Im Mai 1934 war Max Lackmann1
, seit 1932 Theologiestudent in Bonn, auf Barth zugekommen und hatte ihn um ein Urteil über ein von ihm geschriebenes Manuskript zur Lage der evangelischen Theologiestudenten und um Hilfe bei einer Veröffentlichung gebeten. Lackmann schilderte in diesem Text recht konkret die Zustände an der Bonner Fakultät und äußerte deutliche Kritik an der Arbeit der Theologischen Fachschaft, aber auch an der Ideologie der SA, die er für unvereinbar mit dem Christentum erklärte, und am Nationalsozialismus insgesamt. Barth, über das Vorhaben Lackmanns bis dahin nicht informiert,2
war beeindruckt und bot Lackmann unter der Bedingung, kleinere Korrekturen und Änderungen einzuarbeiten,3
eine Veröffentlichung in der Reihe ThExh an. Der ungewöhnliche Umstand, dass der Verfasser der Schrift noch studierte, bewog Barth, dieses Geleitwort zu schreiben, in dem er – wie es zuvor auch dem Verleger Albert Lempp gegenüber geschehen war4
– die Aufnahme der Schrift in die Reihe |260 rechtfertigte. Am 27. Mai schickte Charlotte von Kirschbaum Lackmanns Text mit dem untenstehenden Geleitwort Barths an Lempp, der ihn als Heft 11 der ThExh erscheinen ließ.5
Die Veröffentlichung der Schrift Lackmanns hatte gravierende Folgen, zunächst für ihn selbst: Er wurde in ein Disziplinarverfahren der Universität wegen «Verächtlichmachung der Professoren» verwickelt. Dies und seine Weigerung, der nationalsozialistisch geführten Fachschaft beizutreten und Fragebogen der «Deutschen Studentenschaft» auszufüllen, führten zum Ausschluss aus der Studentenschaft und daran anknüpfend zum Ausschluss aus der «Studienstiftung des deutschen Volkes» und aus der «Bonner Studienstiftung», über die er sein Studium finanzierte. Damit war ihm ein Weiterstudieren in Deutschland unmöglich gemacht. Auf Vermittlung Barths konnte er sein Studium dann in Basel fortsetzen, um nach dessen Abschluss in den Dienst der Bekennenden Kirche einzutreten.6
Das Heft mit Lackmanns Schrift und Barths Geleitwort wurde einen guten Monat nach Erscheinen zusammen mit allen von Barth verfassten Heften der ThExh verboten,7
sorgte aber weiter für Aufsehen: In einem Bericht der Bonner Studentenschaft vom Dezember 1934 heißt es: «Der Inhalt der verbotenen Schrift von Lackmann: ‹Herr, wohin sollen wir gehen?›, in der, unter Billigung von Barth, die Unvereinbarkeit einer christlich-theologischen Haltung mit dem SA-Dienst behauptet wird, gewinnt immer mehr an Wirkung. Es haben Anhänger der Barth’schen Theologie, früher gute Nationalsozialisten, ‹aus Gewissensgründen› ihren Austritt aus der SA genommen. Von anderen Universitäten kommende Theologiestudenten sind über die |261 Stimmung der hiesigen Theologenschaft entsetzt.»8
– Barth selbst wurde von Emil Pfennigsdorf9
beim Reichskultusminister als Hauptverantwortlicher für die Veröffentlichung und die in dem Heft enthaltenen Angriffe gegen regimetreue Professoren angezeigt.10
Vom vorliegenden Text existiert der Durchschlag eines einseitigen, einzeilig geschriebenen Typoskripts (KBA 9234.184), das nur geringfügige Abweichungen vom Abdruck aufweist, die unten angemerkt sind. Der Abdruck, auf den sich die eingefügte Originalpaginierung bezieht, erfolgte in: M. Lackmann, Herr, wohin sollen wir gehen? Ein Wort eines evangelischen Theologiestudenten an seine Kommilitonen (ThExh 11), München 1934, S. 3f.
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Zum Geleit
Dass ein Student in öffentlicher Druckschrift das Wort ergreift, ist eine kühne und zunächst etwas verdächtige Sache. Der Student soll studieren, das heißt hören, was Andere sagen, lesen, was Andere geschrieben haben, um hernach in der Lage zu sein, selber in gehaltvoller Weise das Wort zu ergreifen.11 Über diesen Satz besteht zwischen dem Verfasser dieser Schrift und mir völlige Übereinstimmung. Aber als er mir eines Tages das Manuskript dieser seiner Schrift, mit deren Plan und Absicht er mich vorher nicht beschäftigt hatte, vorlegte, da musste ich mich doch des anderen Satzes erinnern, der besagt, dass keine Regel ohne Ausnahme sein kann, wenn nur auch die Ausnahme die Regel bestätigt. Diese Bedingung fand ich aber hier insofern erfüllt, als ich den Verfasser schon vorher als einen rechtschaffenen Stu|262denten, das heißt Hörer und Leser, kennengelernt hatte (der sich z. B. in dem Knechtsdienst sauberer Textanalysen schon einigermaßen bewährt hat!12) und als ich dieses sein Wort an seine Kommilitonen nun einfach als solches in seiner besonderen Art als gut und notwendig anerkennen musste. Gegen die Möglichkeit, dass tatsächlich doch13 auch einmal ein Student öffentlich etwas Ordentliches zu sagen haben könnte, kann sich ja jener erste Satz nicht richten. Es kommt dazu, dass wir in Kirche und Theologie heute ohnehin in einer Ausnahmezeit leben, in der an Matth. 21,15–16 zu denken erlaubt und geboten sein dürfte. Es kommt dazu, dass die kirchliche und theologische Öffentlichkeit, oder sagen wir besser: die christliche Gemeinde ein Recht und eine Pflicht hat, neben dem, was sie durch den Mund der sogenannten «Fachschaften», das heißt der betreffenden Fachschaftsleiter, zu hören bekommt, auch einmal eine Stimme aus der durch diese Fachschaften angeblich vertretenen evangelisch-theologischen Studentenschaft selbst zu hören.14 Es kommt vor allem dazu, dass das, was der Verfasser seinen Kommilitonen zu sagen hat, wirklich einmal gesagt werden muss und gerade von einem Studenten gesagt besser ge4hört werden kann, als wenn es – und wäre es zehnmal reifer – von einem Professor oder Pfarrer gesagt würde. Dies ist’s, was mich bewogen hat, der Veröffentlichung dieser Schrift zuzustim|263men.15 Sie gehört in die Schriftenreihe «Theologische Existenz heute», denn es gibt wahrlich auch eine Frage nach der «Studentisch-theologischen Existenz heute»16, deren Beantwortung für die «Theologische Existenz morgen»17 entscheidend wichtig sein dürfte.
Bonn,
27. Mai 1934. Karl Barth18.