8. Juli 1930

Eduard Thurneysen an Karl Barth

16
Lieber Karl,

Du hast allen Grund, über langes Schweigen betrübt und ungehalten zu sein. Ich weiß, ich habe dir das ganze Semester nie geschrieben. Weißt du, der Hauptgrund dieses Schweigens war eigentlich der immer wieder hinausgeschobene, nicht geschriebene Brief, den ich Nelly schuldete. Es lag fast wie ein Gelübde auf mir, dir nicht eher zu schreiben, als bis ich Nelly gegenüber endlich ein Wort gefunden hätte. Das ist nun geschehen, und ich bin froh darüber und bereue nur, das wenige, armselige, das ich ihr schreiben konnte, nicht wirklich eher und längst geschrieben zu haben. Ich sagte es ihr eben selbst, daß dahinter sicher irgendein falscher Stolz stand, das Verlangen, ihr etwas ganz Gu|17tes schreiben zu können, mehr und anderes, als ich ihr tatsächlich zu schreiben hatte.1 Und damit habe ich ihr schließlich nur selber wieder Unrecht zugefügt, denn was half ihr dies Schweigen und Schweigen? Ich hoffe so sehr, sie nehme nun trotzdem meinen Brief gut auf und ersehe daraus, daß ich euch und vor allem sie selbst weiter und weiter begleiten möchte. Das konnte ich ihr sagen, daß mich der Gedanke an euern Weg nie ganz verläßt, daß ich dabei bin, so gut es eben von ferne geht, wohl wissend, daß es etwas sehr anderes ist, so wie Ihr jedes auf seine Weise im Feuer drin zu stehen, und etwas anderes, nur etwas wie einen Widerschein davon über sich liegen zu haben. Aber in diesem Widerschein stehen wir, so oft wir an dich, an Nelly, an Lollo denken, und das geschieht wahrhaftig nicht spärlich. Das Davonreden ist freilich fast ganz und gar verstummt, eigentlich von dem Augenblicke an, wo ich deine Mutter nicht mehr sehen und besuchen konnte.2 Und vielleicht ist das auch recht so. Auch das konnte ich ihr sagen, daß mir Euer ganzes Erleiden und Kämpfen hilft im Umgang mit Anderen. Ich verstehe vieles besser, ich bin zurückhaltender und wissender, und bei aller Hilflosigkeit, in der man selber drinsteht, spüre ich doch, daß dies manchmal hilfreich sein kann. Grüße Lollo vielmal und herzlich von mir. Denn wie sollte nicht auch sie vor mir stehen und mitgegrüßt werden müssen, wenn von Euerm Wege die Rede ist. Sie hat mir einen so guten und ausführlichen Brief geschrieben, während du nach England fuhrst. Ich war sehr froh darüber. Denn irgendwie lebe ich doch weiter und weiter auf meinem Posten am allermeisten mit euch und von euch, auch wenn es zehn Mal anders zu sein scheint.

Ich denke gerade und vor allem an die theologische Lage hier. Dein Briefwechsel oder besser Kugelwechsel mit Emil3 kam für mich im ganz aktuellen Augenblicke. Ich stand selber mit Emil im Gespräch über diese Dinge. Er hat nämlich vor ein paar Wochen, eben als diese Dinge spielten, für mich gepredigt. Es war ein wirklicher Liebesdienst, den er mir damit erwies. Und ich muß sagen: Es war eine ausgezeichnete, eine |18 geladene, wenn auch ganz und gar ihn selber widerspiegelnde Predigt. Sie wird wohl nächstens in Zw.d.Z. erscheinen.4 Ich war beim Anhören ganz dabei, wie ich es selten sein kann. Man spürte: da steht hinter dem, was gesagt wird, eine Theologie, und zwar eine anständige Theologie, da kann für jedes Wort Rechenschaft abgelegt werden, wenn es sein muß. Und das hat einen innerlich gefaßt und erbaut. Bis auf eine Stelle, wo an der Ketzerei der Leugnung der Jungfrauengeburt gestreift wurde.5 Und merkwürdigerweise hat das sofort in den nächsten Tagen zu Interpellationen von aufmerksamen Zuhörern bei mir geführt, was ich den Baslern doch einigermaßen anrechnen muß. Aber im Zusammensein kam es dann zu weiten Gesprächen über die anthropologische Kontroverse. Und ich mußte Emil widerstehen und konnte nicht anders als dir völlig recht geben. Es geht nicht so, wie Brunner es meint. Gleich darauf aber sandte mir dann auch Emil deinen Brief an ihn samt einem sehr betrübten Begleitbrief, worin er sich über deine Anrede an ihn beklagt.6 Ich bin eigentlich überzeugt davon, daß er — und schon seine Antwort an dich zeigte Spuren davon — im Grunde nicht von dei|19nen Aufstellungen abweichen möchte und sich irgendwie und irgendwann einmal still und ganz dazu hinfinden wird — außer es geschehe das zu Vermeidende, daß du ihm (durch allzukräftige Art der Zurechtweisung) aus Prestigegründen den Rückweg zur gesunden Lehre zurückzunehmen unmöglich machst.

Ein weiteres, das eben dahin gehört: Köberle ist auf den Plan getreten. Eben hat das Missionsfest7 stattgefunden, und da hat der homo novus vor dem großen christlichen Publikum debütiert mit einem langen Vortrag über die neuere Theologie und ihre Stellung zur Mission (implicite oder explicite).8 Er hat es fertig gebracht, die ganze Wendung in der Theologie zu zeichnen, ohne ein einziges Mal deinen Namen zu nennen, dagegen wurde Emil in solenner Weise ein Kranz dargebracht. Und noch mehr trat es dann in der Diskussion zu Tage (die auch mich auf den Plan rief), daß Köberle einfach, wie die Deutschen sagen, von Emil aufs stärkste beeindruckt ist, und zwar gerade von jenen fatalen Abweichungen in der Anthropologie am allermeisten. Viel eher als daß er mit Ernst Staehelin9 eine Front in spekulativer Hinsicht, wird er eine Front mit Brunner in Sachen Säkularismus und Anthropologie bilden.

