1917

Die Zukunft des Christentums und der Sozialismus

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DIE ZUKUNFT DES CHRISTENTUMS UND DER SOZIALISMUS

1917

Karl Barth hielt diesen Vortrag auf einem Ferienlager für Jugendliche, das vom Christlichen Verein junger Männer und anderen christlichen Jugendorganisationen ca. 25 km nördlich von Safenwil auf der Rotmatt ob Buus (Kanton Basel-Landschaft) vom 29.7. bis 5.8.1917 veranstaltet wurde. Barth war einer von insgesamt zwölf Gastrednern, fast alle Pfarrer aus Basel. Ziel des Ferienlagers war es, «durch gemeinsame Arbeit (Vorträge & Diskussionen) das religiöse Leben zu erwecken und anzuregen» (so in der Einladung an Barth vom 15.5.19171). Die Themenkreise lauteten: «Biblische und religiöse Fragen», «Fragen des persönlichen Lebens», «Religionsgeschichtliches», «Arbeit unter jungen Männern», «Soziale Frage». Als Thema seines Vortrages, der als einziger dem letzten Gebiet angehörte, war Barth «Soziale Zukunftsfragen» vorgeschlagen worden.2

Die Zukunft des Christentums und der Sozialismus.

Vortrag im Ferienlager des C.V.J.M. etc. in Buus am 31. Juli 1917

Das Christentum des 19. und des beginnenden 20. Jahrh[un]d[e]rts hat mit dem Sozialismus das Erlebnis machen müssen, das Jesus Matth. 21,28f. beschrieben hat: «Es hatte ein Mann zwei Söhne .... Wahrlich ich sage euch: Die Zöllner u. Huren mögen wohl eher ins Himmelreich kommen denn ihr!» Dieses Gleichnis ist vielleicht seit der Begegnung der alttestamentlichen Frommen mit den «Armen im Geist», die Jesus dort charakterisierte[,] in grossem Massstab noch gar nie so voll u. so deutlich in Erfüllung gegangen wie in der heutigen Begegnung des geschichtlichen Christentums mit dem Sozialismus u. der Sozialdemokratie. Der weltgeschichtliche oder vielmehr gottesgeschichtliche Sinn beider Begegnungen ist eine starke Überholung und Überbietung der Söhne u. Erben des Hauses durch zu spät gekom|391mene Fremdlinge, die sich aber eben dadurch als die wahren Söhne des Vaters erweisen, eine Überbietung nicht in Nebensachen, sondern in der Hauptsache: in der tatsächlichen Stellung zu den Verheissungen u. zum Willen Gottes. So sicher Jesus dort die Pharisäer und mit den Pharisäern ganz Israel zum letzten Mal vor die Entscheidungsfrage auf Leben u. Tod gestellt hat – und wir wissen[,] wie diese Frage damals beantwortet worden ist – so sicher wird das moderne Christentum aller Kirchen, Gemeinschaften u. Richtungen früher oder später, wahrscheinlich aber in der nächsten Zeit über seine Zukunft zu entscheiden haben in seiner innern Auseinandersetzung mit dem Erlebnis des ungeratenen aber gehorsameren Bruders, des Sozialismus u. der Sozialdemokratie.

I

Wir verweilen zunächst ein wenig bei diesem Erlebnis. Was ist denn geschehen? Die Lage ist nicht ganz einfach.

Vergleichen wir zunächst hüben u. drüben die Menschen. Erinnern wir uns aus unsrer Lektüre oder persönlichen Bekanntschaft an die geistige Silhouette einer Anzahl der hervorragendsten ernst zu nehmenden Vertreter hier des modernen Christentums, dort des Sozialismus. Halten wir uns auf beiden Seiten das Menschliche, das Persönliche, das Seelische vor Augen, das uns einerseits in den reichen Äusserungen des christlichen Lebens in Kirche, Theologie, ­Vereinsarbeit, Mission u. Liebestätigkeit entgegentritt, andrerseits in den ­Lebensäusserungen der sozialdemokrat[ischen] Partei- u. Presstätigkeit[,] der Gewerkschafts- u. Genossenschaftsbewegung. Vergleichen wir dieses Menschliche hüben u. drüben und ich denke[,] wir werden keinen Augenblick im Zweifel sein können, auf welcher Seite wir uns in der «bessern Gesellschaft» befinden: selbstverständlich[,] wenn es darauf ankommt, im Grossen Ganzen auf der christlichen Seite, mit ihrem durch den beständigen engen oder losen Kontakt mit der Bibel geschärften Gewissen, mit ihrer verinnerlichten «vergeistigten» Lebensauffassung, mit ihrer sorgfältigen an den höchsten Vorbildern orientierten Charakterbildung, mit ihrer auf den Geist gegründeten und in der Liebe sich tausendfach bewährenden Sittlichkeit – und wahrhaftig, wenn es darauf ankommt, nicht auf der Seite der Sozia|392listen mit ihrem Materialismus, mit ihrer ganzen höchst diesseitigen Lebensrichtung, mit ihrer Vernachlässigung oft der einfachsten persönlichen sittlichen Grundsätze, mit ihrer sehr zweifelhaften Klassenkampfmoral. Wenn es auf den einzelnen Menschen, seinen Charakter u. seine Haltung ankommt[,] so wird uns ohne Zaudern ein christlicher «Junger Mann» durchschnittlich erheblich viel sympathischer sein als ein durchschnittlicher soziald[emokratischer] Jungbursche3. Wieviel feiner[,] gerechter der Ton sagen wir im «Appenzeller Sonntagsblatt» als im «Volksrecht»4! Wieviel nobler die Figur eines basler oder genfer Liberalkonservativen im Nationalrat als etwa die der Barrikadengestalten von Zürich[,] Lausanne u. Neuenburg5! Wieviel schöner das Familienleben etwa eines unsrer guten Blaukreuzler als das eines roten Berufskämpfers! Ich denke, ich brauche das Alles nicht zu beweisen. Es handelt sich ja da um eine Beobachtung, die von christlicher Seite schon oft gemacht u. darum bekannt genug ist. Man kann ihre Richtigkeit nur zugeben. Die Wilden sind im Grossen Ganzen wirklich nicht die bessern Menschen.6

