Zum bevorstehenden 50. Geburtstag Barths gratulierte am 7. Mai 1936 der Bruderrat der Ev. Kirche der altpreußischen Union, der in Berlin-Dahlem tagte; zwölf Teilnehmer unterschrieben eigenhändig.1 Der Brief wurde zwei Tage später vom Coetus reformierter Prediger ohne die Unterschriften veröffentlicht.2 Barth reagiert darauf zunächst nur mit einem vervielfältigten Dank (s. Offenen Brief Nr. 4). Nachdem jedoch im Ausland die Denkschrift der Zweiten Vorläufigen Kirchenleitung an Hitler bekannt geworden war und sich die Kirchenleitung und der Reichsbruderrat am 23.8.1936 in einer kritischen Kanzelabkündigung «An die evangelische Christenheit und an die Obrigkeit in Deutschland» gewandt hatten3, schrieb Barth vom Bergli bei Oberrieden aus am 30.8.1936 an den «Bruderrat der Ev. Kirche der Altpreußischen Union in Berlin-Dahlem, Friedbergstr. 27» einen Dankbrief, in dem er ihn ermunterte, auf dem eingeschlagenen Wege entschlossen weiterzugehen. Diesen Brief nahmen am gleichen Tage Barths langjährige Weggefährten, Pastor Richard Karwehl und seine Frau Grete Karwehl aus Osnabrück, die Barth auf dem Bergli besucht hatten, mit nach Deutschland.4
Wieweit der Brief dort die Empfänger erreicht hat und über ihren Kreis hinaus verbreitet wurde, ist nicht bekannt.5
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Berlin-Dahlem, den 7. Mai 1936 Hochverehrter Herr Professor!
An Ihrem 50. Geburtstag wird es nicht an Gratulanten fehlen. Aber Sie werden es verstehen, wenn an diesem Tage auch die Altpreußen einen Platz in Ihren Gedanken erbitten.
Der Bruderrat der Evangelischen Kirche der altpreußischen Union tagt heute in Dahlem, da die bedrohliche Lage der Kirche, vor allem in Schlesien, eine Beratung erfordert. Diese Gelegenheit des Zusammenseins benützen wir, um Ihnen erneut zu danken für alles, was Sie durch die Gnade Gottes der Deutschen Evangelischen Kirche geben durften. Wir haben mit Ihnen das Wort Gottes neu ehren und hören gelernt und seinen verpflichtenden Ernst für unser Leben und für die Kirche erkannt. Wir danken Ihnen, daß Sie zuerst den hellen Posaunenton der «Theologischen Existenz heute»6 in die Wirrnisse des Jahres 1933 hinein erklingen ließen. Wir haben seitdem nicht aufgehört, uns um die von Ihnen zutage geförderten theologischen Erkenntnisse zu mühen.
Wir erinnern Sie, verehrter Herr Professor, an so manchen Tag des Kampfes, da Sie sich freuten, bei den Preußen zu stehen und mit den Männern der altpreußischen Union Schulter an Schulter den Kampf um die alleinige Geltung des Wortes Gottes zu führen. Wir vermissen diese Kampfbruderschaft täglich und hätten, wenn die Gratulanten auch für sich Wünsche aussprechen dürften, keinen größeren, als daß Sie recht bald als Lehrer der Kirche und als Ratgeber ihrer Leitung wieder in unserer Mitte wären.
Aber der Herr der Kirche hat Sie zu anderem Dienst gerufen. Ihre Heimatkirche in der Schweiz ist Ihr Arbeitsfeld geworden. Da ist es unser Wunsch und unser Gebet, daß es Ihnen vergönnt sei, auch in der Schweiz durch Ihren Dienst den Namen Gottes zu bezeugen und die Ehre seines Wortes ins Gedächtnis der Kirche zu rufen. Wir freuen uns, daß deutsche Studenten auch weiterhin, wenn auch in beschränkter Zahl, bei Ihnen studieren können, und bitten Sie, entsprechend Ihrem von Calvin entlehnten Wort, soweit es in Ihren Kräften steht, aus dem Holz Pfeile für Gottes Köcher zu schnitzen.7 Wir sind auch |35 der Zuversicht, Sie bald wieder in Deutschland auf Theologischen Wochen hören zu können.
