23. Dezember 1932

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Endlich schlägt die schon längst erwünschte Stunde des von allen Sorgen befreiten Raumes zu einem gründlichen Briefe an dich: seit gestern sind die lieben Ferien da, und nachdem ich heute morgen zunächst einmal tüchtig ein Pferd auf dem Venusberg und den Rhein ent|319lang getummelt habe bzw. von ihm getummelt worden bin — es wollte mich zweimal abwerfen, ich bin aber, wie du zu sagen pflegst, der Kirche erhalten geblieben —, soll dies nun meine zweite Feierfreude sein. Wie schön: gar, gar nichts vorzubereiten und alle, alle die so lieben und doch auch so gefräßigen Studenten auf der Abreise oder auf dem Sprung zur Abreise zu ihren fernen Vätern und Müttern, die sie nun auch wieder eine Weile weiden sollen. Diese zwei Monate waren schon eine ziemlich strenge Tour, weil der Wagen diesmal besonders stark beladen ist. Weißt du, die Vorlesung über die Vorgeschichte der neueren protestantischen Theologie war eben, jedenfalls in dem bis jetzt behandelten Teil, ganz neu aus dem Boden zu stampfen. Es waren drei §§ über den Menschen des 18. Jahrhunderts im Allgemeinen bzw. in seiner Weltlichkeit, über seine Christlichkeit und schließlich über seine Theologie.1 Ich mußte mit größter Geschwindigkeit aus allen möglichen Welt-, Kultur-, Literatur-, Kunst-, Kirchen- und Theologiegeschichten und doch auch wenigstens herumschnüffelnd in allerhand primären Quellen meinen Stoff zusammensuchen und habe dabei selbst nicht nur viel mir Neues erfahren bzw. besser verstanden, sondern doch auch verschiedene Durchblicke gewonnen, die sich für die Zukunft gewiß als nützlich erweisen werden. Sehr enge Gefechtsfühlung habe ich dabei wieder einmal mit unserem alten Freund oder Feind Wernle gehabt. Sein großes Werk über das 18. Jahrhundert2 ist ja wirklich wegen mancherlei Stoffdarreichung sehr dankenswert, aber man könnte schon fast heulen beim Gedanken, wieviel fabelhaftes Material er unter den Händen gehabt hat und mit welcher theologischen Uneinsicht er es verarbeitet hat. Schau dir z. B. einmal die Disposition des 1. Bandes an: Pietismus und vernünftige Orthodoxie als «Ausgänge» des — altreformier|320ten Christentums. Das ist ein Unsinn, der sich aus den von W. selbst gebotenen Texten, ja aus seinen eigenen Darlegungen als Unsinn beweisen läßt. Nachher erscheint dann die «Aufklärung» (im 2. Band) wie aus der Pistole geschossen, während in Wirklichkeit doch das alles ein großes in sich bewegtes Ganzes — eben den Anbruch unseres lieben Neuprotestantismus bedeutet. Aber da haben auch Troeltsch, Stephan, Hoffmann u. Cons[orten] wie einen Fleck im Auge, während noch F. C. Baur und teilweise auch A. Ritschl das Richtige sehr wohl gesehen haben.3 Bei dem, was über den Basler Samuel Werenfels mitzuteilen war, habe ich übrigens eine kleine Analyse des Basler Theologen im Allgemeinen geboten4, die du, wie vielleicht auch einiges Andere, sicher verständnisinnig entgegennehmen wirst. Was mir sehr wichtig ist, war z. B. die Einsicht, daß die berühmte Dogmenkritik des 18. Jahrhunderts nachweislich nicht, wie man uns seinerzeit belehrt hat, auf einen Durchbruch der Wahrhaftigkeit angesichts des veränderten Weltbildes etc., sondern sehr schlicht auf das sentimentale Selbstbewußtsein, auf eine bestimmte moralische, nicht auf eine bes. intellektuelle Einstellung der Zeit zurückzuführen ist.5 Das läßt sich sehr schön zeigen an den sog. Neologen (die von K. Aner, einem Geistesgenossen von Wernle, 1929 in einem großen Buch gefeiert worden sind6), die sich ganz einfach an dem Dogma von der — Erbsünde geärgert haben, mit dem dann Alles (der zweite Anstand pflegte immer an der Ewigkeit der Höllenstrafen zu entstehen!) ins Rutschen kam, bis nur noch Gott, Freiheit und |321 Unsterblichkeit übrig blieben.7 Ich habe, seit mir das so deutlich ist, noch etwas weniger Respekt vor dem ganzen kritischen Rummel. Gerade die Leute im 18. Jahrhundert, die philosophisch wirklich durch waren, die Wolffianer, haben eben, wenn auch auf einer bedenklichen und unhaltbaren Basis, kaltblütig orthodoxe Theologie getrieben8, und noch der berühmteste und auch wirklich bedeutendste unter den Neologen selber: Semler (für den man sich aber ja nicht an Aner halten darf, bei dem er sehr voreilig Note 3-4 bekommt) hat durch ein merkwürdiges Doppelspiel von (privater) Moralreligion und (öffentlicher) Kirchenreligion ganz ähnlich wie später Overbeck bzw. C. A. Bernoulli9 verraten, wie ungemütlich es ihm als Historiker bei jener Sache war.10 Du siehst, welches ungefähr die Jagdgründe sind, in denen ich mich herumtreibe. Gelt, ich darf doch wohl manchmal auch die kleine historische Lust ein wenig ausrasen, die ich auch in mir verspüre? Aber wie dem auch sei, ich werde nun nach den Ferien zunächst zu einer kleinen |322 Darstellung von J. J. Rosseau11 übergehen, der mir für die Vorbereitung der Luft, in der dann die eigentlich moderne Theologie der Schleiermacher und Genossen entstanden ist, von erheblicher Bedeutung zu sein scheint (darauf hat mich auch die an sich schlechte Darstellung von Wernle aufmerksam gemacht!), und dann mit Lessing auf meinen alten Weg einmünden12. Goethe, mit dem ich eigentlich gipfeln und schließen wollte, werde ich vielleicht im Sommersemester an den Anfang nehmen müssen.13

Über meine homiletischen Übungen hat dir wohl Lollo einen Vorbericht gegeben, und Ausführlicheres wird folgen. Die Notizen, die ich mir aus deinem Hefte machen durfte14, waren und sind mir überaus wertvoll. Ich habe dann aber die Sache, schon um kein Plagiat zu begehen, ein wenig anders aufgezogen: zunächst eine Einführung in die ganze Problematik an Hand einiger Beispiele aus der älteren Homiletik. (Das hat schon seinen gewissen Wert. Ich möchte dich z. B. auf Nitzsch aufmerksam machen, bei dem man immerhin sehen kann, wie auch das 19. Jahrhundert mit der uns beschäftigenden Frage gerungen hat und nicht einfach auf den Nenner Schleiermacher-Ritschl zu bringen ist.) Daran anschließend dann eine Untersuchung des Begriffs der Predigt, den ich von allen 110 Teilnehmern schriftlich formulieren ließ, um dann erst und nach Diskussion der Ergebnisse meinen eigenen Begriff (noch etwas anders als in der neuen Dogmatik 📖 S. 56) vorzulegen, dessen neun Bestandteile nun die Basis für eine homiletische Axiomatik bilden, der dann zum Schluß noch die Anweisungen: Wie macht man ei|323ne Predigt? folgen sollen.15 Auch dieses dein Fach interessiert mich wirklich brennend, und kraft des uns nach dem scharfen Urteil meiner Mutter eigenen Selbstbewußtseins finde ich auch dieses Fach höchst reformbedürftig. Weil ich die Themapredigt, die in den hiesigen Predigerseminaren und Examensbehörden als die allein mögliche gilt, als völlig unmöglich ablehne und die Notwendigkeit der Homilie geradezu als Glaubensartikel behandle16, werde ich wer weiß in allerhand Kämpfe mit jenen Instanzen (um von dem hiesigen Fachvertreter Pfennigsdorf nicht zu reden) verwickelt werden. Auch über das Calvinseminar wirst du dann von Lollo allerlei Nachricht erhalten. Die Institutio 📖 ist für solche Übungen mit Epheben ein geradezu erstklassiger Stoff, bei dessen Behandlung mir nach dem schrecklichen Ritschl vom letzten Semester richtig wohl ist. Ich werde im Sommer damit fortfahren und ebenso mit dem in der Sozietät behandelten großen Katechismus Luthers 📖.17 Ein wahres Glück, daß es solche Texte gibt, bei deren Behandlung, auch wenn man einmal weniger gut vorbereitet sein sollte, ziemlich sicher (vermöge ihres eigenen Schwergewichtes) etwas herauskommt.

