazu da sind, andern Ratschläge zu erteilen, den Antrag stellen: Wir berufen im Einverständnis mit dem Gewerkschaftsbund in Massen jene Arbeiter der Kriegsindustrie zusammen und fragen sie: Seid ihr bereit, in dem Moment, wo in Stockholm beschlossen wird, für den Frieden in Aktion zu treten, den Generalstreik für alle Arbeiter der Kriegsindustrie zu erklären? [...] Wenn wir das erreichen, dass der einzelne Arbeiter dieses Opfer auf sich nehmen will, [...] dann dürfen wir die Sprache führen, die wir heute bei einem Nobs und vorher bei andern in der Presse gehört haben» (Protokoll, a.a.O., S. 89 📖). Hinsichtlich der Beschickung der Konferenz der «Russen» durch die SPS stellte Schmid folgenden Antrag: «Die schweizerische Partei begrüsst die Einladung des Petersburger Arbeiter- und Soldatenrats zu einer Konferenz zur Einleitung der Erhebung der Arbeiterschaft aller Länder gegen den Krieg. Sie erklärt ihre Teilnahme an derselben und organisiert im Einverständnis mit dem Gewerkschaftsbund sofort überall Massenversammlungen aller in der Kriegsindustrie beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen, um sie darauf vorzubereiten, auf den Ruf der Konferenz hin den Kampf gegen den Krieg mit der Niederlegung aller Kriegsarbeit aktiv zu beginnen» (a.a.O., S. 89f.).↩
110
Ernest-Paul Graber (1875–1956) aus La Chaux-de-Fonds, seit 1912 sozialdemokratischer Nationalrat für den Kanton Neuchâtel, enthielt sich 1914 mit Charles Naine zusammen der Stimme, als die sozialdemokratische Fraktion erweiterten Kriegsvollmachten für den Bundesrat zustimmte, und forderte den ersten Kriegsparteitag der SPS am 31.10.1914 auf, künftig das Militärbudget abzulehnen. Der Redaktor der sozialistischen Zeitung «Sentinelle» und prinzipielle Pazifist war offizieller Delegierter seiner Partei bei der 2. Zimmerwalder Konferenz in Kienthal. Kurz vor Beginn des Berner Parteitags war Graber in La Chaux-de-Fonds wegen Verleumdung von Offizieren zu einwöchiger Gefängnishaft verurteilt, aber von einer Protestversammlung gewaltsam aus dem Gefängnis befreit worden. – «[...] je ne suis pas d’accord avec Nobs pour la résolution qu’il présente. Il prononce des jugements un peu trop durs; à ce moment les opinions peuvent encore évoluer [...]. Nous ne voulons pas empêcher les autres d’accepter encore une nouvelle orientation [...]. Le camarade Schmid a une fausse idée. Venez à La Chaux-de-Fonds – puisque chez nous on fait tant de munition – et vous verrez combien sur le millier d’ouvriers et d’ouvrières sont des socialistes, et vous verrez ce qu’il y a à faire. [...] Avant de prendre à ce sujet une décision, avant de fixer maintenant une attitude, disons ceci: Le jour où les décisions prises dans une troisième conférence de Zimmerwald et peut-être dans une conférence convoquée par les camarades russes, le jour où on rompera définitivement avec la politique de guerre, les camarades suisses devront entrer en lutte pratiquement. Et ce n’est pas nous qui reculerons. Mais avant de prendre une telle décision comme vient la proposer le camarade Schmid, il faut bien réfléchir et savoir ce qu’on va faire» (a.a.O., S. 90f. 📖).↩
111
Fritz Platten (1883–1942) repräsentierte die äusserste Linke in der SPS, deren Geschäftsleitung er seit 1912 angehörte. 