20 Mir ist in diesen Gesprächsgängen deine Auffassung, wie sie vor allem im Heiligen Geist-Vortrag10 niedergelegt ist, erst recht sicher und klar geworden. Aber da steht augenblicklich das ganze Gefecht. Im übrigen ist Köberle ein sehr netter Mensch, er hat doch trotz allem, was er in Heiligung macht, und im Unterschied zu allen schweizerischen Vermittlern11 und auch im Unterschied zu Ernst Staehelin einen Begriff von Rechtfertigung und läßt da nicht mit sich markten. Ungut wird er nur immer da, wo er seine Spezialfabrikate an den Mann bringen will. Aber das kommt ja nicht gerade jedes Mal vor, wenn er redet. So hatte ich z. B. eine leidlich einheitliche Front mit ihm, als kürzlich Tillich hier war und wieder einmal mit allem Raffinement entwickelte, daß der Mensch in der Grenzsituation schon an sich und durch genügend tiefdringende psychologische Analyse wohl erkennbar als solcher vor Gott stehe12, ohne zu merken, daß er damit etwas weit über alle Analy|21sen Hinausgreifendes, Synthetisches, Zusprechendes, und zwar nur in Christus Zusprechbares vom Menschen aussage. Wir versuchten bis nach Mitternacht, ihm das klar zu machen. Aber es gelang ganz und gar nicht. Ja, Tillich erschien mir gegenüber dem letzten Mal in Aarau13 noch bedeutend mehr in Psychologie oder sagen wir besser in Ontologie (und zwar ganz in Abhängigkeit von Heidegger14) versunken. Offenbar tut ihm Frankfurt15 nicht gut. Er muß da irgendwelche psychologisierende Juden an der Hand haben, die ihm mehr imponieren, als |22 ihm gut ist. Macht er so weiter, so erledigt er sich theologisch in Bälde. Endlich war ein ausgezeichneter Holländer bei mir, ein Herr Rasker16. Du kennst ihn auch von Holland und von Emden17 her, wenn ich recht dran bin. Er studiert bei Emil Brunner, hat sehr viel Sympathie für ihn, läßt sich aber keinen Schritt weit durch ihn vom Wege ablocken, sondern kritisiert Brunner mit vollkommener Sachkenntnis an den Punkten, wo das geschehen muß. Er selber stammt aus Kohlbrüggekreisen18 und weiß einfach völlig, auf was es ankommt. Er hat deine Dogmatik19 in ihrer wirklichen und letzten Absicht so gut verstanden, wie ich es noch bei keinem traf, hat auch Heiner besucht und sich mit ihm verständigt, kurz eine ganz hoffnungsvolle Gestalt. Er will einen Doktor machen und wird sicher in Holland dereinst eingreifen. Wahrscheinlich will er dich noch Ende Juli besuchen. Du wirst dich aufs beste mit ihm verstehen. Er ragte weit über die zwei Dutzend Tübinger hinaus, die ebenfalls bei Emil studieren und ebenfalls auf [das] Missionsfest, wie das jetzt so Mode wird, nach Basel kamen und ein Gespräch mit mir wünschten und auch erhielten.

Sonst hat mir dies Semester also noch meine Antrittsvorlesung gebracht, die ja eben in Zw.d.Z. in erweiterter Form stand.20 Diese aber |23 brachte mir ihrerseits Anfechtung von Seiten der Basler. Es wurde ganz offen gemurrt, so gehe es nun einfach nicht, einem Christus und die Kirche hinzubengeln21, wie ich es getan habe. Das sei nicht mehr «wissenschaftliche», das sei finstere kirchliche Theologie, und eine Fakultät, an der diese Lehre das Oberwasser erhalte, müsse hinausgeschmissen werden aus dem staatlich gestützten Universitätsverband. Aber weißt du, wer vor allem in dieses Horn stieß: die Kollegen von der Fakultät selbst! Und der Dekan22 soll sogar, wie mir gesagt worden ist, die Schwachheit gehabt haben, Köberle zu ermahnen, er solle dann seinerseits «wissenschaftlich zurückhaltender» sprechen, als ich es getan habe, wenn er an die Reihe komme. Das wird Köberle sicher nicht tun. Aber was sind das doch für Zustände! Auch Briefe schärfster Verurteilung erhielt ich. Einer schrieb mir, ein Dr. phil., ein höherer Lehrer, er betrachte unsere Theologie als eine wahre Strafe Gottes über den Protestantismus. Einen finstereren Ecken als den meinigen gebe es nicht.23 Nun wird es ja wohl sein, daß man, was ich zu sagen hatte, etwas — wie soll ich sagen: geschützter, weniger mit der Türe ins Haus fallend sagen kann, wenn man das Zeug dazu hat. Aber das habe ich nun einmal nicht. Aber in Wahrheit gilt dieser Widerspruch ja gewiß der Sache und nicht der vielleicht unzulänglichen Form. Aber daß die Schweiz Vermittlung will und nichts als Vermittlung, das zeigt sich ja auch an anderen Orten. Man kommt hier einfach nicht vom Fleck. Und ich denke mehr als einmal, am besten säße man wirklich noch oder wieder auf seinem Dorfe und wäre Pfarrer und nichts als das, statt dieser unfruchtbaren Debatten und mühsamen Versuche, etwas anzubieten, was doch niemand kaufen will. Die Studenten speziell sind eben auch mehr oder weniger völlig auf Widerstand eingestellt, sie dann, wie ich zu sehen meine, auf Grund der so unendlich viel einleuchtenderen Spekulationen und Expektorationen Ernst Staehelins.

