«Alltagskraft»
«ALLTAGSKRAFT»
Der Vortrag für die Tagung der christlichen Gymnasiastengruppen aus
In seinem Brief an Barth vom 23. Juni 19172 hält Kellerhals dankbaren Rückblick: «Ihr heimeliges Unterrichtszimmer wird jedem von uns eine liebliche Erinnerung sein; wenn auch die Stunden, die er dort |383 erlebt, dem einen oder andern der Anfang eines schmerzlichen Uebergangs vom Kinderglauben zu etwas Neuem, ihm noch Unbekannten u. darum Gefürchteten waren, so waren ihm doch die Persönlichkeiten der Referenten wertvoll u. sind ihm zum Erlebnis geworden.» Damit ist wohl auch die kritische Wirkung der Ausführungen
«Alltagskraft»
Der rechte Gymnasiast weiß[,] was er von einem Pfarrer über dieses Thema zu erwarten hat. Er wird von Gott reden: daß Gott unsre Alltagskraft werden muß und daß er es werden will und daß es dazu allerlei Wege für uns giebt. Der Gymnasiast zweifelt vielleicht an Gott, aber, angenommen daß Gott ist, weiß er[,] wer Alltagskraft ist u[nd] wie man dazu gelangt. Ich ermahne nicht zur Bescheidenheit, sondern ich gebe euch recht: ihr wißt[,] was kommt, aus Konfirmandenunterricht[,] Predigten, Lektüre könnt ihr es wissen, u. habt es sicher schon besser gehört als von mir.
Wir rekapitulieren zunächst dieses Wissen.
1. Wir wissen Alle von der Sonntagskraft großer Ideen, Eindrücke u. Erfahrungen. In den Feierstunden unsers Lebens (Natur, Kunst, Literatur, Philosophie, Bibel) begeistert uns die Wahrheit, erhebt uns das Schöne, bewegt uns das Gute, bezwingt uns das Göttliche. Ein Glanz u. eine Verheißung leuchtet auf über unserm Leben. In diesem Vorgang erfahren wir u. haben wir: Kraft – als Sonntagskraft. Wir wissen, auch wenn wir gelegentlich zweifeln u. in der Namengebung schwanken: das ist Gott.
2. Wir wissen aber auch Alle, daß diese Sonntagskraft Alltagskraft werden sollte. Einerseits setzt sich unser Leben nicht nur aus Feierstunden zusammen, sondern da sind Aufgaben, Pflichten, Sorgen, Fragen, die nach begeisternder bewegender Kraft gleichsam schreien. Andrerseits will Gott nicht ein Sonntagsgott bleiben, nicht mit sich spielen, sich genießen lassen. Wir erwachen nach einem schönen inhaltsreichen Sonntag an einem grauen leeren Montag. Wir kommen von dem Lager6 in die Stadt zurück. Wir kommen von
3. Wir wissen schließlich auch den Weg dazu: Es gilt, mit Gott in Gemeinschaft zu treten. Er giebt dem Müden Kraft [
Nun ist das, was man wissen kann, wieder einmal gesagt u. gehört. Aber genügt es, das zu wissen? Oder wird nicht diese Linie unsers Wissens gekreuzt durch eine ganz andersartige Linie unsers Erfahrens?
1. Wer ist der Mensch, der vom Sonntag «ins volle Leben»9 hineingeht, wie es in einem Konfirm[anden-]Büchlein heißt? Etwa du? Stehen wir nicht Alle in den Peripetieen der Stimmungen u. Erlebnisse u. wer soll da heraus?
Wer sind die Menschen, die wirklich aus den Kräften Gottes leben, die sich nicht in immer neuen Feierstunden verleugnen, daß sie keine Alltagskraft haben?
Wo ist die Menschheit, der Gott Alltagskraft, nicht nur Sonntagskraft wäre?!
Wir Christen kommen daher mit unserm Glauben, Leben, Bibellesen, mit unserm «relig[iösen] Leben» – und stehen wie vor einer unübersteiglichen Mauer. Es giebt Alltagskräfte[,] die sich der Alltagskraft einfach nicht fügen wollen: unsre Individualität, das Geld, der Machttrieb, gewisse Übel des «natürl[ichen]» Lebens, der Tod. Das sind Mächte u. Gewalten, die uns vielleicht den Besitz einer relig. Gedanken- und Gefühlswelt unter ihrer Herrschaft gestatten, nicht aber den Sieg über die Welt [vgl.
