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22.[- 23.] Dezember 1932
Ich bin wahrhaftig nicht ohne Nachricht von euch. Lollo hat mir so treu und hilfreich geschrieben! Und ich bin alle rechte Antwort schuldig geblieben, weil ich auf den guten Augenblick warten wollte, wo ich wieder einmal ausfuhrlich schreiben könne. Der ist immer nicht recht gekommen. Er ist auch heute abend nicht eigentlich da. Aber ein paar Worte sollen zu euch hinübergehen. Zuerst und zuvorderst steht dein Wunsch nach einem Wunsch von mir. Aber vielleicht komme ich bereits zu spät, und ist irgend ein treffliches Buch an mich schon unterwegs. Hab auf alle Fälle vielen Dank zum voraus dafür! Wenn ich noch etwas nennen soll, so wäre es das neue Buch von Michel Müller1, das Lempp unaufhörlich ankündigt und empfiehlt.2 Oder ist es nicht «der Wert»3? Ich kann es nicht beurteilen, aber irgendetwas hat mich an den Auszügen und Prospekten angeschaut und gelockt, es zu haben. Du wirst es besser beurteilen können. Oder dann: etwas Theologisches — mir fehlt einfach immer noch eine Ausgabe der Augustana oder auch der Schmalkaldischen Artikel. Hoffentlich sage ich damit nicht etwas unverschämt Teures. Laß dich also auf alle Fälle dadurch nicht belasten! Im übrigen: ich habe ja deine Dogmatik
📖 bekommen! Was für ein schöneres und reicheres Geschenk könnte es geben! Karl, es ist einfach ein seltenes, ein mit erhobenen Händen zu lobendes und zu preisendes Buch geworden. Ich kann nicht sagen, wie dankbar ich es aufgenommen habe. Ich kann nur wiederholen: seit dem Römerbrief
📖 hat mich kein Buch so stark und lebendig berührt und bewegt wie dieses. Es ist |310 auch in der Formulierung von einer Kraft und Lebendigkeit, die es erstaunlich lesbar machen. Dein Schüler Paul Frey sagte mir letzthin ganz spontan, auch auf ihn wirke es einfach wie einst der Römerbrief, befreiend und festigend, daß man einfach froh werde beim Lesen über solch eine Grundlegung, die da erfolgt ist aus all deiner umfassenden Arbeit heraus. Du wirst sicher selber es empfinden, nun alles für einmal wieder fertig vorliegt, daß dir hier etwas reif geworden ist, dessen du selber froh werden darfst. Mitten im Sturm und der Verwirrung dieser Zeit ist hier ein Fundament gelegt worden, auf dem weiter gebaut werden wird, mag im übrigen geschehen, was da will. Und ich selber bin stolz und beschämt zugleich über meine Namensnennung bei dieser Grundsteinlegung im Vorwort4.
Es ist für mich ganz besonderer Grund, für dein Buch dankbar zu sein. Ich sehe so viel an Verwirrung im Denken der Kirche rings um mich her, daß ich gar nicht recht durchkäme, wüßte ich nicht um dieses steinerne und eherne Fundament, zu dem jeder Aufrichtige, wenn er nur will, nun hinfliehen kann. Ob er es tun wird, der Mensch dieser Zeit ist ja weiter und weiter so wetterwendisch gerade als Theologe und Kirchenmann? Aber das muß unsere Sorge nicht sein. Ich dachte es im Stillen, als ich dieser Tage wieder einmal auch meinerseits ein Zusammentreffen mit unserem Freund Emil in Zürich hatte. Emil hat nämlich für mich gepredigt.5 Es war eine lang abgemachte Sache. Und so kam er denn und blieb über einen Sonntag hier. Seine Predigt war wirklich einfach selten gut und bis aufs letzte durchdacht und verantwortlich gesagt — abgesehen, ja abgesehen von einem fatalen Oxfordschluß, den er ihr angehängt hat, richtig angehängt6, so daß [es] allen meinen |311 sonstigen Zuhörern auffiel und ich nachher eine ganze Reihe von Interpellationen zu bestehen hatte. Was mich eigentlich freute, weil es zeigt, daß meine Leute nun doch im