20. April 1963

Fragebeantwortung in Kopenhagen

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FRAGEBEANTWORTUNG IN KOPENHAGEN

Während Karl Barths Reise 1963 nach Kopenhagen (vgl. Gespräch Nr. 5) hatte er dort am Nachmittag des 20.4.1963 auch eine «Fragebeantwortung mit 300 Studenten» (so seine Notiz in seinem Kalender). Darüber berichtete das «Kristeligt Dagblad» am Montag, dem 22.4.1963, unter dem Titel: «En a-krig kan aldrig forsvares. En charmerende Karl Barth i studenternes krydsild» 📖 («Ein Atomkrieg kann nie verantwortet werden. Ein charmanter Karl Barth im Kreuzfeuer der Studenten»). In der Einleitung des Zeitungsberichts hieß es: «In der Aula der Kopenhagener Universität, die zum Bersten gefüllt war, hatte Karl Barth vor seiner Heimreise am Samstag eine Begegnung mit den Studenten, arrangiert von der dänischen christlichen Studentenbewegung. Der Präsident Pfarrer S. C. Kemp hieß Barth willkommen, worauf dieser die Fragen der Studenten in quicklebendiger und charmanter Weise beantwortete.» Der Bericht schließt: «Dann verließ Karl Barth mit einem breiten Lächeln und kräftigem Winken den Saal, gefolgt von starkem Applaus. Die Studenten waren einer der faszinierendsten Persönlichkeiten dieses Jahrhunderts begegnet.» Der Bericht ist in seinem Hauptteil ein Kurzprotokoll des dort geführten Gesprächs. Dieses wird im folgenden, unter Weglassung der Zwischentitel, wörtlich abgedruckt. Die Übersetzung aus dem Dänischen besorgte Edel Schmid-Larsen.

Fragebeantwortung in Kopenhagen

Flemming Skov fragte, ob man theologische Begriffe in eine nicht-theologische Sprache übersetzen könne.

Barth:

Es gibt keine rein theologische Sprache, sondern alle Theologie muß in einer nicht-theologischen Sprache ihren Ausdruck finden; und da die Sprache sich durch die Zeiten ändert, kann es auch notwendig werden, die theologischen Ausdrücke zu verändern. Im übrigen sehe ich das Wesentliche nicht in all diesen Diskussionen über die Sprache1; das Wesentliche ist die Frage nach der richtigen Sache.

27 Anne Paludan wollte wissen, ob Gotteserkenntnis außerhalb der christlichen Offenbarung möglich sei.

Barth:

Auf dem Fußballfeld ist der Ball Gott. Oder das Tempo ist Gott, an der Börse heißt er Mammon. Auf vielen Gebieten erkennt man also einen Gott außerhalb Christi. Die Frage ist jedoch: Was ist gemeint mit «Gotteserkenntnis»? Ist die Rede von dem Gott, den Jesus offenbarte, dann kann er nicht außerhalb dieser Offenbarung erkannt werden. Durch die Offenbarung wird dann auch der Glaube geschenkt, daß das [irdische] Leben vom Gott der Bibel geschaffen ist. Gott kann [darum] wohl in der Natur gefunden werden, aber nur von dem, der dafür das richtige Auge bekommen hat.

Auf Ruth Dinesens Frage nach den Bedingungen für eine Zusammenarbeit mit den Katholiken antwortete

Barth:

Die einzige Bedingung ist, daß beide Seiten klar und bestimmt zur Mitte [zu kommen] suchen, zu dem Wort, das sie gehört haben: die Offenbarung durch Jesus. Wir sollen nicht auf all die Dinge schauen, die nach unserer Meinung bei den Katholiken falsch sind, und selbstbewußt verlangen, daß sie «evangelisch» werden, so wie sie nicht verlangen sollen, daß wir katholisch werden. Wir sollen selbst versuchen, die Offenbarung besser zu verstehen. Wir hätten schon Einiges nötig von der Art des jetzigen Papstes.2 [Auch wir brauchen] Wegweiser, die uns unsere Fehler zeigen könnten: unseren Glauben an Tradition, Natur, Vernunft usw. … Besinnung auf die Offenbarung - nicht größere Macht für die Bischöfe -, das ist es, was wir brauchen.

Anne Paludan fragte, ob man eine christliche Ethik formulieren kann.

Barth:

Zu verschiedenen Zeiten werden immer neue Situationen bestehen, über die sich die Ethik nicht im voraus äußern kann. Übrigens hat eine christliche Ethik nicht das Recht zu sagen: «Du sollst! Du sollst nicht!» Sie kann nur sagen: «Bedenke diese oder jene Frage nach der ganzen Bibel, d. h. lerne von der Bibel - nicht die |28 Lösung, aber die Weise, in welcher die Lösung denkbar wäre.» Das christliche Ethos besteht im Gehorsam gegenüber dem Wort, das gehört wurde; dieses Ethos ist das Leben in seinem Vollzug und kann nie von der Ethik eingefangen werden, die bloß eine Wissenschaft darüber ist.

