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Religion und Leben
Es ist eine gemeinsame Verlegenheit, die uns hier zusammengeführt hat. Sie haben an uns zwei Pfarrer die Frage gerichtet: Was sollen wir mit unseren Religionsstunden anfangen? Und nun muss ich Sie als erste Antwort auf diese Frage darauf aufmerksam machen, dass Sie in uns keine sogenannten «Fachleute» vor sich haben, die Ihnen aus einem überlegenen Wissen heraus etwas darüber zu sagen vermöchten, was Sie sich nicht auch selbst sagen könnten. Glaubena Sie uns vor allem, dass wir der gleichen Sache inb der gleichen Verlegenheit gegenüberstehen wie Sie. In der religiösen Frage gibt es keine «Fachleute», sondern nur lauter Erstklässler, Stümper und Laien. Und als solche möchten wir uns heute neben
438 Sie und ja nicht etwa als gottesgelehrte Referenten über Sie stellen. Der Unterschied zwischen Ihnen und uns könnte höchstens darin bestehen, dass uns diese Verlegenheit wahrscheinlich noch ganz anders auf den Fingernc brennt als Ihnen. Denn was für Sie das Rätsel und die Not von ein bisd zwei wöchentlichen Unterrichtsstunden ist, ist für uns das Problem unseres ganzen Berufes. Während Sie jedenfalls die äußere Möglichkeit haben, sich das Gewicht der Frage e-dadurch auf 0,01 Prozent zu verringern-e, dass Sie in dieser einen Unterrichtsstunde unter der Flagge «Religion» unter der Hand ganz ruhig Sprache, Moral und Anstandskunde treiben, sindf uns nur schon durch den Zwang, uns allwöchentlich mindestens einmal mit der Bibel zu beschäftigen, solche Verwandlungskünste innerlich verboten, sind wir genötigt, dem Problem der Religion von vorne ins Gesicht zu sehen. Und während Sie sich über die Unruhe, die Ihnen der fatale Religionsunterricht vielleicht trotzdem bereitet, hinwegtäuschen können, indem Sie sich mit umso mehr Eifer und Liebe den anderen sogenannten Fächern und Gebieten zuwenden, die ja ohnehin vom Schulstandpunkt aus, d.h. unter dem Gesichtspunkt von Lehrplan, Inspektion und Examen so |413 unendlich viel wichtiger sind, sind wir, zwar durch keine Kirchenbehörde und Kirchenordnung, wohl aber wiederum innerlich und durch den Felsblock der Bibel, der unausweichbar auf unserem Wege liegt, gezwungen, die «Religion» unser einziges Fach und Gebiet sein zu lassen – und hätten den Rückzug z.B. in die Moral, in die Gemeinnützigkeit, in die Politik oder auf Ihr Feld: in das Schulwesen hinein unerbittlich mit der Strafe eines schlechten Gewissens und schließlich eines verfehlten Lebens zu bezahlen. So sind wir Pfarrer – glauben Sie uns das und legen Sie alle falschen Bilder, die Sie sich von unserem Berufg vielleicht bis dahin gemacht haben, zu den Akten! – mit der Religion nicht besser, sondern böser dran als Sie, nur schon darum, weil wir gezwungen sind, die Frage der Religion ganz sachlich und ernst zu nehmen. Und wenn Sie nun von uns erwartet haben, dass wir Ihnen in dieser Frage weiterhelfen, so möchte ich jetzt die Sache vor allem umkehren und Ihnen sagen: wir sind Ihnen dankbar, dass Sie offenbar uns helfen wollen. Wir freuen uns, dass Sie durch die eine Unterrichtsstunde offenbar in die gleiche Verlegenheit gekommen sind wie wir durch unseren ganzen Beruf. Wir freuen uns, dass Sie die Verwandlungskünste, die dem Lehrer an sich möglich sind, und die Rückzugs439linien, die ihm an sich offen stehen, offenbar auch satt bekommen haben und der religiösen Frage von vorne ins Gesicht sehen wollen. Sonst wären Sie nicht hieher gekommen. Wir freuen uns darüber, weil gerade wir zwei uns mit unserer Verlegenheit ˹unter unseren Kollegen˺ im Großen Ganzen ein wenig allein auf weiter Flur fühlen.
Sehen Sie sich doch um in unserem Volk und unter unseren Gebildeten: Wie viele Menschen h-gibt es denn-h, denen die religiöse Frage ehrlich und ernstlich eine Frage ist? Da sind überall ruhige, sichere Leute, die nur den einen Wunsch haben, sich in ihrer Ruhe nicht mehr stören zu lassen, ˹überall˺ gemachte Standpunkte, bezogene Positionen, fix und fertige Weisheiten positiver oder negativer Art. Überall weiß man sich so wundervoll aus der Verlegenheit herauszuhelfen. Und nirgends erlauben sich die Leute so sicher und bestimmt mitzureden und zu urteilen wie gerade in der religiösen Frage. Dass wir |414 eine Unzahl verschiedener religiöser Standpunkte und Meinungen haben, ist wohl wahr, aber i-wie verwunderlich ist es doch, dass-i die Leute, wo und wie sie auch stehen mögen, von den Freidenkern bis zu den Methodisten, im großen Ganzen alle einig sind in dieser unheimlichen Fertigkeit, die eigentlich gar kein Fragen und Suchen mehr kennt, die alle Verlegenheit scheinbar längst hinter sich hat. Verwundert es Sie nicht auch, dass es nicht mehr Menschen gibt, denen die religiöse Frage in so erschütternder Weise zu einer wirklichen Frage geworden ist, dass sie bekennen müssten: Ich stehe am Berg, j-ich weiß in dieser Sache nicht mehr aus noch ein?-j
