VII
VORWORT
Der vorliegende Band enthält alle Offenen Briefe, die Karl Barth seit 1909 als Pfarrer in der Schweiz und seit 1922 als Professor in Deutschland bis zu seiner Absetzung im Sommer 1935 geschrieben hat. Barth hat das Mittel des Offenen Briefes in seiner Schweizer Frühzeit selten, dann jedoch in den zwanziger Jahren in Deutschland, in Göttingen und Münster, des öfteren und in den dreißiger Jahren, als er in Bonn lehrte, häufig benutzt.
Die wenigen Briefe aus der Schweizer Frühzeit tragen ganz verschiedenen Charakter. Der Brief an die Gemeinde in Genf 1909 (Nr. 1) beinhaltet lediglich eine Wahlankündigung. Der Brief an den Unternehmer Hüssy in Safenwil/Aarburg stellt eine grundsätzliche Antwort auf dessen Offenen Brief an Barth über Wirtschaftsfragen dar (Nr. 2). Der Brief an den Theologen Martin Rade in Marburg enthält eine ebenso grundlegende Beurteilung des Kriegsausbruchs 1914 (Nr. 3); er war ursprünglich ein Privatbrief, zu dessen Veröffentlichung sich Barth durch Rade drängen ließ.
Während seiner Arbeit am Römerbrief des Paulus hat Barth keine Offenen Briefe geschrieben. Danach benutzte er diese Form, um seine Theologie und ihre Konsequenzen Sympathisanten wie Kontrahenten zu verdeutlichen. Unter den sechs Offenen Briefen aus Göttingen (1922–25) und den acht aus Münster (1925–30) handeln einige umfassend von theologischen Grundfragen, wie die beiden berühmt gewordenen Briefe an Adolf von Harnack 1923 (Nr. 7 und 8) und ein Brief an Karl Heim (Nr. 13). In anderen geht es um theologische Einzelfragen, wie die Interpretation der Rolle des Staates (Nr. 14), die Aufgabe der Orgel und der Kirchenmusik überhaupt im Gottesdienst (Nr. 17) oder die Beurteilung eines Luther-Films (Nr. 15); aber auch ein Bitt- und ein Dankbrief wegen Schweizer Spenden in der Inflationszeit sind darunter (Nr. 5 und 6).
Auch die Offenen Briefe aus Barths Zeit in Bonn beschäftigen sich fast alle mit seiner Theologie, nur wird der Ton entschiedener, und ihre Zahl nimmt zu. Einmal wird die Auseinandersetzung mit Heim fortgeführt (in Nr. 19), zweimal ist Barths theologische Wirkung im westlichen Ausland das Thema (Nr. 18 und 21), mehrfach die Frage, ob Barths Theologie Konversionen zum Katholizismus befördere |VIII (Nr. 24-26). Bei den theologischen Einzelfragen geht es um gesellschaftspolitische Auswirkungen wie die Frauenordination, die Barth bejaht (Nr. 28 und 29), oder direkt um Wirkungen seiner Theologie auf die Politik, so in drei Stellungnahmen Barths zum «Fall Dehn» aus den Jahren 1931 und 1932, in denen sich Barth «persönlich und sachlich» mit dem von Rechtsradikalen terrorisierten Günther Dehn solidarisch erklärt und dessen nationalistische Gegner zum wissenschaftlichen Streit mit seiner eigenen Theologie auffordert (Nr. 20, 22 und 23).
Die zehn Offenen Briefe aus den Jahren 1933 bis Mitte 1935 nehmen alle indirekt oder direkt auf die politische und kirchenpolitische Lage Bezug. Der Offene-Brief-Wechsel mit Gerhard Kittel, auf dessen Drängen publiziert, scheint auf weite Strecken eine fachtheologische Auseinandersetzung, hat aber im Grunde die Rolle des Nationalsozialismus in der (Heils? –)Geschichte zum Thema (Nr. 32-35). Zwei Briefe Barths an Vertreter einer ev.-luth. Freikirche über die Auferstehung enthalten zugleich Urteile Barths über die kirchenpolitische Lage (Nr. 31 und 36).