386 Unendlich nahe legt sich bei dieser Situation der Verzicht. Das Göttliche, Geistige wird für sich gepflegt (ästhetisch, wissenschaftlich, religiös) – vielleicht unter dem Vorbehalt: vorläufig! – der Alltag wird sich selbst überlassen als ein Gebiet, das eben seine eigene (traurige!) Wahrheit hat. Umso intensiver kann daneben die Kirche auf Sonntagskraft warten[.] Aber allmählich wendet sich die Situation dahin, daß wir mit religiöser Leidenschaft behaupten, daß Gott nicht oder noch nicht Alltagskraft sein will u. kann. Wichtig ist nicht mehr, daß wir Alle Gottes sein sollen, sondern daß jeder seinen eignen Sinn u. Kopf haben darf. Wichtig ist nicht mehr, daß Gott herrschen soll u. nicht der Mammon, sondern daß auch unter der Herrschaft des Mammons Gottesdienst möglich ist, ja sogar mit seinen Mitteln. Nicht mehr der neue Himmel u. die neue Erde [vgl.
2. Wir können aber auch von Gott her zu dieser Erfahrung kommen.
Je aufrichtiger unser relig. Leben wird, je mehr wir wirklich Gott suchen u. finden, nicht uns selbst, desto schärfer erhebt sich die Frage: was hat Gott mit unserm Alltag zu thun? Mit dem Alltag eines Pfarrers, der es sich erlaubt, zu seinem Bruder zu sagen: vertraue dem Herrn! ein Sünder[,] der es wagt zu sagen, was nur Gott selbst sagen dürfte, der aus der Gottseligkeit einen bes[onderen] Beruf macht, der durch sein ganzes Dasein hofft, den Schein zu erhalten, als ob es eine bes. Sonntagswelt gäbe?!
Mit dem Alltag eines Kaufmanns, der mit seinem ganzen Eifer dem Herrn dieser Welt dienen muß.
Mit dem Alltag des Soldaten, der das Gewehr in der Hand, sein «Vaterland» verteidigt gegen seinen Bruder.
Mit dem Alltag des Gymnasiasten, dem es um Examen u. Noten zu thun ist, im besten Fall um Kenntnisse, die zum Guten oder zum Bösen verwendet werden können.
387 Läßt Gott sich so einfach vor unsern Wagen spannen oder stehen wir nicht samt u. sonders unter dem Gericht der Tatsache, daß Gott die Situation gar nicht will, die unsern Alltag bestimmt? Geht er nicht einen ganz anderen Weg, und ist nicht die «Ehrlichkeit» vieler Atheisten begreiflich – von Gott aus begreiflich – die finden: Gott hilft mir ja in meiner Lage nicht u. von einem blosen Sonntagsgott nichts begreifen? Ist unser ganzes relig. Leben mehr, als ein feiner Widerschein der Realität Gottes, dessen was eigentlich sein u. geschehen könnte u. sollte? Was Wunder wenn Gott uns zweifelhaft wird, er macht sich uns selbst zweifelhaft! – Auch hier das Ende ein Verzicht!
So stehen wir wie geklemmt zwischen unserm Wissen und unsrer Erfahrung. Wir wissen, daß es eine Alltagskraft giebt[,] u. erfahren, daß wir sie nicht haben, nicht haben können!
1. Was thun? Das Eine oder das Andre preisgeben?
Der Weg
2. Also eine Bankrotterklärung? Ja, die
388 a) Wir sollen gar nicht durchdringen mit unserm Glauben in diese Welt, sondern eine neue soll erscheinen. [*]13
b) Gott soll gar nicht uns helfen, sondern wir ihm.
An die Menschen[,] die hier stehen, richtet sich Jesus mit seinem Wort vom Gottesreich (dem Alltag Gottes!) und vom Glauben (Gottes Treue mit Treue begegnen) Selig sind, die hungert u. dürstet …. [
Das Gewissen u. seine Forderungen: Gebote für den Alltag?
Mehr als das, Erinnerungen an die kommende Welt Gottes!
Das Gebet: Hilfe für jetzt u. für uns, ja aber noch mehr: dein Name, dein Reich, dein Wille .. [vgl.
Die Bibel Geschichte, Moral, Religion für uns, ja aber unendlich viel mehr: die Wahrheit Gottes, die erscheinen will.
3. Und die Alltagskraft, die wir brauchen u. die da sein sollte?
Wir wissen jetzt nur Eines sicher: sie ist Gottes, nicht unsre Kraft[.]
389 Wir sind jetzt in der Höhle14, finsteres Zimmer. Wundern wir uns nicht über das mangelnde Licht! Freuen wir uns im Blick auf Jesus, daß ein größeres Licht kommt. Freuen wir uns, daß es schon jetzt Lichtstrahlen giebt für die[,] die auf Gott trauen. Sie sind Verheißungen auf mehr.