Ich wollte, ich könnte Ihnen sagen: wenigstens die Kirche, wo die Frage doch wahrhaftig brennend ist, ist der Ort, wo mit der Verlegenheit, die sie uns bereitet, ernsthaft und ehrlich gerungen wird. Leider steht es aber umgekehrt, so, dass die Kirche – die gleiche Kirche, die in einigen Wochen mit großem Pomp das Jubiläum Luthers feiern wirdk 13 – der Ort ist, wo von diesem Ringen mit der großen Verlegenheit am wenigsten zu spüren ist, wo sie am erfolgreichsten mit einem Schwall von altmodischen und neumodischen, erbaulichen und unerbaulichen Betrachtungen und Erwägungen zugedeckt wird. Es gibt denn doch zu denken, dass Eine von Ihnenl mir einmal sagen musste, es sei ihr etwas völlig Neues und wie eine Entdeckung, dass auch ein Pfarrer ein nach der Wahrheit suchender Mensch sein könne! Und wenn man nun gerade das und eigentlich nur das sein möchte – wenn man Pfarrer ist und Pfarrer bleibt aus dem einzigen Grunde, weil man spürt: die religiöse Frage wird dich nicht mehr loslassen, sie wird dir als ernste, wirkliche Frage nachgehen, du magst machen, was du willst, du musst nun die ganze Verlegenheit, die sie dir bereitet, tragen und durchmachen – sehen Sie, da freut man sich eben, wenn Menschen zu einem kommen wie Sie jetzt zu uns und einem sagen: uns hat diese Frage auch angepackt und wir sind mit euch in Verle|415genheit! Denn sehen Sie, wir sind nicht gerne Einsiedler: nicht nur darum, weil niemand gerne allein steht, wenn er nicht muss, sondern auch darum, weil wir wissen, dass es zu eigentlichen, wirklichen Antworten auf diese Frage nicht kommen kann, bevor viele Menschen sich von ihr eigentlich und wirklich haben verlegen machenm lassen. Da ist es wie ein Stücklein Morgenrot, ein Anzeichen von kommenden
440 Antworten und Lösungen, dass wir in Ihnen – worin wir uns hoffentlich nicht irren – Menschen vor uns haben, die fertig sind mit dem Fertigsein, denen die religiöse Frage eben mit uns zu einer Frage geworden ist. Sie werden nun wissen, wie Sie mit uns dran sind. Sie werden von uns nicht erwarten, dass wir Ihnen eine Sache leicht machen, die uns selbst sehr schwer fällt. Wir werden Ihnen vielmehr als solche, die es noch böser haben als Sie, sagen: sie ist wirklich sehr schwer. Aber wir sagen Ihnen auch: es lohnt sich, es hat eine Verheißung, wenn ein Mensch es wagt, sie schwer und nicht leicht zu nehmen.
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Also Religionsstunde! Wir wollen annehmen, Sie haben mit Ihren Kindern soeben die schöne und leicht zu erzählende Geschichte vom verlorenen Sohn [Lk. 15,11–32], eines der zentralsten Stücke des Neuen Testamentes, behandelt. Es war Alles in Ordnung. Sie haben sich alle Mühe gegeben, «es» den Kindern nahe zu bringen, und es ist Ihnen gelungen. Sie haben eine Reihe von farbigen, anschaulichen Bildern zustande gebracht: der verlorene Sohn zu Hause, in der Fremde, unter den Säuen, auf der Heimkehr, n-schließlich wiederum zu Hause-n. Sie haben mit Psychologie und Liebe die Gestalten des Vaters, des älteren, des jüngeren Bruders herausgearbeitet und jede für sich reden lassen. Sie haben schließlich dem Ganzen – je nach Ihrem Geschmack und Ihrer Richtung – einen «religiösen Gehalt» gegeben, eben jenes «Es», auf das es ja in der Religionsstunde eigentlich abgesehen ist. Sie haben davon geredet, wie ein Mensch seine Fehler einsieht, bereut, gutmacht und wieder ein braver Mensch wird. Oder davon, wie ein Ungläubiger irre wird an der Welt, sich bekehrt und |416 seinen Gott wieder findet. Oder, fein modern-psychologisch-mystisch: wie der Mensch sich verlieren muss an die Reize der Außenwelt, um dann nach schwerem Leid sich selbst innerlich wieder zu finden. So etwa, nicht wahr, nur natürlich viel schöner und kindlicher gesagt als so. Sie werden ja schon gemerkt haben, dass das «Es», das gerade in dieser Geschichte steckt, «Stoff» für viele Stunden bietet. Aber wir wollen annehmen, Sie seien für einmal fertig damit und blicken auf Ihre Arbeit zurück. Die Kinder waren aufmerksam und willig; vielleicht sind sie bei gewissen Partien Ihrer Erzählung vor Spannung auf die Bänke gestanden, vielleicht wurden sie bei anderen bis zu Tränen gerührt, und auch während Sie jenes «Es», auf das es eigentlich ankommt, zu entwickeln versuchten, hingen alle die aufrichtigen, gescheiten, schlauen, hungrigen, sehnsüchtigen, vorsichtigen, unergründlichen Kinderaugen mit einer merkwürdigen Erwartung an Ihrem Munde. Sie hörteno vielleicht, wie nachher eins zum anderen sagtep: Oh, das isq schön gsi!14 Sie vernehmen vielleicht von einer Mutter, wie das und das Büblein oder Mägdlein nach Hause gekommen sei, ganz voll von den Leiden und Erfahrungen des verlorenen Sohnes. Sie meinen vielleicht selber einen guten Einfluss dieser Stunde zu verspüren auf die übrigen Unterrichtsstunden. Sind Sie zufrieden mit Ihrer Leistung? Warum sollten Sie nicht zufrieden sein? Es war wirklich Alles in Ordnung: innerlich und
441 äußerlich, pädagogisch und religiös; Verstand, Wille und Gemüt wurden gleichmäßig angeregt, und der Erfolg, soweit Sie ihn wahrzunehmen vermögen, bestätigt Ihnen, dass Sie gute Arbeit getan haben. Es war eine Religionsstunde, wie sie sein sollte. Sind Sie zufrieden?