Und nun ist also die große Sache mit Georg wirklich im Rollen! Auch er, auch er zieht sich hinter die Mainlinie zurück.24 Was für ein |24 merkwürdig gesegneter Ecken entsteht da nun am Niederrhein! Von dir schreibt mir Georg in einem eben erhaltenen Briefe auf Grund neuester Eindrücke: «Ich fand Karl wieder einmal in höchster Blüte. Man kann nur staunend stehen vor all dem, was er erfährt, erleidet, denkt und schafft!»25 Also du in voller Fahrt, während unsereiner eben so durchkommt, ja, manchmal an diesem Eben-so-Durchkommen zu zweifeln beginnt. Mir macht vor allem die Predigt immer mehr und immer neu Mühe über Mühe. Ob das mit der so völlig gemeindelosen Situation am Münster26 zusammenhängt? Oder mit dem bekannten Basler Föhnklima, das ja an sich «produktivitätszersetzend» sein soll? Ich weiß es nicht. Aber ich trage mich manchmal ernstlich mit dem Gedanken, nicht zwar die Kanzel an sich aufzugeben, aber auf eine bescheidenere, aber in realerer Situation befindliche Kanzel (etwa in einem Vorort, unter dem Volke, statt vor den Toren der Dalben27) zu steigen bei irgendeiner sich bietenden Gelegenheit. Überhaupt, Karl, wird es gelingen, über das doch immer wieder so komplizierte Stammeln hinauszukommen in unserem Predigen (wenigstens von mir ist nicht viel mehr zu sagen) zu einem Wort, das wirklich gehört werden kann und gehört werden wird? Sind wir nicht irgendwie heillos verbraucht, und rollt nicht die Menschheit wenigstens hier im Westen doch in die Tiefe? Neue Kriege stehen am Himmel. Die innere Lage ist ringsum bedrohter und sinnloser in ihren Verwicklungen als je. Vielleicht kommt’s auch bei uns noch dazu, daß wir, wie sie in China die Mission ungefähr einstellen müssen28, das ganze theologische Geschäft sistieren müssen, weil |25 die Zeit rettungslos ihrem Verhängnis entgegeneilt und auch wir nicht die Leute sind, die es ändern können? Wa? Aber eben — bei dir am Rhein sieht ja sicher alles sehr viel besser, sehr viel hoffnungsvoller aus, und ich will mich gerne von deiner Woge auch wieder emportragen lassen.

Gegenwärtig habe ich eine ganz spezielle Sorge. Denk an, mit Georg zu reden, der Haudegen Jakobus Weidenmann, Pfarrer in St. Gallen, Religiös-Sozialer und noch einiges mehr29, laut dem seligen Geyer eine der bedeutendsten religiösen Kräfte der Schweiz30, hat eine fabelhafte Dummheit gemacht: er hat in einer schwachen Stunde an einen seiner kommunistischen Freunde in Deutschland einen Brief geschrieben, ganz privat natürlich, in dem er alles, einfach alles preisgibt, sich selber, die Kirche, den Sozialismus, das Pfarramt und was drum- und dranhängt, in einem Pamphletstil, der seinesgleichen sucht, sich selber als Pfaffen verhöhnt, der nur um des Monatszapfens31 willen noch seine Sache mache, der nun eben wieder die Geburt Christi «befeiert» habe, der aber im Grunde über sich und seine Zuhörer in einem lache usw. Und nun geht dieser Kommunist hin und druckt diesen Brief mit voller Namensangabe ab32, schreit Zeter und Mordio über diese verdammten Sozialpfaffen, diese «Schweine», die abgestochen zu werden verdienen als die feilen Knechte einer gerichtsreifen Gesellschaft, und fordert urbi et orbi dazu auf, dieses Schanddokument abzudrucken. Es geschieht in einem kommunistischen Winkelblatt in Deutschland. Aber es ist sehr zu fürchten, dieses vernichtende Dokument werde auch bei uns sichtbar |26 aufgehängt und unsere ohnehin schon schandbeladene Kirche, die sowieso keinen, aber auch gar keinen Kredit mehr beim breiten Volke hat, müsse auch noch diese Schmach aufgeladen bekommen. Um unsere Glaubwürdigkeit wäre es wieder bei Tausenden geschehen. Denn der Brief ist so, wie ihn die ärgsten Pfaffengegner nicht schlimmer ausdenken können. Und irgendwo ist noch ein Tropfen von unserem Öle in freilich völlig ranzigem Zustande darin: denn die Selbstironisierung bezieht sich auf eine Kritik an der Kirche, wie sie wohl auch von uns etwa geübt worden ist. Ich kann nur hoffen, ein Akt der providentia specialissima33 verhindere das wirkliche Auftauchen etwa im Basler Vorwärts34. Auf Wiesers Diskretion kann ich darum nicht rechnen, weil er seit dem letzten Parteitag in seiner eigenen Redaktion unter die Zensur eines proletarischen Kommissärs gestellt worden ist und nicht mehr machen kann, was er will.35 «O Schweiz, o Kirche, o Pfarrer, daß Gott |27 erbarm!»36 Schlimmere Preisgegebenheiten können sich nicht mehr ereignen.

Gestern abend war die theologische Fakultät beieinander zu einem Nachtesselein, das sicher sehr viel bescheidener verlief als etwa eure solennen Rektorats- oder Dekanatsessen. Ich setzte mich neben unseren alten Freund Carl Albrecht37 und unterhielt mich mit diesem Außenseiter aufs beste. Eben hat der Knabe Nigg den großen Stein bei ihm im Brette, indem er ein ganzes Buch über Overbeck auf Grund des ihm von Bernoulli überlassenen Nachlasses geschrieben hat, das auch uns gegenüber «vernichtend» ausfallen soll.38 Fritz Liebs Abmarsch nach Bonn39 wurde im gleichen Atemzug mit Johannes Wendlands 25jähri|28gem Wirken an der Basler Fakultät40 («ein schlichtes, aber in Ehren und im Dienst der Wissenschaft verbrachtes Wirken» nannte es Goetz41) gefeiert. Die Hunderte, die sich dort um Karl Barth scharen, wurde bemerkt, mögen doch auch Fritzens Kolleg füllen! Eine sehr viel ernstere Sache ist dies: Joël42 hat wirklich abgegeben. Und nun wurde eine Expertenkommission eingesetzt zur Neubestellung, wie dies vorgeschrieben ist. Und dieser Expertenkommission gehört der fatale Freidenkerapostel Haenssler43 und der noch fatalere Atheist und Radikale Ständerat Thalmann44 an, beide wahrlich nicht die Männer, die — ja, |29 die unseren Heiner auf den Thron werden erheben wollen, der ihm wahrhaftig gebührt. Ich sah es als absolut sicher an, daß Heiner nachrücken werde, und zweifle auch jetzt noch nicht ernstlich daran, aber wieder wird es ein Akt der Providenz sein, der hier nötig wird, wenn alles zum Guten kommen soll. Heiner ist in begreiflicher Spannung, wenn er auch ganz ruhig davon redet, daß es alle Wege gehen könne.45 — Das Missionsfest ist unter größten Umtrieben gefeiert worden und hat mir ein Gespräch mit — Pfarrer Jäckh46 gebracht, den ich glaub seit jener Andacht im Jahre 1915 in Boll47 nicht mehr gesehen habe.

