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8. Juli 1930
Du hast allen Grund, über langes Schweigen betrübt und ungehalten zu sein. Ich weiß, ich habe dir das ganze Semester nie geschrieben. Weißt du, der Hauptgrund dieses Schweigens war eigentlich der immer wieder hinausgeschobene, nicht geschriebene Brief, den ich Nelly schuldete. Es lag fast wie ein Gelübde auf mir, dir nicht eher zu schreiben, als bis ich Nelly gegenüber endlich ein Wort gefunden hätte. Das ist nun geschehen, und ich bin froh darüber und bereue nur, das wenige, armselige, das ich ihr schreiben konnte, nicht wirklich eher und längst geschrieben zu haben. Ich sagte es ihr eben selbst, daß dahinter sicher irgendein falscher Stolz stand, das Verlangen, ihr etwas ganz Gu|17tes schreiben zu können, mehr und anderes, als ich ihr tatsächlich zu schreiben hatte.1 Und damit habe ich ihr schließlich nur selber wieder Unrecht zugefügt, denn was half ihr dies Schweigen und Schweigen? Ich hoffe so sehr, sie nehme nun trotzdem meinen Brief gut auf und ersehe daraus, daß ich euch und vor allem sie selbst weiter und weiter begleiten möchte. Das konnte ich ihr sagen, daß mich der Gedanke an euern Weg nie ganz verläßt, daß ich dabei bin, so gut es eben von ferne geht, wohl wissend, daß es etwas sehr anderes ist, so wie Ihr jedes auf seine Weise im Feuer drin zu stehen, und etwas anderes, nur etwas wie einen Widerschein davon über sich liegen zu haben. Aber in diesem Widerschein stehen wir, so oft wir an dich, an Nelly, an Lollo denken, und das geschieht wahrhaftig nicht spärlich. Das Davonreden ist freilich fast ganz und gar verstummt, eigentlich von dem Augenblicke an, wo ich deine Mutter nicht mehr sehen und besuchen konnte.2 Und vielleicht ist das auch recht so. Auch das konnte ich ihr sagen, daß mir Euer ganzes Erleiden und Kämpfen hilft im Umgang mit Anderen. Ich verstehe vieles besser, ich bin zurückhaltender und wissender, und bei aller Hilflosigkeit, in der man selber drinsteht, spüre ich doch, daß dies manchmal hilfreich sein kann. Grüße Lollo vielmal und herzlich von mir. Denn wie sollte nicht auch sie vor mir stehen und mitgegrüßt werden müssen, wenn von Euerm Wege die Rede ist. Sie hat mir einen so guten und ausführlichen Brief geschrieben, während du nach England fuhrst. Ich war sehr froh darüber. Denn irgendwie lebe ich doch weiter und weiter auf meinem Posten am allermeisten mit euch und von euch, auch wenn es zehn Mal anders zu sein scheint.
Ich denke gerade und vor allem an die theologische Lage hier. Dein Briefwechsel oder besser Kugelwechsel mit Emil3 kam für mich im ganz aktuellen Augenblicke. Ich stand selber mit Emil im Gespräch über diese Dinge. Er hat nämlich vor ein paar Wochen, eben als diese Dinge spielten, für mich gepredigt. Es war ein wirklicher Liebesdienst, den er mir damit erwies. Und ich muß sagen: Es war eine ausgezeichnete, eine |18 geladene, wenn auch ganz und gar ihn selber widerspiegelnde Predigt. Sie wird wohl nächstens in Zw.d.Z. erscheinen.4 Ich war beim Anhören ganz dabei, wie ich es selten sein kann. Man spürte: da steht hinter dem, was gesagt wird, eine Theologie, und zwar eine anständige Theologie, da kann für jedes Wort Rechenschaft abgelegt werden, wenn es sein muß. Und das hat einen innerlich gefaßt und erbaut. Bis auf eine Stelle, wo an der Ketzerei der Leugnung der Jungfrauengeburt gestreift wurde.5 Und merkwürdigerweise hat das sofort in den nächsten Tagen zu Interpellationen von aufmerksamen Zuhörern bei mir geführt, was ich den Baslern doch einigermaßen anrechnen muß. Aber im Zusammensein kam es dann zu weiten Gesprächen über die anthropologische Kontroverse. Und ich mußte Emil widerstehen und konnte nicht anders als dir völlig recht geben. Es geht nicht so, wie Brunner es meint. Gleich darauf aber sandte mir dann auch Emil deinen Brief an ihn samt einem sehr betrübten Begleitbrief, worin er sich über deine Anrede an ihn beklagt.6 Ich bin eigentlich überzeugt davon, daß er — und schon seine Antwort an dich zeigte Spuren davon — im Grunde nicht von dei|19nen Aufstellungen abweichen möchte und sich irgendwie und irgendwann einmal still und ganz dazu hinfinden wird — außer es geschehe das zu Vermeidende, daß du ihm (durch allzukräftige Art der Zurechtweisung) aus Prestigegründen den Rückweg zur gesunden Lehre zurückzunehmen unmöglich machst.
