22. Dezember 1932 – 23. Dezember 1932

Eduard Thurneysen an Karl Barth

309
Lieber Karl,

Ich bin wahrhaftig nicht ohne Nachricht von euch. Lollo hat mir so treu und hilfreich geschrieben! Und ich bin alle rechte Antwort schuldig geblieben, weil ich auf den guten Augenblick warten wollte, wo ich wieder einmal ausfuhrlich schreiben könne. Der ist immer nicht recht gekommen. Er ist auch heute abend nicht eigentlich da. Aber ein paar Worte sollen zu euch hinübergehen. Zuerst und zuvorderst steht dein Wunsch nach einem Wunsch von mir. Aber vielleicht komme ich bereits zu spät, und ist irgend ein treffliches Buch an mich schon unterwegs. Hab auf alle Fälle vielen Dank zum voraus dafür! Wenn ich noch etwas nennen soll, so wäre es das neue Buch von Michel Müller1, das Lempp unaufhörlich ankündigt und empfiehlt.2 Oder ist es nicht «der Wert»3? Ich kann es nicht beurteilen, aber irgendetwas hat mich an den Auszügen und Prospekten angeschaut und gelockt, es zu haben. Du wirst es besser beurteilen können. Oder dann: etwas Theologisches — mir fehlt einfach immer noch eine Ausgabe der Augustana oder auch der Schmalkaldischen Artikel. Hoffentlich sage ich damit nicht etwas unverschämt Teures. Laß dich also auf alle Fälle dadurch nicht belasten! Im übrigen: ich habe ja deine Dogmatik 📖 bekommen! Was für ein schöneres und reicheres Geschenk könnte es geben! Karl, es ist einfach ein seltenes, ein mit erhobenen Händen zu lobendes und zu preisendes Buch geworden. Ich kann nicht sagen, wie dankbar ich es aufgenommen habe. Ich kann nur wiederholen: seit dem Römerbrief 📖 hat mich kein Buch so stark und lebendig berührt und bewegt wie dieses. Es ist |310 auch in der Formulierung von einer Kraft und Lebendigkeit, die es erstaunlich lesbar machen. Dein Schüler Paul Frey sagte mir letzthin ganz spontan, auch auf ihn wirke es einfach wie einst der Römerbrief, befreiend und festigend, daß man einfach froh werde beim Lesen über solch eine Grundlegung, die da erfolgt ist aus all deiner umfassenden Arbeit heraus. Du wirst sicher selber es empfinden, nun alles für einmal wieder fertig vorliegt, daß dir hier etwas reif geworden ist, dessen du selber froh werden darfst. Mitten im Sturm und der Verwirrung dieser Zeit ist hier ein Fundament gelegt worden, auf dem weiter gebaut werden wird, mag im übrigen geschehen, was da will. Und ich selber bin stolz und beschämt zugleich über meine Namensnennung bei dieser Grundsteinlegung im Vorwort4.

