Mit der Ev.-ref. Gemeinde Barmen-Gemarke war Barth seit 1933 verbunden.1 Die Gemeinde trug calvinistisch-pietistisches Gepräge, das Presbyterium gehörte zu den wenigen kirchlichen Gremien, die sich im Herbst 1933 geschlossen gegen die Deutschen Christen wandte. Von Pastor Harmannus Obendiek (1894–1954) ging im Juni 1933 einer der Anstöße aus, die Barth zu seiner Schrift «Theologische Existenz heute!» veranlaßten; Pastor Karl Immer (1888–1944) regte im Oktober 1933 den Zusammenschluß der reformierten Gemeinden an. In Gemarke tagte am 3. und 4. Januar 1934 in der Kirche und im Gemeindehaus im Klingelholl die erste Freie Reformierte Synode, auf der Barth referierte; dort wurde die «Erklärung über das rechte Verständnis der reformatorischen Bekenntnisse in der Deutschen Evangelischen Kirche der Gegenwart» abgegeben2; dort kam vom 29. bis 31. Mai 1934 die erste Bekenntnissynode zusammen, auf der die Barmer Theologische Erklärung verabschiedet wurde. In Gemarke hielt Barth am 3.2.1935 auf der Vertrauensmännertagung des Rheinisch-Westfälischen Gemeindetages eine Predigt.3 Mit den Pastoren Paul Humburg (1878–1945) und Karl Immer stand Barth während der letzten Monate seines Aufenthaltes in Deutschland von Bonn aus in lebhaftem Briefkontakt, die Pastoren ließen Barths Verteidigungsschrift für die Revision gegen das Kölner Urteil, durch das Barth mit Dienstent|2lassung bestraft worden war, sogar «als Manuskript» drucken. Das Presbyterium bat Barth, regelmäßig in Gemarke zu predigen.
Als Barths Weggang nach Basel bekannt wurde, beschloß das Presbyterium, Barth einen Abschiedsbrief zu schreiben, den Pastor Obendiek verfaßte und der am 11.7.1935 von den Gliedern des Presbyteriums unterzeichnet wurde: den sechs Pastoren, den beiden Kirchmeistern, dem Ehrenältesten, den zwölf Ältesten und den acht Provisoren. Der Brief wurde von Pastor Immer am 28. Juli persönlich in Basel überreicht und Barth vorgelesen.4 Barth antwortete am 12.8.1935 mit einem Briefe, den er an «das Ehrwürdige Presbyterium der Evangelisch-Reformierten Gemeinde Barmen-Gemarke» richtete; als Absender gab er seine neue Basler Adresse und seine Ferienadresse an: «Basel, St. Albanring 186, z. Zt. Bergli, Oberrieden (Kt. Zürich)».
Beide Briefe wurden von Pastor Kolfhaus in der Reformierten Kirchenzeitung abgedruckt5, der eine ohne die Unterschriften aus Gemarke und der andere ohne Barths Briefkopf. Kolfhaus kommentierte den Brief aus Gemarke im Vorspann am 4.8.1935 so: «Dem in seine Schweizer Heimat zurückgekehrten Professor D. Karl Barth ist bei seinem Scheiden ein Gruß mitgegeben worden, wie er nicht oft einem akademischen Lehrer dargebracht worden ist. Sonst pflegen vielleicht die Amtsgenossen und Schüler eines Professors ihm beim Abschied ein Zeugnis ihrer Achtung und ihres Dankes zu geben. Aber daß ein Presbyterium im Namen und im Auftrag einer Gemeinde einem Professor, der gar nicht einmal unter ihr gewohnt und nur hin und wieder bei besonderen Gelegenheiten in ihrer Mitte geweilt hat, das Wort nimmt, um dem Professor zu sagen, wodurch er sich die dankbare Liebe der Gemeinde erworben hat, das ist eine solche Seltenheit, daß der Gruß des Barmen-Gemarker Presbyteriums an dieser Stelle unserer reformierten Kirche bekannt gemacht werden darf in der Gewißheit, daß |3 zahlreiche unserer Gemeinden sich im Geist ihm anschließen werden.» Der Brief des Presbyteriums an Barth wurde 1951 noch einmal abgedruckt.6
Sehr geehrter Herr Professor!
Das Presbyterium der Evangelisch-reformierten Gemeinde Barmen-Gemarke fühlt sich gedrängt und weiß sich verpflichtet, Ihnen ein Wort zu sagen, nachdem – entgegen unseren Wünschen und Hoffnungen – Ihr Weg Sie gen Süden über die Grenze geführt hat. Wir wagen es zu bezeugen, daß solch ein Wort unserer Gemeinde an Sie wohl begründet ist.