Schluß! Und nun sehen wir uns also in Bälde. Wie gut wird das werden. Lieber Karl, ich kann dir dann auch erst richtig danken für die solenne Überreichung der drei Schweinslederbände von Turrettini, die du mir ganz und gar wegen nichts zu Mitten des Sommers hast übersenden lassen.48 Was für ein köstliches Geschenk! Verzeih mit all meinem |30 Schweigen überhaupt, daß auch diese Gabe so wortlos von mir entgegengenommen wurde.

Es ist ein Leichtsinn ohnegleichen, daß ich dir heute abend so ausführlich schreibe. Denn ich habe noch lange Wege vor mir, bis ich am Sonntag glücklich im D-Zug nach Bonn sitzen werde. Der Vortrag ist noch nicht da, und eine Predigt wartet auch noch auf mich. Du siehst aber, wie gestaut das Schreibwasser bei mir war, so daß es nun doch noch einfach hervorbrechen mußte. Also auf Wiedersehen am Sonntag abend. Unterdessen hast du in Frankfurt und in Heidelberg, also beinahe in Basel, vor sicher überfüllten Sälen ausgezeichnete Dinge gesagt.49 Ganz zu schweigen von deinem Englandzuge, von dem wir auch noch nichts näheres gehört haben, der aber auch unter großem Tücherschwenken vor sich gegangen sein muß.50 Hast du nicht doch irgendeinen Helgen51, auf dem du in einem Mäntelein und mit einem dreieckigen Hute zu sehen bist? Karl Sartorius52 wartet sehnsüchtig auf solch eine Gabe für die Nachrichten53, und ich kann sein Verlangen nur kräftig unterstützen. Mach uns den Spaß und zeig dich den Baslern einmal so!

