23. März 1930

Karl Barth an Eduard Thurneysen

6
Lieber Eduard!

Es verhält sich so, daß ich nächsten Mittwoch den 26. abends in Basel eintreffen und mit alter Freude bei dir einkehren werde, wenn ihr Raum und Lust für mich habt. Auf Freitag den 28. abends habe ich mich bei meiner Mutter1 in Bern angekündigt, so daß wir jedenfalls die zwei Abende am Mittwoch und Donnerstag, wenn du deinerseits frei |7 bist, haben werden. Ein Besuch nach Ostern kommt leider nicht in Betracht. Ich muß am Gründonnerstag wieder heimfahren. Dagegen würde ich dann vorher am 15. oder 16. gerne noch einmal zu euch kommen, immer vorausgesetzt, daß dies von euch aus erträglich ist. Ich sage: ich, muß aber sofort ergänzen: wir, denn mein Sohn Matthias2 soll mich auf dieser Reise begleiten, und die Anfrage wegen der Herberge muß also dieses Büblein mitbetreffen. Ich freue mich sehr darauf, wieder einmal, nein zweimal, tief in die Nacht hinein Rede und Gegenrede mit dir zu tauschen. Was du von Gogarten schreibst, gibt mir ja sehr zu denken. Es scheint, daß unsere Rollen diesem Mann gegenüber die gleichen bleiben sollen, wie sie es schon in dem ereignisreichen Jahr 1922 gewesen sind3, und ich nehme es gerne als einen Wink der Vorsehung entgegen, daß gerade du ihm mir gegenüber immer aufs neue die Stange hältst. Du wirst aber sehen, daß das ziemlich nötig ist, denn ich kann nicht leugnen, daß ich seit dem Vortrag der Tiling4 mehr als je unter diesem Nachbar leide. Es ist doch immer wieder gut, daß du da bist, um, wenn es nottut (und hier tut es not), mit deinem «Kindlein, liebet euch untereinander»5 in die Mitte zu treten. Über dies und Vieles wird |8 sich nun mündlich besser als schriftlich reden lassen. Nur zu deiner Anfrage betreffend Markus möchte ich Dir sagen, daß das Knäblein nun wirklich nicht konfirmiert worden ist. Ich lege dir das schriftliche Exposé bei, das er auf meine Anforderung erstellt hat und auf das hin ich ihn dann freigesprochen habe.6 Du wirst dich daraus fürs erste über die Situation einigermaßen orientieren können. Es freut mich sehr, wenn du Markus einen Brief schreiben willst, und ich denke, daß das auch für ihn selber lehrreicher sein wird als das, was der bewußte Pfarrer in Münster ihm heute Nachmittag hätte mitteilen können. Ich habe heute vor 8 Tagen noch die öffentliche Prüfung der Konfirmanden miterlebt und hatte einen schaurigen Eindruck von dem, was diesen Kindern geboten worden ist. Die Sache fing an mit der Frage: Liebe Kinder, wo sind wir? und der Antwort: In der Apostelkirche zu Münster. Das Weitere kannst du dir denken. Man ging wirklich mühselig und beladen weg von dieser Übung. Genug für heute. Wir haben noch viel Post zu erledigen. Nelly und Lollo grüßen dich mit mir.

Von Herzen
Dein
Karl

Sachfußnoten

1
Anna Katharina Barth, geb. Sartorius (1863–1938), lebte in Wabern bei Bern.↩
2
Robert Matthias Barth (1921–1941), viertes Kind von Karl und Nelly Barth.↩
3
Am 18. August 1922 hatten K. Barth, Fr. Gogarten und E. Thurneysen die Gründung einer Schriftenreihe beschlossen, die ab Januar 1923 (seit 1925 als Zeitschrift) unter dem Titel «Zwischen den Zeiten» erschien, herausgegeben von G. Merz; vgl. Bw.Th. I, S. 400, Anm. 1 📖; Busch, S. 157–160 📖. — Bereits vor diesem Zeitpunkt bestanden theologische Spannungen zwischen K. Barth und Fr. Gogarten (vgl. Bw.Th. II, S. 38.46f. 📖), die Barth bei der Gründung bedenklich stimmten und die er vor allem wegen E. Thurneysens Bemühungen um Ausgleich zurückstellte (vgl. Bw.Th. II, S. 97f. [Brief K. Barths an G. Merz]; Busch, S. 158).↩
4
Vortrag über das Thema «Gibt es eine evangelische Pädagogik?» am 7.2. 1930 in Münster; vgl. Bw.Th. II, S. 715f. 📖 ↩
5
Vgl. den legendarisch überlieferten Ausspruch des Evangelisten Johannes in: Jacobi a Voragine Legenda Aurea vulgo historia Lombardica dicta ad optimorum librorum fidem, recensuit Th. Graesse, Osnabrück 1969 (= 18903), S. 61 📖: «Beatus igitur Johannes, ut testatur Hieronymus, cum ipse usque ad ipsam suam ultimam senectutem Ephesi moraretur, et vix inter discipulorum manus ad ecclesiam deferretur nec plura verba dicere posset, ad quamlibet pausam hoc dicebat: filioli diligite alterutrum. Tandem fratres, qui cum eo erunt, admirantes, quod semper eadem diceret, dixerunt ei: magister, quare semper eadem loqueris? Qui respondit: quia praeceptum domini est, et si solum hoc fiat, sufficit.» (Vgl. auch G. E. Lessing, Das Testament Johannis, in: Lessing’s theologische Schriften, hrsg. und mit Anmerkungen versehen von Chr. Groß, Dritter Theil, Berlin o. J., S. 18 📖: «Kinderchen, liebet Euch!») Wegen seiner irenisch vermittelnden, «johanneischen» Art trug Thurneysen im Kreis der Freunde den — ihm von Lukas Christ angehängten — Spitznamen «Johannissimus»; vgl. etwa Bw.Th. II, S. 326 📖, und unten S. 260.484. ↩
6
Markus Barths schriftliche Begründung, datiert am 16.2.1930, befindet sich im Nachlaß Thurneysen 📖 («Warum möchte ich nicht konfirmiert werden? Weil: A. Ich von dem Konfirmandenunterricht nicht befriedigt bin. B. Ich nicht glaube die Konfirmation, als was ich sie auch auffasse, ehrlich mitmachen zu können»). Er wurde dann doch am 29.3.1931 von Superintendent Pfr. Fritz Horn in Duisburg-Laar mit dessen Konfirmandengruppe konfirmiert, da ihm sonst der Zugang zum Theologiestudium verwehrt geblieben wäre (nach telephonischer Auskunft von Prof. Dr. Markus Barth am 26.6.1992).↩