Nicht ganz dasselbe kann ich nun freilich von Emils Ethik sagen, die am offenen Abend den Gegenstand unserer Beratungen bildet. Denk, ich halte dies nicht nur für ein richtig langweiliges, sondern auch sachlich für ein schiefgewickeltes Buch. Wir sind erst, aber immerhin schon bis zu S. 272 vorgedrungen. Unsere Bedenken zu Abschnitt 1 hat dir Lollo geschrieben. Ich frage zu Abschnitt 218: Läßt sich Brunner hier wirklich durch die «Biblische Botschaft» sagen, was «Das Gute» ist (in |324 welchem Verhältnis steht dieser Abschnitt zur Rechtfertigungslehre?)? Und ich frage zu dem ganzen so überaus gesprächigen 2. Buch noch deutlicher: Was hat etwa die hier so sicher mahlende Dialektik von Schöpfung und Erlösung mit der Dialektik zu tun, in der diese Begriffe in der Bibel bewegt werden? Könnten diese Begriffe bei Brunner nicht ebenso gut fehlen bzw. könnte seine Dialektik nicht diesselbe sein, wenn er sie schlicht als die zwischen philosophischem Realismus und Idealismus19 bezeichnen würde? Wir sind nun alle gespannt, wie es weitergeht, aber vorläufig bin ich wirklich nicht erbaut durch dieses Werk unseres unentwegten Freundes. Auch die Sache mit dem Anknüpfungspunkt in ZdZ, vor der du ihn ja so dringlich und herzlich gewarnt hast20, hätte er wirklich lieber ungedruckt gelassen. Um nicht zu reden von seinem Oxfordartikel im Kirchenblättli21, der in Auszügen und Mitteilungen durch den ganzen deutschen theologischen Blätterwald gegangen ist und einen Staub aufgewirbelt hat, der weder Brunner selbst noch sonst jemandem gut bekommen wird. Si tacuisses …!22 So etwas sagt man eben nicht, wenn man so bewußt wie er ein «Lehrer der Kirche» sein will. Und nun hat er mir auch noch zu meiner Dogmatik einen Brief geschrieben, in dem er zuerst, wie er das so kann und liebt, einen Ehrensalut abgibt, um dann um so unbelehrter aufs neue auf seine törichte Eristik zurückzukommen und mir Lieblosigkeit — nämlich gegen die eben nach Eristik dürstende Welt, der ich ja vor Zeiten im Römerbrief 📖 das Gewünschte geboten — vorzuwerfen.23 Es wird ungemein schwierig sein, ihm auf diesen Brief — und angesichts dessen, was ich nach seinen letzten großen und kleinen Leistungen überhaupt von ihm denke — mit der Lindigkeit zu antworten24, über die ich letzten Sonntag hier gepredigt25.

Leider hat aber auch mein Mißmut gegen unseren anderen Freund |325 Gogarten, nachdem ich nun mit seiner politischen Ethik einigermaßen bekannt bin und auch seine letzten Aufsätze in ZdZ26 aufmerksam zur Kenntnis genommen (die «Selbstverständlichkeiten»27 habe ich noch nicht gelesen), eher zu- als abgenommen. Ich will nicht insistieren auf dem Unwillen, mit dem mich bei aller Anerkennung der bei Brunner nicht, aber bei ihm sehr oft vorkommenden Geistesblitze, seine Methode, einen immer wieder mit irgend einem unkontrollierbaren Einfall, den er dann mit allerhand zufälligen Lesefrüchten ausschmückt, [zu überraschen,] andauernd erfüllt. Mich bekümmert einfach sachlich, daß ich nicht sehen kann, inwiefern nicht auch hier unter dem Titel «Schöpfung»28 andauernd philosophiert bzw. natürliche Theologie getrieben wird. Ich kenne dieses konservative Pathos, aber es fällt mir nicht ein zuzugeben, daß es eine andere als eine sehr profane Angelegenheit sei, für die er sich mit seinem Nächsten29, Stand30, Sitte31, Polis32 und wie dieses ganze Inventar heißt, so ins Zeug legt. Die protestantische Theologie wäre — ich sage das auf Grund der geschichtlichen Zusammenhänge, wie sie mir jetzt noch deutlicher sind — noch einmal betrogen, wenn sie sich jetzt zur Abwechslung in dieses Fahrwasser steuern ließe. Gewiß ist Gogarten rasanter als Brunner, aber das Unheil, das bei ihm geschieht, ist dasselbe. Daß er wisse und sogar sehr lebhaft wisse, «worum es geht», streite ich ihm sicher sowenig wie Emil ab, wie ich überhaupt immer weniger Lust habe, dies irgend jemand abzustreiten. Es kommt aber in der Theologie nicht nur darauf an, das irgendwie zu |326 wissen, sondern auch, den rechten Gebrauch davon zu machen, und dazu würde doch vor Allem gehören, daß man immer wieder nach irgend einer Seite in irgend eine Systematik hinein abzugehen sich nun einmal verwehrt sein ließe. Dieses Abgehen ist es, was ich an Emil wie an Friedrich nicht verputzen33 kann. Wie mag es mit deiner Rezension des Emilschen Wälzers stehen? Ach, ich hoffe eigentlich bestimmt, daß wir dabei diesmal den Johannes zu sehen bekommen werden, der — des «Kindlein liebet einander»34 ungeachtet — mit Kerinth durchaus nicht in einer Badeanstalt sein wollte.35 Ich hatte ja übrigens auch Gelegenheit, Heiner über dieses Buch zu vernehmen. Er zeigte sich sehr überrascht, daß es «in theologischen Kreisen» so lebhaft abgelehnt werde, scheint aber von seiner Ecke aus zu einem nicht weniger energischen Nein zu kommen.