Ein weiteres, das eben dahin gehört: Köberle ist auf den Plan getreten. Eben hat das Missionsfest7 stattgefunden, und da hat der homo novus vor dem großen christlichen Publikum debütiert mit einem langen Vortrag über die neuere Theologie und ihre Stellung zur Mission (implicite oder explicite).8 Er hat es fertig gebracht, die ganze Wendung in der Theologie zu zeichnen, ohne ein einziges Mal deinen Namen zu nennen, dagegen wurde Emil in solenner Weise ein Kranz dargebracht. Und noch mehr trat es dann in der Diskussion zu Tage (die auch mich auf den Plan rief), daß Köberle einfach, wie die Deutschen sagen, von Emil aufs stärkste beeindruckt ist, und zwar gerade von jenen fatalen Abweichungen in der Anthropologie am allermeisten. Viel eher als daß er mit Ernst Staehelin9 eine Front in spekulativer Hinsicht, wird er eine Front mit Brunner in Sachen Säkularismus und Anthropologie bilden.
20 Mir ist in diesen Gesprächsgängen deine Auffassung, wie sie vor allem im Heiligen Geist-Vortrag10 niedergelegt ist, erst recht sicher und klar geworden. Aber da steht augenblicklich das ganze Gefecht. Im übrigen ist Köberle ein sehr netter Mensch, er hat doch trotz allem, was er in Heiligung macht, und im Unterschied zu allen schweizerischen Vermittlern11 und auch im Unterschied zu Ernst Staehelin einen Begriff von Rechtfertigung und läßt da nicht mit sich markten. Ungut wird er nur immer da, wo er seine Spezialfabrikate an den Mann bringen will. Aber das kommt ja nicht gerade jedes Mal vor, wenn er redet. So hatte ich z. B. eine leidlich einheitliche Front mit ihm, als kürzlich Tillich hier war und wieder einmal mit allem Raffinement entwickelte, daß der Mensch in der Grenzsituation schon an sich und durch genügend tiefdringende psychologische Analyse wohl erkennbar als solcher vor Gott stehe12, ohne zu merken, daß er damit etwas weit über alle Analy|21sen Hinausgreifendes, Synthetisches, Zusprechendes, und zwar nur in Christus Zusprechbares vom Menschen aussage. Wir versuchten bis nach Mitternacht, ihm das klar zu machen. Aber es gelang ganz und gar nicht. Ja, Tillich erschien mir gegenüber dem letzten Mal in Aarau13 noch bedeutend mehr in Psychologie oder sagen wir besser in Ontologie (und zwar ganz in Abhängigkeit von Heidegger14) versunken. Offenbar tut ihm Frankfurt15 nicht gut. Er muß da irgendwelche psychologisierende Juden an der Hand haben, die ihm mehr imponieren, als |22 ihm gut ist. Macht er so weiter, so erledigt er sich theologisch in Bälde. Endlich war ein ausgezeichneter Holländer bei mir, ein Herr Rasker16. Du kennst ihn auch von Holland und von Emden17 her, wenn ich recht dran bin. Er studiert bei Emil Brunner, hat sehr viel Sympathie für ihn, läßt sich aber keinen Schritt weit durch ihn vom Wege ablocken, sondern kritisiert Brunner mit vollkommener Sachkenntnis an den Punkten, wo das geschehen muß. Er selber stammt aus Kohlbrüggekreisen18 und weiß einfach völlig, auf was es ankommt. Er hat deine Dogmatik19 in ihrer wirklichen und letzten Absicht so gut verstanden, wie ich es noch bei keinem traf, hat auch Heiner besucht und sich mit ihm verständigt, kurz eine ganz hoffnungsvolle Gestalt. Er will einen Doktor machen und wird sicher in Holland dereinst eingreifen. Wahrscheinlich will er dich noch Ende Juli besuchen. Du wirst dich aufs beste mit ihm verstehen. Er ragte weit über die zwei Dutzend Tübinger hinaus, die ebenfalls bei Emil studieren und ebenfalls auf [das] Missionsfest, wie das jetzt so Mode wird, nach Basel kamen und ein Gespräch mit mir wünschten und auch erhielten.