Herzlich
Dein
Eduard

Sachfußnoten

1
N. Barths Brief an Thurneysen und Thurneysens Antwort sind nicht erhalten.↩
2
Im August 1928 war Barths Mutter von Basel, wo sie ihrem bis dahin ledigen Sohn Heinrich den Haushalt geführt hatte, nach Wabern bei Bern umgezogen.↩
3
Siehe oben S. 11, Anm. 9 und 10.↩
4
E. Brunner, Der Erfüller (Predigt [über Lk. 4,16–30], gehalten in Basel am 25. Mai 1930), in: ZZ, Jg. 8 (1930), S. 273–280. 📖 In einem Brief vom 29.5.1930 dankte Thurneysen Brunner für seine Predigt und schilderte ihm Reaktionen aus der Gemeinde darauf (Original im Nachlaß E. Brunner, Staatsarchiv Zürich, Kopie im Karl Barth-Archiv).↩
5
E. Brunner, a.a.O., S. 277 📖: «Ja, ist denn Jesus nicht der Sohn Josephs? Die Bibel gibt uns darauf offen Antwort: Ja, er ist es. Der Apostel selbst spricht es aus: ‹Geboren aus dem Samen Davids, nach dem Fleisch. [›] Jesus ist ein Mensch, ein gewöhnlicher, sterblicher Mensch wie wir. Jesus ist Mensch, der hungert, dürstet, zittert, zagt, kein Allmächtiger, sondern Josephs Sohn, ein Mensch. … Aber wenn er nur das war, nur ein Mensch, so hat er uns nichts zu sagen, nichts Entscheidendes, nichts Grundlegendes, denn er weiß so wenig als wir selbst.» Gegen Brunners Auffassung von der Jungfrauengeburt, wie er sie in seinem Buch Der Mittler (Tübingen 1927, S. 290f.) 📖 geäußert hatte, hatte Barth sich bereits 1927 gewandt; vgl. Chr. Dogm., S. 367f. 📖 ↩
6
Brunners Brief an Thurneysen vom 16.6.1930 (Nachlaß Thurneysen 📖) lag ursprünglich «eine kleine Korrespondenz mit Karl Barth» (neben Barths Brief an Brunner vom 2.6.1930 wohl auch Brunners Antwort vom 12.6.1930, s. oben Anm. 3) bei. Aus ihr könne Thurneysen ersehen, «wie er [scil. Barth] mit mir und meiner Arbeit umspringt, wie auch er sofort, wo etwas mit seinen Kategorien nicht übereinstimmt, die Position des anderen in eine Ketzerei zu verwandlen [sic] bereit ist». Nachdem Brunner Thurneysen dargelegt hatte, inwiefern Barth ihn mißverstehe, betonte er seine gleichzeitig bestehende Loyalität zu diesem und bat Thurneysen, seinen Freund für die eigenen (und Gogartens) Äußerungen «höriger zu machen! Du bist der einzige, der das könnte.»↩
7
Das Jahresfest der Basler Mission beginnt jeweils Ende Juni; 1930 fand es in der Zeit vom 30.6. bis 4.7 statt.↩
8
A. Köberle sprach am 2.7.1930 auf Einladung der Christlichen Studentenvereinigung im Bischofshof (dem Gemeindehaus am Basler Münster; s. unten S. 313, Anm. 9) über «Die Neubesinnung des Missionsgedankens in der Theologie der Gegenwart»; vgl. Vo., Die Neubesinnung des Missionsgedankens, in: BN, Jg. 86 (1930), Nr. 178 vom 3.7.1930, 1. Beilage. 📖 Die Zusammenfassung des Vortrags in diesem Artikel und der Vortragstitel lassen vermuten, daß — neben den von Köberle selbst genannten Vorträgen vor Studenten in Leipzig, Nürnberg, Münster und Bethel — auch dieser Basler Vortrag mit einfloß in die veröffentlichte Fassung Die Neubesinnung auf den Missionsgedanken in der Theologie der Gegenwart, in: Neue Allgemeine Missionszeitschrift, [o.Jg.] (1930), S. 321–331.353–368 📖 (unter demselben Titel separat erschienen in der Reihe Leipziger Missionsstudien [Neue Folge, Heft 4], Leipzig 1931 📖). Zu Brunner vgl. dort S. 329.356.358.361–364 (bzw. S. 12f.19.21.24–27) sowie das Literaturverzeichnis S. 321f., Anm. 1 (bzw. S. 31f.), in dem kein Werk K. Barths, aber drei (bzw. vier) Titel von E. Brunner aufgeführt sind, ein fünftes wird im laufenden Text erwähnt (S. 363 bzw. S. 26). — Eine Kladde «Vorträge u. Diskussionen» im Nachlaß Thurneysen 📖 enthält unter dem Stichwort «Koeberle: 2. Juli 30» stenographische Notizen (2 S.) (Format 12 x 21 cm; Signatur: Ca 2, 1)↩
9
Ernst Staehelin (1889–1980), seit 1916 Privatdozent, 1924 a.o., 1927 o. Professor für neuere Kirchengeschichte (einschließlich der Geschichte der protestantischen Theologie) und Dogmengeschichte in Basel; vgl. Bw.Th. I, S. 44, Anm. 1 📖, sowie Bw.Th. I und II 📖 (Namenregister).↩
10
K. Barth, Der heilige Geist und das christliche Leben (1929), in: V.u.kl.A. 1925-1930, S. 458–520liegt online noch nicht vor. 📖 ↩
11
Im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts entstand eine Gruppe gemäßigter Theologen, die eine mittlere — vermittelnde — Linie zwischen den entgegengesetzten Richtungen der Positiven (Orthodoxen) und der Liberalen (Reformer) einnahmen, darunter Martin Leberecht de Wette und Alexander Schweizer. Gesamtschweizerische Organisation der Vermittlungstheologen, die ebenso wie die der beiden anderen Richtungen 1871 entstand, war die Schweizerisch-kirchliche Gesellschaft um Karl Rudolf Hagenbach, deren einzige Sektion ihren Sitz in Basel hatte. Zu dieser Gruppe gehörten im 20. Jahrhundert u. a. der Hausvater des Basler Studentenheims Alumneum, Jakob Wirz, 1915–1928 Redaktor des Kirchenblattes für die reformierte Schweiz, des ursprünglichen Organs der Vermittler, und Pfarrer Max Rüetschi, dessen Mitherausgeber. Vgl. R. Pfister, Kirchengeschichte der Schweiz, Bd. III: Von 1720 bis 1950, Zürich 1985, S. 260–268 📖; W. Hadorn, Kirchengeschichte der reformierten Schweiz, Zürich 1907, S. 281–284 📖; Chr. Nöthiger-Strahm, Der deutschschweizerische Protestantismus und der Landesstreik von 1918. Die Auseinandersetzung der Kirche mit der sozialen Frage zu Beginn unseres Jahrhunderts, Bern 1981, S. 94–98. 📖 ↩
12