Doch genug nun des unweihnachtlichen Scheltens über die Brüder. Entnimm daraus nur, daß «Forschung und Lehre», wie sie nach unseren Fakultätsstatuten der Sinn des akademischen Amtes sind36, auch nach der unvermeidlichen kritischen Seite in vollem Gang sind und daß zu der rein technischen Ermüdung leicht auch noch allerhand eigentlicher Verdruß hinzukommen kann. Zum Verdrießlichen in den vergangenen zwei Monaten gehörte und gehört noch ein großer Streit, in den ich — ausgerechnet mit der angeblich so treu zur reinen Lehre stehenden älteren und jüngeren Geistlichkeit von — München geraten bin.37 Es han|327delt sich um einen einen meiner nächsten Schüler (mehrere Semester Seminarsenior!) angehenden Disziplinarfall, in dem an dem Tun des Betreffenden leider nichts zu retten war und der darum juristisch so endigen konnte und wohl mußte, wie er geendigt hat: mit seiner vorläufigen Streichung von der Kandidatenliste (er war im Münchener Predigerseminar). Aber daran schlossen nun — nicht der Münchener Oberkirchenrat, der sich durchaus korrekt verhalten hat, wohl aber — die sämtlichen Langenfaß, Sammetreuther, Ellwein38 etc. samt einer womöglich noch schlimmeren Clique von meist von Heim herkommenden jüngeren Leuten39 eine hochnotpeinliche Untersuchung über die Ethik der dialektischen Theologie an, in der ich, so bestimmt ich meinen Schüler in Bezug auf das delictum selbst fallen lassen mußte, nur umso bestimmter auf seine Seite zu treten mich veranlaßt sah. Ich kann dir die Sache auch in einem so langen Brief unmöglich anschaulich machen, aber weil ich doch möchte, daß du genau weißt, was da gespielt worden ist, werde ich dir demnächst mein ganzes Dossier darüber mit sämtlichen eingegangenen und ausgegangenen Briefen zugehen lassen. Es ist mir tröstlich, daß ich diesmal mit Georg, der auch aufs heftigste hineingezogen war, in Urteil und Haltung sachlich übereinstimmte. Aber es bleibt bei dem betrübenden Resultat, daß wir es dort drunten mit einer theologisch völlig, aber auch völlig unzuverlässigen Gesellschaft zu tun haben, und nicht genug kann ich dir dankbar sein, daß du vor einem Jahr den Plan einer ausgerechnet mit diesen Leuten herauszugebenden Postille zu Fall gebracht hast.40 Außer dieser Sache sind |328 dann noch zwei andere, mehr «seelsorgerlich» zu behandelnde Fälle schwieriger Schüler im Gang, deren einer — ich bin ihm positive Bezugsperson, aber eine andere, negative, macht ihm nur umso mehr zu schaffen — mich neben allem Anderen nun auch noch als Meister der Psychologie zu verehren sich anschickt. Wenn er nur nicht meinen heilsamen Ratschlägen immer wieder entfliehen würde! Der andere beansprucht nicht weniger als unter lautem Appell an 1.Kor. 7,9 mit einem Mädchen traulichen Verkehr zu pflegen, und nun steigt mir deren Vater, ein Oberpostsekretär, in nicht unverständlichem Zorn auf die Bude, und ich habe viel zu tun, nach allen Seiten abzuwinken, zu beschwichtigen, aufzuklären, was da an bösen und mißverständlichen Worten hin und her fliegt. Doch derartige Stücklein kennst du ja besser als ich. Eduard, die Menschheit ist doch wirklich eine verworrene Angelegen|329heit, und ganz besonders die Sexualethik ist vorläufig, d. h. bis du uns das entscheidende Buch darüber geschenkt haben wirst41, eine immer wieder sich verdunkelnde Angelegenheit.

Doch nun habe ich beinahe schon vier Seiten lang nur von mir erzählt und kann mir doch lebhaft genug denken, daß dir Manches von dem, was ich da vor dir ausbreite, neben Dingen wie etwa dem Großkampf der Weihnachtszeit (in dem du, wenn dieser Brief dich erreicht, wohl mitten drin stehst) reichlich unwichtig vorkommen mag42. Der erste von den vorhin erwähnten Patienten hat mich zwar heute mit dem Wort «Procul Academia non est bene vivendum» bekannt gemacht, aber ich habe ihm das energisch durchgetan43. Das Gedränge mit einer wirklichen Gemeinde ist wahrscheinlich doch das bessere Teil gegenüber der Sorge um die Kirche, bei der es immer nur um die «Forschung und Lehre» geht. Ach ja, verlier den Mut nicht in deinem, unserem Basel, dessen Predigthörer ja gewiß auch in der Weihnachtszeit von ferne nichts mit den Hirten auf dem Feld gemeinsam zu haben scheinen. Ich habe damals bei Werenfels so intensiv nach dem Münsterplatz denken müssen, wo Alles auch schon im 18. Jahrhundert ungefähr so ausgesehen hat wie jetzt und wo auch von deiner Kanzel zwar «vernünftige Orthodoxie» verkündigt wurde, aber Erasmus lag schon damals nicht nur in seinem Grab gegenüber dieser Kanzel44, sondern vor Allem mit seinem Modergerüchlein in der Luft aller jener Pfarr- und Professoren|330häuser der «guten alten Zeit». Wird es wohl dort je gelingen, ihn auszutreiben, oder gehört es zur dortigen Form der Gebrechlichkeit der irdischen Gestalt der Kirche Gottes, daß es dort immer ein wenig nach Erasmus riechen wird? Ich kann mir jedenfalls denken, was es für eine Last bedeuten mag, jahraus jahrein gegen diesen Dämon anzugehen.

Denk, es hat mir fast leid getan, daß du mir so streng verboten hast, von dem, was du mir über Heiner schriebst, ihm gegenüber Gebrauch zu machen, denn ich wäre wirklich froh gewesen, ihm das verbotenus vorlesen zu dürfen. Er steckt — nicht persönlich, aber sachlich — nicht in guten Schuhen, irgendwo hoch droben über allerlei Wolkenschichten, über die er sich so glücklich erhoben hat, daß er nur in ganz seltenen Fällen (in Bremen45 scheint ein solcher mindestens für sein Bewußtsein stattgefunden zu haben) mit jemandem wirklich ins Gespräch kommen kann. Auch der Knabe Orten kam hinsichtlich seiner irgendwie etwas kopfschüttelnd aus Basel zurück. Aber du hast vielleicht recht, daß es keinen Zweck gehabt hätte, ihn durch Mitteilung jener Sätze wahrscheinlich doch nur zu reizen, sondern wir sind vielleicht mit ihm dran wie mit Georg, d. h. so, daß wir uns entschließen müssen, ihn nicht mehr anders machen zu wollen, sondern so zu konsumieren, wie er eben nun einmal ist. Wenn er einen nur nicht immer wieder so dauerte. Daß du damals mit dem eben erwähnten Georg so gründlich geredet hast46, hat sicher insofern gute Früchte getragen, als er dann in ziemlicher Lindigkeit hier anrückte.47 Worauf sich dann freilich doch noch etwas Seltsames ereignete: Wir hatten uns gut über alle in Betracht kommenden Differenzen48 unterhalten, und nun machte ich den Vorschlag, Georg solle das, was ungeklärt immer noch übrig zu bleiben schien, in einem an mich zu richtenden offenen Brief (im Namen jener Vielen, auf die er sich doch in der ganzen Sache berufen hatte) zur Darstellung zu bringen, in ZdZ abdrucken, wo ich dann allem Volk meine Antwort geben und so das Meine zur Beseitigung der umgehenden Nebelschwaden tun wolle. Georg stimmte dieser (als in gegenseitiger Verständigung über Inhalt und Wortlaut gedachten) amica exegesis49, wie |331 es schien, sogar freudig zu, noch bei der Abfahrt am Bahnhof wurde freundlich davon gesprochen. Aber siehe da, erst bleibt viele Wochen Alles stumm, und dann erfahre ich auf einmal durch Helmi Vischer, Georg möge nun doch nicht. Später kam dann die Münchener Geschichte, und nun wird sehr wahrscheinlich die ganze Angelegenheit, so unerledigt wie manche andere, in irgend einen Keller wandern, wo Georg, der gute Georg, einige ähnliche Dinge unaufgearbeitet liegen hat, bis sie bei irgend einem Anlaß in diesem Zustand wieder an die Oberfläche gerät, um daselbst sicher nicht zum Frieden zu dienen. Ein Glück, daß wir, wie gesagt, in der Münchener Sache im Entscheidenden einig waren, obwohl auch da die Grenzen des Einverständnisses unverkennbar hervorguckten. Wir werden wohl auch in dieser Hinsicht mit nicht wenig Ballast beladen ins neue Jahr hinüberzugehen haben.

