August 2013

Vorwort

VII

VORWORT

Zum Sommersemester 1930 war Karl Barth als Nachfolger von Otto Ritschl, dem Sohn Albrecht Ritschls, auf den Lehrstuhl für systematische Theologie in Bonn berufen worden. Den Wechsel von Münster nach Bonn empfand Barth über den bloßen Ortswechsel hinaus als deutlichen Einschnitt, hatte er doch das Gefühl, dass mit dem abgelaufenen Jahrzehnt auch für ihn ein entscheidender Abschnitt seines Wirkens, den er selbst später seine «Gesellenjahre» nannte, an sein Ende gekommen war: «Als eine Zeit ‹zwischen den Zeiten› habe ich die Zwanziger Jahre gesehen und erlebt. Etwa im Zeichen des dunklen Wortes Jes. 21,12: ‹Wächter, wie weit ist’s in der Nacht? Der Wächter spricht: Gekommen ist der Morgen und auch die Nacht. Wollt ihr fragen, so kommt wieder und fragt!›»1

Obwohl Barth im gleichen Zusammenhang davon sprach, «allerlei Vorzeichen» hätten das kommende «deutsche Christentum» angekündigt,2 konnte er am 19. März 1930, als er, seine Frau Nelly, die fünf Kinder und Charlotte von Kirschbaum in Bonn in die angemietete Wohnung in der Siebengebirgsstraße 18 einzogen,3 nicht ahnen, wie grundlegend und dramatisch anders sich die folgenden fünf Bonner Jahre im Vergleich mit den vorangegangenen in Münster gestalten würden.

Für die Bonner Fakultät begann mit dem Kommen Barths die bis dahin «eindrucksvollste Zeit in fast 150 Jahren der Fakultätsgeschichte», in der sie «für Bonn ungeahnte Hörerzahlen» vorzuweisen hatte und ihre Arbeit «ein lebendiges Echo im rheinischen Volk bis weit in die katholischen Volksteile hinein fand».4 Anders als in Göttingen und noch zu Beginn seiner Münsteraner Zeit zog Barth in Bonn sogleich eine Vielzahl von Hörern an. Schon kurz nach Beginn |VIII seines ersten Bonner Semesters schrieb Charlotte von Kirschbaum an Eduard Thurneysen, Barth lese seine «Ethik» vor 160 Zuhörern, und Barth selbst ergänzte, er halte das systematische Seminar zu Anselm von Canterburys «Cur deus homo» 📖 «doppelt mit je 30 ordentlichen und 15 außerordentlichen Mitgliedern», was ihn zu dem Seufzer «O Eduard!» veranlasste.5 Zum Wintersemester 1930/31 war die Hörerschaft im zweiten Teil der Ethikvorlesung bereits auf über 300 angewachsen,6 und Barth stellte fest: «Der ‹Offene Abend› ist zu einem fast unheimlichen Massenbetrieb geworden, bei dem es nun eben ohne Tee und Brötlein abgehen muss.»7 Der Zuspruch war so intensiv und anhaltend, dass Georg Merz ihm am 9. Juni 1933 – es ging um die Stellung der Reformierten zur Bildung der Reichskirche und zur Person des Reichsbischofs – schreiben konnte: «Deine Person spielt insofern eine Rolle, als man aus Prestigegründen Dich ungestört erhalten möchte, aber freilich ängstlich besorgt ist, Dich in der Etappe festzuhalten. Als Professor in Bonn, zugleich als sichtbares Zeichen des ökumenischen Reformiertentums (boshafte Leute behaupten, zugleich auch aus leise ökonomischen Gründen der Fremdenindustrie und der Blüte der rheinischen reformierten Fakultät) bist Du ihnen recht. Sonst, vor allem in Deinen Schülern, recht unbehaglich.»8

Mit seinen Kollegen verstand sich Barth in Bonn deutlich besser als in Münster und erst recht in Göttingen: Regen Kontakt pflegte er mit dem Kirchengeschichtler Wilhelm Goeters und dem Neutestamentler Karl Ludwig Schmidt, der auch die «Theologischen Blätter» herausgab, in denen einige der hier edierten Texte erstmals erschienen sind. Aber auch mit den Alttestamentlern Gustav Hölscher und Friedrich Horst, mit Ernst Fuchs, dem Assistenten Schmidts und späteren Privatdozenten, sowie mit Hans Emil Weber, dem Ordinarius für Neues Testament und Systematik, kam Barth gut zurecht. Lediglich der Praktische Theologe Emil Pfennigsdorf und der Systematiker Johann |IX Wilhelm Schmidt-Japing bildeten hier Ausnahmen; beide sollten sich dann ab 1933 in deutschchristlichem Sinn engagieren.9

