2. Juli 1931
Hab herzlichen Dank für deine beiden Briefe. Es langt augenblicklich nicht zu einer ausführlichen Beantwortung, aber die gewünschten Angaben will ich dir rasch machen. Es kommen m. W. in Betracht von Hirsch: Deutschlands Schicksal bei Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 19221, und: Die Liebe zum Vaterlande bei Hermann Beyer & Söhne, Langensalza 19302. Von Althaus: Religiöser Sozialismus bei Bertelsmann, Gütersloh 19213, Staatsgedanke und Reich Gottes, H. Beyer & Söhne, Langensalza 19234, Kirche und Volkstum (in der Sammlung |158 Evangelium u. Leben) bei Bertelsmann in Güterloh 19275. Eine Antwort von Hirsch und Althaus an K. L. Schmidt ist noch nicht ergangen; über die Wirkung ihres Aufrufes weiß ich nur, daß er bei der Generalversammlung des Evangelischen Bundes in Magdeburg in Form einer Resolution freudig begrüßt worden ist6 und daß umgekehrt Deißmann irgendwo deutlich Widerspruch dagegen erhoben haben soll7.—
Hier noch eine Seite Dogmatik, die du an die Stelle des die gleiche Nummer tragenden Blattes in dem dir gestern übersandten § 48 legen sollst, während das dort befindliche in den Papierkorb gehört. § 5 beginnt mit einer großen Auseinandersetzung mit unserem Freund Friedrich9, die dich dann auch interessieren wird. Ich wäre froh darüber, von dir gelegentlich ein Wort über deine Eindrücke von diesem neu erstehenden Turm zu hören: ob du meinst, daß es so gehe usw. Wir denken lebhaft daran, was dir heute Nachmittag bevorsteht.10 Und was du, wenn dieser Brief dich erreicht, hinter dir haben wirst. Wie war denn das eigentlich in Gießen? Dein Brief mit der Mitteilung darüber war mir eine richtige Beruhigung, denn es liefen nachher hier Gerüchte um, als ob dir die vereinigten Gießener und Marburger dort so eine Axt Schlacht an der Marne geliefert hätten.11 Ich sehe nun zu meinem Ver|159gnügen, daß du jedenfalls fern davon warst, die Sache so aufzufassen. Ich wüßte auch, nachdem ich deinen Vortrag gelesen habe, gar nicht, wie das hätte geschehen können.
Zur Kenntnisnahme lege ich dir hier bei, was K. Heim mir geschrieben hat.12 In Z. d. Z. wird nämlich unter dem Titel «Priester und Laie» ein wunderliches Opus von H. M. Müller, das eine Rezension des Heimschen Buches darstellt, erscheinen, in welchem das Wunderliche passiert, daß dieser Grisebachmann sich über Heims Buch einschließlich jener Seiten über mich aufs hellste entzückt zeigt. Der Priester bin ich, und Heim ist der Laie, der das bessere Teil erwählt hat.13 Ich gedenke nun ohne ausdrückliche Beziehung darauf in derselben Nummer meinen Brief an Heim, den du ja kennst, wörtlich abdrucken zu lassen.14 Die Anzeige dieser Absicht war die Veranlassung zu diesem Briefe von Heim.15 Darf man nicht sagen: er ist reichlich schleimig und verstockt zugleich? Ich weiß wirklich nicht, was ich mit diesem Bescheid anfangen soll, und muß vorläufig Alles, was ich ihm geschrieben, erst recht aufrecht erhalten.
160 Vorgestern Abend hatten wir eine Seminarsitzung mit einem von Fritz Lieb herbeigebrachten russischen Orthodoxen Florowski aus Paris.16 Ich hatte nicht eben überwältigende Eindrücke von der Wesentlichkeit dieser orientalischen Theologie. Was er vorgebracht hat, werde ich Georg Merz für Z. d.Z. schicken, schon damit auch bei uns einmal schwarz auf weiß sichtbar wird, was dort eigentlich los ist. Es war sehr instruktiv, wie man sich bei dieser Konfrontation auf einmal mit dem römischen Katholizismus solidarisch fühlte, in welchem doch, was auch im einzelnen zu bemerken sei, die Konturen und Grenzen überall ganz anders gewahrt sind, als bei dieser weichen, alles ineinander verschwimmen lassenden russischen Gedankenmasse der Fall ist. Die Frage bewegte mich sehr, ob wir nicht vielleicht vor 10 Jahren Dostojewski17 in guten Treuen mindestens in wichtigen Stücken mißverstanden haben, weil wir diese für ihn selbstverständlichen Hintergründe so nicht vor Augen hatten. Die Art, wie da gerade die Eschatologie eigentlich resttos enteschatologisiert wird, ist geradezu unheimlich. Aber genug für heute. Es sollte ja nur ein Gruß werden. Wir wünschen dir und uns ein freudiges Zuendekommen bis zu dem ersehnten Tage, da man den 1. August18 schreiben wird.
Sei von Herzen gegrüßt von deinem