Lieber Eduard, du hast mir nun gar nichts geschrieben über das, womit ich dich zur Weihnacht erfreuen könnte, und so wird es geschehen, daß du morgen Abend gänzlich ohne Zeichen von mir sein wirst. Ich habe nun Lemppius Anweisung gegeben, dir ein Buch zu schicken, das für mich sehr wichtig ist, nämlich das «Kirchliche Jahrbuch 1932»50, das jetzt statt von jenem fatalen Schneider51 von dem wirklich in guter Fahrt befindlichen Pfarrer Lic. Sasse52 in Berlin herausgegeben wird. Du wirst darin als positiv Erfreuliches die allgemeine Rundschau und den Bericht über die ökumenische Bewegung von Sasse selbst53 finden, aber daneben doch auch allerlei Interessantes aus anderen Federn, deren Darstellungen und Urteile man dann freilich sehr unter die Lupe nehmen muß. Du wirst dort z. B. ersehen, in welcher Form sich unsere Of|332fiziellen nun schließlich mit der fatalen Devaheimangelegenheit auseinandergesetzt haben.54 In der liberalen Presse ist jetzt schon ein Wutgeheul über dieses Jahrbuch, das wegen seiner Statistik etc. in alle Pfarrhäuser kommt und in allen Bibliotheken aufgestellt werden muß — eine Division, die plötzlich zum Feind übergegangen ist und auf die eigenen Leute zu schießen beginnt. Das Protestantenblatt schimpft wie ein Rohrspatz, das deutsche nämlich55, und vielleicht weiß auch Hans Baur bald über diesen Fall etwas zu berichten56. Auf den exponiertesten Posten streitet man jetzt nämlich bereits darüber, ob man unsere Theologie geradezu exklusiv als die einzig mögliche proklamieren dürfe!!57 |333 Eduard, welch ein Getümmel, wohin das Auge blickt! So muß es sein in einer Reiterschlacht, wo hier einer mit seinem Spieß gleich zwei miteinander durchbohrt, dort ein herrenlos gewordenes Pferd in die Ferne stürmt, dort einer etwas schreit, auf das niemand hört, dort jemand die Trompete bläst und dort etliche der Sicherheit halber die Flucht ergreifen. Wenn es einmal — um auch in diesem Brief Lollos Lieblingsgedanken von meinem herannahenden Alter nicht unerwähnt zu lassen — soweit ist, daß wir uns gemeinsam in Riehen niederlassen58, dann werden wir wenigstens sagen können, bei Einigem dabeigewesen zu sein59, und unser aus zahnlos gewordenem Mund gestammeltes Jäjäjä! wird den Gehalt wirklicher Erfahrung und Durchdierollegezogenseins60 nicht ganz vermissen lassen. Aber freilich, die Entscheidung darüber, ob das alles nun eigentlich gut oder nicht gut gewesen ist, werden wir auch dann keineswegs zu fällen haben, wie sinnige Worte dann auch (noch etwas später) irgend ein begabter junger Mann im Nekrolog der Basler Nachrichten über uns schreiben mag.

Eduard, ich hätte dir noch Vieles zu erzählen. Aber dieser Brief muß doch auch einmal ein Ende haben. Ich darf nun in diesen Wochen Rousseau lesen, den ich mir in einer schönen, alten Ausgabe antiquarisch angeschafft habe.61 Es liegt aber auch eine geradezu giftig angeschwollene blaue Mappe mit unerledigter Korrespondenz neben mir: dutzende und dutzende von wichtigen und unwichtigen Anliegen aller möglichen Mitmenschen in der Nähe und Ferne, auf die zu antworten ich in diesen Wochen einfach nicht auch noch fertigbrachte, und wer weiß, wieviel davon endgültig liegen bleiben wird. Denk, ich habe für |334 den 12. März einen Vortrag in Kopenhagen62 angenommen, und nun kommt natürlich die dortige reformierte Gemeinde und will gleich auch noch eine Predigt von mir haben, was ich ja kaum abschlagen kann63. Nachher darf ich dann wahrscheinlich wieder auf 1 1/2 Wochen nach Koblenz zu den Prüfungen. Aber nachher fahre ich sicher ein wenig mit Lollo in die Schweiz.64 Und jetzt, in diesen schönen, erwünschten Weihnachtsferien, werde ich mich mit etlichen Ritten durch Feld und Wald schadlos zu halten wissen, z. B. morgen früh wieder. Das Pferd, das ich jetzt reite, heißt «Irrwisch» und benimmt sich manchmal diesem Namen entsprechend.

Den inneren Schwierigkeiten unseres Hauses ist in der Regel dadurch gewehrt, daß die Arbeit alle müde macht und zu Betrachtungen kaum Raum bleibt. Fränzeli steigt ihrer in 2 Monaten zu bestehenden Maturität entgegen: nachher hat sie ein Engagement als Erzieherin oder was weiß ich in Schweden.65 Markus, dein Patensohn, ist wohl noch etwas gewachsen und beschäftigt sich in seinen Mußestunden mit deutsch-französischer Verständigung, wobei er aber scheints neuerdings von allzu rheinbündlerisch gesinnten Deutschen in der Richtung auf… deutsche nationale Würde abrücken muß (o Hirsch, wenn du wüßtest …!66), und das Allerneueste ist sein Verkehr in einem Zirkel von rich|335tiggehenden — Kommunisten, wo er in das Kommunistische Manifest und andere Geheimnisse unserer Sowjetzukunft sich freudig einweihen läßt.67 Er ist das mir nächste und verständlichste unter meinen verschiedenen Kindern. Stöffeli verharrt in geruhiger Betrachtung des klassischen Altertums, von dem er schon viel mehr weiß als sein Vater. Matthisli macht wirklich bemerkenswerte Scherenschnitte und andere Kunststudien, gerne auch anatomischer Art, ist aber in der Mathematik in der Schule so völlig leistungsunfähig (ein schlimmes Erbteil von mir, aber so gänzlich habe ich doch nicht versagt68), daß sein Weihnachtszeugnis die schlimme Drohung enthielt, daß er im Frühjahr in Sachen der Versetzung bedroht sei. Hansjoggeli wird ein wenig von jedermann verwöhnt, und ich weiß nicht, ob aus dem nicht einmal ein rücksichts|336loser Rennfahrer oder ein geriebener Geschäftsmann oder etwas Derartiges wird: er bekommt morgen zur Weihnacht von dem ihm besonders gewogenen Studenten Traub, der in unserem Hause wohnt, eine Schildkröte, die in einer Kiste bereits anwesend ist und ein sehr nachdenkliches Gesicht macht, was ihr auch ganz angemessen ist, da sie zwar erst 16 Jahre alt sein, aber ich weiß nicht ob 100 oder 500 Jahre alt werden soll. Dieses Tier wird nun also inskünftig das der Schöpfung zugekehrte untere Ende unserer Hausgemeinschaft bilden. Nun aber wirklich Schluß. Habe mit all den Deinigen eine gute Weihnacht und einen guten Jahresanfang! Willst du diesen Brief auch Rudis vorlegen, denen ich in diesen Tagen noch extra schreibe.