Wir vergleichen zweitens die Ideen. Hier die christliche Anschauung von der Sünde, durch die die Schöpfung Gottes verdorben ist[,] u. |393 von der Erlösung in Christus[,] durch die sie wiederhergestellt werden soll. Dort die sozialistische Theorie von den Klassengegensätzen u. ihrer Überwindung in einer durch die Geschichte sich hinziehenden Reihe von Klassenkämpfen, vom Kapitalismus u. seiner Ablösung durch den kollektivistischen Zukunftsstaat. Hier d. Wort v[om] Kreuz – hier die Lehre von der Macht des Proletariats[.] Hier P[au]l[us], Augustin, Luther u. Schl[eiermacher] – hier Marx u. Engels. Auch da kann bei unbefangener Beobachtung keine Rede davon sein, dass sich der Christ mit seinem Ideenschatz u. seinen Meistern vor den Sozialisten zu schämen hätte. Im Gegenteil: es wird ihm nicht schwer fallen zu zeigen, dass seine Wahrheit, die Wahrheit von der in Christus vollzogenen Versöhnung der Menschheit durch die Liebe Gottes[,] die Wahrheit des Sozialismus in sich begreift, dass der Sozialismus im besten Fall ein kleines Teilstück der christlichen Ideen vertritt u. auf die Ergänzung durch das Christentum angewiesen ist, für sich selber aber ein Gedankengebilde darstellt, dessen geistige Armut durch seine prachtvollen Schlagworte nur mühsam verhüllt wird. Auch wenn es auf die Ideen ankommt, kann sich der Christ gegenüber dem Sozialisten ruhig rühmen: Wir haben die tiefere, die umfassendere Erkenntnis. Nicht wir haben von euch, sondern ihr habt von uns zu lernen.

Wir vergleichen drittens die auf beiden Seiten bis jetzt erreichten Erfolge. Beide Seiten vertreten ja eine Heilslehre, beide verkündigen ein Arkanum gegen die Leiden einer gefallenen Menschheit. Auch der Sozialismus hatte wenigstens seit 30 Jahren Gelegenheit genug, sich wenigstens im Kleinen auch praktisch zu bewähren. Hat er es getan? Was hat er z.B. der Kranken- u. Unfalls- u. Altersversicherung des christlich-konservativen Deutschland7 an positiven Leistungen entgegenzustellen? Wo sind die sozialistischen Gegenbilder der Menschenliebe u. Aufopferung eines Wichern, eines Gustav Werner, eines Bodelschwingh, eines Arnold Bovet?8 Was hat er getan, um von den |394 Heiden nicht zu reden, für die Ärmsten der Armen: die geistig u. körperlich Benachteiligten, für die Trinkerwelt, für den 5ten Stand? Geht er nicht gerade an den am heftigsten blutenden Wunden der Menschheit seltsam starr vorüber? Ich steige noch eine Stufe tiefer hinab in den Jargon einer nicht ganz seltenen christlichen Argumentation u. frage: wieviel Menschen sind durch den Sozialismus glücklich geworden? wieviel junge Leute vor schlechten Einflüssen bewahrt? wieviel Versunkene wieder zurechtgebracht? Wo, wo sind seine positiven Leistungen? Was bedeutet gerade jetzt im Krieg die rote Fahne? Aber das rote Kreuz, das triumphiert jetzt auf den Schlachtfeldern!! Und wenn die Sozialdemokraten etwas aufzuweisen haben an positiven Leistungen der Solidarität u. Bruderliebe, bes. auf dem Gebiet des Gewerkschafts- u. Genossenschaftswesens, verdanken sie es ihrem Sozialismus u. nicht vielmehr den «fossilen Überresten des Christentums ihrer Väter»[,] wie es ihnen Bismarck einst entgegengeschleudert hat!9 Und nun all diesen Fragen gegenüber die unwiderleglichen Tatsachen der innern u. äussern Mission, der christlichen Vereins-Liebestätigkeit im weitesten Sinn von den Kinderkrippen unsrer Städte bis zu der Kriegsgefangenenfürsorge des C.V.J.M. in den fernsten Ländern, von den Magdalenenvereinen10 bis zu den |395 Blaukreuzvereinen. Hat nicht Jesus gesagt, dass man sie an ihren Früchten erkennen soll [Mt. 7,16]? Ja wirklich, wenn solche «positiven Leistungen» die Früchte sind, die Jesus gemeint hat, wenn es darauf ankommt – wie unvergleichlich viel grösser u. fruchtbarer steht dann das moderne Christentum da neben seinem Konkurrenten u. Gegner!

Aber kommt es denn darauf an? müssen wir nun weiter fragen. Vor Gott nämlich, in der Geschichte seines Reiches? Ist es da so wichtig, wo die feineren Menschen, die grösseren Ideen, die schöneren Erfolge zu finden sind? Muss es uns nicht stutzig machen, wenn wir uns sagen, dass gerade so wie wir jetzt gegen die Sozialdemokraten einst die Pharisäer mit vollem Recht gegen die «Zöllner u. Huren» haben argumentieren können. Und trotz ihrem vollen Recht war Jesus – nicht auf ihrer Seite. Sind wir mit dem Sozialismus fertig, wenn wirs gemerkt haben, was ja so leicht zu merken ist: eine ziemlich schlechte Gesellschaft mit ungenügenden Ansichten u. ärmlichen Leistungen. Gott sei Dank, dass ich kein Sozialdemokrat bin! Oder sind wir nicht gerade im Urteil Gottes in der allerverhängnisvollsten Selbsttäuschung[,] wenn wir bei diesen billigen Entdeckungen stehen bleiben?