Es ist für mich ganz besonderer Grund, für dein Buch dankbar zu sein. Ich sehe so viel an Verwirrung im Denken der Kirche rings um mich her, daß ich gar nicht recht durchkäme, wüßte ich nicht um dieses steinerne und eherne Fundament, zu dem jeder Aufrichtige, wenn er nur will, nun hinfliehen kann. Ob er es tun wird, der Mensch dieser Zeit ist ja weiter und weiter so wetterwendisch gerade als Theologe und Kirchenmann? Aber das muß unsere Sorge nicht sein. Ich dachte es im Stillen, als ich dieser Tage wieder einmal auch meinerseits ein Zusammentreffen mit unserem Freund Emil in Zürich hatte. Emil hat nämlich für mich gepredigt.5 Es war eine lang abgemachte Sache. Und so kam er denn und blieb über einen Sonntag hier. Seine Predigt war wirklich einfach selten gut und bis aufs letzte durchdacht und verantwortlich gesagt — abgesehen, ja abgesehen von einem fatalen Oxfordschluß, den er ihr angehängt hat, richtig angehängt6, so daß [es] allen meinen |311 sonstigen Zuhörern auffiel und ich nachher eine ganze Reihe von Interpellationen zu bestehen hatte. Was mich eigentlich freute, weil es zeigt, daß meine Leute nun doch im Punkte «Rechtfertigung» feinhörig geworden sind. Es kam eben dabei doch zu einer gewissen Verwechslung der großen Wendung in Christus mit der kleinen Wendung meiner eigenen Bekehrung. Immerhin — es ließ sich dieser Schluß der Predigt leicht und von innen her ablösen von allem übrigen gut und erstaunlich dem Texte entlang Gesagten. Und gerade in der großen Schlichtheit und der genauen Anlehnung an den Text war mir die Predigt eigentlich ganz neu an Emil. Er fing ganz uneristisch an und ging gleich in den Text hinein und blieb dabei. Und auch der Oxfordschluß war irgendwie am Texte erwachsen, nur eben in gefährlicher Interpretation. Und schließlich war es nur ein sozusagen kleiner Schnörkel, den er da noch anhängen mußte. Wir saßen am Abend mit Heiner und seiner Frau noch lange zusammen — sie hatten die Predigt auch gehört — und besprachen den — wie sagte doch Lollo von dem Eingang der Ethik? — «Unglücksfall» dieses Predigtschlusses, ohne natürlich Emil von dessen Gefährlichkeit wirklich überzeugen zu können. Aber es war auf alle Fälle eine lebendige Sache um Predigt und Gespräch darüber. Und allerdings ist uns ja Emil dann wieder — das macht die Sache natürlich auch wieder so aktuell gefährlich — sehr nahe, so ganz anders nahe, als es alle die sonstigen Prediger und Theolöglein hier herum sind. Nun kommt freilich dazu, was auch wieder Lollo von euch her meldet nach einem dir von Emil geschriebenen Briefe7, daß Emil — wahrscheinlich aus einer letzten inneren Unsicherheit heraus — merkwürdig persönlich eingestellt, und das heißt hier: verletzbar und empfindlich ist. Ich frage mich |312 manchmal, was denn eigentlich los sei mit ihm. Er kann sich so beinahe haltlos an mich wenden und halten und klammern. Und dann wieder so merkwürdig ausbrechen wegen der Differenzen, die zwischen uns und ihm wirklich vorliegen. Fatalerweise hat ihm Heiner, als er zurückkam, gesagt, daß bei euch über seine Ethik sozusagen Gericht gehalten werde, nicht zwar von dir (das glaubt er wirklich), aber von «Grünschnäbeln» von Studenten, die sein ernstes Schaffen glaubten abtun zu können. Heiner stand irgendwie unter dem Eindruck einer gewissen Gescheitelei, die da getrieben werde. Wobei er selber ja Emils Einstellung gerade in den Eingangskapiteln gar nicht schätzt. Und nun ist Emil beunruhigt. Mir sagte letzthin ein erfahrener Dokter [sic], Leute, die an Steinen leiden wie Emil, die seien einfach auch in den Zeiten, wo sie vielleicht nicht direkt unter Anfällen stehen, gereizt und labil im Nervensystem, vertrügen wenig, weil ständig doch eine gewisse Reizung von den inneren Organen ausgehe. Ich glaube nachgerade, bei Emil liege so etwas vor. Er sagte mir selber, aus der Röntgenaufnahme gehe hervor, daß er mindestens noch 12 Steine im Leibe habe, und er wisse eigentlich nie, wann es wieder losgehe. Er ist sicher ein armer Kerl. Ich schreibe dir das alles nur, um dich ein wenig ins Bild zu setzen über ihn. Es müssen eben dazu auch in Bonn selber Zürcher Studenten sein oder solche, die ihn kennen, und die schreiben ihm offenbar hin und wieder etwas tolle Briefe über euer Gespräch oder stellen ihm direkte Fragen, die seine Rechtgläubigkeit betreffen, so z. B. er, Emil, möge ihm doch sagen, und zwar authentisch, ob er den Glauben als habitus oder als Akt Gottes verstehe. Und das entlädt sich dann eben in einem Jammerbrief an mich.8 Was soll ich ihm da antworten? Ich möchte ihm |313 wirklich einfach sagen: Emil, lies und lies doch einfach Karls Dogmatik 📖. Dann ersiehst du am besten, was wir in der Tat an Frage[n] dir gegenüber auf dem Herzen haben. Darüber muß doch einfach verhandelt werden. Und das ist doch noch keine Preisgabe deiner Arbeit! Aber eben …