Es grüßt dich von Herzen
Dein
Karl

Sachfußnoten

1
Siehe oben S. 303, Anm. 3; vgl. Pr.Th., S. 16–152. 📖 ↩
2
P. Wernle, Der schweizerische Protestantismus im XVIII. Jahrhundert, Bd. I: Das reformierte Staatskirchentum und seine Ausläufer (Pietismus und vernünftige Orthodoxie), Tübingen 1923 📖; Bd. II: Die Aufklärungsbewegung in der Schweiz, Tübingen 1924 📖; Bd. III: Religiöse Gegenströmungen. Die Ausstrahlungen der französischen Revolution auf Schweizerboden, Tübingen 1925. 📖 — Paul Wernle (1872–1939), 1900–1927 Professor für neuere Kirchengeschichte, Dogmengeschichte und Geschichte des protestantischen Lehrbegriffs in Basel. Während Thurneysens Studienzeit in Basel war zwischen ihm und Wernle ein enges Schüler-Lehrer-Verhältnis entstanden, das sich aber schon wenige Jahre später lockerte; vgl. Bohren, S. 42–45 📖; Bw.Th. I 📖 und II 📖 (Namenregister).↩
3
E. Troeltsch, Protestantisches Christentum und Kirche in der Neuzeit, in: Die Kultur der Gegenwart, hrsg. von P. Hinneberg, Teil I, Abt. IV: Die christliche Religion mit Einschluß der israelitisch-jüdischen Religion, 1. Hälfte, Berlin/Leipzig 1906, S. 253–458 📖; H. Stephan, Die Neuzeit (Handbuch der Kirchengeschichte für Studierende, 4. Teil), Tübingen 1909 📖; H. Hoffmann, Die Aufklärung (Religionsgeschichtliche Volksbücher für die deutsche christliche Gegenwart, Reihe 4, Heft 19), Tübingen 1912 📖; F. Chr. Baur, Geschichte der christlichen Kirche, Bd. IV: Kirchengeschichte der neueren Zeit, von der Reformation bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts, hrsg. von F. Fr. Baur, Tübingen 1963 📖; A. Ritschl, Geschichte des Pietismus, 3 Bde., Bonn 1880-1886. 📖 Siehe auch Pr.Th., bes. S. 64f. 📖 ↩
4
Pr.Th., S. 124–116 📖; die «Analyse» dort S. 124.↩
5
Vgl. Pr.Th., S. 145f. 📖 ↩
6
K. Aner, Die Theologie der Lessingzeit, Halle 1929. 📖 Als Neologen wurden Vertreter einer apologetischen Strömung zwischen der orthodoxen und der rationalistischen Phase der Aufklärung bezeichnet, nach denen die Offenbarung durch die — logischen Verstand, Willen und Gefühl umfassende — Vernunft bestätigt wurde.↩
7
Vgl. a.a.O., S. 158–164.270-285 📖; Pr.Th., S. 142–152. 📖 ↩
8
Zu den Anhängern des Philosophen und Theologen Christian Wolff (1679–1754) vgl. Pr.Th., S. 139f.144. 📖 ↩
9
Im Hinblick auf die aus dem unversöhnlichen Gegensatz zwischen Glauben und Wissen resultierende Problematik der doppelten Bindung des Pfarrers an das Ordinationsgelübde und sein Gewissen hatte Fr. Overbeck «die Anerkennung eines persönlichen esoterischen Standpunkts des wissenschaftlich gebildeten Geistlichen neben dem von ihm der Gemeinde gegenüber einzunehmenden exoterischen» vorgeschlagen (Über die Christlichkeit unserer heutigen Theologie (1873), Darmstadt 19633 [= Leipzig 19032], S. 136.138-141; Zitat dort S. 136 📖). Sein Schüler C. A. Bernoulli versuchte, diesen Ansatz weiterzuentwickeln, indem er zwischen einer Exegese und Kirchengeschichte umfassenden wissenschaftlichen und einer kirchlichen Theologie, bestehend aus Dogmatik und Praktischer Theologie, unterschied und glaubte, so zwischen liberaler (Bindung an das Gewissen) und orthodoxer Theologie (Bindung an das Ordinationsgelübde) vermitteln zu können (Die wissenschaftliche und die kirchliche Methode in der Theologie. Ein encyclopädischer Versuch, Freiburg/Leipzig/Tübingen 1897, S.X. 221–229 📖; A. Pfeiffer, Franz Overbecks Kritik des Christentums [Studien zur Theologieund Geistesgeschichte des Neunzehnten Jahrhunderts 15], Göttingen 1975, S. 25–78 📖). Overbeck erkannte diesen Versuch jedoch nicht als Fortführung seiner Gedanken an: «gründlicher konnte ich mit meinem Schriftchen von 1873 nicht missverstanden werden» (vgl. in Fr. Overbecks Nachwort [zur 2. Aufl.], a.a.O., S. 193–200 [Zitat dort S. 196], sowie Widmung der 2. Aufl. an Bernoulli). Die Angaben für die oben gegebene Darstellung verdanke ich brieflichen Mitteilungen von Dr. N. Peter vom 25.4.1994.↩
10
Johann Jakob Semler (1725–1791); vgl. Pr.Th., S. 148–150 📖; dort S. 150 Verweis auf Aners Beurteilung Semlers (vgl. K. Aner, a.a.O., S. 98–111 📖).↩
11
Pr.Th., S. 153–207. 📖 ↩
12
Vgl. Pr.Th., S. 208–236. 📖 Den Paragraphen über Rousseau hatte Barth zunächst nicht geplant (im Vorlesungstyposkript [s. oben S. 303, Anm. 3] ist nach § 4 der Titel «Das theologische Problem der Goethezeit» durchgestrichen, dann folgt «J. J. Rousseau»); am 26.12.1932 schrieb er an R. und G. Pestalozzi: «Und nun kommt also, mir selbst eine Neuigkeit und im Sommer noch gar nicht vorgesehen, Rousseau an die Reihe.» In seiner Vorlesung «Geschichte der protestantischen Theologie seit Schleiermacher» aus dem WS 1929/30 hatte Barth nach dem einleitenden Paragraphen (§ 1: Über die Aufgabe einer Geschichte der neueren Theologie) in der Reihe der darzustellenden Denker in § 2 gleich mit Lessing eingesetzt (Durchschläge des Vorlesungstypokripts im Karl Barth-Archiv).↩
13
Vgl. oben S. 251, Anm. 7.↩
14
Vermutlich Notizen aus Thurneysens Vorlesungsskript, das er Ch. von Kirschbaum und Barth im Sommer hatte zukommen lassen; vgl. oben S. 237f. und S. 252.↩
15
Vgl. K. Barth, Homiletik, a.a.O. (S. 295, Anm. 9), S. 15–21 (§ 5: Nitzsch); S. 30–32 (II. Versuch einer neuen Definition); S. 32–72 (B. Kriterien der Predigt: Offenbarungsmäßigkeit, Kirchlichkeit, Bekenntnismäßigkeit, Amtsmäßigkeit, Vorläufigkeit, Biblizität, Originalität, Gemeindemäßigkeit, Geistlichkeit); S. 73–112 (C. Die eigentliche Vorbereitung der Predigt) 📖.↩