Wie merkwürdig: Sie sind nicht zufrieden! Ja, ja, Sie verstehen mich: natürlich sind Sie zufrieden, wie man immer zufrieden ist, r-wenn man gute Arbeit-r hinter sich, wenn man sein Rösslein wacker geritten hat. Wie sollten Sie sich das nicht gönnen? Ich pflege mir das in solchem Glücksfall auch zu gönnen. Ich meine jetzt auch nicht das, |417 dass Sie sich nachher natürlich sagen werden: da und da wird es das nächste Mal noch besser zu machen, wird eine missverständliche Wendung zu unterlassen, ein nötiges Licht noch aufzusetzen sein. Selbstverständlich! Aber nicht wahr, Sie kennen ein Gefühl der Unbefriedigung gerade nach solchen ganz gelungenen Stunden, das mit dieser selbstverständlichen Unvollkommenheit alles Irdischen nichts zu tun hat. Es ist Ihnen nicht wohl mit Ihrem verlorenen Sohn, und zwar nicht nur auf der Oberfläches, sondern ganz in der Tiefe Ihres Wesens, wo Sie sich über die Gründe kaum noch Rechenschaft zu geben vermögen. Alle Farbe und alle Wärme, die Ihr Unterricht hatte, und aller Eindruck, den Sie damit erzielt haben, vermag Sie nicht zu täuschen darüber, dass t-es da etwas geben möchte-t, dem Sie vielleicht noch nicht im Geringsten gerecht geworden sind. Sie bleiben allein zurück im leeren Schulzimmer, den Schall Ihrer eigenen Worte noch in den Ohren, und eine Ahnung durchzuckt Sie, dass da irgendwo in der Mitte zwischen der soeben so eindrucksvoll erzählten Geschichte im Buche da auf dem Tisch und der draußen nach allen Seiten davonstürmenden Kinderschar – dass da irgendwo in der Mitte zwischen diesen zwei bekannten Größen eine Unbekannte steht, die Sie mit Ihrer ganzen vorzüglichen Religionsstunde nicht gefunden, ein Geheimnis, das Sie nicht entschleiert haben, an das Sie nicht einmal von weitem herangekommen sind. Sie konnten nicht davon reden, weil Sie nicht daran denken. Sie denken nicht daran, weil Sie nichts davon wissen. Sie wissen nichts davon, weil wir alle eigentlich noch nichts davon wissen. Aber es ist da und macht sich geltend, indem es uns die Zufriedenheit mit der von uns vermeintlich geleisteten «religiösen Arbeit» irgendwo an der Wurzel abschneidet. Es war so wahr, alles, was wir gesagt haben, aber eben nur allzu wahr, um ganzu wahr zu sein. Es war so schön, aber eben nur allzu schön, um ganzv schön zu sein. Es war so lebendig, aber eben nur allzu lebendig, um ganzw lebendig zu sein.
418 Da sind noch einmal alle die fragenden, durchbohrenden Kinderaugen mit all dem, was diese Kinder hinter sich und vor sich haben in ihrem Leben; du hast uns eine Religionsstunde gegeben, ja, es war wahr und schön und lebendig, und wir sind dir dankbar dafür – aber was soll das eigentlich: Religionsstunde? Was willst du damit, wenn du uns solche Stundenx gibst? Und was sollen wir, wir mit unserer Vergangenheit und Zukunft, wir mit unserem väterlichen und mütterlichen Blut in den Adern, wir in unserer Umgebung in unseren sozialen Verhältnissen, in unserer heutigen Zeity mitten im Weltkrieg – was sollen wir mit deinem «verlorenen Sohn» anfangen?
442 Und da ist noch Jemand, der dich auch etwas zu fragen hat, nämlich der «verlorene Sohn» selber dort im Buch auf dem Tisch oder das, was im Buch von ihm übrig geblieben ist: Du hast eine Religionsstunde aus mir gemacht. Ja, ich bin eben unendlich geduldig. Es sind schon Tausende und aber Tausende von Religionsstunden über mich gehalten worden von Tausenden und aber Tausenden von Lehrern und Pfarrern, und nun hast du es auch wieder getan, und ich lasse es mir ja gefallen, wie ja alle meinesgleichen – Abraham und Mose und der König David, die Hirten von Bethlehem, der barmherzige Samariter und der Zöllner im Tempel, der verleugnende Petrus und Saulus, der ein Paulus wurde – es sich beständig gefallen lassen müssen, dass man Religionsstunden, Predigten, Kinderlehren, Unterweisungen, Bibelstunden und Vorträge über sie hält. Es geht an mir und an uns allen immer wieder in Erfüllung, was geschrieben steht: «Da er gestraft und gemartert ward, tat er seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer und seinen Mund nicht auftut» [Jes. 53,7]. Ich lasse mich ja immer wieder von euch brauchen: als « Text », wie ihr Herren Pfarrer so schön, oder als «Stoff», wie ihr Herren und Fräulein Pädagogen noch schöner sagt, als weißes Papier für eure religiösen, psychologischen und mystischen Schnörkelz, als Stemmbalken für eure moralischen Turn- und Kletterübungen, als Leinwand für eure ästhetischen Malereien. Ihr könnt es ja auch fernerhin so halten mit mir, aber was wollt ihr eigentlich damit? Nicht wahr, ihr meint doch nicht |419 etwa: dazu sei ich ein Lump geworden und unter die Säue geraten, dazu habe ich mich zur Umkehr entschlossen, dazu habe mich mein Vater in die Arme genommen und dazu das gemästete Kalb für mich geschlachtet, damit ihr nach zweitausend Jahren im Kanton Aargau eure Künste an mir beweisen könnt? Was hat eure Religion und Psychologie und Moral, was haben eure rührenden und niedlichen Bilder mit dem zu tun, was ich eigentlich zu sagen hätte? So der Spruch und die Frage des «verlorenen Sohnes» von seiner Seite!