Der Einschnitt, den der Wechsel nach Bonn für Barths Empfinden markierte, wird besonders deutlich, wenn man auf die beiden monographischen Werke blickt, die Barth nun in Angriff nahm: die ihn 1930/31 beschäftigende Anselm-Studie Fides quaerens intellectum 📖, die Barth selbst als das entscheidende Dokument seines nochmaligen dogmatischen Beginnens bezeichnete,10 vor allem aber den ersten Band seiner Kirchlichen Dogmatik 📖, der Ende 1932 erschien. Der Arbeit an diesen beiden wichtigen Büchern einerseits und dann den sich überschlagenden Ereignissen des Jahres 1933 andererseits ist das deutliche Ungleichgewicht in der Verteilung der in diesem Band edierten Texte geschuldet. Bis zum Mai 1933, als Barth sich erstmals in den Auseinandersetzungen um die Bildung einer deutschen Reichskirche zu Wort meldete, liegen gerade einmal zehn Texte vor, während die übrigen 21 alle zwischen Mitte Mai und Mitte Dezember 1933, also in nur sieben Monaten entstanden sind (wiederum elf davon allein zwischen Anfang Oktober und dem 19. November 1933).

Die Umstände, unter denen die fünf bis zum Mai 1933 gehaltenen größeren Vorträge entstanden waren, lassen erkennen, dass Barth daran gelegen war, sich neben seiner Lehrtätigkeit und der Konzentration auf die beiden genannten Bücher nicht noch zusätzlich zu belasten: Bei dem an zwei Orten gehaltenen Vortrag Die Theologie und der heutige Mensch handelt es sich um die – allerdings gründliche – Überarbeitung eines Textes von 1927. Die selbst gewählte Thematik von Die Arbeit als Problem der theologischen Ethik blieb ganz nahe bei Barths gleichzeitig gehaltener Vorlesung. Mit dem großen Vortrag Die Not der evangelischen Kirche bediente er gleich drei Anfragen auf einmal. Sowohl seine Zusage zum Missionsvortrag von 1932 als auch seine Reise nach Dänemark, wo er über Das erste Gebot als theologisches Axiom sprach, waren das Ergebnis von wiederholten, zuvor erfolglosen Einladungen an Barth.

Aber auch unter dieser außergewöhnlichen Arbeitslast gelang es Barth, zu zentralen Themen in Kirche und Theologie aufsehenerre|Xgend Stellung zu nehmen, wie besonders die Auseinandersetzungen um Die Not der evangelischen Kirche und Die Theologie und die Mission in der Gegenwart zeigen. Die Relevanz seiner Kritik an den führenden Vertretern der evangelischen Kirche, denen er vorwarf, die sich an Kirche und Theologie stellenden Fragen nicht theologisch zu durchdenken und deshalb nur unzureichend und in falscher Richtung zu beantworten, aber auch an Weggenossen wie Gogarten und Brunner, die er auf theologisch bedenkliche Abwege abgleiten sah, sollte sich alsbald zeigen. Es mag erstaunen oder auch nicht: Nicht wenige Gegner, mit denen sich Barth vor und nach dem 30. Januar 1933 auseinandersetzte, waren dieselben und fanden sich Mitte des Jahres 1933 nicht zufällig in den Reihen der Deutschen Christen wieder oder sympathisierten mit diesen.

In der Vielzahl der 1933 entstandenen Texte lässt sich eine klare Linie erkennen: Zuerst und durchgehend ging es Barth darum, seine Hörer und Leser an das Evangelium und mit ihm an die aus Bibel und Bekenntnis zu gewinnenden Einsichten als Basis allen kirchlich-theologischen Engagements zu erinnern und ihnen die kriteriologische Bedeutung dieser Grundlage vor Augen zu führen. Im Zuge der sich zuspitzenden Auseinandersetzungen und konkret aus Anlass des staatlichen Eingriffs, der zum Rücktritt Friedrich von Bodelschwinghs führte, trat Barth im Juni 1933 mit seiner berühmten Schrift Theologische Existenz heute! auf den Plan, in der er das Geschehen um die Bildung einer Reichskirche und die an diesem Geschehen beteiligten Gruppen einer schonungslosen Kritik unterzog. Im Sommer 1933 ging Barth dann dazu über, die Auseinandersetzung mit dem häretischen Gedankengut der Deutschen Christen in der allein für tragfähig erachteten Konzentration auf Bibel und Bekenntnis auf der Ebene der Gemeinde voranzutreiben. Dabei wird – gleichsam im Vorgriff auf die weitere Entwicklung hin zu den Bekenntnissynoden des Jahres 1934 – der Gedanke einer Verbundenheit zwischen Lutheranern, Reformierten und Unierten in der Abwehr der Zerstörung der Kirche sichtbar. Barth erkannte angesichts der dramatischen Lage, dass die Bekenntnisopposition über die Vertretung nur der je eigenen konfessionellen Belange hinausgehen und sich vergegenwärtigen müsse, dass das viel größere Gemeinsame, nämlich das Evangelium und seine Freiheit, bedroht sei.

