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23. Dezember 1932
Endlich schlägt die schon längst erwünschte Stunde des von allen Sorgen befreiten Raumes zu einem gründlichen Briefe an dich: seit gestern sind die lieben Ferien da, und nachdem ich heute morgen zunächst einmal tüchtig ein Pferd auf dem Venusberg und den Rhein ent|319lang getummelt habe bzw. von ihm getummelt worden bin — es wollte mich zweimal abwerfen, ich bin aber, wie du zu sagen pflegst, der Kirche erhalten geblieben —, soll dies nun meine zweite Feierfreude sein. Wie schön: gar, gar nichts vorzubereiten und alle, alle die so lieben und doch auch so gefräßigen Studenten auf der Abreise oder auf dem Sprung zur Abreise zu ihren fernen Vätern und Müttern, die sie nun auch wieder eine Weile weiden sollen. Diese zwei Monate waren schon eine ziemlich strenge Tour, weil der Wagen diesmal besonders stark beladen ist. Weißt du, die Vorlesung über die Vorgeschichte der neueren protestantischen Theologie war eben, jedenfalls in dem bis jetzt behandelten Teil, ganz neu aus dem Boden zu stampfen. Es waren drei §§ über den Menschen des 18. Jahrhunderts im Allgemeinen bzw. in seiner Weltlichkeit, über seine Christlichkeit und schließlich über seine Theologie.1 Ich mußte mit größter Geschwindigkeit aus allen möglichen Welt-, Kultur-, Literatur-, Kunst-, Kirchen- und Theologiegeschichten und doch auch wenigstens herumschnüffelnd in allerhand primären Quellen meinen Stoff zusammensuchen und habe dabei selbst nicht nur viel mir Neues erfahren bzw. besser verstanden, sondern doch auch verschiedene Durchblicke gewonnen, die sich für die Zukunft gewiß als nützlich erweisen werden. Sehr enge Gefechtsfühlung habe ich dabei wieder einmal mit unserem alten Freund oder Feind Wernle gehabt. Sein großes Werk über das 18. Jahrhundert2 ist ja wirklich wegen mancherlei Stoffdarreichung sehr dankenswert, aber man könnte schon fast heulen beim Gedanken, wieviel fabelhaftes Material er unter den Händen gehabt hat und mit welcher theologischen Uneinsicht er es verarbeitet hat. Schau dir z. B. einmal die Disposition des 1. Bandes an: Pietismus und vernünftige Orthodoxie als «Ausgänge» des — altreformier|320ten Christentums. Das ist ein Unsinn, der sich aus den von W. selbst gebotenen Texten, ja aus seinen eigenen Darlegungen als Unsinn beweisen läßt. Nachher erscheint dann die «Aufklärung» (im 2. Band) wie aus der Pistole geschossen, während in Wirklichkeit doch das alles ein großes in sich bewegtes Ganzes — eben den Anbruch unseres lieben Neuprotestantismus bedeutet. Aber da haben auch Troeltsch, Stephan, Hoffmann u. Cons[orten] wie einen Fleck im Auge, während noch F. C. Baur und teilweise auch A. Ritschl das Richtige sehr wohl gesehen haben.3 Bei dem, was über den Basler Samuel Werenfels mitzuteilen war, habe ich übrigens eine kleine Analyse des Basler Theologen im Allgemeinen geboten4, die du, wie vielleicht auch einiges Andere, sicher verständnisinnig entgegennehmen wirst. Was mir sehr wichtig ist, war z. B. die Einsicht, daß die berühmte Dogmenkritik des 18. Jahrhunderts nachweislich nicht, wie man uns seinerzeit belehrt hat, auf einen Durchbruch der Wahrhaftigkeit angesichts des veränderten Weltbildes etc., sondern sehr schlicht auf das sentimentale Selbstbewußtsein, auf eine bestimmte moralische, nicht auf eine bes. intellektuelle Einstellung der Zeit zurückzuführen ist.5 Das läßt sich sehr schön zeigen an den sog. Neologen (die von K. Aner, einem Geistesgenossen von Wernle, 1929 in einem großen Buch gefeiert worden sind6), die sich ganz einfach an dem Dogma von der — Erbsünde geärgert haben, mit dem dann Alles (der zweite Anstand pflegte immer an der Ewigkeit der Höllenstrafen zu entstehen!) ins Rutschen kam, bis nur noch Gott, Freiheit und |321 