Ichaa hoffe, Sie merken, ich rede bei dem allem nicht aus Büchern und nicht aus kritischer Beobachtung Anderer, sondern aus meiner eigenen Erfahrung. Ich hoffe aber auch, dass Sie in meiner Erfahrung irgendwie Ihre Erfahrung wiedererkennen: sonst wären Sie eben in mir an den Falschenab geraten. Diese zwei Stimmen höre ich jedes Mal, wenn ich eine «gute» Predigt oder eine «gute» Unterweisung (was man so nennt) gehalten ˹habe˺. Und ich hoffe von Ihnen, dass Sie diese zwei Stimmen auch hören, wenn Sie eine «gute» Religionsstunde gehalten haben: denn von den schlechten wollen wir ˹hier˺ gar nicht reden. Es ist die Stimme des Lebensac, die aus unseren Kindern und Zuhörern stumm mit uns redet. Und es ist die Stimme des Lebensad, die sich ebenso stumm aus der Bibel gegen uns erhebt. Das Leben ist es, ae-das uns von beiden Seiten interpelliert-ae: was wir da eigentlich treiben mit unserer «Religion». Und wenn wir deutlich hören, so reklamiert es wegen unseres Religionsbetriebes. Und wenn wir noch deutlicher hören wollen, so protestiertaf es sogar dagegen und erklärt ˹uns˺, dass es, das Leben, nichts damit zu tun habe. Das Leben ist die große Unbekannte
443 in der Mitte, das Geheimnis, an das wir nicht herankommen. Sehen Sie, da haben wir unser heutiges Problem: «Religion und Leben». Was wir getrieben haben und treiben in Kirche und Schule, das ist imag besten Fall irgend eine Sorte Religion. In Kirche und Schule! Ich kehre die Hand nicht um. Ich habe den Lehrern keine besonderen Vorwürfe zu machen wegen ihres Religionsunterrichts, |420 und ich glaube nicht, dass der kirchliche Unterricht, mein eigener inbegriffen, vor dem der Schule grundsätzlich im Vorsprung sei. «Wir sind allzumal Sünder und ermangeln der Herrlichkeit Gottes» [Röm. 3,23]. Denn wir sind allzumal Religionsleute. Das Leben aber will von Religion nichts wissen. Weder das Leben in der Welt, noch das Leben in der Bibel. Die Ablehnung ist von beiden Seiten noch viel entschiedener und unerbittlicher, als ich es Ihnen soeben angedeutet habe. Das Leben verachtet die Religion, denn die Religion hilft dem Leben nicht, sondern hindert es. Das Leben stößt uns von beiden Seiten zurück, wenn wir ihm mit Religion kommen. Das Leben braucht keine Religion und keine Religionsleute. Viele Menschen merken das nicht; ich weiß nicht, soll man sie glückliche oder unglückliche Menschen nennen. Es hat auch ganze lange Zeiten gegeben in der Geschichte, in denen fast niemand dasah merkte oder merken wollte. Aber einzelne Menschen haben doch immer gelebt, die es gemerkt haben: dass Religion uns nichts hilft, dass wir etwas Anderes brauchen und eigentlich suchen, die in aller Stille daran gelitten und ˹darum˺ gekämpft haben. Und dann ˹gab es˺ ein paarmal auch ganze Zeitenai: Pauluszeiten, Franziskuszeiten, Lutherzeiten, wo es wie der Schimmer von einem großen, allgemeinen Merken durch ganze Völker lief. Und es ist mir, gerade die heutige Zeit müsste nun eigentlich viele aufrichtige Menschen förmlich zwingen zum Merken und Merkenwollen. Und das ist hoffentlich die gemeinsame Gelegenheitaj, die uns hier zusammengeführt hat und aus der wir Sie nicht herausführen können und wollen, sondern in die wir Sie undak uns erst recht und ganz tief hineinführen möchten. Wir tun das mit gutemal Gewissen, weil es für Sie und für uns und für alle Menschen nur die enge Pforte und den schmalen Weg dieser großen Verlegenheit gibt, der ins Lebenam führt [vgl. Mt. 7,13f.]. Aber seien Sie ganz getrost: dieser Weg führt ins Leben.
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421 Der Weg der Religion aber führt am Leben vorbei. Das muss nun zur Klarstellung der Lage ehrlich überdacht und ausgesprochen werden.
Religion ist Privatsachean.15 Oder, mit Friedrich dem Großen zu reden: Es soll ein Jeder nach seiner Façon selig werden dürfen.16 Oder, vom Standpunkt der Religion selber aus geredet: ao-im Glauben geht es um-ao die Frage der Rettung und des Heils der einzelnen Seele. Oder noch schöner, moderner: Frömmigkeit ist ein persönliches Erleben Gottes. Wir sagen tatsächlich immer das Gleiche mit allen diesen Sätzen, die heutzutage in religiösen und nichtreligiösen Kreisen sozusagen selbstverständliche Glaubensartikel geworden sind. Die Unzähligen, die diese Sätze nachsprechen, und zwar weithinap mit Wärme und Überzeugung nachsprechen, sind sich nicht bewusst, was für ein vernichtendes Urteil sie damit
444 über die Religion fällen. Aber es ist doch so. So geht die Religion am Leben vorbei. Denn das Leben ist eben keine Privatsache. Wo es im Leben Privatsachen gibt wie etwa den umzäunten Garten einer Villa, da handelt es sich um Krankheitserscheinungenaq: das empfinden schon unsere Buben und klettern mit einem gewissen höheren Recht gelegentlich hinüber! Das Leben ist das Allgemeinste, das Umfassende, das Wahre. Die Sonne scheint. Der Himmel ist blau. Der Wald ist grün. Man hat Augen, Ohren und Füße und braucht sie. Man ist ˹eben˺ ein Mensch. Alle sind Menschen. Man lebt eben. Alle leben. Das ist das Leben. Und nun schlagen wir die Bibel auf und hören von Gott. Wer ist Gott? Jedenfalls kein Gott der Privatsachen. «Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde» [Gen. 1,1]. «Ist Gott nur der Juden Gott? Nicht auch der Heiden Gott? Wahrlich, auch der Heiden Gott!» [Röm. 3,29]. «Er lässt seine Sonne scheinen über Gute und Böse und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte» [Mt. 5,45]. Wir hören, wie er seine Hand legt zuerst auf Einen, Abraham, aber durch diesen Einen sofort auf ein ganzes Volk und durch |422 dieses eine Volk sofort auf die ganze Menschheit. Wir hören von einer großen, allgemeingültigen Doppeltatsache: In Adam alle Menschen Sünder, in Christus alle Menschen Gerechte [vgl. Röm. 5,19]! Sehen Sie da: das passt zur Sonne, zum Himmel, zur Luft oder, wenn man will, auch zum Weltkrieg, zum Milchpreis, zur Brotkarte – das ist eben Leben. Das Leben hat wohl auch seine persönliche, «individuelle» Seite, nämlich die, dass wir alle als Einzelne drinstehen oder vielmehr drinstehen sollten. Das Leben selber aber ist keine Privatsache, kein persönliches