Am Nachmittag jenes Sonntages, an dem Emil hier predigte, habe ich ein paar Kollegen mit ihren Frauen in die Hofstube des Bischofshofes9 eingeladen und Emil gebeten, er möge uns nun einmal — eben auch authentisch — sagen, was er von der Oxfordbewegung für die Kirche denn Bedeutsames erwarten möchte. Diese Aussprache verlief gut. Ich hatte mir ausbedungen, daß uns nicht eine Darstellung oder gar Empfehlung der Oxfordmethodik gegeben werde. Dafür sicherte ich Emil zu, daß auch wir uns der Äußerung und Darlegung unserer Bedenken |314 dagegen enthalten würden. (Das bedingte z. B., daß unser Freund Lukas seine sonst mit Bravour gerittene Attacke gegen dies «geistliche Strandbad»10 diesmal nicht reiten durfte, was ihn sicherlich schmerzte!) Emil sprach dafür ausschließlich von dem, was ihm in der Berührung mit Buchman für die Praxis des Pfarrers aufgegangen sei. Man bekam allerlei an Kirchenkritik zu hören, wie es uns wirklich so oder anders auch schon gesagt worden ist: lahme Gemeinden, Mangel an Seelsorge an den Pfarrern selbst, mangelhafte Seelsorge dieser an den Gemeindegliedern, praxis pietatis als das große Gegenmittel — sicher für manche unter den anwesenden, namentlich die jüngeren Pfarrer (etwa wie unser Schüler Eberhard11) ganz gut. Heiner erzählte mir zwar eben, wie unser Freund Fritz bei euch über diese Seite der Sache unter dem Titel «Emils Bekehrung» lächle, vielleicht, vielleicht wäre auch ihm besser, gerade darüber nicht zu lächeln. Es war jedenfalls nach meinem Eindruck dagegen nicht so viel zu sagen. Ich sagte nachher Emil nur aufs neue das eine: Buchman hat sicher keineswegs irgendeine Botschaft auszurichten (wie etwa Blumhardt oder Kutter sie hatten), er ist und bleibt jener Hausknecht, der die «Menschen im Hotel 📖»12, die wir alle irgendwie sind, durch An-die-Türe-Poltern aufzuwecken scheint und dem das bei manchen auch gelingen mag. Nur das bleibe mir allerdings Bedingung sine qua non, daß ich, falls auch ich dies Aufwecken irgendwie erfahren sollte, dann durchaus in meine eigenen Kleider schlüpfen möchte und werde, mir also sicher keine Buchmanuniform anziehen wolle. Das heißt konkret gesagt z. B. ein wenig munterer und beharrlicher an deine |315 Dogmatik 📖 sitze13 oder in meinem amtlichen Tun ein wenig nachdrücklicher meine mir aufgetragene Botschaft an die Leute heranzubringen mich bemühen werde. In diesem Sinne war auch in der Diskussion sicher das Beste ein Votum des Baslers Lüthi, der kräftig darlegte, wie ihm unter der Begegnung mit Buchman das Vergebungswort eigentlich erst recht aufgegangen sei. Lukas sagte sicher mit Recht nachher, das hätte dieser Mann wirklich auch anderswo und besser sogar anderswo hören können («wir wissen das schon seit zwanzig Jahren»). Gewiß, aber es gibt nun offenbar solche, die hören es dort. Und warum soll das nicht möglich sein? Aufs Ganze gesehen schien mir, daß sicher der Generaleinwand zu Recht bestehe, daß auch die Kirche nicht so hundertprozentig vom Geist verlassen ist, wie es nach diesen Eiferern aussieht, daß aber ebensowenig dieser Geist so hundertprozentig bei ihnen vorhanden ist, wie es ihre alsgemach14 langweilig wirkenden immer gleichen Bekehrungsgeschichten angeben. Und irgendwie wird auch dieser seltsame, die Welt durchziehende Hausknecht zu den seltsamen Zeichen unserer seltsamen Zeit gehören. Und es wird dafür gesorgt sein, daß seine Bäumlein nicht in den Himmel wachsen. Hier in Basel jedenfalls geschieht das nicht.