Punkte «Rechtfertigung» feinhörig geworden sind. Es kam eben dabei doch zu einer gewissen Verwechslung der großen Wendung in Christus mit der kleinen Wendung meiner eigenen Bekehrung. Immerhin — es ließ sich dieser Schluß der Predigt leicht und von innen her ablösen von allem übrigen gut und erstaunlich dem Texte entlang Gesagten. Und gerade in der großen Schlichtheit und der genauen Anlehnung an den Text war mir die Predigt eigentlich ganz neu an Emil. Er fing ganz uneristisch an und ging gleich in den Text hinein und blieb dabei. Und auch der Oxfordschluß war irgendwie am Texte erwachsen, nur eben in gefährlicher Interpretation. Und schließlich war es nur ein sozusagen kleiner Schnörkel, den er da noch anhängen mußte. Wir saßen am Abend mit Heiner und seiner Frau noch lange zusammen — sie hatten die Predigt auch gehört — und besprachen den — wie sagte doch Lollo von dem Eingang der Ethik? — «Unglücksfall» dieses Predigtschlusses, ohne natürlich Emil von dessen Gefährlichkeit wirklich überzeugen zu können. Aber es war auf alle Fälle eine lebendige Sache um Predigt und Gespräch darüber. Und allerdings ist uns ja Emil dann wieder — das macht die Sache natürlich auch wieder so aktuell gefährlich — sehr nahe, so ganz anders nahe, als es alle die sonstigen Prediger und Theolöglein hier herum sind. Nun kommt freilich dazu, was auch wieder Lollo von euch her meldet nach einem dir von Emil geschriebenen Briefe7, daß Emil — wahrscheinlich aus einer letzten inneren Unsicherheit heraus — merkwürdig persönlich eingestellt, und das heißt hier: verletzbar und empfindlich ist. Ich frage mich |312 manchmal, was denn eigentlich los sei mit ihm. Er kann sich so beinahe haltlos an mich wenden und halten und klammern. Und dann wieder so merkwürdig ausbrechen wegen der Differenzen, die zwischen uns und ihm wirklich vorliegen. Fatalerweise hat ihm Heiner, als er zurückkam, gesagt, daß bei euch über seine Ethik sozusagen Gericht gehalten werde, nicht zwar von dir (das glaubt er wirklich), aber von «Grünschnäbeln» von Studenten, die sein ernstes Schaffen glaubten abtun zu können. Heiner stand irgendwie unter dem Eindruck einer gewissen Gescheitelei, die da getrieben werde. Wobei er selber ja Emils Einstellung gerade in den Eingangskapiteln gar nicht schätzt. Und nun ist Emil beunruhigt. Mir sagte letzthin ein erfahrener Dokter [sic], Leute, die an Steinen leiden wie Emil, die seien einfach auch in den Zeiten, wo sie vielleicht nicht direkt unter Anfällen stehen, gereizt und labil im Nervensystem, vertrügen wenig, weil ständig doch eine gewisse Reizung von den inneren Organen ausgehe. Ich glaube nachgerade, bei Emil liege so etwas vor. Er sagte mir selber, aus der Röntgenaufnahme gehe hervor, daß er mindestens noch 12 Steine im Leibe habe, und er wisse eigentlich nie, wann es wieder losgehe. Er ist sicher ein armer Kerl. Ich schreibe dir das alles nur, um dich ein wenig ins Bild zu setzen über ihn. Es müssen eben dazu auch in Bonn selber Zürcher Studenten sein oder solche, die ihn kennen, und die schreiben ihm offenbar hin und wieder etwas tolle Briefe über euer Gespräch oder stellen ihm direkte Fragen, die seine Rechtgläubigkeit betreffen, so z. B. er, Emil, möge ihm doch sagen, und zwar authentisch, ob er den Glauben als habitus oder als Akt Gottes verstehe. Und das entlädt sich dann eben in einem Jammerbrief an mich.8 Was soll ich ihm da antworten? Ich möchte ihm |313 wirklich einfach sagen: Emil, lies und lies doch einfach Karls Dogmatik
