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Barth an v.K. in München
Ja, nun ist es doch Sonntag nachmittag geworden! Ich habe eben noch einen Teil
der h-Moll-Messe am Radio angehört. Aber nun soll mich nichts mehr abhalten, zu dir zu eilen. Die
Reportage, die ich dir abzustatten habe, ist die folgende:
Als ihr in Mannheim meinen Blicken entschwunden waret2, habe ich mich
eine Weile mit den Illustrierten vergnügt, und dann begab ich mich
verabredungsgemäß in den anderen Wagen, um «Hannele mein Glück»3 aufzusuchen, mit der ich mich dann bis Freiburg köstlich
unterhalten habe. Es ist ganz klar, daß in ihrem Nervenapparat außerordentliche
Spannungen vorhanden sein müssen. Abgesehen davon erlebte ich meine blauen
Wunder. Sie begrüßte mich wie einen alten Freund im Tonfall der treuesten
Anhängerin. «Ach Herr Pro|348fessor, Sie wissen schon…»
(mädchenhafter Augenaufschlag!), «daß ich Ihnen viel abzubitten
habe!» Und dann kam es bachweise daher von leidenschaftlichster Auflehnung gegen
die ganze kirchenpolitische Entwicklung und ganz speziell gegen ihren alten
Freund Hirsch, mit dem sie an
jenem Tage sechs Stunden sich gestritten habe und von dem sie mit dem Konzentrationslager bedroht
worden sei!! Ich erfuhr das mir Neue, daß tatsächlich Hirsch die ganze Zeit hinter dem
Reibi
stand und ihm hinter den Kulissen soufflierte.4
Die Tage, wo meine Hefte5 dort
einträfen, seien für sie Festtage; das letzte Mal aber nicht nur für sie, sondern (wegen
der Union!)6 …:
«da leuchteten die schwarzen Augen meines Mannes ganz ekstatisch». Ja er wolle halt
immer vermitteln, und sie glaube ja wohl, daß er «neutestamentlich» recht habe,
aber «sachlich» sei sie gar nicht mit ihm einverstanden! Er sei halt ein Mönch,
und darum wollten sie auch kein Telephon haben. Wenn nun nur nicht der
«schreckliche Stauffer«
Nachfolger von Schmidt
werde!7 (Der Mann mit den schwarzen Augen hat ihn her|349geholt.) Als sie hörte, daß ich Sch[midt] sehen werde: «Ich würde Ihnen
einen Gruß an ihn auftragen, aber ich schäme mich so, wie wir es ihm
gemacht haben!» So ging es weiter in ziemlich unübersichtlicher Folge der
Themata, bis ich ihr und dem Pflegesohn in Freiburg noch beim Herausstellen der
Koffer behilflich sein konnte.
In Basel war nicht Eduard, sondern Heiner auf dem
Bahnhof und brachte mich zunächst auf ein Stündchen in seine Wohnung zu Mama, die
ich so gleich mit einigen Neuigkeiten erfreuen konnte. Dann zu Eduards, mit denen ich einen
ausgezeichneten stillen Abend hatte, an welchem die ganze Lage gründlich und in
bestem Einverständnis durchgesprochen wurde. Er will nun wirklich, wirklich das
Heft 8 in
Marsch setzen.8 Die Sache mit dem Plan, mich schlimmstenfalls in
Basel aufzunehmen,
scheint insofern seriös zu sein, als es die «freie akademische Gesellschaft»9 (etwas wie unsere Geffrub10) ist, die dafür schon
Dispositionen getroffen haben soll. Aber verschwende du noch |350 keine Sorgen an diese Sache! Es kommt ja doch immer
anders, als man denkt. Am Morgen vor der Abreise sah ich dann noch Koechlin, der besonders in
der Frage der Jugendorganisationen11 ausgezeichnet informiert ist und
ergötzlich von einer Unterredung mit dem Reibi
zu erzählen wußte. Eduards hätten uns übrigens sehr gerne bis zum Aufgehen des Bergli12 bei sich gehabt
und möchten es ein anderes Mal so gehandhabt sehen!! Tja!
Gestern vormittag bin ich dann nach der kleinen Station Tecknau vor dem
Hauensteintunnel gefahren und fand dort K. L. S. in Lebensgröße vor, machte mit ihm
den dreiviertelstündigen Marsch nach Kilchberg13 und habe ihn
dann in der Hauptsache … angehört – mit Variationen Alles das noch einmal angehört, was auch in seinem Briefe14 stand, nur daß es im persönlichen Vortrag nicht so
verbittert und bös klang wie von Weitem. Das ist eigentlich das Beste, was man
Frau Schmidt15 schreiben könnte.