Wir fragen noch einmal: Was geschah denn da, als neben das Christentum der Sozialismus trat mit seinen Propheten u. Aposteln, mit seiner Heilslehre, mit seinen praktischen Lösungsversuchen des grossen Welträtsels. Ich kann die Antwort[,] auf die wir stossen, wenn wir von der Erscheinung zum Wesen vordringen, nicht anders formulieren, als mit dem einen Worte: Kräfte –, Kräfte brachen auf u. wurden wirksam, die das moderne Christentum aller Schattierungen nicht hat. In allem Andern mag das moderne Christentum dem ungeschlachten Bruder weit voraus sein, aber in den Kräften ist er ihm voraus! Und nun sind die Kräfte, wie wir aus dem NT wissen [vgl. 1.Kor. 4,20] [,] gerade das Wesentliche im Reiche Gottes. Nicht gute oder böse Menschen, nicht wahre oder falsche Ideen, nicht gelungene oder misslungene, positive od. negative Leistungen bewegen die Welt u. die Geschichte, sondern die himmlischen od. höllischen Kräfte[,] die hinter dem Allem an der Arbeit sind. Das Evangelium ist nicht der Weg ein |396 guter Mensch zu werden, sondern wie Paulus sagt, «Kraft Gottes zum Heil» [Röm. 1,16], ein Stoss aus der Tiefe gleichsam, zur Erneuerung u. Errettung der Kreatur, geführt von dem Gott[,] der sich selber u. darum auch seiner Welt treu bleibt. Im Leben u. Wirken Jesu sind nicht neue Ideen an den Tag gekommen – die Rabbinen wussten fast Alles auch[,] was er sagte, – wohl aber die neuen oder vielmehr die uralten Schöpfungskräfte des Himmelreichs. Die Ausgiessung des hl. Geistes an Pfingsten – wie bescheiden waren die «positiven Leistungen»[,] die diesem Ereignis gefolgt sind. Ja, aber es war ein Ausbruch von göttlichen Kräften, die dazu bestimmt waren[,] in einer Weise aufs Ganze u. in die Tiefe des Lebens zu wirken, die das Chr[isten]t[um] der Kirche, das dann bald einsetzte, einfach nicht mehr ertragen konnte, deren Art u. Richtung uns aber aus den Schriften des NT noch durchaus erkennbar ist. Es ist hier nicht der Ort, zu schildern, wie diese göttlichen Kräfte dann bald genug versiegen mussten, weil die Christen den Sinn verloren für das Handeln u. Schaffen Gottes, das in Christus hervorgebrochen war, weil sie zuviel mit sich selbst, mit ihren Seelen, mit ihren Ideen, mit allerlei menschlichen relig[iösen] Unternehmungen beschäftigt waren. Wir können jetzt auch nicht beschreiben, wie die Christenheit es doch nie ganz vergessen konnte, dass es sich eigentlich um Kräfte, um Gotteskräfte handle im Chrt., wie es dann doch auch immer wieder zu einem gewissen Aufflackern dieser ursprünglichen Flamme kam, etwa in der Reformation oder in der Erweckungszeit[,] wie es aber doch im Grossen Ganzen immer wieder still blieb von diesem Wesentlichen im Reiche Gottes, weil die Christen gar so unaufmerksam waren u. immer wieder die Person u. die Gedanken u. Taten Gottes vergessen konnten über ihren eigenen Personen, Gedanken u. Taten. Das moderne Chrt. insbesondere, das doch vor hundert Jahren eine Zeit erlebt hat, in der das Himmelreich mit seinen Kräften wieder nahe war, ist gekennzeichnet durch eine allgemeine Kraftlosigkeit. Es hat unzählige herrliche fromme Menschen hervorgebracht, es hat die Tiefen der Gottheit erforscht [vgl. 1.Kor. 2,10], es hat sich ausgebreitet in einer Fülle von glaubenseifrigen Unternehmungen. Aber es hat auch das Gefühl verloren für das Dynamische, Schöpferische, Tätige, Kräftige in Gott und für das Seufzen u. Harren der Kreatur, die sich mit uns nach Erlösung sehnt [Röm. 8,22f.]. Es erwartet so wenig. Es ist so schnell zufrieden mit ein wenig |397 Seligkeit, ein wenig Erkenntnis, ein wenig christlicher Tätigkeit. Es empfindet nicht, wie wenig u. mager das Alles ist, gemessen am Willen u. an den Verheissungen Gottes. Es singt so merkwürdig leichthin: Mir ist so wohl!11 mitten in einer Welt, der es …12 Die Not des Lebens ist unendlich viel grösser als es denkt[,] u. Gottes Hilfe könnte unendlich viel grösser sein als es meint, aber es merkt weder das Eine noch das Andre. Es stellt sich so schnell bereit auf den Boden des Bestehenden, Gegenwärtigen[.] Es ist so gar nicht arm im Geist [Mt. 5,3], hungernd u. dürstend nach Gerechtigkeit [Mt. 5,6]. Es hat den Sinn für Gott nicht, nicht mehr oder noch nicht, wie wir es auffassen wollen. Und wo kein Sinn ist für Gott, da müssen die himmlischen Kräfte ruhen, da kann u. will Gott nicht helfen. Und während die himmlischen Kräfte ruhen müssen, sind die höllischen Mächte um so tätiger gewesen, haben sich entfalten dürfen im 19. Jahrh[un]d[e]rt wie noch in keinem andern, haben ihre Babelstürme von Kapitalismus, Nationalismus, Militarismus aufbauen können[,] und die Christen, die Christen des 19. Jahrhdrts[,] die von der Erweckung herkamen, merkten gar nicht was vorging, liessen die Welt gehen, wie sie ging, halfen wohl noch in ihrer Ahnungslosigkeit den dunklen Gewalten, jammerten über besonders wüste Erscheinungen, über die vielen Seelen, die sie verloren gehen sahen, über die zunehmende Gottlosigkeit der Zeit und verstanden ihre Zeit doch so gar nicht, verstanden nicht[,] dass gegen Kräfte nur Kräfte etwas ausrichten. Wussten ja gar nicht mehr[,] dass bei Gott Kräfte sind noch heute auch gegen den Mam|398mon, auch gegen den Unfrieden der Nationen, auch gegen das Elend des Proletariats, auch gegen die Krankheit so gut wie gegen die persönliche Sünde des Einzelnen, mit der sie sich ebenso endlos wie machtlos abmühten. Sie redeten begeistert davon, Jesus zum König zu machen13, und vergassen, dass alles Glauben u. Beten umsonst sein muss, dass die Regierungsgewalt Jesu vom Himmel her gleichsam stillgestellt ist, solange auf der Erde so wenig Sinn und Verlangen ist für die königlichen Siegeskräfte, die uns in seinem Namen erschlossen sind. Sie entfalteten glänzende Gaben u. Fähigkeiten auf einzelnen, vom Strome des Lebens abseits liegenden Gebieten: für die Mission, für die persönliche Seelsorge, für die theolog. Wissenschaften, aber sie merkten nicht, wie das Alles ein «Gehen am Ort» bedeutet, wenn es allein bleibt, wenn jener göttliche Stoss aus der Tiefe, der auf das Ganze u. in die Tiefe geht, versagt u. ausbleibt. Und er ist ausgeblieben, man sollte sich heute darüber nicht mehr täuschen. Dutzende von christlichen Biographieen aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhdrts zeigen immer wieder das gleiche tragische Schauspiel, wie die Begeisterung der Jugend überging in die Selbstzufriedenheit u. Resignation des Alters, wie der Strom des Glaubens[,] der einst Alles in Christus erneuern14 wollte, versandete u. zu einem trüben schmalen Bächlein von Kirchen- oder Gemeinschaftschristentum wurde, wie die Kräfte des Gottesreiches anklopften[,] um der Christenheit die grössten Aufgaben anzuweisen[,] u. wie sie schnell genug wieder zum Schweigen kamen[,] weil die Christenheit sie einfach nicht verstand, sondern sich schleunigst allerhand selbstgestellten Privat- u. Spezialproblemen zuwandte, die an sich wohl wichtig u. nötig wären[,] aber nicht für sich[,] sondern nur im Zusammenhang der Gesamterneuerung des Lebens u. der Welt aus den Kräften Gottes, die der Sinn des Evangeliums ist.15 |399 Das moderne Chrt. hat erreicht, was es konnte u. wollte: es hat eine Reihe von hochbedeutenden religiösen Persönlichkeiten u. Heroen hervorgebracht, es hat eine glänzende Theologie entfaltet, die auf alle Fragen mit der Zeit eine gescheite tiefe Antwort fand, es hat auf praktischem Gebiet betrieben[,] was man nur betreiben kann, es kann ihm der Ruhm vor den Menschen unmöglich abgestritten werden, es hat mit vollem Recht den Namen, dass es lebe, aber – [vgl. Apk. 3,1]

