Brief Nr. 144 · 8. März 1934

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Bonn

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144

L.L.!

So, so! Also so kühl, so liebearm, so wortkarg, so gänzlich anderen Menschen und Angelegenheiten zugewandt hast du dir diese Woche gedacht? Aha – aha! Ich denke, daß ich über diese Angelegenheit mit Emilie-Eugenie1 ein sehr ernstes Wort werde sprechen müssen. Aber vorläufig kann ich nichts daran ändern, sondern dir nur mitteilen, daß ich eben ganz anders dran bin. Nimm denn, da zu einer Wechselrede leider kein Stoff vorhanden ist, wenigstens einen kurzen Bericht über meine Tage entgegen:

354 Ich habe also beim deutschen Gesandten zu Mittag gespeist. (Ob es nicht zur Erhöhung meines Ansehens bei deiner Mutter beitragen würde, wenn du ihr dies mitteilen würdest?) Er ist ein Schwabe und heißt v. Weizsäcker2, ist ein sehr gebildeter und umgänglicher Mann und hat eine Frau3, die nicht nur die theologischen Existenzen4 bis in allerhand Details kennt, sondern schon vor Jahren den Römerbrief 📖 gelesen hat. Ich habe besonders bei ihr allerhand offene Worte abgeladen, im Übrigen aber sowohl bei ihr als bei ihrem Manne gelernt, was Diplomatie ist: ein wahres Kunstwerk von Herzlichkeit, Vorsicht, Vornehmheit und Zielbewußtheit. Auf seinen Rat werde ich auch dem Botschafter in Paris einen Besuch machen, und er wird mich sogar dort anmelden.5 Ich habe, das wurde deutlich, im Auswärtigen Amt in Berlin eine gute Note.6 Nach einer nahen Katastrophe roch es entschieden nicht. Speisen, Getränke und Rauchwerk waren des deutschen Reiches durchaus würdig.

355K. L. Schmidt hat mir einen weiteren Brief geschrieben, auf den ich nun einmal eine sehr energische Antwort gegeben habe.7 Meine Mutter fragt ganz naiv, ob der Mann nicht etwas krankhaft sei. Seine Monomanie bekommt jedenfalls etwas Erschreckendes. Eine ausführliche Antwort wurde auch nötig auf einen Brief aus der Umgebung von Niemöller8. Sonst ist leider trotz ernstlicher Absichten wenig geschehen in Korrespondenz. Ich muß gestehen, daß ich des Morgens immer sehr lange schlafe. Vielleicht durfte dies nun zunächst so sein.

Am Montag hörte ich in der Arbeitsgemeinschaft9 einen Vortrag von Schrenk aus Zürich über die paulinische Christologie10, sah ihn hier beim Mittagessen, zu dem sich auch mein Genfer Schüler Dominicé11 einfand, und beteiligte mich am Nachmittag an der Diskussion, wo ich für das gute Recht der altkirchlichen Christologie gegen biblizistische Verdächtigungen Einiges sagen mußte. Der Vortrag von Schrenk war aber sehr gut.

356 Gestern Mittwoch nachmittag waren die Altkatholiken Gilg und Gaugler hier, mit denen ich mich sehr gut verstand und denen ich Markus sehr ans Herz legte12. Er wird dort einen sicheren Ort haben. Sie sind beide bereit, ihm sogar in der Ansetzung ihrer Vorlesungen entgegenzukommen.

Und was mache ich heute? Heute fahre ich mit meiner Schwester Trudi nach – ja, da staunst du: nach Biel, um dort in einem kleinen Kreis meines Freundes Gottfried Ludwig ein Vorträglein über allgemeine Lehren aus dem deutschen Kirchenstreit zu halten, um das er mich am Telephon so freundlich gebeten hat, daß ich nicht widerstehen konnte13.

Die Schweiz ist sehr bewegt von der Abstimmungskampagne für den nächsten Sonntag (Ordnungsgesetz)14. Eduard und Heiner sind dafür, Kari Lindt dagegen. Ich glaube, daß ich dafür sein würde. Die schweizerischen Sozialdemokraten machen keine umsichtige Politik; ihre Proteste lesen sich seltsam veraltet15.

So leb denn wohl! Übermorgen ist Samstag. Wenn von Markus keine Nachricht eintrifft, daß er wider Erwarten etwas früher hier sein könnte, werde ich Samstag abends pünktlich dort sein. Vom Wellenberg ins Wellental herniedergrüßend

Dein
K.

357 [Auf der Rückseite hinzugefügt:] Nicht einmal deine Telephonnummer hast du mir geschrieben!
Und warum dein Name auf der Adresse rot geschrieben sein muß, das ahnst du natürlich auch nicht. Ja, so anders kann man dran sein.
Ach, daß sie ewig grünend bliebe, die schöne Zeit …16