Sonst hat mir dies Semester also noch meine Antrittsvorlesung gebracht, die ja eben in Zw.d.Z. in erweiterter Form stand.20 Diese aber |23 brachte mir ihrerseits Anfechtung von Seiten der Basler. Es wurde ganz offen gemurrt, so gehe es nun einfach nicht, einem Christus und die Kirche hinzubengeln21, wie ich es getan habe. Das sei nicht mehr «wissenschaftliche», das sei finstere kirchliche Theologie, und eine Fakultät, an der diese Lehre das Oberwasser erhalte, müsse hinausgeschmissen werden aus dem staatlich gestützten Universitätsverband. Aber weißt du, wer vor allem in dieses Horn stieß: die Kollegen von der Fakultät selbst! Und der Dekan22 soll sogar, wie mir gesagt worden ist, die Schwachheit gehabt haben, Köberle zu ermahnen, er solle dann seinerseits «wissenschaftlich zurückhaltender» sprechen, als ich es getan habe, wenn er an die Reihe komme. Das wird Köberle sicher nicht tun. Aber was sind das doch für Zustände! Auch Briefe schärfster Verurteilung erhielt ich. Einer schrieb mir, ein Dr. phil., ein höherer Lehrer, er betrachte unsere Theologie als eine wahre Strafe Gottes über den Protestantismus. Einen finstereren Ecken als den meinigen gebe es nicht.23 Nun wird es ja wohl sein, daß man, was ich zu sagen hatte, etwas — wie soll ich sagen: geschützter, weniger mit der Türe ins Haus fallend sagen kann, wenn man das Zeug dazu hat. Aber das habe ich nun einmal nicht. Aber in Wahrheit gilt dieser Widerspruch ja gewiß der Sache und nicht der vielleicht unzulänglichen Form. Aber daß die Schweiz Vermittlung will und nichts als Vermittlung, das zeigt sich ja auch an anderen Orten. Man kommt hier einfach nicht vom Fleck. Und ich denke mehr als einmal, am besten säße man wirklich noch oder wieder auf seinem Dorfe und wäre Pfarrer und nichts als das, statt dieser unfruchtbaren Debatten und mühsamen Versuche, etwas anzubieten, was doch niemand kaufen will. Die Studenten speziell sind eben auch mehr oder weniger völlig auf Widerstand eingestellt, sie dann, wie ich zu sehen meine, auf Grund der so unendlich viel einleuchtenderen Spekulationen und Expektorationen Ernst Staehelins.