1912 wurde er Sekretär der Arbeiterunion Zürich und geriet im Zusammenhang mit dem Zürcher Generalstreik 1912 in Haft. 1917 wurde er in den Grossen Stadtrat von Zürich gewählt und im gleichen Jahr in den Nationalrat. Vor den Konferenzen von Zimmerwald und Kienthal, an denen er teilnahm, war Platten Verbindungsmann zu Lenin und den russischen Teilnehmern. Er gehörte zu den Mitbegründern der Kommunistischen Partei der Schweiz, wanderte 1924 in die Sowjetunion aus und wurde 1942 Opfer der Stalinschen Säuberungen. Vgl. H. U. Jost, Linksradikalismus in der deutschen Schweiz 1914-1918, Bern 1973, S. 37–46 📖. – «Wenn wir heute die Arbeiter selber vor den Entscheid stellten: Wollt ihr je wieder mit den Sozialpatrioten, die sich mit den Verbrechern auf den Thronen solidarisiert und das Proletariat mit in den Krieg hineingetrieben haben, verhandeln? so würden sie noch heute antworten: Nein! Aus dieser Erwägung heraus sind seinerzeit die Massen dazu gekommen, Zimmerwald zuzustimmen, trotzdem die damalige Geschäftsleitung in ihrer Mehrheit für Ablehnung war. Nun sind wir in der zweiten Phase angelangt. Man will versuchen, auf beiden Seiten ein bisschen nachzugeben. Dieser erste Schritt zur Vertuschung der Gegensätze und zum neuen Betrug des Proletariats wird jetzt vollzogen, wenn wir zusammengehen mit Scheidemann und Renaudel und alles das, was Liebknecht, Adler, Rosa Luxemburg usw. an Kampf geleistet haben, desavouiert wird. [...] Das dritte Stadium würde dann auch kommen; denn wenn man einem die Hand gibt, der mit Blut beschmutzt ist, wird man selber blutig» (Protokoll, a.a.O., S. 92f. 📖).↩
112
Johannes Huber (1879–1948), ein Grütlianer (vgl. oben S. 9), war 1905 Mitbegründer und erster Präsident der Sozialdemokratischen Partei des Kantons St. Gallen. Von 1907 bis 1947 sass er im Nationalrat. Vgl. H. Roschewski (Hg.), Johannes Huber 1879-1948, St. Gallen 1949 📖. – Huber sagte in Bern, «dass wir die Aufgabe haben, die Massen und ihre Führer zu belehren, und dass nur in dem Masse, als der Einfluss der Zimmerwalder Richtung gestärkt wird und die Leute überzeugt werden können, die neue Internationale wieder handlungs- und schlagfähig werden wird. Um das zu erreichen, müssen wir aber miteinander reden können, sonst können wir uns nicht überzeugen. [...] Der heutige Parteitag sollte sagen: Wir lassen uns keine Gelegenheit entgehen, welche uns die leiseste Hoffnung gibt, dem Frieden eine Brücke gebaut zu haben» (Protokoll, a.a.O., S. 98–100 📖).↩
113
Rosa Bloch-Bollag (1880–1922), Mitglied im Vorstand der SPS in Zürich und Präsidentin des schweizerischen Arbeiterinnenverbandes, gehörte der Zürcher Linken an. Mit E. Nobs vertrat sie die SPS an der 3. Zimmerwalder Konferenz in Stockholm. Sie wandte sich scharf gegen die Teilnahme an der vom Internationalen Sozialistischen Bureau einberufenen Konferenz: «Wir müssten uns doch schämen mit den Scheidemann, Ebert usw. zusammen an einem Tisch zu sitzen und zu dem Verrat, den man im August 1914 am Proletariat begangen hat, einen neuen Verrat hinzuzufügen.» (a.a.O., S. 100 📖). Nach Barths Erinnerung erwähnte sie dabei Karl Liebknecht, der seit Januar 1916 aus der SPD-Reichstagsfraktion ausgeschlossen und seit Mai 1916 inhaftiert war. Er war der prominenteste Vertreter der seit April 1917 in der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) organisierten Gegner der erwähnten Führer der Mehrheitssozialdemokratischen Partei Deutschlands (MSPD). ↩
114
«[...] je vous propose de tracer le troisième alinéa de la proposition de Zurich et d’autoriser nos délégués à assister à la conférence, à rôle purement passif, pas pour prononcer des jugements et des condamnations, mais pour l’œuvre de la paix rapprochée. Je ne comprends pas pourquoi nous socialistes suisses ne voudrions pas même écouter les autres gens. […] Je n’ai pas demandé de faire des relations avec ces gens, de discuter et d’agir avec eux; mais si les minoritaires de leurs pays même acceptent de participer, nous devrions aussi le faire» (a.a.O., S. 101f. 📖).↩
115
Vgl. Protokoll, a.a.O., S. 106f. 📖↩
116
Sonntag, 10. Juni 1917.↩
117
Diese Diskussion (a.a.O., S. 108–184 📖) entsprach dem Punkt 5 der «Definitiven Traktandenliste» des Parteitages: «Militärfrage» (a.a.O., S. 3).↩
118