Im Laufe der Jahre ist Ihre Aufgabe immer mehr in eine ökumenische Weite gewachsen. Ihr Auftrag in Ungarn im Herbst und ein anderer für Schottland im kommenden Frühjahre legt davon Zeugnis ab.8 Wir freuen uns mit Ihnen, daß der Herr Ihnen Türen auf getan hat, und halten uns im Blick auf Ihr weiteres Wirken an die Verheißung dessen, der auftut, und niemand schließt zu: «Siehe, ich habe vor dir gegeben eine offene Tür, und niemand kann sie zuschließen» (Offb 3,7-8).
Empfangen Sie, verehrter und lieber Herr Professor, mit Ihrem ganzen Hause in steter Dankbarkeit und tiefer Verehrung die herzlichsten Segenswünsche.
Der Bruderrat der Evangelischen Kirche der Altpreußischen Union
Müller p. – Karl Immer – Wilhelm von Arnim – Hans Kaiser [?] – W. Niemöller – Johs. Schlingensiepen – Ernst Hornig, Breslau – Eichel-Danzig – Wilhelm Niesel – Asmussen p. – Funke – HEhlers
z. Zt.
Bergli, Oberrieden, den 30. August 1936 Sehr verehrte, liebe Herren und Brüder!
Sie haben mir im Mai anläßlich meines 50. Geburtstages einen Brief geschrieben, den ich nicht länger bloß durch die summarische Danksagung beantwortet wissen möchte, die ich damals nach Deutschland ausgehen ließ.9 Die Anwesenheit eines sicheren Boten gibt mir heute eine Gelegenheit, Sie zu grüßen, die ich nicht vorübergehen lassen möchte.
Sie taten wohl daran, mich in jenem Brief an die merkwürdige Gemeinschaft zu erinnern, in der ich mich in mehr als einem Stadium des |36 von mir draußen miterlebten Teils des Kirchenkampfes gerade mit Ihnen, den mir als Schweizer scheinbar fernsten Preußen, sehen durfte, während meine Stammesverwandten im deutschen Süden Ihnen wie mir so manchen Anlaß zum Staunen boten. Das ist nun für mich auch seither nicht anders geworden.10 In die Situation eines wenn auch brennend beteiligten Beobachtens und Abwartens versetzt, weiß ich doch auch von hier aus, daß die entscheidenden Nachrichten immer aus jenem Norden kommen werden, in dessen Luft ich damals so gerne geatmet habe.
Die Dinge der Deutschen Evangelischen Kirche sind, seit Sie mir damals schrieben, gewaltig vorwärts gegangen. Die alten und neuen Schwierigkeiten und Sorgen, mit denen Sie zu ringen haben, stehen mir deutlich vor Augen. Sie scheinen mir aber kein Hindernis zu sein, daß man nicht vor allem mit größter Dankbarkeit und Hoffnung an den Weg denken dürfte, den das Ganze durch die Weisheit und Macht Gottes in diesen Jahren genommen hat. Die Linien der Erkenntnis und des Bekenntnisses sind klarer geworden. Was wollen wir mehr und Größeres? Und ist es nicht unverkennbar, daß eben damit auch der Sinn und die Verheißung des ganzen schweren Mühens und Streitens klarer geworden sind? Ich meine zu sehen, daß dies in seiner Bedeutung für die Kirche Jesu Christi überhaupt allmählich auch außerhalb der deutschen Grenzen immer deutlicher gesehen wird. Sie dürfen in aller Bedrängnis Ihres schweren Alltags ganz gewiß sein, daß Ihre, unsere Sache gut und stark ist.
Daß ich nicht mehr mittun darf in Ihren Reihen, ist mir ein ständiger Kummer, und Ihr Wunsch, daß es wieder einmal der Fall sein möchte, ist auch der meinige. Aber das steht in Gottes Händen. Wenn ich Ihnen unterdessen in irgend einer Sache dienlich sein kann, so wissen Sie, daß Sie über mich verfügen können.
Seien Sie mit Ihrer verantwortungsvollen Aufgabe und Arbeit Gott befohlen und empfangen Sie die herzlichsten Grüße von