Und nun kam der Sozialismus – und hatte von dem Allem nichts. Da ist wirklich Armut im Geist [vgl. Mt. 5,3], da ist Erkenntnisdürre, da ist Anfechtbarkeit. Was weiss der Sozialismus von der Bibel, von Luther und P[au]l Gerhardt? Er hat überhaupt keine Vergangenheit. «Ohne Vater, ohne Mutter, ohne Geschlecht» wie Melchisedek nach Hebr. 7,3 tritt er auf in der Geschichte des Reiches Gottes. Was weiss er von der Macht des Gebets, von der persönlichen Heiligung, vom Segen brüderlicher Gemeinschaft? Alle diese feineren tieferen Quellen des Lebens sind ihm verschlossen, er begehrt gar nicht danach. Was ist ihm Gott u. Christus? Seltsame, verdächtige oder verhasste Namen, von denen er sich mit aufrichtiger Gleichgiltigkeit abwendet. Er steht ganz u. gar ausserhalb des heiligen Kreises. Aber er hat Kräfte, gerade die Kräfte, die dem modernen Christentum im Grossen Ganzen fehlen. Da ist eine unbedingte Sachlichkeit trotz aller scheinbaren Äusserlichkeit[,] die auf das Centrale geht. Da ist ein radikaler Ernst, der die Mächte des Bösen begreift als wirkliche Mächte dieser Welt[,] u. ein radikaler Glaube an das Gute, dass es auf der Erde möglich werden muss. Da ist Geist, der seufzt u. schreit nach einer einheitlichen Welt, der das Materielle begreifen u. durchdringen, beherrschen will, der das Innere u. das Äussere des Lebens zusammen fassen möchte zu einem gesunden Organismus. Ja, nur ein Seufzen u. Schreien ist eigentlich das Wesen des Sozialismus, ein hilfloses Ringen des Menschen mit den unpersönlichen Mächten dieser Welt, weil er ein Mensch sein[,] weil er leben möchte der tötlichen Umklammerung des Mammon u. einer mammonistischen Gesellschaftsordnung zum Trotz, ein unpraktisches, ratloses, phantastisches Hungern u. Dürsten |400 nach Gerechtigkeit [vgl. Mt. 5,6], ein Stürmen u. Wüten gegen tausendjährig verschlossene Thüren, ein Prometheustrotz gegen Zeus, den Herrn u. Gott dieser Welt. Das ist der Sozialismus – nicht mehr als das – aber das ist er. Lesen Sie die sozialdemokratische Presse, wenn Sie genug Demut u. Geduld haben, das ruhig zu tun – lesen Sie die Biographien eines August Bebel16, eines Krapotkin17 – versuchen Sie es, Ihre «roten Brüder»18[,] die sozialist. Jungburschen, von innen u. nicht nur von aussen kennen zu lernen, versuchen Sie es[,] einen Einblick zu gewinnen etwa in die Geschichte u. Praxis einer Gewerkschaft, versuchen Sie es, mit offenen Augen u. Ohren u. Herzen u. ohne sich gleich wieder wohlfeil zu entrüsten, den innern Verhandlungen der Partei, etwa wie sie im letzten Jahr über die Militärfrage geführt worden sind19, zu folgen – und es wird Ihnen immer wieder als Wesen des Sozialismus dieses Eine entgegentreten: der ursprüngliche Trotz gegen die höllischen Mächte[,] die die Welt beherrschen[,] u. das Seufzen u. Schreien nach einer aufs Ganze gehenden Erneuerung. In diesem Trotz aber u. in diesem Schreien ist Glauben u. solchen Glauben hat Jesus in Israel nicht gefunden [Mt. 8,10]. Und dann fragen Sie sich, ob das moderne Christentum irgend etwas Ähnliches aufzuweisen hat. Sehen Sie, wie im Leben etwa Bebels die Sache u. immer wieder die grosse Befreiungssache[,] an der er steht, eins u. Alles ist[,] u. nun vergleichen Sie damit[,] wie in den christlichen Biographieen, nehmen Sie z.B. das berühmte Leben L. Hofackers von Knapp20 zur Hand od. Wittes 2 b[ändiges] Werk über A. Tholuck21[,] wie da fast überall der Mensch u. immer wieder der Mensch mit seinen kleinen persönlichen Gefühlen u. Erfahrungen im Mittelpunkt[,] in der strahlenden Wichtigkeit steht! Sehen Sie, wie die Sozialisten auf ihren Parteitagen etwa |401 zusammenkommen in der bestimmten Erwartung, dass es sich jedesmal um Entscheidungen handelt[,] u. vergleichen Sie damit, was wir von unsern christlichen Zusammenkünften erwarten: etwas Anregung, etwas Begeisterung, etwas Bekanntschaft mit interessanten Persönlichkeiten[,] ein Erlebnis, wie es seit 10 Jahren Mode ist zu sagen – ja aber Anregung wozu? Begeisterung für was? Erlebnis wessen? wenn man fragen darf! Sehen sie diese Jungburschen z.B.[:] ihre Sprache u. ihr Auftreten ist nicht immer lieblich, aber die wissen[,] was sie wollen, besser als mancher Pfarrer, der am Samstag über der Frage brütet, was er denn eigentlich noch predigen solle, wo doch schon Alles so schön gesagt ist, besser auch als mancher christliche Verein, der sich mühsam immer wieder über seinen Zweck u. auf immer neue Unterhaltung für seine Mitglieder besinnen muss, weil er in der Hauptsache längst nicht mehr weiss, was er will. Sehen Sie, dieses Unmittelbare im Sozialismus, so roh u. kindlich es uns oft entgegentreten mag, das ist seine Kraft. Das ist das Geheimnis seiner ungeheuren Wirkungen auf die Seele der heutigen Menschheit. Das ist auch das Geheimnis der unheimlichen Erschütterung, die er einfach durch sein Dasein auch auf das moderne Christentum, das ihm doch so weit überlegen ist, hervorgebracht hat. Ja, warum ist der Sozialismus auf einmal auch zu einer brennenden Frage des modernen Christentums geworden? Warum hat auf einmal auch das Chrt. des 19. Jahrhdrts sein soziales Gewissen entdeckt u. sich in 1000 soziale Tätigkeiten gestürzt? Warum macht auf einmal auch auf christl. Seite Alles in sozialer Frage? Warum alle die Parolen: christl.-sozial, ev[an]g[elisch]-sozial, rel[igiös]-soz[ial]?22 Warum haben auch Sie das Bedürfnis |402 empfunden, sich heute wenigstens eine Stunde mit dieser soz[ialen] Frage zu beschäftigen? Glauben Sie doch ja nicht, dass die ganze innere Erschütterung, die wir Christen von der Seite des Sozialismus her erfahren, von den paar feinen Menschen herrührt, die ja auch auf jener Seite stehen[,] oder von der überzeugenden Macht des sog. wissenschaftl. Marxismus oder gar von den gewissen äussern Erfolgen der Partei, die ja heute in einem recht fragwürdigen Licht dastehen. Nein, das was dieser Bewegung das Reissende[,] Bezwingende giebt, das auch uns Christen[,] ja uns vor Allem Angst macht u. Respekt einflösst, Freude bereitet oder auch Widerwillen verursacht, das was uns nötigt uns mit ihm auseinander zu setzen, das ist das Unmittelbare, das wir darin spüren, der göttliche Stoss, der da wieder einmal aus der Tiefe gekommen ist ganz abseits von allem religiösen Wesen freilich, aber aus der Tiefe, wo Licht u. Finsternis miteinander ringen. Vor dieser Tatsache stehen wir erstaunt u. entsetzt u. fragen uns verlegen, was wir als Christen damit anfangen sollen, weil sie uns so ungeheuer fremd ist u. weil wir doch nicht anders können, wenn uns die Bibel auch nur noch ein wenig lebendig ist, als in dieser Bewegung Geist von unserm Geist, Fleisch von unserm Fleisch erkennen [vgl. Gen. 2,23], weil wir vor diesem jüngern Bruder stehen mit dem halb niederdrückenden[,] halb doch auch wieder beschämt erfreuten Gefühl: dort geschieht, was bei uns geschehen sollte! Dort ist mehr denn Salomo [vgl. Mt. 12,42]. Dort sehen sie etwas von dem[,] was alle Propheten u. Könige gelüstete zu sehen u. haben es nicht gesehen [vgl. Mt. 13,17]. Dort sind Kräfte des Himmelreichs, wie sie eben denen verheissen sind[,] die, arm im Geist, hungern u. dürsten wollen [vgl. Mt. 5,3.6]. Wie kommt der Sozialismus zu diesen Kräften? Woher kommt der seltsame Geselle? Ja woher kommt Melchisedek, der König von Sa|403lem[,] u. kreuzt den Weg des Abraham u. «trug Brot u. Wein hervor u. war ein Priester Gottes des Höchsten» [Gen. 14,18]? Und woher kommt Abraham selber gegangen seinen seltsamen Glaubensweg mitten heraus aus der Nacht des Heidentums, kein Frommer, kein Weiser, kein Gerechter, allein durch den Glauben «als er noch in der Vorhaut war» ein Vater Aller[,] die glauben wollen [Röm. 4,11]? Woher?