Denn wenn ich auch Alles irgendwie angebracht habe, was ich ihm sagen wollte,
und wenn ihm auch Einiges davon einigen Eindruck zu machen schien, so ist er
doch so stark mit sich selbst beschäftigt und mit den Betrachtungen, die er über
die Mitmenschheit anzustellen hat, daß es doch sehr viel schwieriger war, an ihn
heranzukommen, als ich es mir gedacht hatte. In Basel wurde mir von Heiner und von Eduard versichert, daß seine Chancen dort
gar nicht schlecht stehen, daß eine Aktion für ihn16
|351 vielmehr in vollem Gange ist. Er sollte nur etwas mehr
Geduld haben und sich nicht durch unbedachten Gebrauch seines Mundwerks die
Sympathien, die er zweifellos hat, wieder entziehen. Es scheint in dieser
Hinsicht allerhand passiert zu sein, was nun aufhaltend wirkt. Das habe ich
ihm denn auch alles
gesagt, aber er hat immer viel mehr Interesse daran, sich zu verteidigen bzw.
seinerseits seinen Kropf über die Basler zu entladen, statt darüber nachzudenken, daß man, wenn man in
seiner Lage, wie sie nun einmal ist, etwas erreichen will, ein ganz klein
bißchen lebensklug sein muß. Ich werde nun hier einen Schritt für ihn tun wegen einer Stelle
in der luzernischen Diaspora17, die ihm eingeleuchtet hat.
Aber es ist eben überall ein gewisses Stocken in der Bereitwilligkeit für ihn
wahrzunehmen, das nicht nur allgemeine Gründe hat. So habe ich diesen Schauplatz
mit sehr gemischten Gefühlen verlassen. Ein
Techtelmechtel von der von Frau Sch. befürchteten Art scheint
nach meinen Beobachtungen nicht vorzuliegen. Man kann ihr vielmehr mitteilen,
daß er im Ganzen einen durchaus wohlerhaltenen Eindruck macht und daß man ihn
vielleicht auf den in seiner Korrespondenz sichtbaren Gängen seines Gemüts besser ein wenig sich
selbst müde laufen läßt, statt ihn allzu intensiv zu begleiten, was ihn offenbar
nur aufs Neue reizt und zu weiteren Gängen veranlaßt.
Ganz unmöglich muß sich bei seinem letzten Basler Besuch unser Freund Fritz18 benommen
haben. Sogar ein so handfester Mann wie Lukas Christ sei ganz entsetzt gewesen. F. soll sich
dahin geäußert haben, sein Lebenszweck sei wohl der, der Familie Staehelin19 ein |352 «Pfahl im Fleisch» [vgl. 2.Kor. 12,7] zu sein, und als solcher habe er sich denn auch
aufgeführt.
Und nun bin ich also seit gestern abend bei meiner wie du bei deiner
Mutter. Alles läßt sich innerhalb der bekannten Schranken gut an.
Wir haben heute morgen eine Predigt von Hubacher gehört, die leider gar nichts taugte. Der Mann stammt aus
Biel und wird weder den theologischen Liberalismus noch das Religiös-Soziale los. Es war eine ungemein
matte Sache. Denk, der hiesige deutsche Gesandte20 hat mich auf einem Umweg
bitten lassen, ihm einen Besuch zu machen («er könne ja nicht gut zu mir
kommen»). Das werde ich nun diese Woche, angetan mit dem schönen Cut – wie gut,
daß er da ist – ins Werk leiten.|
Gestern abend kam übrigens noch ein Telephon von Eduard, der durch Hartenstein wußte, daß Niemöller mittelst des Pfarrernotbundes zu einer «Freien deutschen
Synode» mit dem Ziel der Bildung einer «Fr[eien] deutschen ev[angelischen] Kirche»
aufruft.21 Ob ihr in München auch schon davon
wißt? Holla, das könnte gestörte Ferien geben! Ich sende dir als Drucksache einen Artikel von
Oeri22 zu den |353 Ereignissen der letzten Tage. Eduard
und ich meinen, es sei vielleicht gar nicht ungut, daß er eine Note zu
pessimistisch bzw. skeptisch klingt. Das kann draußen nur ermunternde Wirkung
haben.
Was magst du unterdessen in dem so schönen München erlebt und ausgerichtet haben? Ich erwarte
spätestens morgen früh deine ersten und dann ununterbrochen viele Nachrichten.
Die Weltgeschichte geht ja unaufhaltsam weiter, und wir sind mittenmang23, und es
wird dafür gesorgt sein, daß unsere zarten Nervlein noch viele Zerrungen
durchzumachen haben werden. Aber über dem allem bleibt Eines ganz sicher auch in
diesem irdischen Gemenge! Rudi und Gerty habe
ich am Telephon in Basel bereits ein erstes Mal gehört. Die Woche wird, so lang
sie ist, im Hui um sein. Ich werde im Unbeantworteten aufräumen, was ich nur
kann.
Grüße alle guten Menschen dort; ich muß ja ununterbrochen nach Deutschland
hinüberdenken. Sag auch deiner Mutter, daß
ich mich ihr zu Füßen lege – oder so etwas Ähnliches, das ich deiner
Formulierung überlasse!!
Es grüßt dich