📖. Dann ersiehst du am besten, was wir in der Tat an Frage[n] dir gegenüber auf dem Herzen haben. Darüber muß doch einfach verhandelt werden. Und das ist doch noch keine Preisgabe deiner Arbeit! Aber eben …
Am Nachmittag jenes Sonntages, an dem Emil hier predigte, habe ich ein paar Kollegen mit ihren Frauen in die Hofstube des Bischofshofes9 eingeladen und Emil gebeten, er möge uns nun einmal — eben auch authentisch — sagen, was er von der Oxfordbewegung für die Kirche denn Bedeutsames erwarten möchte. Diese Aussprache verlief gut. Ich hatte mir ausbedungen, daß uns nicht eine Darstellung oder gar Empfehlung der Oxfordmethodik gegeben werde. Dafür sicherte ich Emil zu, daß auch wir uns der Äußerung und Darlegung unserer Bedenken |314 dagegen enthalten würden. (Das bedingte z. B., daß unser Freund Lukas seine sonst mit Bravour gerittene Attacke gegen dies «geistliche Strandbad»10 diesmal nicht reiten durfte, was ihn sicherlich schmerzte!) Emil sprach dafür ausschließlich von dem, was ihm in der Berührung mit Buchman für die Praxis des Pfarrers aufgegangen sei. Man bekam allerlei an Kirchenkritik zu hören, wie es uns wirklich so oder anders auch schon gesagt worden ist: lahme Gemeinden, Mangel an Seelsorge an den Pfarrern selbst, mangelhafte Seelsorge dieser an den Gemeindegliedern, praxis pietatis als das große Gegenmittel — sicher für manche unter den anwesenden, namentlich die jüngeren Pfarrer (etwa wie unser Schüler Eberhard11) ganz gut. Heiner erzählte mir zwar eben, wie unser Freund Fritz bei euch über diese Seite der Sache unter dem Titel «Emils Bekehrung» lächle, vielleicht, vielleicht wäre auch ihm besser, gerade darüber nicht zu lächeln. Es war jedenfalls nach meinem Eindruck dagegen nicht so viel zu sagen. Ich sagte nachher Emil nur aufs neue das eine: Buchman hat sicher keineswegs irgendeine Botschaft auszurichten (wie etwa Blumhardt oder Kutter sie hatten), er ist und bleibt jener Hausknecht, der die «Menschen im Hotel
📖»12, die wir alle irgendwie sind, durch An-die-Türe-Poltern aufzuwecken scheint und dem das bei manchen auch gelingen mag. Nur das bleibe mir allerdings Bedingung sine qua non, daß ich, falls auch ich dies Aufwecken irgendwie erfahren sollte, dann durchaus in meine eigenen Kleider schlüpfen möchte und werde, mir also sicher keine Buchmanuniform anziehen wolle. Das heißt konkret gesagt z. B. ein wenig munterer und beharrlicher an deine |315 Dogmatik
📖 sitze13 oder in meinem amtlichen Tun ein wenig nachdrücklicher meine mir aufgetragene Botschaft an die Leute heranzubringen mich bemühen werde. In diesem Sinne war auch in der Diskussion sicher das Beste ein Votum des Baslers Lüthi, der kräftig darlegte, wie ihm unter der Begegnung mit Buchman das Vergebungswort eigentlich erst recht aufgegangen sei. Lukas sagte sicher mit Recht nachher, das hätte dieser Mann wirklich auch anderswo und besser sogar anderswo hören können («wir wissen das schon seit zwanzig Jahren»). Gewiß, aber es gibt nun offenbar solche, die hören es dort. Und warum soll das nicht möglich sein? Aufs Ganze gesehen schien mir, daß sicher der Generaleinwand zu Recht bestehe, daß auch die Kirche nicht so hundertprozentig vom Geist verlassen ist, wie es nach diesen Eiferern aussieht, daß aber ebensowenig dieser Geist so hundertprozentig bei ihnen vorhanden ist, wie es ihre alsgemach14 langweilig wirkenden immer gleichen Bekehrungsgeschichten angeben. Und irgendwie wird auch dieser seltsame, die Welt durchziehende Hausknecht zu den seltsamen Zeichen unserer seltsamen Zeit gehören. Und es wird dafür gesorgt sein, daß seine Bäumlein nicht in den Himmel wachsen. Hier in Basel jedenfalls geschieht das nicht.