Wir gedenken in Dankbarkeit des Dienstes, den Sie unserer Gemeinde mehr als einmal mit der Verkündigung des göttlichen Wortes erwiesen haben. Sie standen auf der Kanzel, auf der Friedrich Wilhelm Krummacher7 seine in Redekunst und Phantasie glänzende Tätigkeit entfaltete. Freilich, die Zeiten sind andere geworden, in denen wir es gelernt haben, von der Kunst der Rede und Phantasie in der Kirche bescheiden zu denken. Es sind ja auch die Zeiten vorbei, in denen ein Prediger von Gemarke Hofprediger in Potsdam werden konnte. Aber dafür sind die Zeiten auch angebrochen, in denen Sie als Lehrer der Kirche unsere Gemeinde daran erinnern konnten, daß die Kirche im Neuen Testament sich immer auf Reisen befindet.8 Ein solcher Hinweis soll uns das Klagen verwehren, wenn wir Sie nun selber als Glied dieser Kirche auf Reisen sehen müssen und wir selber nachdrücklich daran erinnert werden, daß wir Glieder der kämpfenden Kirche sind.
4Sie wissen, daß unsere Gemeinde von Anfang an in den Kampf hineingestellt worden ist, der als Kirchenstreit in Deutschland durch die Lande geht und doch nur einen Ausschnitt aus dem Kampfe darstellt, der der Kirche Gottes verordnet ist, bis der Herr wiederkommt. In diesem Kampfe wußte unsere Gemeinde sich mit Ihnen verbunden. In solcher Verbundenheit danken wir es dem Herrn der Kirche, daß er uns auch durch Ihren Dienst aufgerufen hat, die anderen Schwerter der Welt zu überlassen und selber das Schwert des Geistes zu nehmen, welches ist das Wort Gottes.9
Durch Ihren Dienst sind in dem vergangenen Jahrzehnt die Diener am Wort aufgerufen worden, sich abzukehren von den löcherichten Brunnen der Welt, die kein Wasser haben, und umzukehren zu der gesunden Lehre des Wortes Gottes.10 So gedenken wir nicht nur Ihrer Schriften, die in den letzten zwei Jahren uns zur «Theologischen Existenz» gerufen haben. Wir wollen nicht vergessen, daß der Herr uns mit seiner Vorsehung freundlich geleitet hat, so daß Ihre Arbeit unter uns nicht erst im Jahre 1933 begann. Ihr Wächterruf «Quousque tandem»11 ließ uns im Presbyterium aufhorchen!
Wenn wir mit Ihnen sonderlich durch das Bekenntnis unserer Kirche verbunden waren, so ging es Ihnen wie unserer Gemeinde wahrlich nicht darum, ein Stück der kirchlichen Vergangenheit in eine neue Zeit hinüberzuretten. Wir dürfen es aus der Geschichte unserer nach Gottes Wort reformierten Gemeinde bezeugen, daß der Herr sie fort und fort durch das Bekenntnis zu seinem Wort gerufen hat. Und wenn Sie durch Ihren Dienst die reformierte Kirche in Deutschland und auch unsere Gemeinde mit Nachdruck in solcher Verantwortung gerufen haben, so mag es dahin kommen, daß Ihr Wort, auch wenn Sie von uns geschieden sind, weiter klingt und weiter wirkt, damit die Kirche hier und allerorten es lerne, nach dem Herrn und seinem Wort, nach seiner Gnade und seiner Macht zu fragen.
5Wie sollte in allem Abschiednehmen dort, wo eine Verbundenheit geschenkt war und dankbar hingenommen wurde, nicht auch ein menschliches Bedauern und die Wehmut ihr Recht fordern! Eben damit drängt sich uns die Frage auf, ob nun alles so kommen mußte. Wir haben nicht die Vollmacht, heute zu sagen, daß es nicht anders ging und daß es so recht war. Wir stehen vielmehr vor der Tatsache, daß Sie nun dort und wir hier sind. Diese Tatsache sagt uns nun, daß wir in die Bewährung gestellt sind. Nun muß es noch an den Tag kommen, ob wir nur ein Jawort zu Ihrer Theologie gefunden hatten oder ob Ihre Theologie uns in der Tat den Dienst geleistet hat, daß wir auf das Wort Gottes zu hören und darum zu beten bereit sind, daß in diesem Wort Jesus Christus uns durch den heiligen Geist verklärt werde, auf daß unser Glaube nichts anderes sei als der Glaube an den dreieinigen Gott. So wollen wir um die Last unserer Verantwortung wissen im Blick auf die Kirche in Deutschland, im Blick auf die theologische Jugend und im Blick auf uns selber.
Wir wissen es, daß die Sorge um die Bekennende Kirche in Deutschland Ihre Sorge war und daß unter all dem, was Sie an freundlichen oder auch weniger freundlichen Erinnerungen an die Kirche in Deutschland mitgenommen haben, die Sorge um diese Kirche nicht fehlt. Wo aber die Sorgen um die Kirche Menschen bedrängen, da können es doch nur Sorgen derer sein, die den Herrn der Kirche kennen und bekennen. So werden die Sorgen um die Bekennende Kirche in Deutschland, der nicht nur durch Ihren Weggang immer mehr menschliche Stützen entzogen werden, zum Gebet, in dem wir mit allen Verlegenheiten und Enttäuschungen zu dem Herrn fliehen, dem es ein Kleines ist, durch viel oder wenig zu helfen.