XI Seit dem Erscheinen von Theologische Existenz heute! war Barths Stimme gewichtiger denn je geworden. Für die aktuelle Kommentierung der kirchlichen Lage – die diesem Anliegen gewidmete, unmittelbar im Anschluss begonnene Theologische Existenz heute II hatte Barth, von den Ereignissen überrollt, abgebrochen – nutzte er ab dem Herbst 1933 das neue Genre der «Vorworte» zu den nunmehr in rascher Folge erscheinenden Heften der aus Theologische Existenz heute! 📖 herauswachsenden Schriftenreihe. Wie sehr dabei theologische Besinnung und Aktualität zusammenspielten, zeigt sich nicht zuletzt in den aus Anlass des Lutherjubiläums 1933 entstandenen Schriften, unter denen der Berliner Vortrag Reformation als Entscheidung besonders herausragt.

Auch in diesem sechsten Band aus der Abteilung «Vorträge und kleinere Arbeiten» gelten die bisherigen editorischen Prinzipien im Wesentlichen unverändert. Abweichungen von den Vorarbeiten Barths, sofern sie vorhanden sind, werden aber – mitunter über das bisher übliche Maß hinaus – in der Regel komplett ausgewiesen, außer wenn es sich eindeutig nur um Korrekturen von Verschreibungen und minimale stilistische Verbesserungen handelt. Die Art und die Bedeutung vieler der hier edierten Texte ließen es den Herausgebern nicht geraten erscheinen, dem Leser die Entscheidung, welche auch kleineren textlichen Veränderungen wichtig sind und welche nicht, zu häufig abzunehmen. Das editorische Vorgehen und die zu beachtenden Besonderheiten bei einzelnen Texten werden am Ende der jeweiligen Einleitungen kurz erläutert.

Mit der mit Band 46 in der Gesamtausgabe eingeführten Verwendung der inzwischen gar nicht mehr so neuen Rechtschreibung verbindet sich das Problem des Umgangs mit Zitaten aus bereits edierten Briefen Barths und Charlotte von Kirschbaums, die zur Erhellung des Hintergrundes gerade im vorliegenden Band gehäuft verwendet werden. Um einer gewissen Einheitlichkeit und Lese-/Leserfreundlichkeit willen erfolgt der Abdruck solcher Zitate hier nach dem Original. Die – wie im Editionstext selbst – vorgenommene behutsame Anpassung an die gültige Rechtschreibung beschränkt sich dabei im Wesentlichen auf die Ersetzung einiger weniger «ss» durch «ß», denn ein unbestreitbarer Vorteil der Verwendung der jetzt gültigen Regeln be|XIIsteht darin, dass der so entstehende Text viel näher an Barths eigener Schreibweise ist!

Bezüglich der Nachweise verfährt dieser Band wie die bisherigen: In der Regel wird, wo dies möglich ist, die Literatur herangezogen, auf die Barth sich wirklich stützte. Für das kirchenpolitische Geschehen des Frühsommers und Sommers 1933 zeigt sich hier eine Besonderheit: Barth benutzte von ihm intensiv gelesene und bearbeitete Pressespiegel, auf die jeweils auch verwiesen wird. Das Vorhandensein dieser Quelle im Archiv erleichterte die editorische Arbeit in vielen Fällen erheblich. Andererseits ist aber auch belegbar, dass Barth über bestimmte Vorkommnisse mündlich bzw. telefonisch informiert wurde, was einen eindeutigen Nachweis oder die Angabe einer «sicheren» Quelle mitunter schwierig bis unmöglich macht. Mit dieser besonderen Schwierigkeit werden die Editoren weiterer Bände dieser Abteilung voraussichtlich dauerhaft zu kämpfen haben.