Freitag abend. Der Brief wurde gestern nicht mehr fertig. Nun muß er aber abgehen. Eben traf von Lollo gesandt deine ausgezeichnete Predigt15 und der Artikel für die Zeitung16 ein. Ich habe beides richtig heruntergetrunken. Vor allem die Predigt mit ihrer barmherzigen und gerade dadurch wachrüttelnden Verkündigung von der Heiligung, der wir nachzujagen haben. Gut, bene, optime! optime! Mit Heiner habe ich wieder ein sehr freundliches Verhältnis bekommen. Wir haben nun beschlossen, an der philosophisch-theologischen Vereinigung die Ethische Frage, und zwar an Hand — nicht zwar von Brunner, sondern von Gogarten durchzunehmen! Ich werde das erste Referat haben. Heiner hat entschieden zu Gogarten geraten. Mir selber liegt die Besprechung von |316 Emils Ethik für Zw.d.Z. noch ob, ich mag und mag nicht daran herangehen. Heiner sprach mir zu und meint, man müsse sie eben auf ihrer Ebene würdigen. Aber eben diese Ebene ist mir irgendwie fremd genug. Ich bin sehr froh um Lollos weitere Mitteilungen eurer Ergebnisse zu diesem Buche. Mir kommt sie einfach vor als ein gutes Kompendium, an das die eigentliche theologische Frage gar nicht so recht gerichtet werden kann.

Schluß! Ich danke Markus vielmal und herzlich für seinen so guten Brief.17 In den Weihnachtstagen wird er eine Antwort erhalten. Hattet Ihr wohl gute Zeit mit Georg?18 Schleicher regiert19 — wie sieht das wohl von innen her gesehen aus? Wir dagegen hatten die scheußliche Schießerei auf Demonstranten in Genf20. Greyerz rief unsere soziale Studienkommission21 eilig zusammen zu einer Sonderbesprechung der «dadurch geschaffenen Lage». Und so saß ich denn letzthin mit den alten Sturmböcken Kefir22, Liechtenhan23, Sämi Dieterle, Lejeune24 (die Kommission ist fast ganz religiös-sozial zusammengesetzt) einen Nachmittag lang in Zürich in einem Café zusammen und mußte ein langes |317 und weithin sich erstreckendes politisches Kannegießern25 mitmachen, das ich immerhin zum Schluß insofern gewann, als ich Kefirs unmögliche Resolution zu Fall brachte. Nein, so geht es nicht in diesen Dingen! Ich wurde zur Strafe dafür, daß ich dabei sein mußte, selber beauftragt, in Frageform ein paar Erwägungen zu formulieren, die nun in unserem Blättlein an die Pfarrer gerichtet werden sollen.26

Sei herzlich, herzlich gegrüßt! Unser Weg wird weiter beschritten werden müssen. Du aber hast ihn nicht nur zu beschreiten, sondern zu bahnen. Laß mir alle und jede Kunde, die du mir aus dieser Arbeit heraus kannst zukommen lassen, zukommen. Ich lese sozusagen nichts anderes! So ganz lätz27 sind wir sicher nicht dran. Das erfahre doch auch ich in meinem kleineren Kampfabschnitt.

Dein
getreuer Eduard

Viele, herzliche Grüße auch von Marguerite und an Nelly und Lollo. Nächste Woche werden wir einmal einen Tag und Abend nach Zürich fahren und mit Ruedi und Gerty zusammensitzen. Es wird nicht fehlen, daß wir dann Euer gedenken!

Die Stalinbiographie28 lese ich eben nebenher. Vielleicht kann sie auch dich interessieren!