Auf die nationalsozialistische Zensur reagiert Barth unterschiedlich: Einen Brief über das Verhältnis von Volkstum und Theologie veröffentlicht er im Einverständnis mit dem Adressaten, ohne jedoch dessen Namen zu nennen (Nr. 30); dagegen läßt er einen Brief an den nationalsozialistischen Rektor der Universität Bonn, in dem er die Stellungnahmen der Bekennenden Kirche zur Eidesfrage zitiert, selbst vervielfältigen und drucken und sorgt für seine Verbreitung (Nr. 37); zwei Briefe an Freunde in der Bekennenden Kirche, in denen Barth nach seiner Absetzung als Professor die Vorgänge kritisch beleuchtet, schickt Barth als Privatbriefe und stellt den Empfängern anheim, wie sie sie verwenden (Nr. 38 und 39).
Es wäre falsch, aus der Zunahme der Zahl Offener Briefe darauf zu schließen, daß Barth immer mehr Freude an dieser Form öffentlicher Äußerung gefunden hätte. Eher trifft die Beobachtung zu, daß er es in der jeweiligen Situation auf sich nahm, sich ihrer zu bedienen. Noch Anfang Januar 1932 gab er eine gewisse Reserve gegenüber Offenen Briefen zu erkennen. Er schrieb in die USA, er «eigne sich wirklich wenig dazu, sozusagen Hirtenbriefe zu schreiben».1 Vier Wochen |IX später verfaßte er unmittelbar nach einer Zurückweisung zweier Kollegen, die ihn zu öffentlicher Äußerung drängen wollten, seine Zuschrift an die Frankfurter Zeitung ( Nr. 22) – «sicher einem unmittelbaren Eingeben des Geistes folgend»2, wie er den merkwürdigen Vorgang in einem Privatbrief ironisierend kommentierte. Monate später konstatierte das liberale Protestantenblatt: «Karl Barth muß Offene Briefe schreiben!»3 Und Wilhelm Stapel, der Herausgeber des «Deutschen Volkstums», zog nun schon spüttische Schlüsse daraus, daß Barth zu einer bestimmten Sachfrage keinen Offenen Brief schrieb.4
Im folgenden sind alle Offenen Briefe Barths vollständig abgedruckt. Als Offene Briefe sind nicht nur solche klassischer Art wiedergegeben, die Barth mit Orts- und Datumsangabe versehen hat und in denen Empfänger und Absender namentlich in Anrede resp. Schlußformel genannt worden sind. Wie in dem Band Offene Briefe 1945-1968
📖 ist der Begriff weiter gefaßt worden; es sind auch Grenzfälle aufgenommen worden, wie das Telegramm an den Rektor der Universität Halle (Nr. 20) und Zuschriften an Zeitungen (wie Nr. 22 und 24). Die Briefe an die ev.-luth. Pastoren sind mit aufgenommen worden, obwohl die Empfänger der Aufforderung Barths, sie zu veröffentlichen, nicht nachgekommen sind (Nr. 31 und 36). Ein Brief, den Barth lediglich autorisiert hat (Nr. 9), wird ebenso wiedergegeben wie ein anderer, den Barth mit zwei Kollegen unterzeichnet und an dessen Entwurf womöglich ein Kollege mitgewirkt hat (Nr. 15). Andere Grenzfälle zu entscheiden erübrigte sich, weil Texte, die ursprünglich in diesen Band aufgenommen werden sollten, inzwischen in den Bänden «Vorträge und kleinere Arbeiten» abgedruckt worden sind bzw. für den Abdruck vorgesehen sind.5 Ein einziger Text wird hier zum zweiten Mal im Rahmen der Gesamtausgabe wiedergege|Xben, der Brief an Hüssy (Nr. 2); dieser Offene Brief der klassischen Form ist bereits in anderem Zusammenhang abgedruckt worden.6
Wie in dem bereits erschienenen Band Offene Briefe 1945-1968
📖 sind zum besseren Verständnis der Situation, in der Barth seine Briefe schrieb, alle Briefe mit Einleitungen versehen, in denen die Adressaten vorgestellt und die Umstände geschildert werden, unter denen die Briefe geschrieben und veröffentlicht wurden; Anfragen und Reaktionen von Barths Briefpartnern werden im Wortlaut oder im Überblick wiedergegeben. Bei der Bearbeitung der Anmerkungen ließ ich mich von dem Gesichtspunkt leiten, daß Barths Texte gleichermaßen für Theologen wie für Politologen und Historiker erklärt werden sollten; so wird allerdings jeder für sein Fach womöglich mehr Anmerkungen finden, als er es für nötig hält. Alle unveröffentlichten Texte von und an Barth, aus denen in Einleitungen und Anmerkungen zitiert wird oder die als Quelle für einen Sachverhalt angegeben werden, befinden sich im Karl Barth-Archiv, soweit nichts anderes angegeben ist.