II

Wir können uns kürzer fassen über die innere Auseinandersetzung des Chrts. mit seinem ungeratenen Bruder, der es nun entgegengeht.

Diese Zukunftsfrage, von der es abhängen könnte, ob das Christentum den Weg des nachexilischen Judentums gehen muss, ist schwierig u. kompliziert, solange jenes Einfachste u. Wesentliche im Sozialismus von uns Christen nicht verstanden ist. Solange wir uns an den Bildern der Propheten u. Apostel erbauen u. begeistern in der alten unfruchtbaren subjektiven Weise, statt uns die Bibel neu erklären zu lassen durch das Wort, das Gott in unsrer Zeit durch den ungeratenen Bruder mit uns redet. Solange wir fortfahren die Bibel als Werkzeug unsrer albernen Persönlichkeitskultur, unsrer Weltanschauungsspielereien, unsres religiösen Beschäftigungstriebs zu missbrauchen. Wir sollten – aufmerksam gemacht durch die göttlichen Kräfte, die im Sozialismus[,] abseits von Bibel u. Religion, sich regen – hingehen u. nun auch einmal nach einer grösseren tieferen weitergehenden Erlösung als der[,] an die wir bis jetzt geglaubt haben, seufzen u. schreien. Die Bibel, die uns kein verschlossenes Buch ist, ruft u. lockt uns ja auf allen ihren Blättern, gerade das zu tun. O wie sollten wir die Bibel verstehen von innen heraus, wenn wir einmal die Sozialisten mit ihrem Trotz u. ihrer Hoffnung auch nur ein wenig verstanden haben! Wie sollten uns Abraham[,] Isaak u. Jakob vertraut werden mit ihren Sünden u. Thorheiten, mit ihrem Leid u. ihrer Sehnsucht, mit ihrem Glauben auf Hoffnung[,] da nichts zu hoffen war [vgl. Röm. 4,18], wenn wir bei den gottlosen Sozialdemokraten einmal eine Ahnung bekommen haben, um was für Ziele es Gott eigentlich zu tun ist mit seinen Leuten! Wie müsste die alte biblische Parole, an der schon so viele christliche Generationen gedeutelt haben: Kein |404 Ruhm vor Gott! [vgl. Röm. 4,2] Gerecht allein durch den Glauben! [Röm. 3,28][,] wie müsste die uns zu einer unmittelbar packenden Lebenswahrheit werden, wenn wir uns einmal demütig u. nicht christlich-hochmütig neben unsre roten Brüder mitsamt ihren Fehlern u. Gebrechen gestellt haben! Wie müsste uns vor Allem Christus ganz neu u. lebendig vor Augen gemalt sein [vgl. Gal. 3,1] in seiner Niedrigkeit, in seinem seltsamen Wichtignehmen des Irdischen Leiblichen Äussern, in seiner Vaterlandslosigkeit, in seiner absoluten Kälte gegen das ganze Reich des Mammon, in seiner unerbittlichen göttlichen Sachlichkeit[,] der gegenüber die geliebte Persönlichkeit des Einzelnen so ganz zu kurz kommt, in seiner Neutralität gegen Tempel u. Religion, in seiner ganzen radikal nur auf die Zukunft gerichteten Denk- u. Redeweise, in seinem Kreuz, das ihm gerade die Besten u. Frömmsten dieser Welt bereitet haben – ja in allen diesen Zügen, die unserm modernen Chrt. so fremd sind, weil es auf die eigentlichen göttlichen Gedanken nicht einzugehen vermag vor lauter eigenen Gedanken – wie müssten wir ihn verstehen u. lieb gewinnen gerade in diesen Zügen, in denen doch seine eigentliche Herrlichkeit ist als des Sohnes vom Vater voller Gnade u. Wahrheit [Joh. 1,14]. Und wie müssten wir Christen in dieser Zeit[,] was wir ererbt von unsern Vätern[,] dann neu erwerben, um es zu besitzen!23 Wie müssten wir jetzt die Welle von göttlichen Kräften, die uns vom Sozialismus her entgegenkommt[,] in uns aufnehmen, sie weitertragen u. vertiefen, sie aus der Bibel heraus erst recht zu einem Strome werden lassen. Wie müssten wir den Sozialisten zeigen, dass wir mit unserm geistlichen Reichtum uns gerne von ihnen haben beschämen lassen[,] dass wir aber in Zukunft nicht die Letzten[,] sondern die Ersten sein wollen[,] wenn es gilt zu glauben u. zu hoffen auf den neuen Himmel u. die neue Erde[,] die Gott verheissen hat [2.Petr. 3,13]! Wie müsste sie jetzt wahr werden[,] unsre Losung: Macht Jesus zum König! aber nicht mit christlicher Blechmusik, nicht in begeisterten Zusammenkünften u. berauschenden Erlebnissen, nicht in grossartigen u. ganz grossartigen Konferenzen à la Mott24 und Edinburg25[,] sondern einmal in den |405 realen Verhältnissen auf der Gasse u. in den Fabriken[,] wo Jesus auch König sein will u. zw. nicht nur über die Seelen[,] sondern auch über die Dinge! Dass es nicht mehr wahr wäre, was mir jüngst ein bernischer Sozialdemokrat klagte: Wenn einer einmal in einem christl. Verein ist, so ist er verloren für die Arbeitersache! Wie müsste es unter uns, die wir uns einer bewussten Gemeinschaft mit Gott rühmen, zu einem ganz neuen Suchen dieses grossen u. lebendigen Gottes kommen, dem jene unbewusst so viel näher sind! Dann aber eben auch zu einem ganz neuen Begreifen u. Anfassen des wirklichen Lebens von Gott aus, während wir es bis jetzt aus lauter Gottseligkeit haben laufen lassen wie es wollte! Wie müssten wir es wagen, mit den Sozialdemokraten in jene Unruhe um die Welt u. ihre Lage hineinzugehen, vor der wir uns bis jetzt als glückliche Besitzende so peinlich gehütet haben u. die doch der einzige Ort ist, wo wir uns hinstellen können, wenn es uns mit der Nachfolge Jesu ernst ist.

O die Antwort auf die Zukunftsfrage des Chrts. ist so einfach, wenn wir die Kräfte im Sozialismus einmal aufrichtig gesehen u. anerkannt haben. Sie lautet dann ganz einfach: Ja sagen zu diesen Kräften, bitten suchen anklopfen [vgl. Mt. 7,7 par.], in Demut darum ringen, dass wir sie auch bekommen, grössere[,] unendlich viel grössere noch als unsre roten Brüder sie haben. Denn der Sozialismus ist sicher nicht das letzte Wort Gottes. – Wie wir uns darum äusserlich zu der Bewegung stellen wollen, das ist nicht so wichtig. Da muss ein jeder tun, was er eben muss. Vielleicht wird es uns so gehen, dass wir uns eines Tages auch äusserlich dazu bekennen müssen, aus Dankbarkeit gegen das[,] was wir von ihr empfangen, aus dem Gefühl der Mitverantwortlichkeit auch für ihre Fehler u. Schwächen, aus dem Bedürfnis[,] auch Andern zu zeigen, dass wir uns nicht mehr abseits stellen können in dieser Sache. Vielleicht erlaubt uns unser Gewissen, äusserlich neutral zu bleiben. Es liegt daran nicht so viel. Wohl aber daran, dass wir innerlich aus der Neutralität u. Verständnislosigkeit herauskommen u. die Zeichen unsrer Zeit verstehen lernen.

406 Vor Nebenwegen wird gewarnt!

I. Nebenweg. Es handelt sich nicht darum, dass unser ohnehin in allen Farben schillerndes Christentum jetzt auch noch mit einem Tropfen sozialen Öles gesalbt werde, dass neben all unserm Betrieb jetzt auch noch eine soziale Ecke od. Gruppe eröffnet wird für allerlei Dilettanten[,] deren es gerade unter uns bewussten Christen immer bes. Viele gegeben hat. Dazu ist die Sache zu ernst u. zu gross. Es handelt sich darum, Gott die Ehre zu geben, also das wohlbekannte, nur zu bekannte Alte neu zu treiben auf der breiteren Basis[,] auf die uns der Sozialismus, nein auf die uns das NT hinweist!

II. Nebenweg. Es handelt sich nicht darum[,] zwischen dem bisherigen Chrt. u. dem Sozialismus irgendwelche Vermittlungen u. Brü­­cken zu suchen. Die Richtung des modernen Christentums auf den Einzelnen, auf die Kirche, auf einen religiösen Extra-Betrieb lässt sich nun einmal gerade mit dem Wesen des Sozialismus nicht vereinigen. Und wenn wir nicht Selbstbewusstsein genug haben, um alle Kompromissversuche bleiben zu lassen u. zum Sozialismus entweder ganz oder gar nicht Ja zu sagen, so können wir es von der andern Seite hören, was man dort von den zahlreichen Halbheiten denkt, die von christlicher Seite unternommen worden sind. Christlich-sozial ist wirklich ein Unsinn.26 Sondern es handelt sich darum, ob wir den Sozialismus, oder ich will jetzt schärfer sagen: die sozialdemokrat. Partei als Ganzes begreifen oder nicht begreifen. Mit halben Lösungen ist nichts getan, wenn es sich um die Kräfte Gottes handelt. Da heisst es kalt bleiben oder warm werden [vgl. Apk. 3,15].