Und nun ist also die große Sache mit Georg wirklich im Rollen! Auch er, auch er zieht sich hinter die Mainlinie zurück.24 Was für ein |24 merkwürdig gesegneter Ecken entsteht da nun am Niederrhein! Von dir schreibt mir Georg in einem eben erhaltenen Briefe auf Grund neuester Eindrücke: «Ich fand Karl wieder einmal in höchster Blüte. Man kann nur staunend stehen vor all dem, was er erfährt, erleidet, denkt und schafft!»25 Also du in voller Fahrt, während unsereiner eben so durchkommt, ja, manchmal an diesem Eben-so-Durchkommen zu zweifeln beginnt. Mir macht vor allem die Predigt immer mehr und immer neu Mühe über Mühe. Ob das mit der so völlig gemeindelosen Situation am Münster26 zusammenhängt? Oder mit dem bekannten Basler Föhnklima, das ja an sich «produktivitätszersetzend» sein soll? Ich weiß es nicht. Aber ich trage mich manchmal ernstlich mit dem Gedanken, nicht zwar die Kanzel an sich aufzugeben, aber auf eine bescheidenere, aber in realerer Situation befindliche Kanzel (etwa in einem Vorort, unter dem Volke, statt vor den Toren der Dalben27) zu steigen bei irgendeiner sich bietenden Gelegenheit. Überhaupt, Karl, wird es gelingen, über das doch immer wieder so komplizierte Stammeln hinauszukommen in unserem Predigen (wenigstens von mir ist nicht viel mehr zu sagen) zu einem Wort, das wirklich gehört werden kann und gehört werden wird? Sind wir nicht irgendwie heillos verbraucht, und rollt nicht die Menschheit wenigstens hier im Westen doch in die Tiefe? Neue Kriege stehen am Himmel. Die innere Lage ist ringsum bedrohter und sinnloser in ihren Verwicklungen als je. Vielleicht kommt’s auch bei uns noch dazu, daß wir, wie sie in China die Mission ungefähr einstellen müssen28, das ganze theologische Geschäft sistieren müssen, weil |25 die Zeit rettungslos ihrem Verhängnis entgegeneilt und auch wir nicht die Leute sind, die es ändern können? Wa? Aber eben — bei dir am Rhein sieht ja sicher alles sehr viel besser, sehr viel hoffnungsvoller aus, und ich will mich gerne von deiner Woge auch wieder emportragen lassen.
Gegenwärtig habe ich eine ganz spezielle Sorge. Denk an, mit Georg zu reden, der Haudegen Jakobus Weidenmann, Pfarrer in St. Gallen, Religiös-Sozialer und noch einiges mehr29, laut dem seligen Geyer eine der bedeutendsten religiösen Kräfte der Schweiz30, hat eine fabelhafte Dummheit gemacht: er hat in einer schwachen Stunde an einen seiner kommunistischen Freunde in Deutschland einen Brief geschrieben, ganz privat natürlich, in dem er alles, einfach alles preisgibt, sich selber, die Kirche, den Sozialismus, das Pfarramt und was drum- und dranhängt, in einem Pamphletstil, der seinesgleichen sucht, sich selber als Pfaffen verhöhnt, der nur um des Monatszapfens31 willen noch seine Sache mache, der nun eben wieder die Geburt Christi «befeiert» habe, der aber im Grunde über sich und seine Zuhörer in einem lache usw. Und nun geht dieser Kommunist hin und druckt diesen Brief mit voller Namensangabe ab32, schreit Zeter und Mordio über diese verdammten Sozialpfaffen, diese «Schweine», die abgestochen zu werden verdienen als die feilen Knechte einer gerichtsreifen Gesellschaft, und fordert urbi et orbi dazu auf, dieses Schanddokument abzudrucken. Es geschieht in einem kommunistischen Winkelblatt in Deutschland. Aber es ist sehr zu fürchten, dieses vernichtende Dokument werde auch bei uns sichtbar |26 aufgehängt und unsere ohnehin schon schandbeladene Kirche, die sowieso keinen, aber auch gar keinen Kredit mehr beim breiten Volke hat, müsse auch noch diese Schmach aufgeladen bekommen. Um unsere Glaubwürdigkeit wäre es wieder bei Tausenden geschehen. Denn der Brief ist so, wie ihn die ärgsten Pfaffengegner nicht schlimmer ausdenken können. Und irgendwo ist noch ein Tropfen von unserem Öle in freilich völlig ranzigem Zustande darin: denn die Selbstironisierung bezieht sich auf eine Kritik an der Kirche, wie sie wohl auch von uns etwa geübt worden ist. Ich kann nur hoffen, ein Akt der providentia specialissima33 verhindere das wirkliche Auftauchen etwa im Basler Vorwärts34. Auf Wiesers Diskretion kann ich darum nicht rechnen, weil er seit dem letzten Parteitag in seiner eigenen Redaktion unter die Zensur eines proletarischen Kommissärs gestellt worden ist und nicht mehr machen kann, was er will.35 «O Schweiz, o Kirche, o Pfarrer, daß Gott |27 erbarm!»36 Schlimmere Preisgegebenheiten können sich nicht mehr ereignen.