Tillich hielt am 23.6.1930 auf Einladung der Studentenschaft Basel und der Kantgesellschaft im Bischofshof einen Vortrag über das Thema «Religiöser Sozialismus» (Anzeige in: BN, Jg. 86 [1930], Nr. 168 vom 23.6.1930, 2. Beilage 📖;-t.-k., Religiöser Sozialismus. Vortrag von Prof. Paul Tillich, in: BN, Nr. 175 vom 30.6.1930, 1. Beilage 📖). In Thurneysens Kladde (s. oben Anm. 8) sind stenographische Notizen (11 S.) unter dem Stichwort «P. Tillich / 23. Juni 1930» erhalten (Eintragung im unvollständigen Index auf der Innenseite des Einbandes: «Tillich: Relig. Sozialismus»). Der im Bericht der Basler Nachrichten wiedergegebene Aufbau (1. Begriffsklärung, 2. anthropologische Grundlage, 3. soziologische Grundlage des Religiösen Sozialismus) und Inhalt des Vortrags läßt jedoch eine z. T. starke Ähnlichkeit mit einem ersten Teil eines 1931 erschienenen Lexikonartikels von Tillich über das Thema erkennen (1. Begriff, 3. «Die rel. = anthropologische Stellung», 4. «Die rel. = soziologische Stellung»); vgl. P. Tillich, Art. «Sozialismus: II. Religöser Sozialismus», in: RGG2 V, Sp. 637–647 📖 (und in: P. Tillich, Christentum und soziale Gestaltung. Frühe Schriften zum Religiösen Sozialismus, in: Gesammelte Werke, Bd. II, hrsg. von R. Albrecht, Stuttgart 1962, S. 159–174) 📖, s. dort Sp. 637f. 640-644 (bzw. S. 159f. 163-168). Zu den (vielleicht in der Diskussion gefallenen) Äußerungen Tillichs, die Thurneysen wiedergibt, vgl. z. B. P. Tillich, Das Religiöse als kritisches Prinzip: Die protestantische Verkündigung und der Mensch der Gegenwart, in: ders., Religiöse Verwirklichung, Berlin 1930, S. 25–42, bes. S. 29–31.36.40 📖. ↩
13
Die «letzte» Christliche Studentenkonferenz in Aarau vor 1930 hatte 1928 stattgefunden. Tillich sprach dort am 13.3. über das Thema «Die Rechtfertigung als gegenwärtige Verkündigung der Kirche (Die Wahrheit des Evangeliums im Weltanschauungskampf der Gegenwart)»; Thurneysen — der am Abend des ersten Konferenztages (12.3.) die Predigt in der Aarauer Stadtkirche hielt — beteiligte sich an der Aussprache nach Tillichs Vortrag mit einem kritischen Votum zu Tillichs positiver Deutung der Krisis der Weltanschauungen. Vgl. die Ankündigung des Konferenzprogramms in: KBRS, Jg. 43 [1928], S. 36 📖, und den Tagungsbericht von H. W. Frei, 31. Christliche Studentenkonferenz in Aarau. 12.–14. März, in: KBRS, Jg. 43, S. 47f. 51 📖 (zu Tillichs Vortrag und der Aussprache dort S. 48).↩
14
P. Tillich schrieb später selber über seine Zeit in Marburg: «Zur gleichen Zeit war Heidegger Professor der Philosophie in Marburg und beeinflußte eine Reihe der besten Studenten. In ihm begegnete ich dem Existentialismus in der Ausprägung des 20. Jahrhunderts. Erst nach Jahren wurde mir der Einfluß dieser Begegnung auf mein eigenes Denken voll bewußt. Ich widerstrebte, ich versuchte zu bejahen, ich übernahm die neue Denkmethode, weniger ihre Ergebnisse» (P. Tillich, Autobiographische Betrachtungen, in: Begegnungen. Paul Tillich über sich selbst und andere [Gesammelte Werke, Bd.XII], Stuttgart 1971, S. 58–77; Zitat dort S. 69 📖). — Martin Heidegger (1889–1976), 1923–1928 Professor für Philosophie in Marburg, 1928–1945 und 1951–1952 in Freiburg im Breisgau.↩
15
Seit 1929 (bis 1933) war P. Tillich — statt des ursprünglich berufenen, aber 1928 plötzlich verstorbenen Max Scheler — o. Professor für Philosophie und Soziologie an der Universität Frankfurt am Main, die keine theologische Fakultät besaß.↩
16
Albert Jan Rasker (1906–1990) — später 1954–1974 Professor für Niederländische Kirchengeschichte, Christliche Ethik und Apostolat in Leiden — unterbrach sein Studium in Groningen (1924–1931) (briefliche Auskunft von Prof. Dr. J.J. Rasker vom 14.4.1993) im Sommer 1930 für ein Auslandssemester in Zürich, wo er u. a. die Veranstaltungen E. Brunners belegte, und zwar die vierstündige Vorlesung: Vernunft und Offenbarung (Christliche Theologie, I. Teil), das Systematische Seminar: Tillichs Philosophie des Christentums und das Homiletische Seminar: Predigtübungen (briefliche Auskunft von Dr. G.A. Nogler, Archiv der Universität Zürich, vom 10.2.1998). Rasker war Barth vermutlich seit dessen erster Reise nach Holland bekannt, die ihn zusammen mit seiner Frau und 16 Studenten vom 28. Mai bis 3. Juni 1926 nach Groningen und Amsterdam führte (zur Reise vgl. Bw.Th. II, S. 413–421 📖; Busch, S. 183f. 📖).↩
17
Gemeint ist wahrscheinlich Barths Aufenthalt in Emden anläßlich des Vortrags Die Lehre von den Sakramenten (1929), in: V.u.kl.A. 1925-1930, S. 398–441 📖; vgl. Bw.Th. II, S. 660–663 📖. ↩
18
Anhänger von Hermann Friedrich Kohlbrügge (1803–1875).↩
19
Vgl. oben S. 10, Anm. 7.↩
20
E. Thurneysen, Christus und die Kirche, in: ZZ, Jg. 8 (1930), S. 177–203. 📖 Die Antrittsvorlesung hatte am Freitag, den 6. Juni 1930 (11.15 Uhr) im Münstersaal des Bischofshofes stattgefunden. Die venia docendi für Praktische Theologie war Thurneysen bereits am 23.1.1929 zuerkannt worden. Seit dem SS 1929 führte er regelmäßig eine oder zwei Lehrveranstaltungen durch. Seine Ernennung zum a.o. Professor erfolgte erst 1941.↩
21
= hinzuschleudern.↩
22
Karl Gerold Goetz; s. unten Anm. 41.↩
23
Der Brief ist nicht erhalten.↩
24
Georg Merz (1892–1959), 1918–1926 Religionslehrer, 1926–1930 Studentenpfarrer und Pfarrer in München, seit 1920 mit Barth und Thurneysen be- kannt und befreundet, wurde im Oktober 1930 Dozent für Praktische Theologie sowie ab WS 1930/31 für Kirchen- und Konfessionskunde und Kirchengeschichte an der theologischen Hochschule in Bethel bei Bielefeld, von 1936 an bis zu ihrer Auflösung 1939 auch deren Leiter, dann Pfarrer in Bethel und Leiter des Katechetischen Amtes der Bekennenden Kirche Westfalen, 1942 Dekan in Würzburg, ab Februar 1946 Rektor des neugegründeten Pastoralkollegs in Neuendettelsau, 1947–1957 Rektor und später Professor an der daraus hervorgegangenen Augustana-Hochschule. Vgl. Bw.Th. I und II (Namenregister); G. Merz, Wege und Wandlungen. Erinnerungen aus der Zeit von 1892-1922, nach seinem Tod bearbeitet von J. Merz, München 1961 📖; Lichtenfeld.↩
25
Leicht umgestelltes und gekürztes Zitat aus einem Brief von G. Merz an E. Thurneysen vom 1.7.1930 (Nachlaß Thurneysen 📖).↩