III. Nebenweg. Es handelt sich selbstverständlich auch darum nicht, das Christentum aufzugeben u. mit fliegenden Fahnen in das rote Lager überzugehen. «In Christo Jesu gilt weder Beschneidung noch Vorhaut etwas, sondern der Glaube[,] der in der Liebe tätig ist» [Gal. 5,6]. Ja im Gegenteil: im Reiche Gottes kommt der Fortschritt |407 niemals dadurch, dass man einen andern Rock anzieht. Wir sollen gar nicht Sozialisten werden, möchte ich jetzt sagen, sondern wir sollen erst recht Christen werden, aber neue Christen, Christen[,] die sich nicht ihrer Beschneidung rühmen[,] sondern dessen[,] der auch unter der Vorhaut sein Werk treibt. Wir sollen unsre christliche Vergangenheit nicht preisgeben, sondern wir sollen sie zu Ehren bringen, sollen weitergehen – aber eben weitergehen! – auf den – um nur einige von den ehrwürdigen Namen des 19. J[ahrhunderts] zu nennen [–] von einem G. Menken, einem J. Chr. Blumhardt, einem J. T. Beck27 betretenen Wegen in die Schriftwahrheit hinein. Wir sollen erst recht die Bibel lesen. Wir sollen erst recht beten lernen. Wir sind im Besitz der herrlicheren Brünnlein Gottes [vgl. Ps. 65,10] als unsre roten Brüder. Aber es ist Zeit[,] dass wir sie zum Fliessen bringen, sonst wird Gott endgiltig andre Brunnen graben lassen, denn er ist nicht an uns gebunden, wohl aber wir an ihn.

Das sind die Nebenwege, die wir nicht gehen sollen. Der Hauptweg liegt offen vor uns. Kein «neuer Weg»28. Es ist der alte, aber er ist gerade von uns Christen noch nicht begangen worden.

Christus spricht: Ich bin gekommen ein Feuer anzuzünden auf Erden u. was wollte ich lieber, denn es brennete schon [Lk. 12,49].

Und Paulus: Wir aber warten im Geist durch den Glauben der Gerechtigkeit, der man hoffen muss [Gal. 5,5].