Sachfußnoten

1
H. M. Müller, Macht und Glaube, München 1933. 📖↩
2
Der Abdruck des letzten Kapitels «Furchtlosigkeit» aus Müllers Buch (a.a.O., S. 469–475 📖) in «Der Einblick», Werbeprospekt des Chr. Kaiser Verlags (Nr. 2, 1932), nahm dort die Hälfte des Raumes für die ausführlichen Bücherbesprechungen ein; außerdem erschien dort eine Kurzcharakteristik des Buches in der Liste der Neuerscheinungen. Die überschwengliche Verlagsanzeige hatte K. L. Schmidt zu einem Brief an Barth veranlaßt (vom 13./14.11.1932): «… Wir erfahren: ein ‹unerhörtes› Buch ist geschrieben worden! Ob sich die Firma Kaiser-München wohl überlegt, daß ihre Reklame ‹unerhört› ist?!» Diesen Brief benutzte Barth in seiner Ablehnung eines Schutzumschlag-Entwurfs für KD I/1 📖 als Argument Lempp gegenüber (Brief vom 14.11.1932). Lempp nahm in seiner Antwort vom 1.12.1932, mit der er auch Schmidts Brief zurücksandte, dazu Stellung.↩
3
= der Mühe wert.↩
4
KD I/1, S. X. 📖↩
5
Brunner hielt am 11.12.1932 um 9.00 Uhr den Gottesdienst im Münster («Kirchenzettel» [Gottesdienstvorschau] in den Basler Nachrichten vom 9.12.1932). — Das Typoskript von Brunners unveröffentlichter Predigt (11 S., z. T. numeriert, mit handschriftlichen Ergänzungen und Unterstreichungen), überschrieben «Adventspredigt 1932. Basel u Zürich, 11 u 18 Dez / Joh 1,11–13 Er kam in sein Eigentum ….», befindet sich im Staatsarchiv des Kantons Zürich (Nachlaß Emil Brunner).↩
6
Im letzten Drittel seiner Predigt hatte Brunner in Auslegung von Joh. 1,12f. über das durch den Sieg Christi über den rebellischen Menschen ermöglichte «Werden der Gotteskindschaft» gesprochen, die einhergehe mit der verborgen erfolgenden, vorbehaltlosen Übergabe des eigenen Lebens. «Diese Uebergabe muss einmal geschehen. Es muss einmal ein Anfang damit gemacht werden. Aber diese Uebergabe muss auch immer wieder geschehen. Jeden Tag neu. Es heisst ja nicht: denen gab er Macht Kinder Gottes zu sein, sondern Kinder Gottes zu werden. Der Anfang muss einmal gemacht werden, aber mit diesem Anfang ist es nicht getan. Ja der Anfang wäre gar kein richtiger Anfang, wenn er nicht immer wieder geschehen würde. Und er besteht denn auch das ganze Leben hindurch in derselben einen Tat: darin, dass du dich selbst ihm, als deinem Retter[,] übergibst» (Typoskript [s. oben Anm. 5], S. 10).↩
7
Brunner hatte Barth auf die Zusendung eines Exemplares von KD I/1 📖 hin geschrieben (Brief vom 13.12.1932) und darin drei Punkte genannt, an denen er einen anderen, stärker am Menschen der Gegenwart und seinen Fragen orientierten Weg gehen müsse als Barth, wobei er ihre unterschiedliche Auffassung von der imago dei als die eigentliche dahinterstehende Differenz betrachte; s. Bw.Br., S. 210–212. 📖 — Ch. von Kirschbaums Brief ist nicht erhalten.↩
8