16
Vgl. a.a.O., S. 34f. 84. 📖 ↩
17
Für das WS 1932/33 hatte Barth ein Systematisches Seminar über «Calvin, Institutio lib. III 📖» und eine Dogmatische Sozietät über Luthers Großen Katechismus 📖 angekündigt. Die für das SS 1933 angekündigten Fortsetzungen dieser Veranstaltungen trugen dieselben Titel. Zum Seminar über Ritschl s. oben S. 250, Anm. 3.↩
18
E. Brunner, Das Gebot und die Ordnungen, a.a.O. (S. 213, Anm. 6.), S. 39–94 📖: Erstes Buch: Die Frage: II. Abschnitt: Die christliche [sic] Botschaft und die natürliche Sittlichkeit und Ethik.↩
19
Zu diesem Begriffspaar vgl. Barths Vortrag Schicksal und Idee in der Theologie (1929), in: V.u.kl.A. 1925-1930, S. 344–392. 📖 ↩
20
Vgl. oben S. 262.↩
21
E. Brunner, Meine Begegnung mit der Oxforder-Gruppenbewegung, in: KBRS, Jg. 88 (1932), S. 338–343. 354-358 📖 (O. W. I, S. 268–288 📖).↩
22
«O si tacuisses, philosophus mansisses» (nach A. M. S. Boëthius, Philosophiae Consolationes II, 7 📖).↩
23
Brief Brunners an Barth vom 13.12.1932; s. Bw.Br., S. 210–212. 📖 ↩
24
Vgl. unten S. 337 mit Anm. 1.↩
25
Siehe oben S. 315, Anm. 15.↩
26
Fr. Gogarten, Menschheit und Gottheit Jesu Christi, in: ZZ, Jg. 10 (1932), S. 3–21 📖; ders., Die Problemlage der theologischen Wissenschaft, a.a.O., S. 295–311 📖; ders., Staat und Kirche, a.a.O., S. 390–410 📖; ders., Schöpfung und Volkstum (Vortrag, gehalten auf der Berliner Missionswoche, am 3. Oktober 1932), a.a.O., S. 481–504. 📖 ↩
27
Fr. Gogarten, Die Selbstverständlichkeiten unserer Zeit und der christliche Glaube, Berlin 1932. 📖 ↩
28
Vgl. etwa Fr. Gogarten, Politische Ethik, a.a.O. (S. 237, Anm. 7), S. 96–108 (Das Gute Gottes und die Schöpfung), bes. S. 106f.; S. 108–115 (Die Schöpfung und der Staat), bes. S. 113, ferner S. 69f. 📖; Schöpfung und Volkstum, a.a.O., bes. S. 483f. 📖 ↩
29
Vgl. etwa Fr. Gogarten, Politische Ethik, a.a.O., S. 10.102-105. 📖 ↩
30
Vgl. etwa a.a.O., S. 167–170 📖. ↩
31
Vgl. etwa a.a.O., S. 109.115-119.124 📖; ders., Schöpfung und Volkstum, a.a.O., S. 496–499.501. 📖 ↩
32
Vgl. etwa Fr. Gogarten, Politische Ethik, a.a.O., S. 57–60.62f.116f. 📖 ↩
33
= nicht ausstehen.↩
34
Vgl. oben S. 7, Anm. 5.↩
35
Irenäus, Adversus haereses III, 3, 4 📖, überliefert folgende Geschichte über diesen Gnostiker und Johannes: «Noch leben die, welche ihn [Polykarp von Smyrna] erzählen hörten, daß Johannes, der Schüler des Herrn, einst in Ephesus ein Bad nehmen wollte: wie er aber drinnen den Cerinth erblickte, sprang er ungebadet aus dem Bade heraus, indem er sagte, er fürchte, daß das Bad einstürze, wenn Cerinth, der Feind der Wahrheit, drinnen sei»; zitiert nach Des heiligen Irenäus ausgewählte Schriften ins Deutsche übersetzt, Bd. I: Des heiligen Irenäus fünf Bücher gegen die Häresien. Buch I-III (Bibliothek der Kirchenväter), Kempten/München 1912, S. 213. 📖 ↩
36
Die Statuten der Bonner evangelisch-theologischen Fakultät enthalten keinen derartigen Passus. Wahrscheinlich liegt eine Verwechslung mit der am 21.7.1930 erlassenen Satzung der Universität Bonn vor, deren erster Satz lautet: «Die Universität Bonn hat die Aufgabe, in innerer Verbundenheit mit den lebendigen Kräften der engeren Heimat die Wissenschaft durch Forschung und Lehre zu fördern» (abgedruckt in: K. Th. Schäfer, Verfassungsgeschichte der Universität Bonn 1818-1960, Bonn 1968, S. 469–487; dort S. 469 📖).↩
37
Vgl. oben S. 305f., Anm. 10.↩
38
E. Ellwein war nicht mit Barth in direkten Kontakt getreten, sondern war durch eine Auseinandersetzung mit H. Gollwitzers Bruder Gerhard in den Fall verwickelt.↩
39
Vikar Hermann Dietzfelbinger hatte sich «im Namen und im Auftrag vieler jüngerer Münchener Kollegen» sehr kritisch zu Barths Brief an den betrogenen Münchener Vikar (vom 29.11.1932) geäußert (Brief vom 20.12.1932). Barth wies den Ton des Schreibens und seine Unterstellungen scharf zurück (Brief vom 22.12.1932), woraufhin sich Dietzfelbinger sofort entschuldigte (Brief vom 26.12.1932).↩
40
G. Merz hatte Thurneysen am 15.2.1932 über das Vorhaben geschrieben: «Ich habe neulich mit Karl in Bonn den Plan eines Predigtbuches besprochen, den Lempp besonders befürwortet, und zwar denken wir an ein richtiges, sämtliche Sonntage umfassendes Buch, das vielleicht in zwei Teilen erscheinen könnte. Ich selber hätte noch den besonderen Wunsch gehabt, auch eine Einheitlichkeit in der Textwahl herzustellen, indem es mir eine lockende Aufgabe geschienen hätte, nur Texte aus den Episteln oder aus dem Alten Testament zu verwenden. Da aber Karl dann seine schon gehaltenen Predigten nicht verwenden könnte, möchte ich darauf kein Gewicht legen. Mehr Gewicht freilich auf die Anregung Karls, solche Predigten zu nehmen, die sich bemühen, den Text in der Form von ‹einer Homilie› zu behandeln, und nach dieser Seite eine gewisse Vorbildlichkeit geben, was nicht gleichlautend sein soll mit Vollkommenheit. Die Zahl der Mitarbeiter dachte ich mir auf sechs bis acht beschränkt. Du müßtest, abgesehen von Karl, den Hauptteil stellen; auch würde ich meinem Münchener Freunde Sammetreuther zutrauen, daß er mit gutem Grunde sich in der Reihe sehen lassen darf. Was die offizielle Sammlung und Herausgabe anlangt, so habe ich allen Ernstes den Vorschlag machen lassen, daß unsere verehrte Freundin Lollo die Sichtung übernimmt und die Drucklegung besorgt. Als solche würde sie den Lesern vorgestellt, während unter den Mitarbeitern niemand in