IX
VORWORT
Der vorliegende Band enthält diejenigen Offenen Briefe, die Karl Barth seit seiner Absetzung als Theologieprofessor in Bonn und seiner Rückkehr nach Basel im Sommer 1935 bis Ende 1942 geschrieben hat. Die meisten haben, direkt oder indirekt, den Nationalsozialismus in Deutschland und Europa zum Thema. Barth warnte vor ihm und rief einzelne, Christen, Kirchen, Völker, Staaten dazu auf, sich auf ihre Fundamente zu besinnen und von ihnen aus Widerstand zu leisten.
Barth schrieb an viele Menschen in vielen Ländern. Von den 45 Offenen Briefen aus diesen Jahren gingen 17 in die Schweiz, 10 nach Deutschland, 9 nach Westeuropa, 4 nach Ost-, 2 nach Nordeuropa und 3 nach Amerika. 12 waren an Einzelpersonen gerichtet, 8 an kirchliche Gremien, 4 an jeweils mehrere Theologiestudenten oder Pfarrer, 8 allgemein an die Christen bestimmter anderer Länder, 9 an Zeitungen und je einer an an die Juden in der Schweiz, an Schweizer Soldaten, den Schweizerischen Bundesrat und die Öffentlichkeit der Schweiz.
Die politischen Umstände brachten es mit sich, daß längst nicht alle Offenen Briefe dieser Zeit alle Merkmale klassischer Offener Briefe zeigen: Ort und Datum, Anrede und Briefabschluß, Abdruck unter Barths Namen in einem Publikationsorgan. In den verschiedenen Phasen dieses Jahrzehnts kam es vielmehr zu unterschiedlichen Ausprägungen.
Aus der ersten Phase, den drei Jahren vom Sommer 1935 bis zum Sommer 1938, entsprechen noch vier Briefe dieser Form, drei an Schweizer Zeitungen (Nr. 7, 12 und 13) und eine telegraphische Antwort auf eine Anfrage einer schwedischen Zeitung über den deutschen Kirchenkampf (Nr. 2). Eine Zuschrift Barths an den Schweizerischen Ev. Pressedienst trug nur seine Initialen (Nr. 16), und auch als Verfasser zweier Texte (Nr. 10 und 11), die er im Auftrage mehrerer Pfarrer verfaßte und die dann an alle reformierten Pfarrer und kantonalen Kirchenräte gerichtet waren, trat Barth gar nicht namentlich in Erscheinung, sondern nur als einer von mehreren Unterzeichnern. Die acht Briefe, die nach Deutschland gingen, wurden dort von den Empfängern, mehr oder weniger gekürzt, gedruckt oder vervielfältigt oder auch nur unter der Hand als Flugblätter weitergegeben.
XAus dem letzten Vorkriegsjahr sind zehn Offene Briefe ganz verschiedener Form bekannt. Am Anfang steht Barths berühmtester Offener Brief an Prof. Hromádka in Prag (Nr. 17) wenige Tage vor dem Abschluß des Münchener Abkommens, der dann in mehr oder weniger vollständiger Form in verschiedenen Ländern nachgedruckt und dadurch in Europa und in Übersee bekannt wurde; Barth schrieb diesen hellsichtigen Brief als Privatbrief, ermutigte aber den Empfänger schon in einer Nachschrift – wie Martin Rohkrämer
festgestellt hat1 –, ihn öffentlich zu verwenden. Ihm folgten drei Antworten Barths auf Anfragen zum Hromádka-Brief (zwei aus Holland, eine aus Ungarn), die in den Empfängerländern gedruckt wurden. Dagegen wurde von drei warnenden Briefen aus dem Frühjahr 1939 nur einer im Wortlaut veröffentlicht, eine Zuschrift an die Neue Zürcher Zeitung (Nr. 25), wogegen ein Entwurf für einen Brief, den die Ökumene an die deutschen Landeskirchenführer richten sollte (Nr. 23), nur in einer anonymisierten Überarbeitung an die Öffentlichkeit kam und ein von Barth zur Veröffentlichung freigegebener Brief an einen nationalsozialistischen Pfarrer in Rumänien (Siebenbürgen) dann doch unveröffentlicht blieb (Nr. 24).
Aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges enthält dieser Band 19 Offene Briefe Barths, die alle bis Ende 1942, vor der Wendung des Krieges, geschrieben wurden. Am Anfang des Krieges wurden noch mehrere Briefe in Länder, die sich mit Deutschland im Kriegszustand befanden, auf verschiedene Weise gedruckt: ein Brief nach Kanada innerhalb einer Einleitung zu einem Buch über den Krieg (Nr. 26), einer an den englischen Bischof Bell in einer französischsprachigen Zeitung (Nr. 27), ein Brief in das noch freie Frankreich in dortigen Zeitschriften (Nr. 28) und einer nach Holland auf ähnliche Weise (Nr. 29). Nach dem Einmarsch der Deutschen wurden Auszüge aus einem zweiten Brief nach Frankreich in einem Flugblatt verbreitet (Nr. 30). Wegen der Schweizer Zensur wurde 1941 ein Offener Brief nach England (Nr. 34) über die britische Botschaft und 1942 einer nach Amerika (Nr. 42) über die Ökumene in Genf ans Ziel seiner Bestimmung |XI gebracht und dort jeweils als Broschüre und in Auszügen veröffentlicht. Im Winter 1941/42 waren Botschaften an die Christen in Deutschland (Nr. 38) und in Norwegen (Nr. 39) nur noch über den Londoner Rundfunk zu vermitteln, und 1942 mußten zwei Briefe in die Niederlande förmlich geschmuggelt werden (Nr. 40 und 43). 1943 und 1944 hat Barth darauf verzichtet, sich mit Offenen Briefen an die Öffentlichkeit zu wenden.
Alle diese Briefe kamen in den Bestimmungsländern unter Barths Namen an die Öffentlichkeit; einige wurden nach oder vor ihrer Veröffentlichung in der Schweiz verboten. Veröffentlicht wurden dort unter Barths Namen nur ein Brief an Schweizer Soldaten zu Weihnachten 1940 (Nr. 32), zwei Zuschriften an Zeitungen (Nr. 33 und 35) und eine kurze Stellungnahme Barths über die notwendige Hilfe für Flüchtlinge (Nr. 41). Hingegen blieb ein Leserbrief an eine Basler Zeitung wegen seines politisch brisanten Inhalts ungedruckt (Nr. 36); ein Brief an den Schweizer Bundesrat wurde von einem kirchlichen Gremium übernommen, ohne daß Barth als Verfasser genannt und der Text in der Öffentlichkeit bekannt wurde (Nr. 37); und eine Anfrage an den Schweizerischen Ev. Kirchenbund, die Barth verfaßt hatte, wurde von einer Reihe von Schweizern, aber nicht von Barth unterzeichnet (Nr. 31).
Barth hat schon während des Krieges in Übereinstimmung mit seinem Verlag den Plan gefaßt, nach Kriegsende eine Sammlung von Texten, auch gerade den von der Zensur unterdrückten, zu veröffentlichen. Nachdem eine französische Zusammenstellung mehrerer Briefe und anderer Texte bereits 1944 unter dem Titel Une voix Suisse
📖 publiziert worden war2, veröffentlichte er 1945 im Evangelischen Verlag A. G. Zollikon-Zürich in einem Band unter dem Titel Eine Schweizer Stimme 1938-1945
📖 insgesamt 26 Texte, darunter zwölf Vorträge resp. Aufsätze und ebenso viele Offene Briefe, dazu die beiden genannten Radiobotschaften.3 Den Vorgang kommentierte er selbst in einem Brief vom 30. Juli 1945 nach Prag:
«Diesen Herbst erscheint von mir nicht nur ein erster Teil von KD III
📖, sondern auch ein Sammelbuch unter dem Titel ‹Eine Schweizer Stimme |XII 1938-1945›. Da wird gleich am Anfang auch der berühmte Brief an Hromádka noch einmal zu lesen sein und dann ziemlich viel, was ich in diesen Jahren im selben Sinn gesagt und geschrieben habe. Ich hätte mir früher nicht vorstellen können, daß ich noch einmal so tief in die theologisch-politische Schriftstellerei hineingeraten würde, wie es nun geschehen ist. Aber wer hätte sich auch etwas wie Hitler und sein Reich im Voraus vorstellen können. Die Folge kann nur sein, daß mein Leben zur Vollendung der KD