In seinem Brief vom 20.12.1932 bat Brunner Thurneysen, «ein Wort nach Bonn zu schreiben. Wie ich vernehme, wird dort von Studenten in Barths Kreis über meine Ethik ganz Unsinniges gesagt, einfach von der Voraussetzung aus, ich sei durch die Oxfordbewegung eben als Pietist zum Vorschein gekommen. Du weißt, daß ich es nicht bin; aber dort weiß man weder, was die Oxfordbewegung ist, noch, wie wir uns dazu stellen. Ich bin erschrocken über die Verantwortungslosigkeit, mit denen [sic] diese jungen Grünhörner die redliche Arbeit eines Mannes, der doch wirklich etwas mehr gedacht hat [als] sie, meinen erledigen zu können einfach darum, weil sie Schüler eines — wirklich oder vermeintlich — besseren Lehrers sind. Gegen dieses leichtfertige Abschlachten müssen wir uns einfach einmal zur Wehr setzen. Ich weiß, Karl selbst tut das nicht. Ich sehe mit größter Freude und Hochachtung, wie sorgfältig er liest und hört und sich auseinandersetzt. Aber diesen jungen Schnaufern muß man dann und wann einmal übers Maul fahren und ihnen Respekt vor der Arbeit anderer einflößen. Da schreibt mir einer, der das auch merkt, ich möge ihm doch authentisch sagen, ob ich den Glauben als Habitus oder als Akt Gottes verstehe. Wie ist eine [solche] Frage nur möglich angesichts dessen, was ich S. 145 und 151f, wie ich meine, unmißverständlich gesagt habe. Aber: man liest eben nicht, man konstruiert sich einen Autor aus dem, was man vom Hörensagen über die Oxfordbewegung und meine Stellung zu ihr ‹weiß›. / Schreib doch einige Worte von der Art, wie du sie am Sonntag gefunden hast. Wenn du diesen Leuten etwas sagst, so wiegt das tausendmal mehr, als was ich sage, einfach darum weil du der unzweifelhaft echte Gesinnungsgenosse Karl Barths bist. / Es genügt eine einzige Briefseite von dir, um sehr viel Unheil abzuwenden. Bitte tu’s, es geht ja nicht um mich.» Am 22.2.1933 schrieb Brunner Thurneysen, stärker auf sein Verhältnis zu Barth bezogen: «Ich habe fortlaufend Protokolle der offenen Abende erhalten, aus denen ich — übereinstimmend — den Eindruck gewann, daß Karl Barth es einzig darauf abgesehen hat, den Studenten zu sagen, daß und warum meine Ethik nicht gut sei. Die Mittel, die er dazu gebraucht, sind mir unverständlich. Ich gebe mir Mühe, das Recht seiner Kritik zu sehen — irgendwo wird er ja sicher recht haben —, aber diese schonungslose, mit keiner Würdigung und keinem Versuch, den anderen von seinen Voraussetzungen aus zu verstehen, gepaarte Kritik macht es mir allerdings schwer zu lernen. Es ist aus wörtlich berichteten längeren Ausführungen Barths nahe daran, daß er meine Arbeit lächerlich macht. … Daß mich nun B in dieser Weise abschüttelt, daß auch von ihm begeisterte Schüler darüber den Kopf schütteln, das tut mir natürlich nicht wohl» (Nachlaß Thurneysen 📖).↩
9
Der neben dem Münster gelegene, Mitte des 15. Jahrhunderts erbaute Bischofshof, bis zur Reformation in Basel 1529 (zeitweise) Residenz des Basler Bischofs, ist seit 1922 Sitz der evangelisch-reformierten Kirchenverwaltung. Seine Räumlichkeiten werden außerdem für gemeindliche und andere Veranstaltungen genutzt.↩
10
L. Christ hatte diesen Vergleich für die Beichtpraxis in der Oxford-Gruppenbewegung auch in einem Brief an Barth gebraucht, nachdem er offenbar von Brunners Brief an Thurneysen über die Ermaringer Tagung (vgl. oben S. 253–255, Anm. 1, 2, 4 und 5) Kenntnis genommen hatte: «Brunners Bericht hat mein vorläufiges Urteil nicht berichtigt, sondern bestätigt. Eine bezeichnende Zeiterscheinung, andern Zeiterscheinungen auf andern Lebensgebieten durchaus entsprechend, z. B. den Strandbädern und den durch halb- und ganz ausgezogene Weiber belebten Revuen. Es liegt nun einmal im Zug der Zeit, sich vor andern und vor einander auszuziehen.»↩