Der Delegierte Thurnherr-Luzern stellte den Antrag, eine Beschlussfassung über die Militärfrage zu verschieben - sie also von der Traktandenliste zu nehmen ­-, bis eine internationale Konferenz darüber beschlossen habe. «Wir können wohl heute die Frage diskutieren. [...] Ich bin nun kein Anhänger der Vaterlandsverteidigung. Aber die Tragweite der ganzen Ablehnung ist so gross, dass nicht wir allein in einem kleinen Lande einen derartigen Beschluss fassen können, der sich dann nicht in die Tat umsetzen lässt; sonst bedeutet das nichts anderes als Schindluderei.» Für die Aufschiebung der Beschlussfassung spreche auch, dass die Arbeiterschaft in der Schweiz in der Sache geteilter Meinung sei. In den ländlichen Kantonen könne man Beschlüsse gegen das Militärwesen nicht durchsetzen (a.a.O., S. 108f. 📖).↩
119
«Auf eine direkte Anfrage von Genossen Huggler, Übersetzer, erwidert Thurnherr, dass sich die Luzerner und St. Galler der Diskussion nicht widersetzen, aber von einer Beschlussfassung nichts wissen wollen; letztere Frage wird also erst am Schluss der Diskussion zu entscheiden sein» (a.a.O., S. 109 📖).↩
120
Fr. Platten referierte über das Votum der Mehrheit der zur Vorbereitung dieses Parteitags gebildeten «Militärkommission» (a.a.O., S. 109–127 📖). «In dem Bestreben, zu einer möglichst einfachen Entschliessung des Parteitages zu kommen, hat man sich gesagt: Erstens sind die vorgelegten Thesen zu lang und zweitens wäre es notwendig, dass sich der Parteitag zuerst über die Frage äussert: Militarismus – ja oder nein? Vaterlandsverteidigung – ja oder nein? Auf diese kurze Formel wollte man die ganze Frage zurückführen, um Klarheit zu schaffen» (S. 109f.).↩
121
Vgl. a.a.O., S. 128–137 📖.↩
124
Marie Hüni (1872–1949) war in der Arbeiterinnenbildung der Zürcher Parteisektion tätig. Zu ihrer Rede vgl. a.a.O., S. 163–165 📖.↩
128
«Die Zustimmung zur Landesverteidigung ist für das Proletariat ein Abhang, den man hinuntergleitet, auf dem es kein Halten, kein Stillstehen mehr gibt, auf dem man rettungslos hinuntersinkt in die Ideologie der Bourgeoisie und der Verleugnung der proletarischen Grundsätze» (a.a.O., S. 175 📖).↩
122
G. Müller (s. oben S. 88, Anm. 7) referierte für die Minderheit der Militärkommission: «Wenn wir heute den gesunden Instinkt und die ruhige Überlegung der Vernunft einzig reden lassen könnten, so würde sich hier für die Ansichten von Platten und Naine nur eine verschwindend kleine Minderheit der Delegierten aussprechen. [...] Inzwischen sind nun drei Jahre Krieg vorbeigegangen; die wirtschaftlichen Bedingungen haben sich seither unaufhaltsam verschlechtert; wir haben gegen Not und Elend in nie dagewesenem Masse zu kämpfen; wir haben die lange Mobilisationszeit, die an die Soldaten unerhörte Anforderungen stellt, von ihnen schwere Opfer an Zeit und Geld verlangt; eine ganze Reihe von Missständen hat zu schärfster Kritik herausgefordert; unnötige Überanstrengung der Soldaten ist vorgekommen; [...] zwischen Offizieren und Soldaten tut sich eine immer grössere Kluft auf, immer mehr greift ein Klassen- und Kastengeist Platz in der Armee. Da versteht man, dass eine tiefe Missstimmung nach radikalen Lösungen sucht.» Der «Versuch, jetzt, mitten im Krieg, die Ablehnung der Vaterlandesverteidigung zu proklamieren, [ist] nicht nur unzweckmässig, sondern im höchsten Grade gefährlich. Alle Voraussetzungen, um solche Beschlüsse in die Tat umzusetzen, fehlen, schon deshalb, weil wir uns ja gar kein Bild davon machen können, wie sich die Verhältnisse gestalten werden, wenn einmal die Proletarier aus den Schützengräben heimkehren, wenn sie die Verwüstung an Volkskraft und materiellen Gütern einmal übersehen können und von ihren Regierungen die Rechnung präsentiert bekommen und soundso viele Milliarden Schulden wieder verzinst und amortisiert werden sollen. Dann erst können die revolutionären Energien in gewaltiger Zusammenfassung zu wirklichen Erfolgen führen. Deshalb halte ich den gegenwärtigen Zeitpunkt für die Ablehnung der Landesverteidigung für unzweckmässig und verderblich» (a.a.O., S. 137–143 📖).↩