Die Texte sind nach den Regeln der Karl Barth-Gesamtausgabe ediert worden. Wenn für Offene Briefe Barths maschinen- oder handschriftliche Fassungen Barths vorlagen, wurde ein Vergleich angestellt und der authentische Wortlaut hergestellt. Dabei wurde auf Barths Rechtschreibung Bedacht genommen; im übrigen wurden die Texte vorsichtig an die später gültige Rechtschreibung angeglichen. Die uneinheitliche Zeichensetzung, die bei manchen Texten von Barth, bei anderen von verschiedenen Redaktoren stammte, wurde durchgängig den später gültigen Regeln angepaßt. Alle Texte werden vollständig wiedergegeben; bisher nicht abgedruckte Briefteile sind durch das Zeichen ⌜⌝ kenntlich gemacht worden. Bei Wiederabdruck Offener Briefe, die zuvor in Büchern oder Broschüren erschienen waren (Nr. 7-8, Nr. 22 und Nr. 32-35), wurde die Originalpaginierung zwischen senkrechten Strichen in den Text eingefügt.
Am Schluß gibt ein Verzeichnis Auskunft über die früheren Veröffentlichungen der Texte, und drei Register schlüsseln den Band nach Bibelstellen, Namen und Sachbegriffen auf.
XIDie Vorarbeiten zur Herausgabe dieses Bandes, in den siebziger Jahren begonnen und später einige Jahre unterbrochen, wären mir ohne mancherlei Hilfe nicht möglich gewesen. Briefpartner Barths, Archive und Bibliotheken haben mir Hilfen angedeihen lassen. Stellvertretend sei hier herzlich Frau Hilke Nielsen in der Landeskirchlichen Bibliothek in Bremen, Herrn Ernst Detlef Flos, der mir eine Zeitlang bei der Beschaffung von Nachweisen half, und Herrn Markus Wildi gedankt, der die Nachweise früherer Veröffentlichungen vervollständigte. Elisabeth und Dr. Hinrich Stoevesandt in Basel haben mir den Zugang zum Karl Barth-Archiv eröffnet und mich jahrelang nach Kräften unterstützt, Martin Schwarz (1905–1990) und Maja Schwarz-Strübin (1917–2000) haben mir immer wieder Gastfreundschaft gewährt. In den letzten Jahren hat mich Dr. Hans-Anton Drewes im Karl Barth-Archiv intensiv gefördert und der Arbeit in ständigem mündlichen und brieflichen Austausch zur inhaltlichen und formalen Vervollständigung verholfen. Meiner Frau verdanke ich die stille Hilfe, mit der sie all die Jahre meine Beschäftigung mit Barths Offenen Briefen mitgetragen und mitbedacht hat.
Bremen, am 4. Januar 2001
Diether Koch