Unsterblichkeit übrig blieben.7 Ich habe, seit mir das so deutlich ist, noch etwas weniger Respekt vor dem ganzen kritischen Rummel. Gerade die Leute im 18. Jahrhundert, die philosophisch wirklich durch waren, die Wolffianer, haben eben, wenn auch auf einer bedenklichen und unhaltbaren Basis, kaltblütig orthodoxe Theologie getrieben8, und noch der berühmteste und auch wirklich bedeutendste unter den Neologen selber: Semler (für den man sich aber ja nicht an Aner halten darf, bei dem er sehr voreilig Note 3-4 bekommt) hat durch ein merkwürdiges Doppelspiel von (privater) Moralreligion und (öffentlicher) Kirchenreligion ganz ähnlich wie später Overbeck bzw. C. A. Bernoulli9 verraten, wie ungemütlich es ihm als Historiker bei jener Sache war.10 Du siehst, welches ungefähr die Jagdgründe sind, in denen ich mich herumtreibe. Gelt, ich darf doch wohl manchmal auch die kleine historische Lust ein wenig ausrasen, die ich auch in mir verspüre? Aber wie dem auch sei, ich werde nun nach den Ferien zunächst zu einer kleinen |322 Darstellung von J. J. Rosseau11 übergehen, der mir für die Vorbereitung der Luft, in der dann die eigentlich moderne Theologie der Schleiermacher und Genossen entstanden ist, von erheblicher Bedeutung zu sein scheint (darauf hat mich auch die an sich schlechte Darstellung von Wernle aufmerksam gemacht!), und dann mit Lessing auf meinen alten Weg einmünden12. Goethe, mit dem ich eigentlich gipfeln und schließen wollte, werde ich vielleicht im Sommersemester an den Anfang nehmen müssen.13
Über meine homiletischen Übungen hat dir wohl Lollo einen Vorbericht gegeben, und Ausführlicheres wird folgen. Die Notizen, die ich mir aus deinem Hefte machen durfte14, waren und sind mir überaus wertvoll. Ich habe dann aber die Sache, schon um kein Plagiat zu begehen, ein wenig anders aufgezogen: zunächst eine Einführung in die ganze Problematik an Hand einiger Beispiele aus der älteren Homiletik. (Das hat schon seinen gewissen Wert. Ich möchte dich z. B. auf Nitzsch aufmerksam machen, bei dem man immerhin sehen kann, wie auch das 19. Jahrhundert mit der uns beschäftigenden Frage gerungen hat und nicht einfach auf den Nenner Schleiermacher-Ritschl zu bringen ist.) Daran anschließend dann eine Untersuchung des Begriffs der Predigt, den ich von allen 110 Teilnehmern schriftlich formulieren ließ, um dann erst und nach Diskussion der Ergebnisse meinen eigenen Begriff (noch etwas anders als in der neuen Dogmatik
📖 S. 56) vorzulegen, dessen neun Bestandteile nun die Basis für eine homiletische Axiomatik bilden, der dann zum Schluß noch die Anweisungen: Wie macht man ei|323ne Predigt? folgen sollen.15 Auch dieses dein Fach interessiert mich wirklich brennend, und kraft des uns nach dem scharfen Urteil meiner Mutter eigenen Selbstbewußtseins finde ich auch dieses Fach höchst reformbedürftig. Weil ich die Themapredigt, die in den hiesigen Predigerseminaren und Examensbehörden als die allein mögliche gilt, als völlig unmöglich ablehne und die Notwendigkeit der Homilie geradezu als Glaubensartikel behandle16, werde ich wer weiß in allerhand Kämpfe mit jenen Instanzen (um von dem hiesigen Fachvertreter Pfennigsdorf nicht zu reden) verwickelt werden. Auch über das Calvinseminar wirst du dann von Lollo allerlei Nachricht erhalten. Die Institutio
📖 ist für solche Übungen mit Epheben ein geradezu erstklassiger Stoff, bei dessen Behandlung mir nach dem schrecklichen Ritschl vom letzten Semester richtig wohl ist. Ich werde im Sommer damit fortfahren und ebenso mit dem in der Sozietät behandelten großen Katechismus Luthers
📖.17 Ein wahres Glück, daß es solche Texte gibt, bei deren Behandlung, auch wenn man einmal weniger gut vorbereitet sein sollte, ziemlich sicher (vermöge ihres eigenen Schwergewichtes) etwas herauskommt.
