Brief Nr. 142 · 23. Januar 1934

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Bonn

344

142

L.L.

Ich bin in einem schönen französischen Schlafwagen glücklich gereist und seither den ganzen Tag1 außer Atem. Besuch bei Jacobi. Dann Unterhaltungen mit Schulz-Sydow2, Niemöller, Koch-Oeynhausen3 u. A[smussen]. Mittagessen mit einem Tisch voll Notbund|345pfarrer4. Dann wieder Gespräche mit Udo Smidt5 und – – Gogarten, der plötzlich auch da war, neben dem ich auf einem Sofa saß, aber natürlich zu keiner Einigkeit kam. Er redete dunkel und wenig überzeugend. Dann große Sitzung: Meiser, Schöffel6, Wurm, dazu die D. C.: Kittel7, Fezer, Schumann8, Beyer9 und Andere. Fezer10 trug ein |346 Memorandum vor, das am Donnerstag abend im Namen der Kirche Hitler vorgelesen werden soll. Du kannst dir denken, daß ich nicht zustimmen konnte. Und wenn ich auch nicht auf den Tisch sprang, so habe ich doch Fezer gesagt, wir hätten «einen anderen Glauben, einen anderen Geist, einen anderen Gott».11 Das erregte einen furchtbaren Tumult. Meiser meinte eine Zeitlang, nun sei die evangelische Kirche zu Ende. Wieder andere (z. B. dein Landsmann Lauerer12) erklärten fast weinend, nun könne man kein Memorandum machen und nicht zu Hitler gehen. Wieder andere wollten das Lokal verlassen. Wieder andere mich rausschmeißen. Wieder andere redeten von der mir fehlenden Liebe. Kurzum! Am vernünftigsten war Kittel, der mir schließlich erklärte, mein Wort sei notwendig gewesen. Es hat jedenfalls die ganze Situation verändert, und das Memorandum13 wird nun wohl ein bißchen anders werden. Morgen werde ich eine Unterhaltung mit Meiser haben. Es hat nur wenig Zweck. Die Dinge rollen mit unheimlicher Folgerichtigkeit ihren Weg, ohne daß viel zu ändern ist. Mit H. soll sehr schwer zu reden sein. – Magst du die Vorlesung auch noch für Donnerstag absagen? Ich fahre dann an diesem Tag14 und |347 komme abends dort an. Grüße Nelly und das ganze Haus. Ob mein Hiersein sinnvoll ist, läßt sich noch nicht übersehen. Ob ich Gertrud St. und Dehn15 noch treffen kann? Beachte die Losung dieses Tages16!

Dein
K.