Erlebnis, sondern die herrlichste, naheliegendste Allgemeinheit. Wie lebensfremd im tiefsten Grunde daneben eine Angelegenheit, die nur eine persönlichear ist: eine Sache besonderer Erfahrungen besonderer Menschen, ein Privatbedürfnis und Privatunternehmen und Privatvergnügen schöner Seelen17 und solcher, die es werden wollen! Das können uns eben unsere Zuhörer, kleine und große, im Grunde einfach nicht abnehmen, auch wenn sie sich gelegentlich daran erbauen und begeistern. Sie können das nicht wichtig nehmen, weil sie im Grunde zu gut wissen, dass Privatsachen, persönliche Angelegenheiten eben nichtas wichtig sind. Daran können wir selber im Grunde nicht glauben; das kommt uns selber im Grunde eher wie ein Traum vor. Daher unsere Unsicherheit bei aller unserer «religiösen Arbeit». Dieat besteht ja doch nur darin, dass wir, statt die Fenster zu öffnen und die Sonne ˹herein˺scheinen zu lassen, im künstlich verdunkelten Raum mit Taschenlaternen hantieren. Und dann fällt uns eben noch die Bibel in den Rücken und sagt uns: Meint nur ja nicht, ich sei etwa auf eurer Seite – ˹denn˺ was ich meine, ist eben auch Leben und nicht Erlebnisse schöner Seelen, Privaterfahrungen und persönliche Angelegenheiten! – au-Eine solche Lage ist schon zum Verlegenwerden!-au
423 Religion ist Innerlichkeitav. Man kannaw auch sagen: Religion ist ein Seelenzustand. Oder: Religion ist Idealismus. Oder: Religion ist Geistesleben. Oder man kannax mit Schleiermacher gelehrt sagen: Religion ist das Gefühl schlechthiniger Abhängigkeit.18 Oder mit anderen Modernen: Gefühl des Unendlichen.19 Ganz wie Sie wollen, orthodox oder freisinnig ausgedrückt, Sie verstehen schon, was gemeint ist: ein innerer Zu-
445 stand des Menschen, das ist Religion. Sie sprechen damit ein zweites, ebenso vernichtendes Urteil über sie ausay. So geht die Religion am Leben vorbei. Innerlichkeit, Seele, Idealismus, Geist, Gefühl – was ist das? Jedenfalls nicht Leben! Ja, das Leben hat freilich auch eine innerliche, seelische, geistige Seite. Alles Äußerliche ist hervorgegangen und geht beständig hervor aus dem Innerlichen. Es ist die Seele und ihre Gesetze – denken Sie an die wunderbare Erfüllung der Mathematik in der Natur! –, die sich den Körper schafft.20 Es ist die Idee, der Geist, der das Sein in Millionen von Erscheinungen aus sich entlässt und der sich selber immer wieder in ihnen findet. Und wunderbar: es ist in der Tat unsere eigene Innerlichkeit, die Seele, der Geist des Menschen, in welchemaz der ganze Kosmos des Lebens sich spiegelt, der ihn in sich enthält und begreift, ohne den nichts ist, was ist. Aber wohlverstanden: Begriffeba ohne Anschauungen sind leer (Kant)bb.21 Das Leben ist lauter äußerlich gewordene Innerlichkeit, |424 schöpferischer Geist, erzeugende Seele, Tat und Ereignis gewordenes und werdendes Gefühl, oder nach dem gewaltigen Zeugnis der Bibel von Christus: Wort, das Fleisch geworden ist [vgl. Joh. 1,14]. Leben ist das Wandeln der Gestirne, der Aufbau des Jura und der Alpen, das Werden der Bergkristalle – das ist reines Leben aus dem Schöpfergeiste Gottes. Leben ist das Schleichen und Nagen und Zehren der Krankheiten und der Kampf, den der Arzt dagegen führt, ˹ist˺ der Klassenkampf von oben, den die Bourgeoisie seit Jahrhunderten erfolgreich geführt hat, und der Klassenkampf von unten, den das Proletariat nun ernstlich und immer ernstlicher anzutreten beginnt, ˹ist˺ der Taktschritt der Soldaten und das Rollen der Haubitzen und Munitionskolonnen und der ganze Weltkrieg – das ist gestörtes und zerstörtesbc und mit sich selber ringendes Leben aus dem vom Geiste Gottes abgefallenen Geiste des Menschen. Aber auch es ist Leben. Und Leben ist, wenn wir nun wieder die Bibel aufschlagen wollen, Christus, dem Abraham verheißen und von den Propheten erhofft, Christus und Alles, was mit Ihm und um Ihn her geschehen ist, die ganze sichtbare und greifbare Offenbarung der Urheimat und der Urwahrheit des Menschendaseins, das Aufstehen der Lahmen, das Sehendwerden der Blinden, die Austreibung der bösen Geister, seine eigene Auferstehung von den Toten. Das ist das neuebd Leben aus dem Geiste der Gnade Gottes, der sich selber mit dem Menschengeiste wieder versöhnt hat. Sehen Sie: das ist Leben. Charakteristisch für das Leben ist eben immer das Hervorbrechen der Innerlichkeit ins Äußerliche, das Körperwerden der Seele, das Gestaltannehmen des Geistes. Darin sind die Welt und die Bibel wiederum ganz einig. Aber wiederum sind beide nichtbe einig mit der Religion. Wie lebensfremd: ein bloß geistiges Leben, eine reine Innerlichkeit, ein Gefühl, das nichts als Gefühl ist, ein Idealismus, der in sich selber schwingen will, und das ist doch eben die Religion! Wundert es Sie, dass unsere schönsten Religionspredigten und Religionsstunden, mögen sie so wir|425kungsvoll verlaufen wiebf sie wollen, zum vornherein und ˹als solche˺ Totgeburten,
Fehlschläge, Lufthiebe sind? Oh, unsere Zuhörer haben eben feine Ohren und einen feinen Verstand, feiner, als sie selber wissen! Es ist ihnen zu selbstverständlich, dass bloße Innerlichkeiten und Seelenzustände etwas genau so Unwichtiges sind wie bloße Privatange446legenheiten. Darum können sie unser Reden im Grunde nicht wichtig nehmen. Das Volk liebt seine Idealisten, sagt man. Ja, aber es glaubt ihnen mit Recht kein Wort. Darum sind auch wir selber unserer Sache so unsicher. Darum suchen wir diesem Gespenst der Religion zu entrinnen, wenn wir nur könnten! Darum sehnt sich so mancher tüchtige Lehrer ganz mit Recht von den luftigen Idealitäten der Religionsstunde ˹weg˺ nach den Versteinerungen und ausgestopften Vögeln der Naturkunde oder auch nur nach dem beruhigenden Rhythmus ˹des Stundenplans˺: «Sprache – Rechnen – Sprache». Darum konnten Ihnen, wie ich hörte, sogar die großen Gelehrten in Aarau22, die sonst Alles wissen, in Bezug auf den fatalen Religionsunterricht so wenig nützliche Ratschläge mit auf den Weg geben. Es ist da wirklich wenig zu raten. Die Welt bedankt sich für bloße Innerlichkeiten, und die Bibel bedankt sich erst recht dafür. Wir stehen in einem Kreuzfeuer. Wir sind in keiner beneidenswerten Lage.