Nicht ganz dasselbe kann ich nun freilich von Emils Ethik sagen, die am offenen Abend den Gegenstand unserer Beratungen bildet. Denk, ich halte dies nicht nur für ein richtig langweiliges, sondern auch sachlich für ein schiefgewickeltes Buch. Wir sind erst, aber immerhin schon bis zu S. 272 vorgedrungen. Unsere Bedenken zu Abschnitt 1 hat dir Lollo geschrieben. Ich frage zu Abschnitt 218: Läßt sich Brunner hier wirklich durch die «Biblische Botschaft» sagen, was «Das Gute» ist (in |324 welchem Verhältnis steht dieser Abschnitt zur Rechtfertigungslehre?)? Und ich frage zu dem ganzen so überaus gesprächigen 2. Buch noch deutlicher: Was hat etwa die hier so sicher mahlende Dialektik von Schöpfung und Erlösung mit der Dialektik zu tun, in der diese Begriffe in der Bibel bewegt werden? Könnten diese Begriffe bei Brunner nicht ebenso gut fehlen bzw. könnte seine Dialektik nicht diesselbe sein, wenn er sie schlicht als die zwischen philosophischem Realismus und Idealismus19 bezeichnen würde? Wir sind nun alle gespannt, wie es weitergeht, aber vorläufig bin ich wirklich nicht erbaut durch dieses Werk unseres unentwegten Freundes. Auch die Sache mit dem Anknüpfungspunkt in ZdZ, vor der du ihn ja so dringlich und herzlich gewarnt hast20, hätte er wirklich lieber ungedruckt gelassen. Um nicht zu reden von seinem Oxfordartikel im Kirchenblättli21, der in Auszügen und Mitteilungen durch den ganzen deutschen theologischen Blätterwald gegangen ist und einen Staub aufgewirbelt hat, der weder Brunner selbst noch sonst jemandem gut bekommen wird. Si tacuisses …!22 So etwas sagt man eben nicht, wenn man so bewußt wie er ein «Lehrer der Kirche» sein will. Und nun hat er mir auch noch zu meiner Dogmatik einen Brief geschrieben, in dem er zuerst, wie er das so kann und liebt, einen Ehrensalut abgibt, um dann um so unbelehrter aufs neue auf seine törichte Eristik zurückzukommen und mir Lieblosigkeit — nämlich gegen die eben nach Eristik dürstende Welt, der ich ja vor Zeiten im Römerbrief
📖 das Gewünschte geboten — vorzuwerfen.23 Es wird ungemein schwierig sein, ihm auf diesen Brief — und angesichts dessen, was ich nach seinen letzten großen und kleinen Leistungen überhaupt von ihm denke — mit der Lindigkeit zu antworten24, über die ich letzten Sonntag hier gepredigt25.
Leider hat aber auch mein Mißmut gegen unseren anderen Freund |325 Gogarten, nachdem ich nun mit seiner politischen Ethik einigermaßen bekannt bin und auch seine letzten Aufsätze in ZdZ26 aufmerksam zur Kenntnis genommen (die «Selbstverständlichkeiten»27 habe ich noch nicht gelesen), eher zu- als abgenommen. Ich will nicht insistieren auf dem Unwillen, mit dem mich bei aller Anerkennung der bei Brunner nicht, aber bei ihm sehr oft vorkommenden Geistesblitze, seine Methode, einen immer wieder mit irgend einem unkontrollierbaren Einfall, den er dann mit allerhand zufälligen Lesefrüchten ausschmückt, [zu überraschen,] andauernd erfüllt. Mich bekümmert einfach sachlich, daß ich nicht sehen kann, inwiefern nicht auch hier unter dem Titel «Schöpfung»28 andauernd philosophiert bzw. natürliche Theologie getrieben wird. Ich kenne dieses konservative Pathos, aber es fällt mir nicht ein zuzugeben, daß es eine andere als eine sehr profane Angelegenheit sei, für die er sich mit seinem Nächsten29, Stand30, Sitte31, Polis32 und wie dieses ganze Inventar heißt, so ins Zeug legt. Die protestantische Theologie wäre — ich sage das auf Grund der geschichtlichen Zusammenhänge, wie sie mir jetzt noch deutlicher sind — noch einmal betrogen, wenn sie sich jetzt zur Abwechslung in dieses Fahrwasser steuern ließe. Gewiß ist Gogarten rasanter als Brunner, aber das Unheil, das bei ihm geschieht, ist dasselbe. Daß er wisse und sogar sehr lebhaft wisse, «worum es geht», streite ich ihm sicher sowenig wie Emil ab, wie ich überhaupt immer weniger Lust habe, dies irgend jemand abzustreiten. Es kommt aber in der Theologie nicht nur darauf an, das irgendwie zu |326 wissen, sondern auch, den rechten Gebrauch davon zu machen, und dazu würde doch vor Allem gehören, daß