2. Juli 1931

Karl Barth an Eduard Thurneysen

Lieber Eduard!

Hab herzlichen Dank für deine beiden Briefe. Es langt augenblicklich nicht zu einer ausführlichen Beantwortung, aber die gewünschten Angaben will ich dir rasch machen. Es kommen m. W. in Betracht von Hirsch: Deutschlands Schicksal bei Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 19221, und: Die Liebe zum Vaterlande bei Hermann Beyer & Söhne, Langensalza 19302. Von Althaus: Religiöser Sozialismus bei Bertelsmann, Gütersloh 19213, Staatsgedanke und Reich Gottes, H. Beyer & Söhne, Langensalza 19234, Kirche und Volkstum (in der Sammlung |158 Evangelium u. Leben) bei Bertelsmann in Güterloh 19275. Eine Antwort von Hirsch und Althaus an K. L. Schmidt ist noch nicht ergangen; über die Wirkung ihres Aufrufes weiß ich nur, daß er bei der Generalversammlung des Evangelischen Bundes in Magdeburg in Form einer Resolution freudig begrüßt worden ist6 und daß umgekehrt Deißmann irgendwo deutlich Widerspruch dagegen erhoben haben soll7.—

Hier noch eine Seite Dogmatik, die du an die Stelle des die gleiche Nummer tragenden Blattes in dem dir gestern übersandten § 48 legen sollst, während das dort befindliche in den Papierkorb gehört. § 5 beginnt mit einer großen Auseinandersetzung mit unserem Freund Friedrich9, die dich dann auch interessieren wird. Ich wäre froh darüber, von dir gelegentlich ein Wort über deine Eindrücke von diesem neu erstehenden Turm zu hören: ob du meinst, daß es so gehe usw. Wir denken lebhaft daran, was dir heute Nachmittag bevorsteht.10 Und was du, wenn dieser Brief dich erreicht, hinter dir haben wirst. Wie war denn das eigentlich in Gießen? Dein Brief mit der Mitteilung darüber war mir eine richtige Beruhigung, denn es liefen nachher hier Gerüchte um, als ob dir die vereinigten Gießener und Marburger dort so eine Axt Schlacht an der Marne geliefert hätten.11 Ich sehe nun zu meinem Ver|159gnügen, daß du jedenfalls fern davon warst, die Sache so aufzufassen. Ich wüßte auch, nachdem ich deinen Vortrag gelesen habe, gar nicht, wie das hätte geschehen können.

Zur Kenntnisnahme lege ich dir hier bei, was K. Heim mir geschrieben hat.12 In Z. d. Z. wird nämlich unter dem Titel «Priester und Laie» ein wunderliches Opus von H. M. Müller, das eine Rezension des Heimschen Buches darstellt, erscheinen, in welchem das Wunderliche passiert, daß dieser Grisebachmann sich über Heims Buch einschließlich jener Seiten über mich aufs hellste entzückt zeigt. Der Priester bin ich, und Heim ist der Laie, der das bessere Teil erwählt hat.13 Ich gedenke nun ohne ausdrückliche Beziehung darauf in derselben Nummer meinen Brief an Heim, den du ja kennst, wörtlich abdrucken zu lassen.14 Die Anzeige dieser Absicht war die Veranlassung zu diesem Briefe von Heim.15 Darf man nicht sagen: er ist reichlich schleimig und verstockt zugleich? Ich weiß wirklich nicht, was ich mit diesem Bescheid anfangen soll, und muß vorläufig Alles, was ich ihm geschrieben, erst recht aufrecht erhalten.