Die Arbeit an dieser Edition begann im Herbst 1994 am Seminar für Reformierte Theologie in Münster/Westfalen und führte bald zu einer langjährigen, engen Arbeitsgemeinschaft der drei Herausgeber. Schnell wurde deutlich, dass die Herausgabe dieser Arbeiten mit einem für eine Edition eher ungewöhnlichen Ausmaß an zeitgeschichtlicher Rekonstruktion und textkritischer Arbeit verbunden sein würde. In den Jahren von 1996 bis 2001 wurde das Vorhaben von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert, der wir an dieser Stelle ganz ausdrücklich danken möchten. Die Arbeit wurde danach im Wechsel von großen und kleinen Schritten fortgeführt und ist nun zu einem immer noch als vorläufig zu bezeichnenden Abschluss gekommen. Denn die ursprüngliche Absicht, alle in Bonn in den Jahren 1930 bis 1935 entstandenen Vorträge und kleineren Arbeiten in einem Band zusammenzufassen, musste mit Rücksicht auf das zumutbare Volumen aufgegeben werden. Die Texte der Jahre 1934/35 (bis zum Ende von Barths Bonner Tätigkeit im Juni) werden in einem weiteren Band in absehbarer Zeit erscheinen.

Der besondere Dank der Herausgeber gilt den an Recherchen, an der Herstellung von Textvorlagen und sonst in vielfacher Weise beteiligten Mitarbeitern des Seminars für Reformierte Theologie in Münster. An erster Stelle ist zu nennen Gertrudis Sieg, in gleicher |XIII Weise in den Dank einbezogen sind Maria Arnhold, Hilka Wurps, Anja Botta, Alexander Dölecke und Matthias Schleiff. Den langjährigen Leitern des Karl Barth-Archivs, Dr. Hinrich Stoevesandt und Dr. Hans-Anton Drewes, gilt unser Dank für unverzichtbare Anregungen, Hilfestellungen und Auskünfte sowie für die mehrfach gewährte Gelegenheit, über mehrere Wochen hinweg im Archiv selbst zu recherchieren. Jan Arni, dem derzeitigen Mitarbeiter im Karl Barth-Archiv, ist im Besonderen für umfangreiche Korrekturarbeiten zu danken. Zudem sind die Herausgeber den Mitarbeitern insbesondere des Evangelischen Zentralarchivs Berlin, des Hauptarchivs der von Bodelschwinghschen Anstalten Bethel und der Landeskirchlichen Archive Bielefeld, Detmold, Düsseldorf und Leer zu Dankbarkeit für ihre Hilfe beim Aufspüren und Bereitstellen teils entlegener Texte verpflichtet; in einem besonderen Fall dieser Art gilt unser Dank Thomas und Jürgen Zocher, Greifswald. Für bereitwillige Auskünfte aus dem Tübinger Luther-Register danken wir Prof. Dr. Ulrich Köpf und seinen Mitarbeitern; für weitere Auskünfte zu einzelnen Sachverhalten sei allen denen herzlich gedankt, die am jeweiligen Ort genannt sind! Schließlich ist dem Theologischen Verlag Zürich und seiner Leiterin Marianne Stauffacher für die bewährte langjährige und auch für diesen Band erfolgte gute verlegerische Betreuung zu danken.

Im zurückliegenden Jahrzehnt hat Dr. Hans-Anton Drewes die Edition dieses Bandes begleitet und den Herausgebern mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Mit dem vorliegenden Band der Karl Barth-Gesamtausgabe erscheint nun der erste Band, der nicht mehr unter seiner Herausgeberschaft steht. Möge dieser wie auch die weiteren Bände dem hohen Anspruch genügen, den die Leser dank seines Wirkens gewöhnt sind und erwarten dürfen!

Michael Beintker
Michael Hüttenhoff
Peter Zocher

Sachfußnoten

1
K. Barth, Zwischenzeit, in: Die tollen zwanziger Jahre (Magnum. Zeitschrift für das moderne Leben, Heft 35, April 1961), S. 38. 📖↩
2
Ebd. 📖↩
3
Die polizeiliche Anmeldung erfolgte am 24. März 1930 durch Barth als den «zur Meldung Verpflichteten» (Bescheinigung Nr. 17818 des Einwohnermeldeamtes Bonn; KBA Basel).↩
4
W. Küppers, Art. «Bonn, Universität», in: RGG3 I, Sp. 1357–1360, Zitate: Sp. 1359f. 📖↩
5
Brief Ch. von Kirschbaums an Thurneysen vom 25.4.1930 (KBA 9270.550; Bw.Th. III, S. 9 📖).↩
6
Vgl. Brief Ch. von Kirschbaums an Thurneysen vom 17.11.1930 (Bw.Th. III, S. 63 📖).↩
7
Rundbrief Barths vom 22.2.1931 (KBA 9231.62; Bw.Th. III, S. 91 📖).↩
8
KBA 9333.373.↩
9
Vgl. Busch, S. 213f. 📖↩
10
Vgl. a.a.O., S. 218f. 📖↩