man immer wieder nach irgend einer Seite in irgend eine Systematik hinein abzugehen sich nun einmal verwehrt sein ließe. Dieses Abgehen ist es, was ich an Emil wie an Friedrich nicht verputzen33 kann. Wie mag es mit deiner Rezension des Emilschen Wälzers stehen? Ach, ich hoffe eigentlich bestimmt, daß wir dabei diesmal den Johannes zu sehen bekommen werden, der — des «Kindlein liebet einander»34 ungeachtet — mit Kerinth durchaus nicht in einer Badeanstalt sein wollte.35 Ich hatte ja übrigens auch Gelegenheit, Heiner über dieses Buch zu vernehmen. Er zeigte sich sehr überrascht, daß es «in theologischen Kreisen» so lebhaft abgelehnt werde, scheint aber von seiner Ecke aus zu einem nicht weniger energischen Nein zu kommen.
Doch genug nun des unweihnachtlichen Scheltens über die Brüder. Entnimm daraus nur, daß «Forschung und Lehre», wie sie nach unseren Fakultätsstatuten der Sinn des akademischen Amtes sind36, auch nach der unvermeidlichen kritischen Seite in vollem Gang sind und daß zu der rein technischen Ermüdung leicht auch noch allerhand eigentlicher Verdruß hinzukommen kann. Zum Verdrießlichen in den vergangenen zwei Monaten gehörte und gehört noch ein großer Streit, in den ich — ausgerechnet mit der angeblich so treu zur reinen Lehre stehenden älteren und jüngeren Geistlichkeit von — München geraten bin.37 Es han|327delt sich um einen einen meiner nächsten Schüler (mehrere Semester Seminarsenior!) angehenden Disziplinarfall, in dem an dem Tun des Betreffenden leider nichts zu retten war und der darum juristisch so endigen konnte und wohl mußte, wie er geendigt hat: mit seiner vorläufigen Streichung von der Kandidatenliste (er war im Münchener Predigerseminar). Aber daran schlossen nun — nicht der Münchener Oberkirchenrat, der sich durchaus korrekt verhalten hat, wohl aber — die sämtlichen Langenfaß, Sammetreuther, Ellwein38 etc. samt einer womöglich noch schlimmeren Clique von meist von Heim herkommenden jüngeren Leuten39 eine hochnotpeinliche Untersuchung über die Ethik der dialektischen Theologie an, in der ich, so bestimmt ich meinen Schüler in Bezug auf das delictum selbst fallen lassen mußte, nur umso bestimmter auf seine Seite zu treten mich veranlaßt sah. Ich kann dir die Sache auch in einem so langen Brief unmöglich anschaulich machen, aber weil ich doch möchte, daß du genau weißt, was da gespielt worden ist, werde ich dir demnächst mein ganzes Dossier darüber mit sämtlichen eingegangenen und ausgegangenen Briefen zugehen lassen. Es ist mir tröstlich, daß ich diesmal mit Georg, der auch aufs heftigste hineingezogen war, in Urteil und Haltung sachlich übereinstimmte. Aber es bleibt bei dem betrübenden Resultat, daß wir es dort drunten mit einer theologisch völlig, aber auch völlig unzuverlässigen Gesellschaft zu tun haben, und nicht genug kann ich dir dankbar sein, daß du vor einem Jahr den Plan einer ausgerechnet mit diesen Leuten herauszugebenden Postille zu Fall gebracht hast.40 Außer dieser Sache sind |328 dann noch zwei andere, mehr «seelsorgerlich» zu behandelnde Fälle schwieriger Schüler im Gang, deren einer — ich bin ihm positive Bezugsperson, aber eine andere, negative, macht ihm nur umso mehr zu schaffen — mich neben allem Anderen nun auch noch als Meister der Psychologie zu verehren sich anschickt. Wenn er nur nicht meinen heilsamen Ratschlägen immer wieder entfliehen würde! Der andere beansprucht nicht weniger als unter lautem Appell an 1.Kor. 7,9 mit einem Mädchen traulichen Verkehr zu pflegen, und nun steigt mir deren Vater, ein Oberpostsekretär, in nicht unverständlichem Zorn auf die Bude, und ich habe viel zu tun, nach allen Seiten abzuwinken, zu beschwichtigen, aufzuklären, was da an bösen und mißverständlichen Worten hin und her fliegt. Doch derartige Stücklein kennst du ja besser als ich. Eduard, die Menschheit ist doch wirklich eine verworrene Angelegen|329heit, und ganz besonders die Sexualethik ist vorläufig, d. h. bis du uns das entscheidende Buch darüber geschenkt haben wirst41, eine immer wieder sich verdunkelnde Angelegenheit.