26
Vgl. Bohren, S. 145–147 📖.↩
27
Mundartlich für das St. Alban-Quartier, eine vornehme Basler Wohngegend; vgl. Bw.Th. II, S. 622.627. 📖 ↩
28
Durch die Aktivitäten von mit der Sowjetunion in Verbindung stehenden bewaffneten Kommunisten war es in verschiedenen Provinzen Chinas zu Aufstandsbewegungen gegen die Nationalregierung in Nanking gekommen, in deren Zusammenhang auch der Schweizer Missionar Ernst Walter verschleppt wurde; vgl. unten S. 110, Anm. 34.↩
29
Dr. phil. Jakobus Weidenmann (1886–1964), gelernter Schriftsetzer, nach Erwerb des Lehrerpatents in Küsnacht Seminarlehrer in Solothurn, nach Theologiestudium und Promotion in Zürich 1918–1928 Pfarrer in Kesswil-Uttwil (Kanton Thurgau), 1928–1953 in St. Gallen.↩
30
Christian Geyer (1862–1929), nach verschiedenen Pfarrämtern in Bayern seit 1902 Hauptprediger an der Sebalduskirche in Nürnberg. 1910 gründete er das Monatsblatt «Christentum und Gegenwart» (bis 1923) gemeinsam mit Fr. Rittelmeyer (dem späteren Leiter der Christengemeinschaft), von dessen anthroposophischer Tendenz er sich zunehmend abwandte; vgl. Chr. Geyer, Heiteres und Ernstes aus meinem Leben, München 1929 📖. Der Ausspruch über Weidenmann ließ sich nicht nachweisen.↩
31
= monatliches Gehalt.↩
32
Der Abdruck des Briefes konnte nicht nachgewiesen werden.↩
33
Zu diesem Begriff vgl. K. Barth, «Unterricht in der christlichen Religion», Bd. II: Die Lehre von Gott / Die Lehre vom Menschen (1924/25), hrsg. von H. Stoevesandt (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 1990, S. 306f. 📖 ↩
34
Die seit der Übernahme der Zeitung durch Sozialistische Partei und Gewerkschaften 1887 unter dem Titel «Vorwärts» geführte älteste sozialistische Tageszeitung der Schweiz war seit der Spaltung der Linken 1921 bis zum Verbot der Kommunistischen Partei 1939 als «Basler Vorwärts» (ab 1935 nur «Vorwärts») laut Untertitel «Zentralorgan der Kommunistischen Partei der Schweiz (Sektion der Kommunistischen Internationalen)». Der Brief erschien dort bis 7.10.1931 nicht.↩
35
Dr. Fritz Wieser (1890–1953), Bruder des Pfarrers Gottlob Wieser, 1919/1930 Großrat (Mitglied des Basler Kantonsparlaments), zunächst für die Sozialistische Partei, seit 1921 für die von einer Minderheit der Sozialisten neugegründete Kommunistische Partei der Schweiz (KPS), aus der er 1931 austrat, seit 1917 Redaktor, 1920–1930 Hauptredaktor des Parteiorgans «Basler Vorwärts» (vgl. Bw.Th. I 📖und II 📖 [Namenregister]). — Wieser, Mitbegründer und Präsident der Basler Kommunisten, war wegen eines die Linie der KP Deutschlands kritisierenden Briefes an das Präsidium der Kommunistischen Internationale 1929 als Parteipräsident abgesetzt und aus dem Sekretariat entfernt worden. Der 5. Parteitag der KPS am 5.-9.6.1930, auf dem u. a. auch Wieser öffentlich Selbstkritik geübt hatte, schwenkte ganz auf die von der Kommunistischen Internationale aus betriebene Politik der «Säuberung» der Partei ein, begrüßte es, «dass durch die Komintern alle schwankenden und versöhnlerischen Elemente, alle jene, die an der Kraft des Prolerariats und an derjenigen der Komintern zweifeln, aus der Führung der Internationale ausgeschieden wurden», und nahm weitere Umbesetzungen in der Basler Parteiführung vor, durch die Wieser aus sämtlichen Leitungsgremien der Partei ausgeschlossen wurde. Der Redaktion des «Vorwärts», in dessen Kopf Wieser seit dem 12.6.1930 nicht mehr als hauptverantwortlicher Redakteur erschien, wurde der Basler Betriebsarbeiter Theo Dunkel, neuer politischer Leiter der KPS, zugeordnet. Vgl. W. Gerster, Die Basler Arbeiterbewegung zur Zeit der Totalkonfrontation zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten (1927–1932) (Von der Einheitspolitik zur Sozialfaschismustheorie), Dissertation Basel, Basel 1980, S. 181–185.188–191.312 📖; Zitat dort S. 183. Ein Brief Wiesers über seine Lage befindet sich im Nachlaß Thurneysen 📖 (Brief an Thurneysen vom 16.8.1930).↩
36
Eine Abwandlung von Barths Diktum aus dem zweiten Teil seines Berichtes über die Aargauer Synode 1913 in den Basler Nachrichten 📖: «O Aargau! O Staatsreligion! Daß Gott erbarm!», in: V.u.klA. 1909-1914, S. 722 📖.↩
37
Carl Albrecht Bernoulli (1868–1937), 1895–1899 (Verzicht auf die Venia legendi) und 1922–1926 Privatdozent für Kirchengeschichte, 1926–1937 a.o. Professor für historische Theologie, zugleich bis 1936 Dozent der «Freien akademischen Stiftung» für Religionsgeschichte in Basel, war zugleich Romanschriftsteller, Dramatiker und Essayist. Er trat wissenschaftlich durch Schriften zu Franz Overbeck und Friedrich Nietzsche und die Herausgabe von Werken Overbecks hervor. — Zur persönlichen Bekanntschaft Barths und Thurneysens mit ihm vgl. Bw.Th. I, S. 365.379f. 📖 ↩
38
W. Nigg, Franz Overbeck. Versuch einer Würdigung, München 1931 📖; vgl. unten S. 63, Anm. 2. — Walter Nigg (1903–1988), 1929–1939 Pfarrer in Stein (Kanton Aargau), war 1919 noch als Schüler über E. Thurneysen mit K. Barth in Kontakt getreten, hatte den «Römerbrief» intensiv gelesen (K. Barth, Der Römerbrief (Erste Fassung) (1919), hrsg. von H. Schmidt [Gesamtausgabe, Abt. II], Zürich 1985). 📖 Seine Wahl des Theologiestudiums (in Göttingen, Leipzig, Zürich) hatte er mit beiden besprochen.↩
39
Albert Friedrich («Fritz») Lieb (1892–1970), 1924–1930 Privatdozent für Systematische Theologie in Basel, 1930–1931 Privatdozent für östliches Christentum in Bonn, 1931 bis zum Entzug seiner Lehrbefugnis durch die Nationalsozialisten 1933 a.o. Professor für östliches Christentum in Vergangenheit und Gegenwart in Bonn, 1937–1962 Professor für Dogmatik und Theologiegeschichte unter besonderer Berücksichtigung der östlichen Kirchen in Basel; vgl. Bw.Th. I 📖 und II 📖 (Namenregister).↩
40