📖 zu kurz sein wird oder daß ich sie doch nur noch etwas greisenhaft zu Stande bringen werde. Das muß nun in Kauf genommen werden. Es ist wahrscheinlich gut so, daß niemand so nach Programm leben kann, wie man es wohl gerne möchte.»4
Barth hat 1945 nicht alle Offenen Briefe der Vorjahre wieder veröffentlicht, keinen von denen, die er anonym verfaßt hatte, einige andere wohl darum nicht, weil er die Empfänger nicht nachträglich kompromittieren wollte, andere vielleicht deshalb nicht, weil er sich ihrer nicht mehr entsann.5 Der vorliegende Band versucht, alle überlieferten Offenen Briefe zu vereinigen. Eine besondere Schwierigkeit stellte die Tatsache dar, daß Barth mehrere Offene Briefe zusammen mit Gleichgesinnten unterzeichnet hat. Dabei war für die Öffentlichkeitswirkung manchmal weniger wichtig, wer diese Texte verfaßt hatte, als vielmehr, wer sich mit seinem Namen dazu bekannte. Barth hat vor allem zwei bedeutsame Texte zur Situation der Juden mit unterzeichnet, die von Wilhelm Vischer verfaßt worden sind. Wegen deren Bedeutung für die Öffentlichkeit sind das Memorandum Das Heil kommt von den Juden vom Oktober (!) 1938 und der Weihnachtsbrief an unsere Juden vom Dezember 1942 – beide von Vischer verfaßt und von Barth und anderen Christen mit unterzeichnet – hier aufgenommen worden.
Die verschiedenen Umstände, unter denen die Briefe dieses Bandes geschrieben, abgesandt, übermittelt und verbreitet wurden, erforderten besondere Aufmerksamkeit. Wie in den beiden anderen Bänden Offener Briefe (1909–1935
📖 und 1945–1968
📖) ist versucht worden, in Einleitungen die Situationen, die Adressaten, den Weg der Briefe dar|XIIIzustellen; Anfragen wie Reaktionen von Barths Briefpartnern sind im Überblick oder im Wortlaut mit abgedruckt worden. Für einige Briefe erschien es nötig, die komplizierte Geschichte der Entstehung und der verschiedenen Abdrucke ausführlich zu beleuchten. Das traf in besonderem Maße für Barths Brief an Hromádka zu, dessen Weg durch die Publikationen im einzelnen nachgezeichnet wird.
Bei der Bearbeitung der Anmerkungen war mir der Gesichtspunkt maßgebend, daß Barths Texte sowohl für Theologen als auch für Politologen und Historiker erklärt werden sollte; so wird jeder allerdings für sein Fach womöglich mehr Anmerkungen finden, als er es für nötig hält. Da in den letzten Jahren mehrere Bücher erschienen sind, die zur Verdeutlichung des Umfelds von Offenen Briefe beitragen, ist auf diese Bezug genommen worden. Alle unveröffentlichten Texte von und an Barth, aus denen in Einleitungen und Anmerkungen zitiert wird oder die als Quelle für einen Sachverhalt angegeben werden, befinden sich im Karl Barth-Archiv in Basel, soweit nichts anderes angegeben ist.
Barths Texte werden auch in diesem Band, wie in seinen beiden Vorgängern, nach den Regeln der Karl Barth-Gesamtausgabe ediert. Wenn für Offene Briefe Barths maschinen- oder handschriftliche Fassungen Barths vorlagen, wurden durch Vergleiche die authentischen Wortlaute hergestellt. Die Texte wurden vorsichtig an die spätere Rechtschreibung angeglichen, wobei jedoch auf Eigenheiten Barths Bedacht genommen wurde. Die uneinheitliche Interpunktion, die bei manchen Texten von Barth, bei anderen jedoch von verschiedenen Redaktoren stammte, wurde durchgängig den später gültigen Regeln angepaßt. Alle Texte wurden vollständig wiedergegeben; bisher nicht abgedruckte Briefteile sind durch das Zeichen ⌜⌝ kenntlich gemacht worden. Bei Wiederabdruck Offener Briefe, die zuvor in der Schweizer Stimme 1938–1945
📖 erschienen waren (Nr. 17, 18, 19, 28, 29, 30, 34, 38, 39, 40, 42, 43), wurde die Originalpaginierung zwischen senkrechten Strichen in den Text eingefügt.