Gestern abend war die theologische Fakultät beieinander zu einem Nachtesselein, das sicher sehr viel bescheidener verlief als etwa eure solennen Rektorats- oder Dekanatsessen. Ich setzte mich neben unseren alten Freund Carl Albrecht37 und unterhielt mich mit diesem Außenseiter aufs beste. Eben hat der Knabe Nigg den großen Stein bei ihm im Brette, indem er ein ganzes Buch über Overbeck auf Grund des ihm von Bernoulli überlassenen Nachlasses geschrieben hat, das auch uns gegenüber «vernichtend» ausfallen soll.38 Fritz Liebs Abmarsch nach Bonn39 wurde im gleichen Atemzug mit Johannes Wendlands 25jähri|28gem Wirken an der Basler Fakultät40 («ein schlichtes, aber in Ehren und im Dienst der Wissenschaft verbrachtes Wirken» nannte es Goetz41) gefeiert. Die Hunderte, die sich dort um Karl Barth scharen, wurde bemerkt, mögen doch auch Fritzens Kolleg füllen! Eine sehr viel ernstere Sache ist dies: Joël42 hat wirklich abgegeben. Und nun wurde eine Expertenkommission eingesetzt zur Neubestellung, wie dies vorgeschrieben ist. Und dieser Expertenkommission gehört der fatale Freidenkerapostel Haenssler43 und der noch fatalere Atheist und Radikale Ständerat Thalmann44 an, beide wahrlich nicht die Männer, die — ja, |29 die unseren Heiner auf den Thron werden erheben wollen, der ihm wahrhaftig gebührt. Ich sah es als absolut sicher an, daß Heiner nachrücken werde, und zweifle auch jetzt noch nicht ernstlich daran, aber wieder wird es ein Akt der Providenz sein, der hier nötig wird, wenn alles zum Guten kommen soll. Heiner ist in begreiflicher Spannung, wenn er auch ganz ruhig davon redet, daß es alle Wege gehen könne.45 — Das Missionsfest ist unter größten Umtrieben gefeiert worden und hat mir ein Gespräch mit — Pfarrer Jäckh46 gebracht, den ich glaub seit jener Andacht im Jahre 1915 in Boll47 nicht mehr gesehen habe.
Schluß! Und nun sehen wir uns also in Bälde. Wie gut wird das werden. Lieber Karl, ich kann dir dann auch erst richtig danken für die solenne Überreichung der drei Schweinslederbände von Turrettini, die du mir ganz und gar wegen nichts zu Mitten des Sommers hast übersenden lassen.48 Was für ein köstliches Geschenk! Verzeih mit all meinem |30 Schweigen überhaupt, daß auch diese Gabe so wortlos von mir entgegengenommen wurde.
Es ist ein Leichtsinn ohnegleichen, daß ich dir heute abend so ausführlich schreibe. Denn ich habe noch lange Wege vor mir, bis ich am Sonntag glücklich im D-Zug nach Bonn sitzen werde. Der Vortrag ist noch nicht da, und eine Predigt wartet auch noch auf mich. Du siehst aber, wie gestaut das Schreibwasser bei mir war, so daß es nun doch noch einfach hervorbrechen mußte. Also auf Wiedersehen am Sonntag abend. Unterdessen hast du in Frankfurt und in Heidelberg, also beinahe in Basel, vor sicher überfüllten Sälen ausgezeichnete Dinge gesagt.49 Ganz zu schweigen von deinem Englandzuge, von dem wir auch noch nichts näheres gehört haben, der aber auch unter großem Tücherschwenken vor sich gegangen sein muß.50 Hast du nicht doch irgendeinen Helgen51, auf dem du in einem Mäntelein und mit einem dreieckigen Hute zu sehen bist? Karl Sartorius52 wartet sehnsüchtig auf solch eine Gabe für die Nachrichten53, und ich kann sein Verlangen nur kräftig unterstützen. Mach uns den Spaß und zeig dich den Baslern einmal so!
Herzlich