Sachfußnoten

1
KBA 9317.79.↩
2
Ebd.↩
3
Name für die Mitglieder der sozialistischen Jugendbewegung, die in der Schweiz von dem sozialdemokratischen Pfarrer Paul Pflüger 1900 in Zürich gegründet worden war (s. oben S. 367, Anm. 74) und sich unter der Führung von Willi Münzenberg zu einer linksradikalen Gruppe entwickelt hatte. Vgl. Mattmüller II, S. 99f.153–164 📖; H. U. Jost, Linksradikalismus in der deutschen Schweiz 1914-1918, Bern 1973, S. 14–17 📖.↩
4
Sozialdemokratisches Tagblatt, offizielles Organ der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz und des Kantons Zürich.↩
5
In Zürich, Lausanne und Neuenburg hatten sich in Reaktion auf die Zimmerwalder Konferenz vom September 1915 linkskommunistische und anarchistische Strömungen mit antimilitaristischen und revolutionären Tendenzen durchgesetzt. Sie übten starke Einflüsse auf die jeweiligen sozialistischen Parteien aus. Vgl. Mattmüller II, S. 164–199 📖; H. U. Jost, a.a.O., S. 66–95 📖.↩
6
Vgl. die Schlusszeilen des Gedichtes «Der Wilde» von Johann Gottfried Seume (1763–1810) (Werke, hrsg. von J. Drews u. a. , Bd. 2 [Bibliothek deutscher Klassiker, Bd. 86], Frankfurt a.M. 1993, S. 478–481, dort S. 481) 📖:
Ruhig ernsthaft sagte der Hurone:
Seht, ihr fremden, klugen, weisen, Leute,
Seht, wir Wilden sind doch beßre Menschen;
Und er schlug sich seitwärts ins Gebüsche.
↩
7
Gesetze der Bismarckschen Sozialpolitik: 1883 Krankenversicherungs-, 1884 Unfallschutz-, 1889 Alters- und Invalidenversicherungsgesetze.↩
8
Johann Hinrich Wichern (1808–1881), Pfarrer und Pädagoge, Begründer der Inneren Mission, des «Rauhen Hauses» in Hamburg und des Evangelischen Johannesstifts in Berlin-Spandau. – Gustav Werner (1809–1887), ­schwäbischer Theologe, Begründer landwirtschaftlicher, handwerklicher und industrieller Werke bei Reutlingen im Geiste eines «christlichen Sozialismus». – Friedrich von Bodelschwingh (1831–1910), «Vater» der Bodelschwinghschen Anstalten für Epileptiker und Gemütskranke in Bethel bei Bielefeld, Gründer von Arbeiterkolonien in der Nähe Berlins. – Arnold Bovet (1843–1903), Vorkämpfer der Abstinentenbewegung und Mitbegründer des Vereins vom «Blauen Kreuz» in der Schweiz.↩
9
In einer Rede im deutschen Reichstag am 9.1.1882 sagte Otto von Bismarck (Bismarck. Parlamentarische Reden. Vollständige Ausgabe. Sachlich und chronologisch geordnet mit Einleitungen und Erläuterungen versehen von W. Böhm und A. Dove, Zwölfter Band: Kämpfe und Bekenntnisse 1881 und 1882, Stuttgart/Berlin/Leipzig [1898], S. 202f. 📖): «Aber auch diejenigen, die an die Offenbarungen des Christentums nicht mehr glauben, möchte ich daran erinnern, daß doch die ganzen Begriffe von Moral, Ehre und Pflichtgefühl, nach denen sie ihre andern Handlungen in dieser Welt einrichten, wesentlich nur die fossilen Überreste des Christentums ihrer Väter sind ([Zwischenruf:] sehr gut!), die unsre sittliche Richtung, unser Rechts- und Ehrgefühl noch heute, manchem Ungläubigen unbewußt, bestimmen, wenn er auch die Quelle selbst vergessen hat, aus der unsre heutigen Begriffe von Zivilisation und Pflicht geflossen sind.»↩
10
Organe der kirchlichen Gefährdetenfürsorge an jungen Mädchen und Frauen, die mit ihrem Namen auf die mittelalterlichen «Magdalenerinnen» zurückgehen.↩
11
Vermutlich Anspielung auf den Refrain des Liedes «Wenn Friede mit Gott meine Seele durchdringt» von Th. Kübler (Reichs-Lieder. Deutsches Gemeinschafts-Liederbuch, 2679.-2681. Tausend Neumünster i. Holst. 1999, Nr. 242 [S. 99]) 🎵: «Mir ist wohl, mir ist wohl in dem Herrn! Mir ist wohl in dem Herrn, mir ist wohl, mir ist wohl in dem Herrn!» Vielleicht denkt Barth auch an das Schlagwort aus der Abstinentenbewegung: «So wohl – ohne Alkohol»; vgl. z.B. die Liedstrophe (Liederbuch der «Helvetia». Abstinentenverbindung an den schweizerischen Mittelschulen, Zürich 1908, S. 18 📖):
Der Abstinent lebt herrlich in der Welt,
Und herrlich ist’s um ihn bestellt.
Er lebt zufrieden, allzeit wohl
Und dieses ohne Alkohol!
↩
12
Die Auslassungspunkte am Ende des mit Bleistift zwischen den Zeilen eingefügten Satzes stehen für den Satzschluss: «der es gar nicht wohl ist».↩
13
Vgl. das auf John Mott zurückgehende «watchword» des «Christlichen Studentenweltbundes» «Make Jesus King!»; s. V.u.kl.A. 1909-1914, S. 281, Anm. 40 📖.↩