Sekretär Ole Andreason wollte wissen, unter welchen Umständen Kindertaufe verantwortbar sei.

Barth:

Wenn damit die Taufe von Säuglingen gemeint ist, ist sie unter keinen Umständen verantwortbar. Dagegen habe ich selbst einmal der Taufe eines neunjährigen jüdischen Knaben zugestimmt, der beim Lesen der Bibel in der Schule verstanden hatte, daß Jesus der Messias sei.3 Hier war die Taufe in Übereinstimmung mit dem Neuen Testament, wo sie Konsequenz des Begehrens ist, Christ zu sein, und wo Menschen getauft werden, weil sie sagen, daß sie es möchten. Die Taufe ist ein Bekenntnis. Warum sollten wir übrigens die Säuglinge taufen? Sie sind ja ohnehin in Gottes Händen!

Jørgen Dohn wollte hören, welche Stellung der Christ im Konflikt zwischen Ost und West einnehmen sollte.

Barth:

Ich stehe mit einem Bein in beiden Lagern, ohne deshalb neutral zu sein. Denn wenn ich im Westen bin, bin ich im Osten, und wenn ich im Osten bin, bin ich im Westen - ich bin nämlich für die Menschen sowohl im Osten wie im Westen. Ich möchte mit den Worten der Bergpredigt sagen: «Selig sind, die Frieden stiften», «denn sie sollen die Erde besitzen»4, sowohl die östliche wie die westliche. Der Kalte Krieg ist die große Sünde unserer Zeit, und die elende Propaganda mit Atombomben [in der Hand] sowohl vom Osten wie vom Westen muß doch einmal aufhören.

Asger Sorensen fragte: Kann ein Atomkrieg unter gewissen Umständen berechtigt sein?

Barth:

Nein! Unter keinen Umständen! Hier muß jede Rede vom «gerechten Krieg» aufhören.5 Es hat keinen Sinn, Atombomben zu verwenden, wenn man dadurch das zerstört, was man besitzt. Das ist wahrscheinlich der einzige Punkt, in dem ich mit meinem geehrten |29 Vorgänger als Sonningpreisträger, Bertrand Russell6, einig bin, der erklärter Atheist ist, während ich gerne Christ sein möchte. Wenn Sie also nicht auf mich hören möchten, dann hören Sie auf ihn, und wollen Sie nicht auf ihn hören, so hören Sie auf mich!

Auf eine Frage von Svend Aage Nielsen nach dem «Barthianismus» und seiner Zukunft schloß Barth, indem er ein für allemal dieses «Gespenst» aus der Welt brachte.

Barth:

Ich habe nie verlangt, daß mir jemand nachplappern sollte. Es dreht sich nicht um mich, sondern um die Wahrheit - die Wahrheit in der Liebe. Der «Barthianismus» interessiert mich nicht.

Hiernach erhielt Barth ein Geschenk, von dem er, im Unterschied zum Sonningpreis, im voraus nichts wußte. S. C. Kemp erinnerte daran, daß bei den Indianern die Pfeife ein Mittel sei, die Naturmächte zu beherrschen, und überreichte ihm eine Pfeife mit den Worten: «Nun können Sie diese ja gebrauchen, um die Dämonen zu irritieren!»

Sachfußnoten

1
Zur Verlagerung der theologischen Diskussion auf das Thema der «neuen Hermeneutik» vgl. E. Fuchs, Hermeneutik, Bad Canstatt 1954 (Tübingen 1970) 📖; G. Ebeling, Das Wesen des christlichen Glaubens, Tübingen 1959 (17.-21. Tsd. 1963) 📖; ders., Wort Gottes und Hermeneutik, in: ders., Wort und Glaube, Tübingen 1960 (1967), S. 319-348 📖.↩
2
Papst Johannes XXIII. (1881–1963), seit 1958 im Amt, berief auf 1962 das Zweite Vatikanische Konzil ein.↩
3
K. Barth vollzog diese Taufe am 21.6.1925 in Göttingen, vgl. Gespräche 1959-1962, S. 194, Anm. 52 📖.↩
4
Barth kombiniert hier die Verse 9 und 5 in Mt. 5. ↩
5
Vgl. KD III/4, S. 527-531 📖, und unten S. 65­-77­.↩
6
1872-1970, Professor für Philosophie in Cambridge, wegen seines energischen Pazifismus 1916 entlassen, 1918 in Haft, 1944 erneut in Cambridge, später entschiedenes Anti-Atombomben-Engagement. Vgl. B. Russell, Common sense and nuclear warfare, London 1959 📖.↩