11
Rolf Eberhard (1908–1966), ehemaliger Student Barths, Frühjahr bis Herbst 1931 Vikar bei Thurneysen, dann 10 Jahre lang Pfarrer in Bubendorf-Ramlinsburg (Kanton Basel-Landschaft), im 2. Weltkrieg im Militärdienst, dann Journalist.↩
12
Amerikanischer Spielfilm von 1932 mit Greta Garbo, John Barrymore Und Joan Crawford, Regie: Edmund Goulding.↩
13
= mich an deine Dogmatik 📖 setze.↩
14
= allmählich.↩
15
Barth predigte am 18.12.1932 im Universitätsgottesdienst in der Bonner Schloßkirche über Phil. 4,4f.; die Predigt ist unter dem Titel Von Freude und Lindigkeit wieder abgedruckt in: Pr. 1921-1935, S. 275–287. 📖 ↩
16
Barths für die Weihnachtsnummer der Münchner Neuesten Nachrichten verfaßter Artikel Von der Sorge und von Gott ist wieder abgedruckt in: Pr. 1921- 1935, S. 635–639. 📖 ↩
17
Brief M. Barths an Thurneysen vom 18.12.1932 (Nachlaß Thurneysen 📖).↩
18
Vgl. unten S. 330f.↩
19
Das Präsidialkabinett des Reichskanzlers Kurt von Schleicher regierte seit dem 3.12.1932.↩
20
Vgl. oben S. 300, Anm. 27 und 28, und unten S. 451f., Anm. 7-9.↩
21
Die Soziale Studienkommission des Schweizerischen Reformierten Pfarrvereins wurde 1925 auf Antrag von K. von Greyerz, der sie auch präsidierte, gegründet. Ihre Ziele waren «Information der Mitglieder und der Amtsbrüder überhaupt über wichtige soziale Fragen, Besinnung über damit gegebene Aufgaben der christlichen Gemeinde, Einwirkung auf Behörden oder Öffentlichkeit in der erkannten Richtung [und] Stärkung Verantwortlicher durch unsere Mitverantwortung». Seit Januar 1927 gab die Kommission vierteljährlich «Mitteilungen» heraus. Vgl. H. Eppler, Artikel «Soziale Studien-Kommission des Schweizerischen Reformierten Pfarrvereins», in: Handbuch der reformierten Schweiz, hrsg. vom Schweizerischen Protestantischen Volksbund, Zürich 1962, S. 424f. (Zitat dort S. 424). 📖 ↩
22
Max Gerber.↩
23
Rudolf Liechtenhan (1875–1947), 1910–1936 Pfarrer an St. Matthäus in Basel, zugleich 1921–1935 Privatdozent, 1936–1947 a.o. Professor für Neues Testament in Basel; vgl. Bw.Th. I 📖 und II 📖 (Namenregister).↩
24
Robert Lejeune (1891–1970), seit seinem Studium bei L. Ragaz religös-sozial geprägt, nach Pfarrämtern in Graubünden und im Thurgau (wo er mit der Herausgabe der Predigten Christoph Blumhardts begann) 1926–1958 als Nachfolger Kutters Pfarrer in der Gemeinde Neumünster in Zürich; vgl. Bw.Th. I 📖 und II 📖 (Namenregister).↩
25
D. h. dilettantisch politisierendes Schwatzen. Der Ausdruck geht zurück auf Ludvig Holbergs Lustspiel «Der politische Kannegießer» (1722, nach der Übersetzung G. A. Dethardings 1742) 📖, dessen Hauptfigur, ein Zinngießer, in dieser Weise politisiert.↩
26
Vgl. unten S. 343, S. 358–363 und S. 367.↩
27
= verkehrt.↩
28
Allein 1931 und 1932 erschienen sechs Biographien über Stalin: B. Bajanow, Stalin, der rote Diktator, von seinem ehemaligen Staatssekretär, Berlin 1931 📖; Gr. Z. Besedovskij, Stalin. Der Lebensweg des roten Zaren, München/Hofstatt 1932 📖; Essad-Bey, Stalin, Berlin 1931 📖; J. D. Levine, Stalin. Der Mann von Stahl, Hellerau 1931 📖; E. B. Richard, Mein lieber Bruder Stalin, Zürich 1932 📖; Chr. Wendecke, Der rote Zar. Genosse Stalins Weg, Leipzig 1932. 📖↩