125
Vgl. a.a.O., S. 165–167 📖.↩
129
Greulich wandte sich an die Vertreter des Mehrheitsantrages mit dem Vorschlag, ein Volksreferendum anzustreben: «Was hindert denn Sie daran, eine Verfassungsrevision in Ihrem Sinn zu verlangen? [...] Sie verlangen einfach Streichung der Artikel, die von der Wehrhaftigkeit des Landes handeln: den Art. 18 📖, wonach jeder Schweizer wehrpflichtig ist, Art. 19, der über den Bestand des Bundesheeres sich ausspricht, Art. 20 betreffend Gesetzgebung über das Heerwesen, und dann noch Abänderung der Art. 2, 8, 11, 15, 16 und 17, statt dessen setzen Sie einen neuen Artikel hin, der etwa lauten könnte: Die Aushebung, Ausrüstung und Ausbildung von Personen zu militärischen Zwecken ist verboten. Dann sammeln Sie noch 50,000 Unterschriften und können dann sehen, wie revolutionär die Massen sind» (a.a.O., S. 177 📖).↩
123
Zu der Rede von Alfred Brüstlein (1853–1924), einem dem rechten Flügel der SPS zugehörigen Berner Anwalt, vgl. a.a.O., S. 152–157 📖.↩
126
Rosa Grimm (1874–1955), die Ehefrau von Robert Grimm, gehörte dem linken Flügel der Partei an. Sie stammte aus Russland und war mit Rosa Luxemburg wie mit den russischen Emigranten um Lenin in der Schweiz befreundet. Sie wurde Mitglied der Kommunistischen Partei, zog sich aber in der Stalinära aus ihr zurück. – «Die Vaterlandsverteidiger, die vor den Konsequenzen unserer Stellungnahme nicht nur Angst haben, sondern sie überhaupt gar nicht wollen, sagen nun, es sei jetzt nicht die Zeit, nicht der gegebene Moment; wir müssen erst das Austoben des Krieges abwarten, und dann wollen wir über die Militärfrage verhandeln. Sagen wir denn, wenn wir zufällig in die Gesellschaft irgendeiner gewissenlosen Bande geraten sind: Jetzt machen wir mit ... und morgen werden wir wieder ehrliche Menschen sein?» (a.a.O., S. 169 📖).↩
130
«Schmid-Olten reicht folgenden Vermittlungsantrag ein: Die Sozialdemokratische Partei der Schweiz erklärt sich bereit, gemeinsam mit den Sozialisten aller Länder die Verteidigung des bürgerlichen Vaterlandes aufzugeben und in den Kampf zu treten für den Frieden und die Völkervereinigung auf demokratischer Grundlage. Sie versucht, diesen gemeinsamen Kampf durchzuführen mit der ganzen Wucht einer einigen und starken Partei» (a.a.O., S. 179 📖).↩
127
Konrad Ilg (1877–1954), Berner Nationalrat 1918-1947, Sekretär des schweizerischen Metallarbeiterverbandes, Präsident des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes und Sekretär des Internationalen Metallarbeiterverbandes. Als Vertreter der Gewerkschaften saß er im Oltener Aktionskomitee von 1918. – «Wollen wir denn wirklich unsern Einfluss soweit geltend machen, dass die umliegenden Staaten die Überzeugung bekommen: die Schweiz kann einfach überrannt werden? Von dem Moment an, wo sie diese Überzeugung haben, werden sie selbstverständlich die Grenze nicht mehr respektieren, und dann werden wir eben den Krieg im Lande haben. Das hat aber mit dem Protest gar nichts zu tun, den wir gegen die Armee, den Militarismus und die Regierungen erheben, hier steht ein ganz anderes Problem auf dem Spiel. Es handelt sich um Sein oder Nichtsein, darum, all das Elend, das der Krieg mit sich bringt, von uns fernzuhalten» (a.a.O., S. 171 📖).↩
131
Über Barths Verhalten bei der Abstimmung ist keine Nachricht erhalten. Es kann wohl aus dem Schlusssatz des Referates erschlossen werden; vgl. auch unten S. 522.↩
132
«Die definitive Abstimmung ergibt für den bereinigten Mehrheitsantrag 222 Stimmen, für den bereinigten Minderheitsantrag 77; ersterer ist also angenommen. [...] Der Antrag Schmid wird hierauf mit 180 gegen 96 Stimmen als Zusatz zu diesem Mehrheitsantrag angenommen» (a.a.O., S. 182 📖).↩