Sachfußnoten

1
Weitere Vornamen von Kirschbaums.↩
2
Siehe oben S. 352, Anm. 20.↩
3
Marianne von Weizsäcker, geb. von Graevenitz (1889–1983).↩
4
D. h. die Hefte der seit Oktober 1933 von Barth und E. Thurneysen herausgegebenen Schriftenreihe «Theologische Existenz heute» 📖.↩
5
Zu der Begegnung mit dem deutschen Gesandten und zu dem Besuch beim Botschafter in Paris erklärte Barth laut dem «Protokoll der Vernehmung Karl Barths vom 30.4.1934»: «Ich habe auch dort noch [scil. in der Schweiz] im März den deutschen Gesandten in Bern auf seinen Wunsch aufgesucht, der mich dem deutschen Botschafter in Paris empfohlen hat. Ich habe in Paris beim deutschen Botschafter meine Karte abgegeben; dieser hat sie wieder bei mir abgegeben.» (Prolingheuer, S. 245 📖) Am 7.4.1934 brach Barth – gemeinsam mit von Kirschbaum und dem Ehepaar Pestalozzi – von Zürich nach Paris auf, um dort vom 10.-12.4. auf Einladung der Freien protestantischen theologischen Fakultät drei Vorträge zu halten (vgl. Offenbarung, Kirche, Theologie [ThExh 9], München 1934, S. 15-43 📖; Busch, S. 256f. 📖).↩
6
Hinweise auf eine Berichterstattung von E. von Weizsäcker über diesen Besuch Barths in Bern bzw. auf irgendeine «gute Note» im Auswärtigen Amt lassen sich nicht auffinden. Lediglich aus einer Passage in E. von Weizsäckers Bericht vom 24.4.1934 läßt sich ein Nachhall des Gesprächs mit Barth heraushören: «Der deutschschweizerische Akademiker hat bisher Deutschland als seine natürliche Bezugsquelle und als sein geistiges Absatzgebiet angesehen. Bestimmte Zweifel, ob das so bleiben könne, sind hier wach, ohne daß jedoch schon eine definitive Abkehr im größeren Maßstab eingetreten wäre.» (ADAP, Serie C, Bd. II,2, Nr. 422, S. 753f. 📖).↩
7
Brief K. L. Schmidts vom 4.3.1934 (KBA 9334.311) und Brief Barths vom 6.3.1934 (KBA 9234.87).↩
8
Ernst Eisenhardt, der sich Niemöller «als Famulus, Adjutant oder wie man will», zur Verfügung gestellt hatte, war Barth in der Begleitung Niemöllers am 14.11.1933 im Hause Jacobis in Berlin begegnet. Am 1.3.1934 mahnte er in einem Brief Barth u. a.: «Vor allem aber, suchen Sie die Jugend zu halten und zu ermahnen, sagen Sie ihr auch mal ein freundliches Wort, ein fröhlich-brüderliches, nicht ein immer nur scheltend-brüderliches.» (KBA 9334.304) Barths Antwortbrief ist nicht erhalten.↩
9
Die von P. Barth und A. Schädelin gegründete Theologische Arbeitsgemeinschaft des Kantons Bern. Siehe G. Ludwig, Die Theologische Arbeitsgemeinschaft des Kantons Bern, in: Das Wort sie sollen lassen stahn. Festschrift für Professor. D. Albert Schädelin, hrsg. von H. Dürr u. a., Bern 1950, S. 25-32 📖.↩
10
Der Vortrag Schrenks ist nicht im Druck erschienen. – Gottlob Schrenk (1879–1965), 1911-1923 Lehramt an der Theologischen Schule in Bethel und dort Inspektor der evangelischen Missionsgesellschaft für Ostafrika, 1923-1949 o. Professor für Neues Testament in Zürich.↩
11
Max Dominicé (1901–1975), Dr. theol. h. c., 1927/28 Pfarrer der Église Française d’Ecosse in Edinburgh, 1928-1932 in Bon Foyer de Belleville/Paris, 1932-1936 Pfarrer der Genfer Association Chrétienne Evangélique, 1936-1959 Pfarrer an St. Gervais in Genf, 1959-1966 Generalsekretär der Genfer Nationalkirche.↩
12
M. Barth wollte zum Beginn des Sommersemesters 1934 sein Theologiestudium in Bern aufnehmen.↩
13
Von diesem Vortrag liegen keine Aufzeichnungen vor.↩
14
Für das Bundesgesetz zum Schutz der öffentlichen Ordnung vom 13.10.1933. Es wurde bei einer Stimmbeteiligung von 78,9% mit 488’672 gegen 419’399 Stimmen am 11.3.1934 verworfen. Das Gesetz hatte Strafen für Tatbestände wie Teilnahme an gewalttätigen Zusammenrottungen oder Verstöße gegen das Versammlungsgebot vorgesehen.↩
15
Unter der Überschrift «‹Romantische› Panikmacher» berichtete die National-Zeitung (Basel), Jg. 92, Nr. 110 vom 8.3.1934, S. 2 📖, über den Aufruf der Sozialdemokraten gegen das Ordnungsgesetz. In dem darin zitierten «Protest» der Sozialdemokraten heißt es u. a.: «Bei den Beratungen dieses Gesetzes haben die Bundesräte sehr klar und deutlich zu verstehen gegeben: Wenn Ihr in Zukunft nicht das Maul haltet, so werden wir es nun zu stopfen wissen!» «Gegen Dich Arbeitsloser! Du wirst keine Rechte mehr haben, nur Pflichten, vor allem Schweigepflicht. Brichst Du sie, dann hast Du Zuchthaus. Erkühnst Du Dich, in Versammlungen zu Deiner Lage Stellung zu nehmen – Blei ist genug vorhanden, um Dir den Mund zu stopfen! Sogar ohne Gutscheine wird es abgegeben.»↩
16
Aus «Das Lied von der Glocke» von Fr. von Schiller 📖:
Oh! daß sie ewig grünen bliebe,
Die schöne Zeit der jungen Liebe!
↩