Religion ist Gesinnungbg. Nehmen Sie sich bitte wiederum die Freiheit, mehr an eine moralische oder verstandesmäßige oder mehr an eine gläubige oder doch allgemein andächtige Gesinnung zu denken; ganz wie es Ihrer Art entspricht. Sie dürfen statt bh-Gesinnung, wenn es Sie freut, auch Stimmung sagen-bh. Und Sie dürfen dieser Gesinnung oder Stimmung wiederum jeden beliebigen Inhalt geben, der irgendwie als Religion angesprochen werden kann. Sagen Sie stolz mit Goethe: Religion sei «Ehrfurcht vor dem, was über uns ist»23, oder sagen Sie, wie die glatte Theologie unserer Tage herausgefunden hat: Frömmigkeit sei Ergebung24, denken Sie an die biedere «Hochach|426tung vor dem Höchsten», die vermutlich Ihre Groß- und Urgroßeltern aus Zschokkes «Stunden der Andacht» schöpften25, oder steigen Sie, wenn es Ihnen besser zusagt, mit Carlyle auf das hohe Ross des «Arbeiten und nicht Verzweifeln»!bi26 Es bleibt immer irgendwie dabei, dass der Mensch zu allerlei Tatsachen außer ihm, zu Gott, Welt und Mitmenschen von sich aus eine Stellung beziehen möchte. Sie sprechen damit zum dritten Mal das Urteil über die Religion. So geht eben die Religion am Leben vorbei: Denn im Leben spielen die Gesinnungen und Stimmungen an sich gar keine Rolle. Der Kosmos des Lebens wird gebildet von Kräften, Mächten und Gewalten. Leben ist die Kraft des Wassers, des Feuers, der Elektrizität und der chemischen Substanzen. Leben ist der Kampf ums Dasein, der durch die ganze Natur hindurchgeht mit all den dunkeln Greueln und mit all den Lebenswundern in seinem Gefolgebj. Leben sind die Anlagen und Fähigkeiten und Leidenschaften, die wir durch Vererbung in unserem |427 Blut mit auf die Welt gebracht haben. Leben ist das unheimliche Wimmelnbk der Infusorien im Wassertropfen. Und Leben ist das ebenso unheimliche Wimmelnbl in unserem eigenen Unterbewusstsein. Leben sind die ungeheuerlichen Mächte des Imperialismus, Kapitalismus und Militarismus, von deren Rasen jetzt das Weltgebäude erzittert, ˹und˺ Leben ist die Gewalt aus der Tiefe im Sozialismus, die sich jenenbm entgegenzuwerfen versucht. Lebenbn ist ˹aber˺ zweifellos auch die geheimnisvoll abseits stehende, mit dem Prunk der Jahrhunderte bekleidete Macht der römischen Papstkirche. Verworrenes, verwirrtes, ˹vielleicht˺ toll und fürchterlich gewordenes Leben dasbo alles,
aber Leben, weil es Kraft ist. Lebenbp ist Dynamik. Und noch einmal schla447gen wir die Bibel auf und sind, indem wir sie unter diesem Gesichtspunkt zu lesen versuchen, ganz betroffen, ˹zu finden,˺ was das doch für ein Lebensbuch, beinahe hätte ich gesagt: Naturbuch sondergleichen ist. «Liebe ist stark wie der Tod, und ihr Eifer ist fest wie die Hölle. Ihre Glut feurig und eine Flamme des Herrn, dass auch viele Wasser nicht mögen die Liebe auslöschen, noch die Ströme sie ertränken» [Hld. 8,6f.]. Von solcher Dynamik ist die Bibel ganz voll. Wir müssenbq es nur wieder besser merken lernen, wir armen mitteleuropäischen Gesinnungsmenschen, die wir sind! Es ist geradezu wunderbar, wie es da beständig von Realität zu Realität geht. Und wahrhaftig, wenn wir es wieder lernen würden, aus diesem realen, dynamischen Sinn der Bibel heraus zu br-reden, so würden wir-br am Leben nicht mehr vorbeireden. Denn der große Kampf, der durch dieses ganze Buch hindurchgeht, ist doch wirklich nicht der Gegensatz zweier Gesinnungen oder Stimmungen. Sondern da sind esbs eben auch Kräfte, Gewalten, Herrschaften, die miteinander ringen, und zuletzt das Reich – hören Sie es? das Reich!bt – Gottes, das siegreich |428 durch Alles hindurchbricht. Ein Reich wird nicht mit Gesinnungen und Stimmungen aufgerichtet, wohl aber mit Kräften. Lesen Sie dazubu einmal die klassische Stelle im fünften Kapitel des Römerbriefs [V. 14]. «Es herrschte der Tod von Adam her auch über die, welche nicht gesündigt haben nach dem Vorbild der Übertretung Adams.» Verstehen Sie: «herrschte» – herrschte, entfesselt durch die ebenso mächtige, ein für allemal und für alle gültige Gewalt der Sünde. Das heißtbv real gedacht. Und dann auf der anderen Seite das Evangelium, die Freudenbotschaft. Sein Inhalt eine neue Gesinnung? Nein, antwortet Paulus Röm. 1 [V. 16], aber die Dynamis, die Kraft Gottes zur Errettung. «Wo die Sünde mächtig geworden ist, da ist die Gnade übermächtig geworden» [Röm. 5,20]. Jesus, der Bringer einer neuen Lebensstimmung à la Goethe oder Carlyle oder Johannes Müller27? Nein, vor einer neuen Stimmung ist noch niemand erschrocken; von Jesus aber heißt es: sie entsetzten sich, denn er predigte gewaltig und nicht wie die Schriftgelehrten [Mt. 7,28f.]