besonderer Weise hervortritt. Sollte das der Fall werden, dann würde ich bitten, daß Du und Karl die Rolle der verantwortlichen Herausgeber übernehmt. Wie sieht Dich die ganze Sache an? Behandele es bitte vertraulich, denn außer Lempp und Karl weiß nur Sammetreuther von dem Plane. Wen würdest Du zur Mitarbeit vorschlagen? Ich dachte von der Schweiz nur an Karl Lindt, denn Emil wagte ich nicht zu nennen, weil ich nicht weiß, wie Karl dazu steht.» Barth, der das Gespräch mit Merz offenbar weniger verbindlich aufgefaßt hatte, lehnte auf eine entsprechende Anfrage Sammetreuthers vom 23.3.1932 (nicht erhalten) hin seine Beteiligung aus zeitlichen und sachlichen Gründen ab. Lempp «wird Ihnen aber doch wohl erzählt haben, wie bedenklich ich zu dem Gedanken gerade an eine richtig gehende Postille hinsichtlich meiner Beteiligung gestanden habe.» Er erklärte sich aber dazu bereit, die Anfrage an die o. g. Schweizer weiterzugeben (Brief an Sammetreuther vom 26.3.1932). Auch die wiederholte Bitte Sammetreuthers und die Einräumung großzügiger Fristen stimmten ihn nicht um (Brief vom 29.3.1932 an Barth: «Das Haupt der Schule darf hier nicht fehlen, wo diese Schule ein Zeugnis ihrer Evangeliums-Verkündigung ablegt»). Über Thurneysens Haltung existieren keine schriftlichen Zeugnisse; möglicherweise verständigten er und Barth, der aus Wabern geschrieben hatte, sich mündlich.↩
41
Siehe oben S. 169 bei Anm. 21. Thurneysen war insofern weiterhin mit Sexualethik befaßt, als ihn der Kirchenrat im Herbst 1932 zum Vorsitzenden einer neuen, «aus Aerzten, Frauen und Pfarrern zusammengesetzt[en]» Kommission zur Prüfung der «aktuellen Frage» der Geburtenregelung berufen hatte. Bei ihrer Erarbeitung einer Stellungnahme über die «in Bezug auf die dem Evangelium gemäss einzunehmende Haltung» war der Kommission auch «ernste Prüfung der biblischen und sozialen Voraussetzungen» aufgetragen (XXII. Jahresbericht der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons Basel-Stadt pro 1932 (Neunundfünfzigster Jahresbericht der vormaligen evangelisch-reformirnen Landeskirche), Der Synode vom Kirchenrate vorgelegt am 14. Juni 1933, S. 29 📖). Die einzige sexualethische Schrift Thurneysens ist der Abschlußbericht der Kommission: Zur Frage der Geburtenregelung, in: Mitteilungen der Studienkommission für soziale Arbeit (Schweizerischer Reformierter Pfarrerverein), Nr. 30, Bern, Juni 1934, S. 155–160. 📖 ↩
42
Original «mögen»; Korrektur von der Hrsgn.↩
43
= verwiesen.↩
44
In der Schalerkapelle im nördlichen Seitenschiff des Basler Münsters befindet sich das Grab des Erasmus von Rotterdam (1466 [1469?]–1536).↩
45
Vgl. oben S. 298, Anm. 21.↩
46
Vgl. oben S. 299.↩
47
Siehe oben S. 292, Anm. 8.↩
48
Vgl. oben S. 273, Anm. 16.↩
49
Titel einer Schrift Zwinglis (1527) 📖, mit der seine schriftliche Auseinandersetzung über die Abendmahlsfrage mit Luther begann.↩
50
Kirchliches Jahrbuch für die evangelischen Landeskirchen Deutschlands 1932. Ein Hilfsbuch zur Kirchenkunde der Gegenwart (Jg. 59), in Nachfolge von D. J. Schneider hrsg. von H. Sasse, Gütersloh o. J. [1932]. 📖 ↩
51
Johannes Schneider (1857–1930) war 1894–1930 Herausgeber des von seinem Vater begründeten «Kirchlichen Jahrbuches». Barth hatte ihn in «Quousque tandem …?» namentlich angegriffen (in: ZZ, Jg. 8 [1930], S. 1–16, dort S. 1.16 📖; auch in: V.u.kl.A. 1925-1930, S. 526–535, dort S. 526f.534 📖); vgl. auch Bw.Th. II, S. 692f. mit Anm. 2. 📖 ↩
52
Hermann Sasse (1895–1976), seit 1928 Pfarrer in Berlin, seit 1931 Herausgeber des «Kirchlichen Jahrbuches», 1933–1948 Professor für Kirchengeschichte, Dogmengeschichte und Symbolik in Erlangen, nach seinem Übertritt zur altlutherischen Kirche 1948 in North Adelaide (Australien).↩
53
H. Sasse, Kirchliche Zeitlage, a.a.O., S. 1–176 📖; ders., Die ökumenische Bewegung, a.a.O., S. 529–553. 📖 ↩
54
Vgl. in Kapitel 5 des Kirchlichen Jahrbuches über die «Innere Mission» die Teilkapitel «Das Jahr der Krisis» (S. 322–327, von W. Zoellner) 📖, «Die ‹Devaheim›» (S. 327–333, von A. Stahl) 📖 und «Der Central-Ausschuß» (S. 333–336, von dems.). Die Deutsche Evangelische Heimstättengesellschaft m.b.H. («Devaheim») war am 20.5.1926 durch den Zentralausschuß der Inneren Mission und andere, meist evangelische Verbände gegründet worden, um der Wohnungsnot zu begegnen. Durch Angliederung einer neu gegründeten Bausparkasse und weiterer Tochtergesellschaften, denen z. T. dieselben Männer vorstanden, entstand ein verschachtelter Konzern, der im August 1931 Konkurs anmelden mußte. Ein Versuch, durch Aufbau einer neuen Bausparkasse mit neu aufgetriebenen Mitteln zumindest die Sparverträge zu sichern, endete mit der Verhaftung des verantwortlichen Direktors der Evangelischen Zentralbank, Adolf Runck, wegen Unredlichkeiten. Die Verfahren gegen fünf führende Männer des Devaheim-Konzerns endeten mit Gefängnisstrafen. «Daß das Unternehmen der Devaheim nicht nur zu einem Mißerfolg, sondern zu einem entsetzlichen Zusammenbruch führte, in den das Geschick von 10000 Sparern mit hineingerissen wurde, das lag nicht in der Idee, das lag zum großen Teil in menschlicher Schuld derer, die mit der Verwirklichung dieser Idee beauftragt wurden. Das Gericht hat inzwischen sein Urteil über diese Schuld und die Schuldigen gesprochen» (a.a.O., S. 331). Vgl. auch oben S. 175f.↩
55
W. Schubring, Die kirchliche Zeitlage im «Kirchlichen Jahrbuch 1931», in: PrBl, Jg. 65 (1932), Sp. 243–248. 📖 ↩