Der Band enthält einen Anhang, der den 1984 erschienenen Band der Offenen Briefe 1945–1968
📖 ergänzt; er umfaßt einmal Angaben zu Barths Brief an einen Pfarrer in der DDR von 1958, Friedemann Goßlau, dessen Name 1984, im Jahr der Publikation des Bandes Offene Briefe 1945-1968, zum Schutze des Empfängers nicht genannt wor|XIVden ist, und zum anderen Partien der maschinenschriftlichen Fassung eines Briefes nach Amerika, der bisher nur in handschriftlichem Entwurf und in englischer Übersetzung bekannt war. Wie die beiden vorigen Bände, so wird auch dieser Band mit einem Nachweis früherer Veröffentlichungen der abgedruckten Texte und mit Registern der erwähnten Bibelstellen und Personen sowie einem Sachregister abgeschlossen.
Ich hätte die Arbeit an Barths Offenen Briefen, die ich 1973 begonnen habe, nicht vollenden können, wenn mich nicht meine Frau, Käte Koch geb. Pagendarm, dabei unverdrossen gestützt hätte. Dankbar bin ich auch den Personen und Institutionen, die mir bei der Erkundung behilflich waren. Stellvertretend für andere nenne ich Frau Hebe Kohlbrugge in Utrecht, die berichtete, wie sie 1942 Barths Brief «An meine Freunde in den Niederlanden» nach Holland brachte und mit ihrer Schwester Hanna vervielfältigte, Herrn Prof. Dr. Eberhard Busch in Göttingen, der mir seine Unterlagen aus dem Schweizer Bundesarchiv zur Verfügung stellte, und Herrn Markus Wildi, der die Nachweise früherer Veröffentlichungen auch für diesen Band vervollständigte. Besonders danke ich Herrn Dr. Hinrich und Frau Elisabeth Stoevesandt, die mich in den ersten Arbeitsjahren angeregt und gefördert haben, und Herrn Dr. Hans-Anton Drewes, dem heutigen Leiter des Karl-Barth-Archivs, der mich in den letzten Jahren unermüdlich beraten, mich in Gesprächen und Briefen unterstützt und mir zugearbeitet hat. Unvergessen bleiben mir Pfarrer Martin Schwarz (†1990) und seine Frau Maja Schwarz-Strübin (†2000), bei denen ich in Riehen und in Basel so oft Gastfreundschaft genoß und Ermutigung erfuhr.
Mit diesem Band wird der Abdruck der insgesamt 183 Offenen Briefe abgeschlossen, die Karl Barth in den sechs Jahrzehnten zwischen 1909 und 1968 geschrieben hat (soweit sie mir bis jetzt bekannt geworden sind; es ist nicht auszuschließen, daß sich an entlegener Stelle, z.B. in Ungarn, noch weitere finden). Ich beende die Arbeit mit der Hoffnung, daß die drei Bände dazu dienen möchten, das Bild Karl Barths, in dem manche Menschen allein den bedeutenden Dogmatiker sehen, zu vervollständigen. Für mich steht am Ende der Arbeit eine Erkenntnis und eine Frage. Die Erkenntnis: Mit Leidenschaft Theologe, war Karl Barth auf seinem Wege in der Nachfolge Jesu Christi |XV ein leidenschaftlicher Zeitgenosse, dessen kritischem Nachdenken wir gleichermaßen Einsichten über Theologie und Kirche wie über Politik und Geschichte verdanken. Und die Frage: Wodurch erhielt er die klare Sicht, die ihn von vielen seiner Zeitgenossen unterschied? Charlotte von Kirschbaum fragte ihn im Herbst 1938 einmal ironischängstlich, ob er eigentlich in ein prophetisches Stadium eingetreten sei (s. S. 124f.). So wenig diese Formulierung im Ernst einfach bejaht werden kann, so wenig kann doch die Frage, wie Barth zu seiner Erkenntnis kam, während viele andere sich in Irrtümer verstrickten, einfach übergangen werden. Die Edition dieser Texte hat letztlich auch darin ihren Grund, diese Frage bewußt zu machen und bewußt zu halten.
Bremen, den 5. Januar 2001Diether Koch