160 Vorgestern Abend hatten wir eine Seminarsitzung mit einem von Fritz Lieb herbeigebrachten russischen Orthodoxen Florowski aus Paris.16 Ich hatte nicht eben überwältigende Eindrücke von der Wesentlichkeit dieser orientalischen Theologie. Was er vorgebracht hat, werde ich Georg Merz für Z. d.Z. schicken, schon damit auch bei uns einmal schwarz auf weiß sichtbar wird, was dort eigentlich los ist. Es war sehr instruktiv, wie man sich bei dieser Konfrontation auf einmal mit dem römischen Katholizismus solidarisch fühlte, in welchem doch, was auch im einzelnen zu bemerken sei, die Konturen und Grenzen überall ganz anders gewahrt sind, als bei dieser weichen, alles ineinander verschwimmen lassenden russischen Gedankenmasse der Fall ist. Die Frage bewegte mich sehr, ob wir nicht vielleicht vor 10 Jahren Dostojewski17 in guten Treuen mindestens in wichtigen Stücken mißverstanden haben, weil wir diese für ihn selbstverständlichen Hintergründe so nicht vor Augen hatten. Die Art, wie da gerade die Eschatologie eigentlich resttos enteschatologisiert wird, ist geradezu unheimlich. Aber genug für heute. Es sollte ja nur ein Gruß werden. Wir wünschen dir und uns ein freudiges Zuendekommen bis zu dem ersehnten Tage, da man den 1. August18 schreiben wird.