14
Vgl. a.a.O., S. 281, Anm. 39 📖, und unten S. 563, Anm. 70.↩
15
Zu Barths Lektüre seit 1915 gehörten auch Biographien von Theologen und Kirchenmännern des 19. Jahrhunderts. In seinen Briefen erwähnt er die Biographien von J. Chr. Blumhardt, J. T. Beck, D. Fr. Strauß, L. Hofacker, D. Spleiß, G. Menken, Fr. A. G. Tholuck (Bw.Th.I, S. 51.138.179.199f.215 📖). «Ich sehe aus allen meinen Pietistenbiographien, was für ein tragischer Moment es war vor 100 Jahren, als sie anfingen, begehrt und gehört zu werden und die Wüste verlassen konnten, um Antistes etc. zu werden. Werden wir ihre Irrtümer zu vermeiden wissen, wenn wir nun auch anfangen, uns in solchen Reichsgottesheerlagern hören zu lassen?» (Bw.Th.I, S. 200).↩
16
A. Bebel, Aus meinem Leben, Teil 1-3, Stuttgart 1910-1914 📖. ↩
17
P. Krapotkin, Memoiren eines Revolutionärs, übersetzt von M. Pannwitz, 6. Auflage Stuttgart [1910] 📖. – Vgl. Barths Vortrag über diese Memoiren (Krapotkin, s. oben S. 121–126).↩
18
Anspielung auf einen Aufsatz von E. Thurneysen, Unsere roten Brüder, in: Die Glocke. Monatliches Organ des Christl. Vereins junger Männer Zürich I [u. a. ], Jg. 22 (1914), Nr. 8 📖.↩
19
Vgl. oben S. 372–381.↩
20
A. Knapp, Leben von Ludwig Hofacker, Stuttgart 18956 📖.↩
21
L. Witte, Das Leben D. Friedrich August Gotttreu Tholuck’s, 2 Bde., Bielefeld/Leipzig 1884/1886 📖.↩
22
Die «christlich-soziale» Bewegung gehört ins Europa des 19. Jahrhunderts. Sie versuchte, von einem christlichen Hintergrund her die Probleme des dritten und vierten Standes zu lösen, die infolge der sozialen Umschichtung feudaler und bürgerlicher Gesellschaftsverhältnisse durch die technisierte Wirtschaft des kapitalistischen Zeitalters aufgetreten waren. Nach einigen Anstößen, die bis auf J. H. Wichern (s. oben S. 393, Anm. 8) zurückgingen, gründete Adolf Stoecker (1835–1909) 1878 eine «Christlich-soziale Arbeiterpartei», die das Christentum als ein allgemein ethisch-soziales Gesinnungsprinzip propagierte. Diese betont konservative Arbeiterpartei konnte sich aber gegenüber der Sozialdemokratie nicht durchsetzen. 1890 wurde, wieder unter Mitwirkung Stoeckers, der «Evangelisch-soziale Kongreß» gegründet. In ihm haben der erste Sekretär, Paul Göhre (1864–1928), und Friedrich Naumann der Behandlung der sozialen Fragen «von oben» den Versuch einer Lösung «von unten», aus der Lage und Sicht des Arbeiters, entgegengestellt. Ziel blieb die Ablösung der Sozialdemokratie durch die christlich-soziale Bewegung, aber die Problematik wurde wissenschaftlich diskutiert und die theologische Sicht der Dinge verschob sich vom Konservativen zum Liberalen. Die «religiös-soziale» Bewegung, die ihren Ausgang von Hermann Kutter und Leonhard Ragaz nahm, verstand sich entschieden sozialdemokratisch. Sie bemühte sich um eine religiöse Begründung des Marxismus und ein positives Verhältnis von Christentum und Sozialismus, wobei sie den Sozialismus als einen Ausdruck des Gotteswillens in der Gegenwart verstand.↩
23
Vgl. J. W. von Goethe, Faust I, V. 682f. (Nacht) 📖.↩
24
Vgl. V.u.kl.A. 1909-1914, S. 266–287 📖.↩
25
Die Weltmissionskonferenz in Edinburgh 1910 stand am Beginn der ökumenischen Bewegung und der Bewegung für Glauben und Kirchenverfassung. John Mott war Vorsitzender des Fortsetzungsausschusses und seiner Untergruppen.↩
26
Telegramm Kaiser Wilhelm II. an seinen ehemaligen Lehrer G. E. Hinzpeter vom 28.2.1896, bei der Nachricht vom Ausscheiden Stoeckers aus der Konservativen Partei: «Stoecker hat geendigt, wie ich es vor Jahren vorausgesagt habe. Politische Pastoren sind ein Unding. Wer Christ ist, der ist auch sozial; christlich-sozial ist Unsinn und führt zur Selbstüberhebung [...]», zitiert bei K. Kupisch, Adolf Stoecker, Hofprediger und Volkstribun. Ein historisches Porträt, Berlin [1970], S. 79 📖.↩
27
Gottfried Menken (1768–1831), Bremer Pastor und biblizistisch-heilsgeschichtlicher Theologe. – Johann Christoph Blumhardt (1805–1880), Theologe der Reichs-Gottes-Verkündigung und Gründer des Erweckungszentrums Bad Boll. – Johann Tobias Beck (1804–1878), Theologieprofessor biblizistisch-heilsgeschichtlicher Provenienz in Basel und Tübingen.↩
28
Anspielung auf die von Paul Wernle und Leonhard Ragaz 1906 gegründete Zeitschrift der schweizerischen Religiös-Sozialen: «Neue Wege».↩