Doch nun habe ich beinahe schon vier Seiten lang nur von mir erzählt und kann mir doch lebhaft genug denken, daß dir Manches von dem, was ich da vor dir ausbreite, neben Dingen wie etwa dem Großkampf der Weihnachtszeit (in dem du, wenn dieser Brief dich erreicht, wohl mitten drin stehst) reichlich unwichtig vorkommen mag42. Der erste von den vorhin erwähnten Patienten hat mich zwar heute mit dem Wort «Procul Academia non est bene vivendum» bekannt gemacht, aber ich habe ihm das energisch durchgetan43. Das Gedränge mit einer wirklichen Gemeinde ist wahrscheinlich doch das bessere Teil gegenüber der Sorge um die Kirche, bei der es immer nur um die «Forschung und Lehre» geht. Ach ja, verlier den Mut nicht in deinem, unserem Basel, dessen Predigthörer ja gewiß auch in der Weihnachtszeit von ferne nichts mit den Hirten auf dem Feld gemeinsam zu haben scheinen. Ich habe damals bei Werenfels so intensiv nach dem Münsterplatz denken müssen, wo Alles auch schon im 18. Jahrhundert ungefähr so ausgesehen hat wie jetzt und wo auch von deiner Kanzel zwar «vernünftige Orthodoxie» verkündigt wurde, aber Erasmus lag schon damals nicht nur in seinem Grab gegenüber dieser Kanzel44, sondern vor Allem mit seinem Modergerüchlein in der Luft aller jener Pfarr- und Professoren|330häuser der «guten alten Zeit». Wird es wohl dort je gelingen, ihn auszutreiben, oder gehört es zur dortigen Form der Gebrechlichkeit der irdischen Gestalt der Kirche Gottes, daß es dort immer ein wenig nach Erasmus riechen wird? Ich kann mir jedenfalls denken, was es für eine Last bedeuten mag, jahraus jahrein gegen diesen Dämon anzugehen.
Denk, es hat mir fast leid getan, daß du mir so streng verboten hast, von dem, was du mir über Heiner schriebst, ihm gegenüber Gebrauch zu machen, denn ich wäre wirklich froh gewesen, ihm das verbotenus vorlesen zu dürfen. Er steckt — nicht persönlich, aber sachlich — nicht in guten Schuhen, irgendwo hoch droben über allerlei Wolkenschichten, über die er sich so glücklich erhoben hat, daß er nur in ganz seltenen Fällen (in Bremen45 scheint ein solcher mindestens für sein Bewußtsein stattgefunden zu haben) mit jemandem wirklich ins Gespräch kommen kann. Auch der Knabe Orten kam hinsichtlich seiner irgendwie etwas kopfschüttelnd aus Basel zurück. Aber du hast vielleicht recht, daß es keinen Zweck gehabt hätte, ihn durch Mitteilung jener Sätze wahrscheinlich doch nur zu reizen, sondern wir sind vielleicht mit ihm dran wie mit Georg, d. h. so, daß wir uns entschließen müssen, ihn nicht mehr anders machen zu wollen, sondern so zu konsumieren, wie er eben nun einmal ist. Wenn er einen nur nicht immer wieder so dauerte. Daß du damals mit dem eben erwähnten Georg so gründlich geredet hast46, hat sicher insofern gute Früchte getragen, als er dann in ziemlicher Lindigkeit hier anrückte.47 Worauf sich dann freilich doch noch etwas Seltsames ereignete: Wir hatten uns gut über alle in Betracht kommenden Differenzen48 unterhalten, und nun machte ich den Vorschlag, Georg solle das, was ungeklärt immer noch übrig zu bleiben schien, in einem an mich zu richtenden offenen Brief (im Namen jener Vielen, auf die er sich doch in der ganzen Sache berufen hatte) zur Darstellung zu bringen, in ZdZ abdrucken, wo ich dann allem Volk meine Antwort geben und so das Meine zur Beseitigung der umgehenden Nebelschwaden tun wolle. Georg stimmte dieser (als in gegenseitiger Verständigung über Inhalt und Wortlaut gedachten) amica exegesis49, wie |331 