. Neue Stimmungen machen nichts anders in der Welt, von Jesus aber heißt es: es ging Kraft von ihm aus, die heilte Jedermann [Lk. 5,17]. Und der Sinn des in Christus erschienenen Gottesreiches? Die Stiftung und Verbreitung einer neuen Sorte von Andacht oder Ansicht? Nein, sondern (Luk. 1 [V. 51–54]) «er übet Gewalt mit seinem Arm und zerstreuet, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die Gewaltigen vom Stuhl und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllet er mit Gütern und lässt die Reichen leer. Er denket der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener |429 Israel auf». Sehen Sie, das heißtbw eben wiederum real gedacht. Jawohl, Paulus sagt: Kraft Gottes zum Heil Allen, die da glauben!bx [Röm. 1,16], und das Nämliche steht auf allen Seiten der Bibel zu lesen. Es ist selbstverständlich: das Leben hat auch eine Gesinnungsseite, wie es eine Privatseite, eine innerliche Seite hat. Die Kräfte, von denen die Bibel redet, sind lauterby geglaubte, d.h. vom Menschen bejahte und ergriffene Kräfte, wie ja auch die
psychischen und geschichtlichen Kräfte, die die Welt regieren – denken Sie noch einmal an Imperialismusbz, Krieg, Sozialismus, Alkoholismus –, offenkundig den Stempel menschlicher Zustimmung und Willensbejahung tragen. Es geschieht etwas mit dem
448 Menschen, und – wie man sich auch seine Freiheit denken mag – er lässt es geschehen, er sagt Ja dazu. Er glaubt entweder an Gott oder an den Teufel, zu seinem Heil oder zu seinem Verderben. Was soll ich sagen vom Glauben? Glauben ist eben das viel Tiefere und Radikalere, das entscheidend hinter den Stellungnahmen des einzelnen Menschen steht. Glaube ist selbst schon Kraft, göttliche oder dämonische Kraft. Glaube ist das Ja oder Nein des Menschen, das jenseits aller Gesinnungen und Stimmungen stehtca, durch das er sich den Mächten, die über ihm sind, zu eigen gibt oder verweigert. Gerade weil der Glaube selber das zentrale Elementcb in der Dynamik des Lebens ist, ist er der Bibel so wichtig. Aber nicht das ist ihrcc wichtig, was für eine Gesinnung der Mensch schließlich hat – sie kennt schlechte Menschen, die unter der Herrschaft Gottes, und siecd kennt auch gute Menschen, die unter der Herrschaft des Bösen stehen –, sondern eben das Ringen der Mächte und Gewalten über ihnence. Und nicht das ist ihre Verkündigung, dass es ideale, tüchtige, ernste, ehrfürchtige Menschen geben wird – das soll und wird es auch geben –, sondern:cf dass Gott siegt und sein Reich kommt. Die Bibel und |430 die Welt verstehen sich wiederum ausgezeichnet. Aber zwischen ihnen und der Religion wird es auch hier zu keiner Verständigung kommen. Die Religion geht alscg Gesinnung und Stimmung am Leben, in dem es auf Kräfte und Gewalten ankommt, vorbei. Religion ist etwas Lebensfremdes. Etwas von der Last dieser schiefen Lage haben wir in Kirche und Schule zu tragen. Wir predigen Gesinnung, wir machen Stimmung. Vielleicht gelingt es uns, aber was soll das eigentlich? Ja, wenn wir gewaltig reden würden und nicht wie die Schriftgelehrten [vgl. Mt. 7,29], ja, wenn Kraft von uns ausginge – aber «Ehrfurcht vor dem, was über uns ist», «Ergebung», «Arbeiten und nicht Verzweifeln», das kommt doch im Leben nicht in Betracht, das kann doch, auch wenn wir noch so tiefen Eindruck ˹damit˺ machten, niemand ernst nehmen. Es ist eben auch nichts Ernstes. Ernst sind nur Kräfte. Darum hat doch z.B. der Kapitalismus die Religion nie ernst genommen, sondern ganz ruhig Kirchen und Schulen gebaut ohne die geringste Furcht, dass von daher jemals eine ˹ihm˺ gefährliche Gegenkraft sich erheben könnte. Darum nimmt der Militarismus die Religion so wenig ernst, dass er ganz ruhig Feldprediger anstellt, die auf Feldkanzeln zwischen zwei Geschützen ihre Gesinnungssprüchlein sagen dürfen, wie die Spatzen, die zwischen den Zähnen eines Krokodils herumhüpfen. Das militärische Ungeheuer weiß eben ganz genau, dass es von den wackeren Feldpredigern nichts Böses zu befürchten hat. Es wird keine Kraft von ihnen ausgehen. Darum sagt der Sozialismus ganz freundlich: Religion ist Privatsache!, nimmt auch ganz duldsam Notiz von uns paar sozialdemokratischen Pfarrern ohne eine Spur von Furcht vor den Kräften, die von daher ins Spiel kommen und die seinen Kräften eines Tages ernstliche Konkurrenz machen könnten. Religion nimmt man doch nicht ernst! Die Vorstellung, dass siech etwas Reales sei, etwas mit wirklichen Kräften zu tun haben könnte – diese Vorstellung gibt es einfach nicht in der Welt, und wenn wir uns auf den Kopf stellenci. Glauben Sie, das wissen im Grunde schon Ihre Büblein und Mägdlein, geschweige denn alle die Gemeinderäte, Bauern, Fabrikarbeiter und Dra449goner, die unsere Zuhörerschaft (oder auch Nicht-Zuhörerschaft) bilden. Die sind alle |431 viel zu schlau, um es nicht zu merken, dass das nichts ist: Gesinnung und Stimmung. Und wir selber merken es eben auch. Und vor allem die Bibel hat es gemerkt, und der «verlorenecj Sohn», den wir zu einem Gesinnungsstücklein und Stimmungsbild gemacht haben, lacht uns aus und erklärt uns den Krieg. Und so stehen wir noch einmal im Kreuzfeuer, und unsere Lage wird äußerst kritisch.