So wissen wir uns mit solchem Gebet als Glieder der Kirche, die keine irdischen Grenzen kennt. In solcher Gliedschaft bitten wir den Herrn der Kirche, er wolle Sie und uns erleuchten, Sie und uns gebrauchen in seinem Dienst und es dahin wenden, daß auch Ihr Weggang von uns nur zur Förderung des Evangeliums gereichen möchte. Wie das sein kann, befehlen wir dem, der da heißt «Wunderbar-Rat».12 Wo wir meinen, daß die Berge weichen und die Hügel hinfallen13, dürfen wir Sie und uns an das Siegel unserer Gemeinde erinnern. |6 Wenn das Schifflein der Kirche Jesu Christi, den Wogen preisgegeben, nur seinen Anker in den Felsen Christus geworfen hat, so wird in allem Wandel und Wechsel, in der Gemeinsamkeit und in der Einsamkeit, in Bedrückung und Bedrohung, in Sieg oder Niederlage, im Leben und im Sterben das Wort gelten:
«Hac nitor immota.»14
In Dankbarkeit und ehrerbietiger Begrüßung
Das Presbyteriumder
Evangelisch-reformierten Gemeinde Barmen-Gemarke
Hochgeehrte Herren und Brüder!
Ihr Mitglied, Herr Pastor Immer, hat mir in Ihrem Namen und Auftrag das Schreiben überbracht und vorgelesen, mit dem Sie mich anläßlich meines vorläufigen Abschieds von der Universität Bonn und damit auch von der evangelischen Kirche des Rheinlands gegrüßt und so überaus freundlich ausgezeichnet haben.
Ich danke Ihnen für dieses mich ungemein bewegende Zeichen christlich-kirchlicher Gemeinschaft. Ich danke Ihnen auch für das Geschenk der Geschichte Ihrer Gemeinde, mit dem Sie Ihren Brief begleitet haben.15 Der Einblick in die in diesem Buch dargestellten Zusammenhänge zeigte mir aufs Neue die ganz besondere Bedeutung des Wortes, das Sie in Ihrem Brief an mich richten wollten.
Ihre Gemeinde wollte von Anfang an und in all den wechselnden Umständen ihrer Vergangenheit zuerst und vor Allem Kirche sein. Als solche hat sie sich auch in diesen Jahren des Kampfes bewähren |7 wollen. Als Wort der Kirche nehme ich auch das entgegen, was Sie mir geschrieben haben. Ich bin froh darüber, daß Sie mir in dieser Weise noch einmal die konkrete Verantwortung vor Augen geführt haben, die mir selber immer mehr zum Sinn auch meiner akademischen Professur geworden ist. Ich glaube in dieser wie in anderer Hinsicht im Rheinland etwas gelernt zu haben.
Was die Umstände meines jetzigen Übergangs nach Basel betrifft, so bitte ich Sie, liebe Herren und Brüder, mir zu glauben, daß sich, von mir her gesehen, ein Stein oder Glied so sehr zum andern fügte, daß mein Entschluß mir schließlich als eine Notwendigkeit vor die Füße gelegt war, an der ich nichts mehr zu ändern finden konnte. Seien Sie nur ganz gewiß, daß ich auch von der Schweiz aus und inmitten der neuen Aufgaben, die meiner hier warten, die Wahrheit von der Einheit und Allgemeinheit der Kirche, die uns in den letzten Jahren so oft mahnend und tröstend begegnet ist, nicht aus dem Augen lassen möchte und daß ich mich also nach wie vor allen Ernstes auch zu Ihnen gehörig weiß. Geistliche Verpflichtungen sind unwandelbar, auch wenn die äußern sich wandeln und vielleicht je und je wandeln müssen. Ich weiß nicht, ob das bedeutet, daß ich auch in Zukunft das eine oder andere Mal persönlich unter Ihnen sein und Ihnen so oder so dienen darf. Dies aber bedeutet es sicher: daß ich auch in der Ferne die betende und arbeitende Gemeinde von Barmen-Gemarke mit ihren Pastoren und Ältesten in meinen Gedanken festhalten werde.
Die evangelische Kirche in Deutschland geht wohl immer noch weitern schweren Zeiten entgegen, und man braucht kein Prophet zu sein, um vorher zu sehen, daß es früher oder später auch in andern Ländern zu Zeiten der Anfechtung und des Bekenntnisses kommen müssen wird. Lassen Sie uns herüber und hinüber uns die Hände darauf geben, daß wir bereit sein wollen, uns durch das Wort, das die Kirche gründet und trägt, immer wieder freudig und gewiß machen zu lassen.
Indem ich Sie und mich dem Schutz und der Leitung dessen befehle, der treu war, ist und sein wird inmitten unserer alten und neuen Untreue, bin ich mit herzlichem Gruß