es schien, sogar freudig zu, noch bei der Abfahrt am Bahnhof wurde freundlich davon gesprochen. Aber siehe da, erst bleibt viele Wochen Alles stumm, und dann erfahre ich auf einmal durch Helmi Vischer, Georg möge nun doch nicht. Später kam dann die Münchener Geschichte, und nun wird sehr wahrscheinlich die ganze Angelegenheit, so unerledigt wie manche andere, in irgend einen Keller wandern, wo Georg, der gute Georg, einige ähnliche Dinge unaufgearbeitet liegen hat, bis sie bei irgend einem Anlaß in diesem Zustand wieder an die Oberfläche gerät, um daselbst sicher nicht zum Frieden zu dienen. Ein Glück, daß wir, wie gesagt, in der Münchener Sache im Entscheidenden einig waren, obwohl auch da die Grenzen des Einverständnisses unverkennbar hervorguckten. Wir werden wohl auch in dieser Hinsicht mit nicht wenig Ballast beladen ins neue Jahr hinüberzugehen haben.
Lieber Eduard, du hast mir nun gar nichts geschrieben über das, womit ich dich zur Weihnacht erfreuen könnte, und so wird es geschehen, daß du morgen Abend gänzlich ohne Zeichen von mir sein wirst. Ich habe nun Lemppius Anweisung gegeben, dir ein Buch zu schicken, das für mich sehr wichtig ist, nämlich das «Kirchliche Jahrbuch 1932»50, das jetzt statt von jenem fatalen Schneider51 von dem wirklich in guter Fahrt befindlichen Pfarrer Lic. Sasse52 in Berlin herausgegeben wird. Du wirst darin als positiv Erfreuliches die allgemeine Rundschau und den Bericht über die ökumenische Bewegung von Sasse selbst53 finden, aber daneben doch auch allerlei Interessantes aus anderen Federn, deren Darstellungen und Urteile man dann freilich sehr unter die Lupe nehmen muß. Du wirst dort z. B. ersehen, in welcher Form sich unsere Of|332fiziellen nun schließlich mit der fatalen Devaheimangelegenheit auseinandergesetzt haben.54 In der liberalen Presse ist jetzt schon ein Wutgeheul über dieses Jahrbuch, das wegen seiner Statistik etc. in alle Pfarrhäuser kommt und in allen Bibliotheken aufgestellt werden muß — eine Division, die plötzlich zum Feind übergegangen ist und auf die eigenen Leute zu schießen beginnt. Das Protestantenblatt schimpft wie ein Rohrspatz, das deutsche nämlich55, und vielleicht weiß auch Hans Baur bald über diesen Fall etwas zu berichten56. Auf den exponiertesten Posten streitet man jetzt nämlich bereits darüber, ob man unsere Theologie geradezu exklusiv als die einzig mögliche proklamieren dürfe!!57
|333 Eduard, welch ein Getümmel, wohin das Auge blickt! So muß es sein in einer Reiterschlacht, wo hier einer mit seinem Spieß gleich zwei miteinander durchbohrt, dort ein herrenlos gewordenes Pferd in die Ferne stürmt, dort einer etwas schreit, auf das niemand hört, dort jemand die Trompete bläst und dort etliche der Sicherheit halber die Flucht ergreifen. Wenn es einmal — um auch in diesem Brief Lollos Lieblingsgedanken von meinem herannahenden Alter nicht unerwähnt zu lassen — soweit ist, daß wir uns gemeinsam in Riehen niederlassen58, dann werden wir wenigstens sagen können, bei Einigem dabeigewesen zu sein59, und unser aus zahnlos gewordenem Mund gestammeltes Jäjäjä! wird den Gehalt wirklicher Erfahrung und Durchdierollegezogenseins60 nicht ganz vermissen lassen. Aber freilich, die Entscheidung darüber, ob das alles nun eigentlich gut oder nicht gut gewesen ist, werden wir auch dann keineswegs zu fällen haben, wie sinnige Worte dann auch (noch etwas später) irgend ein begabter junger Mann im Nekrolog der Basler Nachrichten über uns schreiben mag.