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Und nun? Ja, und nun! Nun wissenck wir alle hoffentlich zweierlei: was der Fluch ist, unter dem wir zu seufzen haben, Sie in Ihrer Religionsstunde und wir in unserem ganzen Beruf – und was die Freiheit ist und die Erlösung, zu der wir einmal durchbrechen sollten. Der Fluch ist die völlige Lebensfremdheit dessen, was man Religioncl heisst. Die Erlösungcm ist das Lebencn selbst, das uns bei unseren Betrachtungen immer wieder von weitem gegrüßt hat. Ich hoffe, es sei Ihnen allen recht wohlco geworden dabei, von Einem, den der Schuh ebenso drückt wie Sie oder noch mehr, gehört zu haben, wo es uns fehlt. Ich könnte mir zwar denken, dass cp-man mir nun antworten-cp möchte: Nein, nicht wohlcq ist es mir bei alledem geworden, sondern nun fühle ich mich erst recht und ganz tief unbefriedigtcr und beunruhigt. Sie dürfen mir das nachher ganz ruhig sagen, denn ich bin es gewöhnt, das zu hören. Ich wiederhole aber mit vollem Bedacht: ich hoffe, es sei Ihnen cs-bei all dem wohl geworden!-cs Denn sehen Sie, es ist nun einmal so: in der religiösen Frage kann es uns erst dann wohl werden, wenn wir einmal wirklich und in der Tiefe unbefriedigte Menschen geworden sind. Vom Zöllner im Tempel heißt es auch nicht, dass ct-er befriedigt in sein Haus hinabging-ct, sondern gerechtfertigt [Lk. 18,14] – von Gott gerechtfertigt! Was könnte ich Ihnen da Bes|432seres wünschen, als dass Ihnen etwas von der großen Unbefriedigung: «Gott sei mir Sünder gnädig!» [Lk. 18,13] auch in dieser Stunde wirklich aufgegangen sein möchte?cu Glauben Sie es mir: die von Gott Gerechtfertigten sind nicht die ruhigen, sondern die unruhigen Menschen. Wir wissen nun, woher wir kommen, wo wir stehen und wo es mit uns hinaus will, wenn wir nämlich hinaus wollen!cv Wir stehen in einem Tunnel. Der Eingang ist hinter uns zugefallen, und wenn wir nicht ersticken und verhungern wollen, werden wir wohl die Wanderung durch das lange, schwarze Loch, das vor uns liegt und das ins Leben führt, unter die Füße nehmen müssen. Ich verspreche Ihnencw: der andere Eingang ist nicht zugefallen. Ich sehe von weitem ein großes Licht. Wir brauchen uns nicht zu fürchten.
Aber glauben Sie nur ja nicht, das sei nun eine leichte, quasi methodische Frage, auf unseren Kanzeln und Kathedern die Religion durch das Leben zu ersetzen. Sie wissen es ja jetzt: was man Religion nennt, ist eine verlorene Position, auf die wir uns nie mehr mit Sicherheit und gutem Gewissen werden stellen können. Sie haben gewiss alle mit mir die Absicht und den guten Willen, diese Position zu räumen. Und nun möchten wir wohl alle gerne vom Leben reden können auf unseren Posten:
450 von der gesunden Allgemeinheit und Körperlichkeit und Kräftigkeit des Lebens – vom Leben, wie es war in den Armen Gottes und wie es ˹nun˺ ist unter den plumpen, brutalen Fingern von uns Menschen, und wie es wieder werden darf in Christus. Dieses Leben, seine gewaltige Tatsache und Geschichte meinten und suchten wir ja doch eigentlich schon bisher bei all unserem herzlich ungeschickten Predigen und Unterrichten und brachten es doch nicht weiter, als bis zu einem merkwürdigen Stottern und Phantasieren und vielleicht Schelten, weilcx uns gerade dieses Größte dunkel vorschwebte. Und wenn wir in unserer ganzen Tätigkeit ein paar wirklich gute Momente hatten, dann waren es solche, in denen aus unserem Religionspredigen und Religionsunterrichten heraus – uns selbst vielleicht kaum bewusst – etwas vom Leben hervorblitzte und hinüberblitzte zu unseren großen oder kleinen Zuhörern, wie der |433 Weihnachtsbaum durch eine Türspalte in das dunkle Zimmer. Aber nun fragen Sie mich ja nicht: Wie machtcy man es, um mehr solchercz Momente zu haben? Wie erzähltda man die Geschichte vom verlorenen Sohn so, dass das Leben, jenes Geheimnis in der leeren Schulstube, in der Mitte zwischen den Kindern und der Bibel, dabei zu seinem Rechte kommt? Was wollendb wir mit unserer Religionsstunde anfangen? Fragen Sie mich das nicht! Ich müsste sonst denken, dass Sie mich nicht verstanden haben. Was wollte ich Ihnen auch darauf antworten? Ich könnte ja nur sagen: Das weiß ich auch nicht. Das ist meine ˹eigene˺ innere Not und Arbeit von einer Woche zur anderen. Ich weiß nur das, dass ich immer aufs neue und immer stärker darum ringen muss, das Leben (das Leben in der Welt und das Leben in der Bibel!) selber erst zu sehen, zu verstehen, zu begreifen. Die Not der Welt sodc anzuschauen, dass ich davon reden kann als von meiner eigenen Not, und den Sieg und die Freude in der Bibel sodd, dass ich davon zeugen kann als Einer, der nicht nur davon gelesen, sondern der siede als Wahrheit gehört und gesehen hat. Das ist die Antwort, die ich mir gebe. Und das Suchen nach dieser Antwort nimmt mich so in Anspruch, dass ich daneben für die Fräglein: Wie soll ich predigen und unterrichten? wirklich keine Zeit habe. Ist diese Antwort nicht inhaltsreich genug? Aber Sie müssen sie sich selberdf geben, wie ich sie eben nur mir selberdg geben kann. Ich bitte Sie: Suchen Sie nach dieserdh Antwort – suchen Sie selberdi danach! Alles andere, was ich Ihnen dazudj sagen könnte, wären Flausen. Wenn wir das Leben selber schon gesehendk hätten, würde es uns leichter fallen, davon zu redendl. |434 Aber ich habe nochdm wenige Menschen getroffendn, die es von weitem gesehen haben. Wir alle und unsere großen und kleinen Zuhörer stecken noch wie in einem dicken Panzerturm, und immer wieder treiben wir und sie Religion, Religion, Religion und wollen nicht merken, dass es sich um Leben, Leben, Leben handelt. Denn Religion ist dem Menschen, allen Menschen, etwas gar Natürliches, Naheliegendes, Leichtes und Bequemes. Und das Leben erscheint uns als etwas gar Hohes, Fernes, Fremdes und Schwieriges, obwohl es do-doch das uns allen Natürlichste-do ist. Denken Sie nicht, die falsche Einstellung, in der wir alle uns nochdp befinden, werde so schnell abgetan sein, geschweige denn, dass wir so schnell davon Gebrauch machen werden können. Eine neue Grundlage des Religionsunterrichts eignet man sich nicht an
451 wie eine neue Rechnungsmethode. Es wird noch ganz anderer Schüsse bedürfen, bis jener Panzerturm einmal zerbrochen ist.
Aber wenn Sie die innere Arbeit, durch die es u. a. auch jener neuen Grundlage entgegengeht, aufnehmen wollen – dann seien Sie ganz mutig und freudig: wir werden das Leben sehendq, und wir werden dann auch einmal vom Leben zeugendr dürfen. Und nun wollen wir noch einmal den verlorenen Sohn für uns alle reden lassen: «Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen» [Lk. 15,18].