Johannes Wendland (1871–1947), 1905–1937 Professor für Systematische Theologie, 1937–1941 Lehrauftrag für Hilfswissenschaften der Dogmatik. Barth rückte 1937 auf seinen Lehrstuhl nach.↩
41
Karl Gerold Goetz (1865–1944), 1915–1917 a.o., dann bis 1935 o. Professor für neutestamentliche Theologie in Basel; SS 1930 bis SS 1930/31 Dekan der Theologischen Fakultät.↩
42
Karl Joël (1864–1934), 1893–1897 Privatdozent, 1897–1902 a.o., seit 1902 o. Professor für Philosophie in Basel. Wegen der langwierigen Berufungsverhandlungen um seine Nachfolge wurde sein ursprünglich auf den 1.10.1930 geplanter Rücktritt vom Lehramt auf Ende März 1931 verschoben; darüber hinaus mußte er sich für das SS 1931 zur Verfügung stellen.↩
43
Ernst Hermann Haenssler (1889–1968), 1917–1952 Lehrer an der Mädchensekundarschule in Basel, nach seiner Promotion zum Dr. phil. 1930 zugleich auch an drei Basler Gymnasien, bis August 1930 Redaktor der Zeitschrift «Der Freidenker. Organ der Freigeistigen Vereinigung der Schweiz». Haenssler war schon mit seiner Schrift Die Krisis der theologischen Fakultät, Zürich u. a. 1929 📖 (später wieder mit Die Basler Universität am Scheidewege, Basel o. J. [nach November 1935] 📖) für das Ausscheiden der theologischen Fakultät aus der Basler Universität eingetreten. Dieses Ziel betrieb er auch politisch durch eine Eingabe an die Großratskommission für das Universitätsgesetz (abgedruckt in: E. H. Haenssler, Die Basler Universität am Scheidewege, S. 13–27) und ein Referat vor ihr am 21.11.1935 (a.a.O., S. 27–39). 1930 trat er aus einer Freidenker-Organisation aus (a.a.O, S. 13). Haenssler war Mitglied der Expertenkommission, deren Einsetzung und Besetzung die Kuratel am 23.6.1930 beschlossen harte (Brief der Kuratel an die Mitglieder der Kommission vom 26.6.1930; Dossier Universitätsarchiv XI 3,3 [s. unten Anm. 45]).↩
44
Ernst Thalmann (1881–1938), Advokat und Notar, Mitglied der radikaldemokratischen («freisinnigen») Partei, 1911–1937 Mitglied des Basler Großen Rates (des Kantonsparlaments) und zugleich 1928–1935 Ständerat, d. h. Mitglied der ebenfalls Ständerat genannten parlamentarischen Vertretung der Kantone in Bern. In seiner Eigenschaft als Präsident der Kuratel (1929–1938) (vgl. unten S. 60, Anm. 18) harte er u. a. maßgeblichen Einfluß auf die Neubesetzung von Lehrstühlen; im Fall Joël war er zudem Präsident der Expertenkommission (s. oben Anm. 43). Vgl. Zur Erinnerung an Herrn Dr. Ernst Thalmann 1881-1938.Ansprachen gehalten an der Bestattungsfeier Basel, den 26. September 1938, Basel o. J. (Privatdruck; 44 S. mit Photo) 📖.↩
45
Briefdokumente, die die folgenden langwierigen und verwickelten Berufungsverhandlungen belegen, befinden sich im Staatsarchiv Basel-Stadt (Dossier «Joel, Karl und Nachfolge Joel 1929–1970», Universitätsarchiv XI 3,3; Dossier «Phil I, Prof. Dr. Heinrich Barth, Philosophie», ED REG 1a2). Zum weiteren Verlauf vgl. unten S. 46, Anm. 16; S. 53, Anm. 20; S. 59f., Anm. 16-18; S. 71, Anm. 28; S. 152f.↩
46
Eugen Jäckh (1877–1954), nach auf eigenes Ansuchen erfolgter Entlassung aus seiner ersten Pfarrstelle in Weidenstetten (Dekanat Ulm) (1908–1911) bis 1920 in Bad Boll Gehilfe und Stellvertreter Chr. Blumhardts, daneben im Härlinschen Institut in Eckwälden Lehrer für Bibelkunde, Kirchengeschichte, Kunstgeschichte und Bürgerkunde, seit November 1920 zunächst Stadtpfarrverweser, 1921–1926 Pfarrer in Oehringen, 1926–1938 in Göppingen, Biograph der beiden Blumhardt (siehe Anm. 47).↩
47
Auf der Rückreise von Marburg, wo K. Barths Bruder Peter und Marie Helene Rade am 9.4.1915 geheiratet hatten, hielten sich Barth und Thurneysen vom 10 bis 15. April in Bad Boll auf und trafen mit Christoph Blumhardt (d.J.) zusammen (vgl. Busch, S. 96f. 📖). Es kam aber auch noch später, am 12./13.2.1920, zu einem Zusammentreffen der beiden mit E. Jäckh (und der Witwe des 1919 verstorbenen Chr. Blumhardt) (vgl. Bw.Th. I, S. 366, Anm. 1 📖). Zu Bad Boll vgl. E. Jäckh, Blumhardt Vater und Sohn und ihre Botschaft, Berlin o. J. [1925], S. 62–79.180 📖; Fr. Zündel, Pfarrer Joh. Christoph Blumhardt. Ein Lebensbild, Zürich 1880, S. 383–460. 📖 ↩
48
Fr. Turrettini, Institutio Theologiae Elencticae, Pars prior, Genevae 1679 📖; Pars secunda, ibid. 1682 📖; Pars tertia, ibid 1685 📖. Laut Eintragungen auf dem Vorsatzblatt hatte Barth dieses Werk von seinem Kollegen Wilhelm Goeters, Kirchenhistoriker in Bonn, zum Geschenk erhalten. Da er es schon besaß, schenkte er es an Thurneysen weiter. Das Exemplar befindet sich heute im Besitz von Oberkirchenrat Dr. Kl. Bümlein, Speyer.↩
49
Barths Vortrag «Die Theologie und der heutige Mensch», s. oben S. 13 bei und mit Anm. 20.↩
50
Vgl. oben S. 9f. bei und mit Anm. 1, 5 und 6.↩
51
= Bild.↩
52
Karl Sartorius (1890–1965), Vetter K. Barths, zunächst Redaktionssekretär, ab 1923 Direktor und Herausgeber der Basler Nachrichten (Leitung gemeinsam mit A. Oeri), ab 1935 (bis 1958) Delegierter des Verwaltungsrates der Buchdruckerei zum Basler Berichthaus A.G., zugleich verschiedene Amter im nationalen Pressewesen, u. a. 1927–1965 Mitglied des Verwaltungsrats der Schweizerischen Depeschenagentur (seit 1944 als Vizepräsident); vgl. P. Dürrenmatt, Dr. iur. Karl Sartorius-Zellweger (1890–1965), in: Basler Stadtbuch 1966. Jahrbuch für Kultur und Geschichte, hrsg. von Fr. Grieder, V. Lötscher und H. Portmann, Basel 1965, S. 78–81. 📖 ↩
53
In jeder Ausgabe der Basler Nachrichten wurden auf einer vollen Seite Photographien abgedruckt, die, erläutert durch kurze Bildlegenden, in bunter Mischung Personen und Motive aus den Bereichen Politik, Wissenschaft, Gesellschaft, Kunst, Sport u. a. m. zeigten. Bis Ende August 1930 erschien in den Basler Nachrichten kein Bild von K. Barth als Ehrendoktor.↩