Sachfußnoten

1
Tagung im Hospiz St. Michael in Berlin, die der Vorbereitung des für Donnerstag, den 25.1.1934 geplanten Empfangs bei Hitler dienen sollte und an der ein Teil der zu diesem Empfang Geladenen gemeinsam mit anderen kirchlichen Persönlichkeiten teilnahm. Barth war erst am Montag, dem 22.1., abends telephonisch von H. A. Hesse gebeten worden, «unverzüglich nach Berlin zu reisen, um einen falschen Kompromiß zu verhindern. Noch in der Nacht war Barth aufgebrochen und erschien nun für manche wohl eher unerwünscht in der Versammlung.» (Scholder II, S. 55 📖) Hesse selber hatte eigentlich nicht beabsichtigt, an dem Treffen teilzunehmen, entschloß sich dann aber aufgrund eines Telegramms von O. Koopmann (von 1925-1937 Präsident des Landeskirchenrates Aurich) doch dazu. – Die Reichsregierung hatte 14 kirchliche Vertreter auf die Einladungsliste für den Empfang bei Hitler am 25.1.1934 gesetzt, für deren Auswahl das Reichsinnenministerium zuständig war. Sieben der Geladenen waren Gegner der Deutschen Christen: K. Koch, H. Lauerer, A. Marahrens, H. Meiser, M. Niemöller, S. Schöffel, Th. Wurm. Die anderen sieben waren Deutsche Christen bzw. ehemalige Deutsche Christen: B. Adler, H. W. Beyer, Fr. Coch, K. Fezer, Chr. Kinder, H. Oberheid, O. Weber. Reichsbischof Müller, Th. Klaehn, O. Koopmann und Fr. Werner waren (ohne offiziell eingeladen worden zu sein) bei diesem Empfang ebenfalls anwesend. – Siehe zu dieser Sitzung den Bericht von Kirschbaums an E. Thurneysen vom 26.1.1934 (Bw.Th. III, S. 589–595 📖); vgl. W. Niemöller,Hitler und die evangelischen Kirchenführer (Zum 25.1.1934), Bielefeld 1959 📖; Busch, S. 255f. 📖; Scholder II, S. 53-62.↩
2
Georg Schulz (1889–1954), 1917-1924 Pfarrer in Sydow/Altmark, gründete 1922 die «Sydower Bruderschaft», 1924-1930 in Drackenstedt/Magdeburg, 1930-1936 in Unterbarmen, 1936-1945 in Falkenhagen/Pommern, 1945-1954 in Hilchenbach; Mitglied des Bruderrates des Pfarrernotbundes und Mitglied des Bruderrates der Freien Synode des Rheinlands.↩
3
Karl Koch (1876–1951), 1916-1949 Pfarrer in Bad Oeynhausen, seit 1927 Superintendent in Vlotho und Präses der westfälischen Provinzialsynode, 1919-1933 preußischer Landtagsabgeordneter der DNVP, 1930-1932 Reichstagsabgeordneter, führendes Mitglied der BK (sowohl in Westfalen als auch in Preußen und dem Deutschen Reich), seit Mai 1934 Vorsitzender des Reichsbruderrates, Teilnehmer der Deutschen Evangelischen Nationalsynode 1933 und der Bekenntnissynoden der DEK.↩
4
Zur Gründung des Pfarrernotbundes am 11.9.1933 vgl. Scholder I, S. 613-615 📖; Reformationstag 1933. Dokumente der Begegnung Karl Barths mit dem Pfarrernotbund in Berlin, hrsg. und eingeleitet von E. Busch, Zürich 1998, S. 9 📖.↩
5
Udo Smidt (1900–1978), seit 1930 Reichswart des Bundes Deutscher Bibelkreise, schloß sich 1933 der Jungreformatorischen Bewegung an, 1934-1951 Pfarrer in Bremerhaven-Lehe, 1951-1958 Studiendirektor am Predigerseminar in Wuppertal-Elberfeld, 1958-1970 Landessuperintendent der Lippischen Landeskirche.↩
6
Simon Schöffel (1880–1959), 1921/22 Dekan in Erlangen, seit 1922 Hauptpastor an St. Michaelis in Hamburg, 29.5.1933-1.3.1934 erster Landesbischof, 1934-1946 Staatsrat, 1946-1954 Landesbischof.↩
7
Gerhard Kittel (1888–1948), 1926-1939 und 1943-1948 o. Professor für Neues Testament in Tübingen, 1939-1943 in Wien. – Siehe zur Diskussion vom 23.1.1934 in Berlin und der darauf folgenden «persönlichen Aussprache zwischen Barth und Kittel unter vier Augen»: K. Barth / G. Kittel, Ein theologischer Briefwechsel, Stuttgart 1934, S. 4 📖; wieder abgedruckt in: Offene Briefe 1909-1935, S. 268–319, dort S. 275 📖.↩
8
Friedrich Karl Schumann (1886–1960), 1929-1932 o. Professor für Systematische Theologie in Gießen, 1932-1945 in Halle, 20.7.-27.9.1933 Mitglied der Einstweiligen Leitung der DEK, 1933 Teilnehmer der Deutschen Evangelischen Nationalsynode.↩
9
Hermann Wolfgang Beyer (1898–1942), 1926-1936 o. Professor für Kirchengeschichte und christliche Archäologie in Greifswald, 1936-1939 für Neues Testament in Leipzig, 2.12.1933-5./6.1.1934 (Rücktritt) unierter Minister im Geistlichen Ministerium (bis 21.1.1934 kommissarisch tätig), 1933 und 1934 Teilnehmer der Deutschen Evangelischen Nationalsynode.↩
10
Karl Fezer (1891–1960), 1930-1960 Persönlicher Ordinarius für Praktische Theologie und Ephorus des Evangelischen Stifts in Tübingen, 16.5.-21.11.1933 Mitglied der Glaubensbewegung «Deutsche Christen», April-Juni 1933 Vertrauensmann des evangelisch-theologischen Fakultätentags für die Verhandlungen über die Reichskirchenverfassung, 20.7.-27.9.1933 Mitglied der Einstweiligen Leitung der DEK, 1933 Teilnehmer der Deutschen Evangelischen Nationalsynode.↩
11
In Anlehnung an das berühmte Schlußwort Luthers am Ende des Marburger Religionsgespräches von 1529, das damals ebenso den politischen Kompromiß verworfen und damit den endgültigen Bruch mit Zwingli besiegelt hatte (vgl. WA.B 540, 52-54 📖). Vgl. dazu: K. Barth, Gottes Wille und unsere Wünsche (ThExh 7), München 1934, S. 4 📖; Scholder II, S. 56.377 📖.↩
12
Hans Lauerer (1884–1953), 1918-1936 Rektor der Diakonissenanstalt Neuendettelsau, wurde am 2.12.1933 durch L. Müller zum Vertreter der Lutheraner im Geistlichen Ministerium berufen, lehnte dieses Amt jedoch ab (vgl. Scholder I, S. 724f. 📖), Teilnehmer der Deutschen Evangelischen Nationalsynoden, ab 1936 Kirchenrat in Bayern.↩
13
Der von Fezer erstellte Entwurf für das Memorandum erhielt ebensowenig die Zustimmung der Beteiligten wie das darauf von Barth in aller Kürze erstellte Memorandum. Grundlage für die von diesem Teilnehmerkreis am 24.1.1934 schließlich verabschiedete Denkschrift zum Empfang bei Hitler am 25.1.1934 bildete ein Schriftsatz Lauerers, der von Niemöller an Hand von Barths Memorandum modifiziert wurde. Siehe den Text des schließlich fertiggestellten Memorandums in: W. Niemöller, a.a.O. (s. oben Anm. 1), S. 28f. 📖 Vgl. auch K. Barth / G. Kittel, a.a.O. (s. oben Anm. 7), S. 34f. 📖; Offene Briefe 1909-1935, S. 311f. 📖↩
14
Gemeinsam mit H. A. Hesse ließ sich Barth dazu bewegen, am 25.1.1934 bis zum Nachmittag in Berlin zu bleiben, um das Ergebnis des Empfangs bei Hitler abzuwarten. Gegen 16 Uhr reiste Barth ab (s. W. Niemöller, a.a.O., S. 31. 📖)↩
15
Am Mittwochabend, dem 24.1.1934, fuhr Barth zu G. Dehn, während die Sitzung erst nachts gegen 2 Uhr zu Ende ging (s. W. Niemöller, a.a.O., S. 28 📖).↩
16
Tageslosung der Herrnhuter Brüdergemeine vom 23.1.1934: «Beschließt einen Rat, und es werde nichts daraus; beredet euch, und es bestehe nicht; denn hier ist Immanuel.» (Jes. 8,10). – Lehrtext: «Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, und die Seele nicht töten können; fürchtet euch aber vielmehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in die Hölle.» (Mt. 10,28).↩