Sei von Herzen gegrüßt von deinem
Karl

Sachfußnoten

1
E. Hirsch, Deutschlands Schicksal. Staat, Volk und Menschheit im Lichte einer ethischen Geschichtsansicht, Göttingen 1922 (2. durchgesehene und um ein Nachwort vermehrte Aufl.). 📖 ↩
2
E. Hirsch, Die Liebe zum Vaterlande (Schriften zur politischen Bildung, Reihe 10, Heft 2), Langensalza 1930 (4. um ein Nachwort vermehrte Aufl.). 📖 ↩
3
P. Althaus, Religiöser Sozialismus. Grundfragen der christlichen Sozialethik (Studien des apologetischen Seminars in Wernigerode, Heft 5), Gütersloh 1921 📖; vgl. dazu Barths Besprechung Grundfragen der christlichen Sozialethik. Auseinandersetzung mit Paul Althaus (1922), in: V.u.kl.A. 1922-1925, S. 39–57 📖. ↩
4
P. Althaus, Staatsgedanke und Reich Gottes (Schriften zur politischen Bildung, Heft 4; Pädagogisches Magazin, Heft 913), Langensalza 1923 (1. und 2. Aufl.), 1926 (3., erweiterte Aufl.) 📖. ↩
5
P. Althaus, Kirche und Volkstum (Vortrag auf dem 2. deutschen Kirchentage zu Königsberg, 17. Juni 1927), in: ders., Evangelium und Leben (Gesammelte Vorträge), Gütersloh 1927, S. 113–143. 📖 ↩
6
Die Stellungnahme des Gesamtvorstandes, abgegeben auf der 35. Generalversammlung des Evangelischen Bundes in Magdeburg (4.-7.6.1931), erschien in dessen Organ: Wartburg. Deutsch-evangelische Monatsschrift, Jg. 30 (1931), S. 186 📖; vgl. dazu W. Fleischmann-Bisten, Der Evangelische Bund in der Weimarer Republik und im sogenannten Dritten Reich (Europäische Hochschulschriften, Reihe 23, Bd. 372) Frankfurt a.M. u. a. 1989, S. 215. 📖 ↩
7
A. Deißmann, Evangelische Kirche und Völkerverständigung, in: Das Evangelische Deutschland, Jg. 8 (1931), Nr. 25 vom 21.6.1931, S. 211f. 📖 — Gustav Adolf Deißmann (1866–1937), Doktorvater K. L. Schmidts, nach Professuren in Marburg und Heidelberg 1908–1934 Professor für Neues Testament in Berlin, daneben kirchen- und kulturpolitisch tätig.↩
8
§ 4: Das Wort Gottes in seiner dreifachen Gestalt, in: KD I/I, S. 89–128. 📖 ↩
9
§ 5: Das Wesen des Wortes Gottes, in: KD I/1, S. 128–194 📖; darin S. 128–133 eine Auseinandersetzung mit Gogartens Rezension von Barths «Christlicher Dogmatik im Entwurf 📖»: Fr. Gogarten, Karl Barths Dogmatik, in: ThR N. F., Jg. 1 (1929), S. 60–80. 📖 ↩
10
Vgl. oben S. 148, Anm. 1.↩
11
Schlacht an der Marne 6.-9.9.1914; von der Obersten Heeresleitung am 9.9. nach einem französisch-englischen Teildurchbruch durch Rückzug beendet («Wunder an der Marne»). Zu den Gerüchten über die angeblich negative Aufnahme von Thurneysens (nicht mehr nachweisbarem) Vortrag in Gießen vgl. Bw.B.1 S. 127f., Bw.B.2 S. 125. 📖 ↩
12
Brief vom 29.6.1931.↩
13
H. M. Müller, Priester und Laie. Zu Karl Heims neuem Werk, in: ZZ, Jg. 9 (1931), S. 366–385; vgl. bes. S. 380–385. 📖 ↩
14
Karl Barth an Karl Heim (Bonn, den 27.4.1931), a.a.O., S. 451–453. 📖 ↩
15
Mit seinem Brief vom 29.6.1931 antwortete Heim zustimmend auf Barths briefliche Bitte um Druckerlaubnis (vom 27.6.1931). Heim hielt darin an seiner kritischen Darstellung von Barths Ansatz (s. oben S. 132, Anm. 2) fest. «Ich werde natürlich auf Ihren Brief hin in einer etwaigen Neuaufl. alles tun, um der Differenz zwischen uns alles Persönliche zu nehmen», z. B. durch Mäßigung ungeschickter Ausdrücke. Anders als Barth habe er nicht den Eindruck, daß sie aneinander vorbeiredeten und keine Fortentwicklung der Auseinandersetzung sichtbar sei; es verhalte sich im Gegenteil so, «daß wir Pietisten die Botschaft Karl Barths vom qualitativen Unterschied zwischen Schöpfer und Geschöpf … wirklich gehört und aufgenommen haben, daß wir dadurch aber nur noch tiefer in unseren Pietismus hineingetrieben wurden. / Sie haben Ihren Brief viel zu rasch im ersten Ärger hingeschrieben. So rasch läßt sich eine Position, die aus längerer Überlegung herausgewachsen ist, nicht über den Haufen werfen. In dem, was Sie zur Tauffrage sagen, reden Sie schlimmer an dem vorbei, worum es in dem betr. Abschnitt bei mir geht, als ich je an Ihnen vorbeigeredet habe. Daß Sie über meine dortige Frage an Sie so leicht hinwegkommen, hat mir meine Diagnose nur bestätigt.»↩
16
9. (außerordentliche) Sitzung am 30.6.1931 (Protokoll im Protokollheft, S. 81–95). Abdruck des Vortrags: G. W. Florowskij, Offenbarung, Philosophie und Theologie, in: ZZ, Jg. 9 (1931), S. 463–480. 📖 — Georgij Florovskij (1893–1979), ehemals Dozent für Philosophie in Odessa und Prag, nach weitgehend autodidaktischen Theologiestudien seit 1926 Professor für Patristik und Systematische Theologie am orthodoxen Institut St. Serge in Paris, nach seiner Emigration 1948 Professor in New York, Harvard und Princeton, 1946–1961 Mitglied des Zentralausschusses des Ökumenischen Rates.↩
17
Vgl. Bw.Th. I 📖 und II (Namenregister) 📖; E. Thurneysen, Dostojewski, München 1921 📖 (vgl. hierzu Bw.Th. I, S. 436f.). ↩
18
K. Barth und Ch. von Kirschbaum fuhren am 1.8.1931 nach Basel und erreichten am 2.8.1931 das Bergli.↩