Freitag abend. Der Brief wurde gestern nicht mehr fertig. Nun muß er aber abgehen. Eben traf von Lollo gesandt deine ausgezeichnete Predigt15 und der Artikel für die Zeitung16 ein. Ich habe beides richtig heruntergetrunken. Vor allem die Predigt mit ihrer barmherzigen und gerade dadurch wachrüttelnden Verkündigung von der Heiligung, der wir nachzujagen haben. Gut, bene, optime! optime! Mit Heiner habe ich wieder ein sehr freundliches Verhältnis bekommen. Wir haben nun beschlossen, an der philosophisch-theologischen Vereinigung die Ethische Frage, und zwar an Hand — nicht zwar von Brunner, sondern von Gogarten durchzunehmen! Ich werde das erste Referat haben. Heiner hat entschieden zu Gogarten geraten. Mir selber liegt die Besprechung von |316 Emils Ethik für Zw.d.Z. noch ob, ich mag und mag nicht daran herangehen. Heiner sprach mir zu und meint, man müsse sie eben auf ihrer Ebene würdigen. Aber eben diese Ebene ist mir irgendwie fremd genug. Ich bin sehr froh um Lollos weitere Mitteilungen eurer Ergebnisse zu diesem Buche. Mir kommt sie einfach vor als ein gutes Kompendium, an das die eigentliche theologische Frage gar nicht so recht gerichtet werden kann.
Schluß! Ich danke Markus vielmal und herzlich für seinen so guten Brief.17 In den Weihnachtstagen wird er eine Antwort erhalten. Hattet Ihr wohl gute Zeit mit Georg?18 Schleicher regiert19 — wie sieht das wohl von innen her gesehen aus? Wir dagegen hatten die scheußliche Schießerei auf Demonstranten in Genf20. Greyerz rief unsere soziale Studienkommission21 eilig zusammen zu einer Sonderbesprechung der «dadurch geschaffenen Lage». Und so saß ich denn letzthin mit den alten Sturmböcken Kefir22, Liechtenhan23, Sämi Dieterle, Lejeune24 (die Kommission ist fast ganz religiös-sozial zusammengesetzt) einen Nachmittag lang in Zürich in einem Café zusammen und mußte ein langes |317 und weithin sich erstreckendes politisches Kannegießern25 mitmachen, das ich immerhin zum Schluß insofern gewann, als ich Kefirs unmögliche Resolution zu Fall brachte. Nein, so geht es nicht in diesen Dingen! Ich wurde zur Strafe dafür, daß ich dabei sein mußte, selber beauftragt, in Frageform ein paar Erwägungen zu formulieren, die nun in unserem Blättlein an die Pfarrer gerichtet werden sollen.26
Sei herzlich, herzlich gegrüßt! Unser Weg wird weiter beschritten werden müssen. Du aber hast ihn nicht nur zu beschreiten, sondern zu bahnen. Laß mir alle und jede Kunde, die du mir aus dieser Arbeit heraus kannst zukommen lassen, zukommen. Ich lese sozusagen nichts anderes! So ganz lätz27 sind wir sicher nicht dran. Das erfahre doch auch ich in meinem kleineren Kampfabschnitt.
Viele, herzliche Grüße auch von Marguerite und an Nelly und Lollo. Nächste Woche werden wir einmal einen Tag und Abend nach Zürich fahren und mit Ruedi und Gerty zusammensitzen. Es wird nicht fehlen, daß wir dann Euer gedenken!
Die Stalinbiographie28 lese ich eben nebenher. Vielleicht kann sie auch dich interessieren!