Eduard, ich hätte dir noch Vieles zu erzählen. Aber dieser Brief muß doch auch einmal ein Ende haben. Ich darf nun in diesen Wochen Rousseau lesen, den ich mir in einer schönen, alten Ausgabe antiquarisch angeschafft habe.61 Es liegt aber auch eine geradezu giftig angeschwollene blaue Mappe mit unerledigter Korrespondenz neben mir: dutzende und dutzende von wichtigen und unwichtigen Anliegen aller möglichen Mitmenschen in der Nähe und Ferne, auf die zu antworten ich in diesen Wochen einfach nicht auch noch fertigbrachte, und wer weiß, wieviel davon endgültig liegen bleiben wird. Denk, ich habe für |334 den 12. März einen Vortrag in Kopenhagen62 angenommen, und nun kommt natürlich die dortige reformierte Gemeinde und will gleich auch noch eine Predigt von mir haben, was ich ja kaum abschlagen kann63. Nachher darf ich dann wahrscheinlich wieder auf 1 1/2 Wochen nach Koblenz zu den Prüfungen. Aber nachher fahre ich sicher ein wenig mit Lollo in die Schweiz.64 Und jetzt, in diesen schönen, erwünschten Weihnachtsferien, werde ich mich mit etlichen Ritten durch Feld und Wald schadlos zu halten wissen, z. B. morgen früh wieder. Das Pferd, das ich jetzt reite, heißt «Irrwisch» und benimmt sich manchmal diesem Namen entsprechend.
Den inneren Schwierigkeiten unseres Hauses ist in der Regel dadurch gewehrt, daß die Arbeit alle müde macht und zu Betrachtungen kaum Raum bleibt. Fränzeli steigt ihrer in 2 Monaten zu bestehenden Maturität entgegen: nachher hat sie ein Engagement als Erzieherin oder was weiß ich in Schweden.65 Markus, dein Patensohn, ist wohl noch etwas gewachsen und beschäftigt sich in seinen Mußestunden mit deutsch-französischer Verständigung, wobei er aber scheints neuerdings von allzu rheinbündlerisch gesinnten Deutschen in der Richtung auf… deutsche nationale Würde abrücken muß (o Hirsch, wenn du wüßtest …!66), und das Allerneueste ist sein Verkehr in einem Zirkel von rich|335tiggehenden — Kommunisten, wo er in das Kommunistische Manifest und andere Geheimnisse unserer Sowjetzukunft sich freudig einweihen läßt.67 Er ist das mir nächste und verständlichste unter meinen verschiedenen Kindern. Stöffeli verharrt in geruhiger Betrachtung des klassischen Altertums, von dem er schon viel mehr weiß als sein Vater. Matthisli macht wirklich bemerkenswerte Scherenschnitte und andere Kunststudien, gerne auch anatomischer Art, ist aber in der Mathematik in der Schule so völlig leistungsunfähig (ein schlimmes Erbteil von mir, aber so gänzlich habe ich doch nicht versagt68), daß sein Weihnachtszeugnis die schlimme Drohung enthielt, daß er im Frühjahr in Sachen der Versetzung bedroht sei. Hansjoggeli wird ein wenig von jedermann verwöhnt, und ich weiß nicht, ob aus dem nicht einmal ein rücksichts|336loser Rennfahrer oder ein geriebener Geschäftsmann oder etwas Derartiges wird: er bekommt morgen zur Weihnacht von dem ihm besonders gewogenen Studenten Traub, der in unserem Hause wohnt, eine Schildkröte, die in einer Kiste bereits anwesend ist und ein sehr nachdenkliches Gesicht macht, was ihr auch ganz angemessen ist, da sie zwar erst 16 Jahre alt sein, aber ich weiß nicht ob 100 oder 500 Jahre alt werden soll. Dieses Tier wird nun also inskünftig das der Schöpfung zugekehrte untere Ende unserer Hausgemeinschaft bilden. Nun aber wirklich Schluß. Habe mit all den Deinigen eine gute Weihnacht und einen guten Jahresanfang! Willst du diesen Brief auch Rudis vorlegen, denen ich in diesen Tagen noch extra schreibe.
Es grüßt dich von Herzen