56
In dem von H. Baur mitherausgegebenen Schweizerischen Protestantenblatt erschien kein Artikel über das Kirchliche Jahrbuch 1931.↩
57
In ihrem Brief vom 11.12.1932, in dem sie Barth für die Zusendung eines Freiexemplars von KD I/1 📖 dankte, schrieb Emmy Lentrodt (die Barth, vielleicht weil sie eine Münchner Freundin Ch. von Kirschbaums war, scherzhaft einen der «exponiertesten Posten» nannte): «Daß Sie die Trinitätslehre an die Spitze Ihrer Dogmatik stellen und von hier ausgehen, erscheint mir, nachdem ich Ihre Ausführungen gelesen, als das Entscheidende und einzig Mögliche, und darum kann ich Ihrem nur schlicht gut scheinenden Weg in Demut und Gehorsam und voller Vertrauen nur folgen, und es ist mir ein Anliegen, immer von neuem wieder dankbar zu sein für die mir (d. h. uns allen) hier immer wieder geschenkte Hilfe.» Die spaßhaft-übertriebene Ausdrucksweise — das «Streiten» auf den «exponiertesten Posten» — deutet möglicherweise auf die in München aufgetretenen Konflikte über Barths Theologie (s. oben S. 305f., Anm. 10; S. 308, Anm. 5, und oben Anm. 38-40) hin.↩
58
Siehe oben S. 168, Anm. 15.↩
59
Anspielung auf Goethes Ausspruch nach der Kanonade von Valmy am 20.9.1792: «Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabeigewesen» (Eintragung unter dem 19.9.1792 [sic] in: J. W. von Goethe, Kampagne in Frankreich 1792 [1822] 📖).↩
60
Siehe oben S. 103, Anm. 4.↩
61
Oeuvres de Jean Jaques Rousseau, 11 Bde., nouv. ed., rev., corr. et augm. de plusieurs morceaux qui n’avoient point encore paru, Amsterdam 1762 und 1769 📖; vgl. oben S. 303, Anm. 3.↩
62
K. Barth, Das erste Gebot als theologisches Axiom (Vortrag, gehalten in Kopenhagen am 10.3. und in Aarhus am 12.3.1933), in: ZZ, Jg. 11 (1933), S. 297–314 📖 (wieder abgedruckt in: Th.Fr.u.A., S. 127–143 📖). Barth war im Namen des Studentenvereins «Studenterkredsen» von Hans Skovegaard angefragt worden (Brief vom 27.11.1932).↩
63
Die Bitte des Pfarrers der Deutsch-reformierten Gemeinde in Kopenhagen, W. Baur, um eine Predigt (Brief vom 9.12.1932) lehnte Barth wegen fehlender Vorbereitungszeit schließlich doch ab (Brief an Baur vom 6.1.1933).↩
64
Nach einem Brief Barths an seine Mutter vom 25.2.1933 mußte Barth in den Frühjahrssemesterferien 1933 nicht in Koblenz prüfen. Die Reise in die Schweiz kam zustande.↩
65
Fr. Barth verbrachte nach ihrem Abitur bis Juli 1933 vier Monate in Västervik in Schweden bei einer Familie, deren Tochter sie in der deutschen Sprache unterrichtete (telephonische Auskunft von Frau Fr. Zellweger im Oktober 1992).↩
66
In seinem Offenen Brief vom 27.2.1932 (s. oben S. 227, Anm. 11), mit dem Hirsch auf Barths Artikel zum «Fall Dehn» (s. oben S. 208, Anm. 5) reagierte, hatte dieser Barth auf Grund seines Schweizertums die Fähigkeit, das «deutsche Wollen» zu verstehen, und von daher auch die Berechtigung, sich dazu zu äußern, abgesprochen (vgl. bes. Hirsch, a.a.O., S. 267f.272) 📖. In seiner den offenen Briefwechsel beschließenden Antwort «an den Herausgeber» Wilhelm Stapel stellte Hirsch (im Hinblick auf Barths Antwort an Emanuel Hirsch 📖 vom 17.4.1932) abschließend fest: «Das ganze Schreiben Barths ist ein einziger großer Beleg für die Aussage meines offenen Briefes, daß Barth als Schweizer, der zu uns Reichsdeutschen nicht hinübergefunden hat, einen deutschen Christen in seiner gegenwärtigen inneren Lage nicht verstehen kann, und — so muß ich jetzt hinzufügen — nicht verstehen will. … mangels von Erschlossenheit für deutsche Volksnot» (a.a.O., S. 394.).↩
67
Im Rückblick auf das vergangene Jahr hatte M. Barth Thurneysen über den auf Anregung eines Universitäts-Lektors für Romanistik gegründeten Schülerkreis (telephonische Auskunft von Prof. M. Barth im Oktober 1992) geschrieben: «Nebenbei beschäftigt mich eine deutsch-französische Verständigungsgesellschaft, welche zum Zwecke politischer und kultureller Verständigung gegründet worden ist. Die Verständigung scheint sehr gut zu klappen, da die Mitglieder der Gesellschaft außer mir Rheinländer sind und sich sowieso ‹der französischen Kultur näher fühlen, als dem preußischen Kommißstiebel». Das Ganze beginnt allmählich sehr nach Separatismus zu stinken, weshalb es für mich jetzt höchste Zeit wird, wieder auszutreten. Wenn mir auch Verständigung als Schweizer und überhaupt als ζῷον πολιτικόν notwendig erscheint, so muß doch bei der Verständigung auch das spezifisch Deutsche, nämlich die Vermischung des preußischen Uniformwesens (bzw. -unwesens) mit der süddeutsch-rheinbündischen ‹Kultur› vertreten sein, denn ohne dies ist das Wort Verständigung nur eine Umschreibung für Separatismus. — Seit ein paar Tagen beschäftigt mich der Marxismus. Ich bin daran, einiges von Engels zu lesen. Alles dreht sich in mir. Umwertung aller Werte. Marx hat recht. … [Auslassungszeichen im Original] Ich fange erst an. Es bricht hier etwas bisher noch Neues bei mir ein, worüber ich noch nichts sagen kann» (Brief vom 18.12.1932; Nachlaß Thurneysen 📖).↩
68
Erreichte Barth in seiner Primarschulzeit (1893–1896) im Rechnen noch die Noten «ziemlich gut» bis «gut», so überwiegen in seinen Zeugnissen aus der Gymnasialzeit (1896–1904) im Fach Mathematik die Zensuren 4 («ziemlich gut» bzw. «genügend») und 3 («schwach» bzw. «mittelmäßig»). Im Maturzeugnis wurde seine Leistung in diesem Fach jedoch mit 5 («gut») bewertet (Zeugnisse im Karl Barth-Archiv).↩