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Barth an v.K. in Bonn
So, so! Also so kühl, so liebearm, so wortkarg, so gänzlich anderen Menschen und
Angelegenheiten zugewandt hast du dir diese Woche gedacht? Aha – aha! Ich denke,
daß ich über diese Angelegenheit mit Emilie-Eugenie1 ein sehr ernstes Wort
werde sprechen müssen. Aber vorläufig kann ich nichts daran ändern, sondern dir
nur mitteilen, daß ich eben ganz anders dran bin. Nimm denn, da zu einer
Wechselrede leider kein Stoff vorhanden ist, wenigstens einen kurzen Bericht
über meine Tage entgegen:
354 Ich habe also beim deutschen Gesandten zu Mittag gespeist. (Ob es nicht zur Erhöhung meines
Ansehens bei deiner Mutter
beitragen würde, wenn du ihr dies mitteilen würdest?) Er ist ein Schwabe und
heißt v. Weizsäcker2, ist ein sehr
gebildeter und umgänglicher Mann und hat eine Frau3, die nicht nur die theologischen
Existenzen4 bis in allerhand Details kennt, sondern schon vor
Jahren den Römerbrief
📖 gelesen hat. Ich habe besonders bei ihr allerhand offene
Worte abgeladen, im Übrigen aber sowohl bei ihr als bei ihrem Manne gelernt, was Diplomatie ist: ein wahres Kunstwerk
von Herzlichkeit, Vorsicht, Vornehmheit und Zielbewußtheit. Auf seinen Rat werde
ich auch dem Botschafter in Paris einen Besuch machen,
und er wird mich sogar dort anmelden.5
Ich habe, das wurde deutlich, im Auswärtigen Amt in Berlin eine gute Note.6 Nach
einer nahen Katastrophe roch es entschieden nicht. Speisen, Getränke und Rauchwerk waren des deutschen Reiches
durchaus würdig.
355K. L. Schmidt hat mir
einen weiteren Brief geschrieben, auf den ich nun einmal eine sehr energische
Antwort gegeben habe.7 Meine Mutter
fragt ganz naiv, ob der Mann nicht etwas krankhaft sei. Seine Monomanie bekommt
jedenfalls etwas Erschreckendes. Eine ausführliche Antwort wurde auch nötig auf einen
Brief aus der Umgebung von Niemöller8. Sonst ist leider
trotz ernstlicher Absichten wenig geschehen in Korrespondenz. Ich muß gestehen, daß
ich des Morgens immer sehr lange schlafe. Vielleicht durfte dies nun zunächst so
sein.
Am Montag hörte ich in der Arbeitsgemeinschaft9 einen Vortrag von Schrenk aus Zürich über die paulinische Christologie10, sah ihn hier
beim Mittagessen, zu dem sich auch mein Genfer Schüler Dominicé11 einfand,
und beteiligte mich am Nachmittag an der Diskussion, wo ich für das gute Recht der
altkirchlichen
Christologie gegen
biblizistische Verdächtigungen Einiges sagen mußte. Der Vortrag von Schrenk war aber sehr gut.
356 Gestern Mittwoch nachmittag waren die Altkatholiken Gilg und Gaugler hier, mit denen ich mich sehr gut
verstand und denen ich Markus sehr ans Herz legte12. Er wird dort einen sicheren Ort haben. Sie sind beide
bereit, ihm sogar in der Ansetzung ihrer Vorlesungen entgegenzukommen.
Und was mache ich heute? Heute fahre ich mit meiner Schwester Trudi
nach – ja, da staunst du: nach Biel, um dort in einem kleinen Kreis
meines Freundes Gottfried Ludwig ein Vorträglein über allgemeine Lehren aus dem deutschen
Kirchenstreit zu
halten, um das er mich am Telephon so freundlich gebeten hat, daß ich nicht
widerstehen konnte13.
Die Schweiz ist sehr bewegt von der Abstimmungskampagne für den nächsten Sonntag
(Ordnungsgesetz)14. Eduard und Heiner sind dafür,
Kari Lindt dagegen. Ich
glaube, daß ich dafür sein würde. Die schweizerischen Sozialdemokraten machen
keine umsichtige Politik;
ihre Proteste lesen sich seltsam veraltet15.
So leb denn wohl! Übermorgen ist Samstag. Wenn von Markus keine Nachricht eintrifft, daß er
wider Erwarten etwas früher hier sein könnte, werde ich Samstag abends pünktlich
dort sein. Vom Wellenberg ins Wellental herniedergrüßend
357 [Auf der Rückseite hinzugefügt:] Nicht einmal deine Telephonnummer hast du
mir geschrieben!
Und warum dein Name auf der Adresse rot geschrieben
sein muß, das ahnst du natürlich auch nicht. Ja, so anders kann man dran
sein.
Ach, daß sie ewig grünend bliebe, die schöne Zeit …16