Brief Nr. 173 · 12. Januar 1935

Charlotte von Kirschbaum an Karl Barth in Basel

411

173

Lieber Karl!

Hier die Post aus Emden.1 Das ist doch schön? Und deine Karte ist da. Nun bin ich ganz ruhig und froh, Lieber … Nun mag Alles sich |412 hier weiter abrollen, wie es soll und muß. – Ist übrigens das Bild von der Führertagung2 in der Illustrierten nicht bezeichnend für «meine» Theorie?? So viel Generäle sah ich schon lange nicht mehr beisammen!! –

Gestern abend bei Traub war es schön.3 Eine sanfte, sehr liebe und kluge Schwester Helene betreut ihn, und er ist ganz ehrfürchtig vor der Tagesarbeit dieser Frauen. Er bleibt nun wohnen in dem sehr kleinen, aber sehr gemütlichen Zimmer. Wir hatten gute theologische Gespräche. Er arbeitet viel und macht es ordentlich. Dich läßt er grüßen. – Er möchte, daß ich in seinem Laienkreis einen Vortrag halte. Soll ich das tun? Mittwoch in acht Tagen. Ich hab ja fast nicht Zeit jetzt. Es läuft ununterbrochen etwas. Und der erste Vortrag müßte doch gut gemacht sein und mit viel Mühe. Über das Missale Romanum4!! –

Kolfhaus5 aus Godesberg rief an. Du habest ihm für Januar eine Predigt zugesagt. Willst du für die zweite Hälfte Februar dich hergeben und ihm direkt ein paar Worte schreiben?6 –

Wolf will die Arbeit von Landgrebe7 vervielfältigen für die hiesige Bekenntnisgruppe8.

Ich sitze an deinem Schreibtisch – «Ottilie» darf das – und habe ein bißchen, ein bißchen sehr Sehnsucht. Joggeli geht es besser. Er ist das |413 Sonnenscheinlein hier jetzt. – Mit Nelly geht Alles friedlich und gut. Und morgen rolle ich also nach O[eynhausen].9 –

Ruh dich jetzt aus von all dem Tumult, du guter Karl.

For ever and ever

deine
L.

Die Versicherungssache wirst du am Schluß erledigen. Willst du Papiere haben dazu?
Eben bringt die 11 h-Post ein Schreiben vom Präses an Frl. v. K.:
   Verehrter, lieber Bruder!
Sie sind uns zur Rüstwoche vom 14.-17.1. gemeldet und herzlich willkommen. Beginn Montag, den 14.1., abends 20.30 «Hohenzollernhof» beim Bahnhof. Bibel und nach Möglichkeit Bekenntnisschriften mitbringen. Freiquartiere zu erfragen im Hotel «Viktoria», wo Montag ab 14 Uhr unser Auskunftsbüro ist.
. . . .

Sachfußnoten

1
Mit Schreiben vom 11.1.1935 (Brief des Vorsitzenden des Kirchenrates E. Riedlin) wurde Barth mitgeteilt, daß er «in der Vorwahl, die der Kirchenrat für sich allein nur tätigen kann», für das Pfarramt in Emden gewählt sei. Um das weitere Wahlverfahren durchführen zu können, wurde Barth zu einer «Aufstellungspredigt» nach Emden eingeladen (KBA 9335.47). Barth dankte am 17.1.1935 für den «ehrenvollen Auftrag», erklärte aber, daß er sich doch zwischen zwei ihm vorliegenden Angeboten entscheiden wolle, die ihm die Fortsetzung seiner akademischen Tätigkeit ermöglichten (KBA 9235.12).↩
2
Es könnte sich hier um einen Bildbericht über die am 3.1.1935 abgehaltene «Führertagung» in der «Berliner Illustrierten» (sic), Jg. 44, Nr. 2 vom 10.1.1935 📖, handeln. Darin sind zahlreiche zumeist uniformierte Vertreter der NS-Führung abgebildet.↩
3
H. Traub war seit dem 1.1.1935 Vikar in Bad Honnef bei Bonn.↩
4
Das römisch-katholische Meß-Liturgie-Buch. Der Vortrag kam anscheinend schon deshalb nicht zustande, weil von Kirschbaum in der in Aussicht genommenen Woche erkrankte.↩
5
Heinrich Kolfhaus (1879–1956), seit 1913 Pfarrer in Bad Godesberg, Vorsitzender des Godesberger Presbyteriums. Das Presbyterium hatte am 8.11.1934 beschlossen, sich der Evangelischen Bekenntnissynode der Rheinprovinz zuzuordnen und im Bruderrat dieser Synode die Leitung der Evangelischen Kirche der Rheinprovinz zu sehen (s. Pr. 1921-1935, S. 367, Anm. 1 📖)↩
6
Barth konnte die Zusage nicht einlösen. Zur Bibelstunde, die er am 10.2.1935 in Bad Godesberg hielt, s. unten S. 465, Anm. 3.↩
7
Nicht ermittelt.↩
8
Siehe dazu: A. Hinz-Wessels, Die Evangelische Kirchengemeinde Bonn in der Zeit des Nationalsozialismus (1933–1945) (SVRKG 119), Köln 1996, bes. S. 155-200 📖.↩
9
Zur Rüstzeit der BK, an der an Barths Stelle von Kirschbaum teilnahm, s. unten S. 423f., Anm. 1.↩